Am nächsten Morgen ging es mir schon wieder bedeutend besser und ich verließ ohne Probleme meine Himmelbett-Festung, um beim Anziehen durchs Fenster auf einen trüben Morgen hinauszublicken.
In der Wohnung hing noch immer ein merkwürdig fremdartiger Geruch in der Luft, wie man ihn oft hat, wenn man Besuch hatte, also öffnete ich in der Küche das Fenster und im Wohnzimmer die Balkontür, um mal ordentlich Durchzug zu machen. In kühler, feuchter Morgenluft stand ich in der Wohnzimmertür und verschlang zum Frühstück einen Pudding, während ich resigniert auf Hinnaaks neues Chaos hinabsah.
Da würde ich Hinnaak nachher ranscheuchen. Für den Kerl, der nachher noch kommen würde, wollte ich nicht mehr aufräumen. Brachte eh nur Pech. Wie bei dieser Kaviar-Janine.

Mit diesem vermaledeiten Brief in der Innentasche meiner Lederjacke machte ich mich auf den Weg zur Arbeitsagentur. Draußen stellte ich fest, dass es leicht regnete. Glücklicherweise trug ich mein Basecap mit dem Emblem der Cleveland Indians vorne drauf. Das schützte mich einerseits vor dem Regen und andererseits konnte keiner meine ungekämmten Haare sehen.
Die Fußgängerzone lag im Nieselregen größtenteils verlassen vor mir. Nur die Hausmuttis und Rentner, die einkaufen gingen, waren unterwegs. Und die Arbeitslosen natürlich.

Der Warteraum der Arbeitsagentur bestand aus fünf Stühlen und sieben Zeitschriften, jeweils früheren Baujahres als ich selbst, außerdem war der Raum winzig klein.
Kein Wunder, dass es nicht zu schaffen war, vier Millionen Arbeitslose zu vermitteln, wenn hier nicht mehr als fünf Leute auf einmal reinpassten. Darüber hinaus war der Raum auch noch gähnend leer. Niemand war da, der sich nach Arbeit erkundigte. Faule Säcke! War ich denn wirklich der Einzige, der… …na ja, um Arbeit ging es mir ja auch nicht wirklich.
An der Stirnseite des winzigen Zimmers saß eine dicke Tussi mit Locken hinter einem Schreibtisch und bearbeitete so emsig die Tastatur, dass sie dabei aussah wie Miss Piggy bei einem Temperamentsausbruch. Mir war klar, dass ich hier zwar einerseits der Bittsteller war, aber andererseits auch meine Rechte hatte. Also musste ich zwar höflich, aber bestimmt auftreten, keine Schwäche erkennen lassen und trotzdem zeigen, wer hier die Hosen anhatte. Ein schwieriger Drahtseilakt.
Es hallte gespenstisch in dem kahlen Raum wider, als ich, wie ich hoffte, sicheren Schrittes auf den Empfangsschreibtisch mit der dicken Tussi zuging und mit aufrechter Haltung davor Stellung bezog, meine Hände zu Fäusten geballt und einen Ausdruck wie Clint Eastwood auf dem Gesicht.
Als wäre es ein ungeschriebenes Gesetz, vielleicht war es aber auch ein geschriebenes Gesetz, kann man ja nie wissen, ließ Miss Piggy mich mindestens ein Minute dort stehen und tippte weiter, ohne mich zu beachten, obwohl ich durch die Strahler, die sich hinter meinem Rücken an der Decke befanden und dort meinen Nacken anwärmten, einen deutlichen Schatten auf ihren Schreibtisch warf. Allerdings unterließ ich es auch, mich zu räuspern oder ähnlich Dämliches zu tun. Schließlich galt es, von Anfang an zu zeigen, wer hier der Platzhirsch war.
Nach einer halben Ewigkeit endlich stellte Miss Piggy das Tippen ein und sah zu mir herauf.
“Guten Tag.” sagte sie freundlich. “Was kann ich für Sie tun?”
“Guten Tag.” erwiderte ich mit nüchterner Stimme den Gruß. “Mein Name ist Petersen. Ich hab vor ein paar Tagen diesen Brief von Ihnen bekommen, in dem mir mitgeteilt wird, dass mein Arbeitslosengeld auf Arbeitslosengeld II gekürzt werden soll und dagegen möchte ich Widerspruch einlegen.”
Miss Piggy wandte sich ohne einen Ausdruck der Verwunderung auf dem Gesicht ihrem Computer zu. Sehr gut. Mein Anliegen hatte ich klar formuliert und auf den Punkt gebracht. Kein schlechter Anfang.
“Wie ist Ihre Kennnummer?” fragte Miss Piggy.
Ich las sie von meinem Brief ab und sie tippte sie in ihren Computer.
“Gut, Herr Petersen. Für gewöhnlich müssen Sie erst einen Termin für ein Gespräch machen aber in Ihrem besonderen Fall hat Ihr Berater gleich für Sie Zeit. Nehmen Sie doch solange im Wartebereich Platz. Sie werden aufgerufen.”
“Jo, danke.” sagte ich freundlich, aber mit fester Stimme und tat wie mir geheißen.
Natürlich war mir klar, dass die Warterei nur Einschüchterungstaktik war, um mich weich zu machen, aber das würde ich nicht zulassen.
Ich bin Roland von Gilead, der letzte Revolvermann und Ihr kriegt mich nicht unter! dachte ich amüsiert und blätterte weiter in der Zeitschrift, die auf mehreren Seiten das Auto des Jahres 1994 vorstellte.
Irgendwann, als sich schon das Drahtgeflecht der Sitzfläche in meinen Hintern eingeprägt hatte, machte der Lautsprecher über mir ein knackendes Geräusch und mein Name und eine Zimmernummer wurden genannt.
Ein leicht flaues Gefühl machte sich in meiner Magengegend breit, als ich die Zeitschrift zu den anderen Antiquariaten auf den Tisch zurücklegte und mich auf den Weg zu Raum 3 machte, um den hart erarbeiteten Lohn einzufordern, der mir zustand. Aber wovor sollte ich Angst haben? Ich bin ein freier Bürger und ich muss nichts tun, was ich nicht will. Oder?

Ich betrat eine alte, hässliche und kahle Amtsstube mit braunen Wänden, braunen Vorhängen, vergilbten Gardinen und grünem Linoleumboden.
Hinter seinem Schreibtisch und neben dem kleinen Bildschirm seines Computers, der aussah, als würde er noch mit Lochkarten gefüttert werden, saß ein vertrockneter kleiner Amtmann auf seinem drehbaren Bürostuhl. Er sah aus wie Gollum aus Der Herr der Ringe und guckte mir aus seinem grünen Flanellsakko, seiner braunen Stoffhose und den Schuhen (passend zu den Vorhängen) grimmig entgegen. Seine nikotingelben Finger lagen ruhig auf einer kaffeefleckigen Schreibunterlage, bevor er mit einer Hand, die ziemlich lange Fingernägel hatte, auf einen Stuhl vor dem Schreibtisch wies und mich mit schiefen gelben Zähnen angrinsend zum Platznehmen aufforderte.
Jetzt geht es also los, dachte ich etwas nervös, bloß nicht weich werden jetzt.
Gollum hatte meine Daten bereits auf seinem Bildschirm. Wahrscheinlich waren sie ihm von Miss Piggy übermittelt worden, der ich meine Kennnummer gegeben hatte. Bequem lehnte er sich in seinem Sessel zurück, der knarzend protestierte und begann, meine Daten vom Bildschirm abzulesen.
“Name: Mick Petersen. Geboren am: 29.9.1980. Staatsangehörigkeit: Burkina Faso.”
Ich zuckte zusammen. Und schlagartig erinnerte ich mich, dass ich bei meiner Arbeitslosmeldung damals einen Anmeldebogen hatte ausfüllen müssen, um eine erfolgreiche Arbeitsvermittlung zu fördern. Leider war ich damals nicht ganz bei der Wahrheit geblieben, denn schließlich wollte ich ja nicht vermittelt werden. Aber das hätte ich ja schlecht sagen können. Gollum fuhr fort, ohne eine Miene zu verziehen.
“Wohnhaft: Sesamstraße Nr. 45472 zur Untermiete bei Hinnaak. Wohnort: Bullerbü. Gewünschte Tätigkeit bei erfolgreicher Vermittlung: Zeitreise-Forscher oder Jedi-Ritter.”
Um meinen Magen schnürte sich ein Stacheldraht und zog sich langsam fest.
“Besuchte Schule: Hogwarts. Erlernter Beruf: Kuckelimuck-Mechaniker.”
Seiner Stimmlage ließ sich keine Reaktion entnehmen. Er las meine Angaben vor wie ein Nachrichtensprecher.
“Ausbildungsfirma: Kramerica Industries.
Gollum schob seine rutschende Brille ein Stückchen die Nase hinauf und fuhr unbeirrt fort.
“Derzeit letzte Tätigkeit: Gammler.
“Fremdsprachen: Englisch Grundkenntnisse, Französisch Grundkenntnisse und Klingonisch fließend mit zehn Auslandsjahren.”
Ich sank in meinem Stuhl in mich zusammen und sagte nichts mehr.
Gollum fuhr mit der Spalte Weitere wichtige Angaben für eine erfolgreiche Arbeitsvermittlung fort:
“Mobilität gegeben durch folgendes eigenes Fahrzeug: Panzer. Gesundheitliche Einschränkungen: Autosexuelle Hyperaktivität.”
Gegen meinen Willen musste ich plötzlich grinsen. Diese Wortkreation war mir schon ganz entfallen. Hinnaak hatte damals darüber gelacht, nachdem ich sie ihm erzählt und danach die Bedeutung erklärt hatte.
“Gewünschtes Jahreseinkommen bei erfolgreicher Vermittlung: Eine Billion Dollar. Mit Weitergabe meiner persönlicher Daten im Bewerberprofil bin ich einverstanden: nix!.”
Gollum hielt gnädig inne und sah mich mit hochgezogenen Brauen über den Rand seiner schmalen Brille an.
Ich kratzte mich am Kopf.
“Mir fällt gerade ein, ich habe wichtige Unterlagen draußen liegen lassen.” sagte ich zu ihm. “Bin gleich wieder da.” Mit diesen Worten erhob ich mich und verließ eilig den Raum, als ich Gollum noch sagen hörte:
“Da bin ich aber gespannt, Herr Petersen.”
Der Flur und das Wartezimmer lagen immer noch so verlassen da wie vorhin. Das Klappern von Miss Piggys Tastatur hallte von den kahlen Wänden wider, als ich mich möglichst unauffällig an ihrem Schreibtisch vorbeischlich und dann schnellen Schrittes die Arbeitsagentur verließ, um wie ein geprügelter Hund zu flüchten.

Selbstverständlich hatte ich mir von meinem Besuch bei der Agentur für Arbeit mehr erhofft. Was genau, konnte ich letztendlich auch nicht sagen. Natürlich war mir bewusst, dass mit dieser bekackten Aktion von vor einem Jahr jegliche Chance auf eine Verlängerung des Arbeitslosengeldes dahin war. Wenn es überhaupt so etwas gab, dann bestimmt nicht für Leute, die im Vermittlungsbogen angaben, sie würden in Bullerbü wohnen und Klingonisch sprechen. Verdammte Kacke! Dabei hatte ich mir das so leicht vorgestellt.
Während ich durch den starken Regenschauer marschierte, in den sich der leichte Nieselregen verwandelt hatte, wurde mir zum ersten Mal absolut klar, dass wir nun wirklich einen dritten Mann brauchen würden. Es gab keine andere Möglichkeit mehr. Also würde ich mir die künftigen Bewerber doch noch richtig ansehen müssen, da blieb mir gar keine Wahl. Und anfangen würde ich gleich mit dem, der heute Nachmittag noch vorbeikommen wollte und ehrlich gesagt, wenn Hinnaak ihn für einen geeigneten Mitbewohner hielt, grauste mir jetzt schon davor, ihn kennen zu lernen.
Der Regen träufelte mir unangenehm kalt in den Nacken und ich hätte jetzt lieber meinen Regenanorak angehabt als meine Lederjacke. Sie war mehr was für trockene Tage, außerdem hatte ich das Leder lange nicht eingefettet, so dass es allmählich etwas angegriffen aussah. Aber wenigstens hielt mein Basecap den Regen von meinem Kopf fern. Bekümmert trottete ich die Fußgängerzone entlang, erfüllt von einer Lustlosigkeit, wie man sie seit der Fußball-EM 2000 bei keinem Deutschen mehr gesehen hatte. Obendrein schüttete der Regen auf die Erde herab, als wollte er Teer von der Straße waschen. Vereinzelt sah ich Leute panisch die Straße entlanghetzen, als hätten sie Angst vor Chuppy Rain oder als handelte es sich bei dem Niederschlag um Eruptionen aus dem Vesuv und nicht um ein bisschen gewöhnliches Wasser. Das störte doch keinen großen Geist.
Mir hatte Regen noch nie was ausgemacht, weil er auf mich eher beruhigend wirkte. Im Normalfall störte es mich nicht einmal, nass zu werden.
Da ich sowieso grade in der Nähe war, kam mir die Idee, zu Dieter zu gehen. Schließlich hatte ich heute nichts weiter mehr vor, mal abgesehen von dem Interessenten, der irgendwann heute Nachmittag noch kommen würde. Bis dahin hätte ich noch einige Stunden freie Zeit totzuschlagen, und was lag da näher als mein geplanter Zurück in die Zukunft-Marathon um meine triste Stimmung aufzubessern? Nichts, wie ich annahm, also wanderte ich von da an zielgerichtet durch die menschenleere Innenstadt, in der alles eintönig grau aussah und durch den Regenschleier ein Haus dem anderen glich.
Doch plötzlich sah ich eine Veränderung.
Das leere Geschäft an der Ecke war plötzlich nicht mehr leer. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, von innen vor das Packpapier im Schaufenster ein kleines Schild zu heften, auf dem stand:

coming soon: Needful Things

Unglaublich so was. Da wollte hier jemand einen Gemischtwarenladen eröffnen und hat den skurrilen aber trotzdem nicht unsympathischen Humor, ihn wie in diesem Buch von Stephen King zu nennen. Das Buch hatte ich zwar nicht gelesen, aber dafür immerhin den Film gesehen und das war eine schlimme Sache gewesen. Somit würde ich gar nicht umhin kommen, mir den Laden bei Gelegenheit mal genauer anzusehen. Jetzt wusste ich zwar nicht, wann die Eröffnung sein sollte, vorbeikommen würde ich hier sowieso immer wieder, wo doch Dieters Mattscheibe ganz in der Nähe war.
Dieter hatte vor dem Eingang immer Körbe mit Filmen aufgebaut, die zum Verkauf angeboten wurden. Manchmal sah ich nach, ob was für mich dabei war, und meistens, wie auch heute, waren es nur alte Kamellen. Preisgünstig, aber uninteressant.
“Moin Dieter!” rief ich, nachdem ich die Mattscheibe betreten hatte und Dieter nirgends zu sehen war. Als ich vor dem Tresen stand, tauchte Dieter plötzlich aus dem Hintergrund auf, noch rotgesichtiger als sonst und seine Stirn war schweißnass.
“Hallo Mick,” sagte Dieter und sah sofort freundlicher aus, als er mir die Hand reichte.
“Wie geht’s, wie steht’s?” fragte ich und gab ihm die Hand.
“Eigentlich ganz gut.” meinte Dieter. “Nur leider ist eine Aushilfe heute krank geworden und eine andere Aushilfe musste ich gerade entlassen, weil sie geklaut hat. So kann ich mich heute vor Arbeit kaum retten. Willst Du einen Schluck Sekt?”
“Nein danke, Dieter.” sagte ich. “Deine Aushilfe hat geklaut? Das ist ja ein Ding.”
“Ja, und jetzt muss ich einerseits hinten kartonweise DVDs sortieren und andererseits vorne Kunden bedienen.”
“Hattest Du denn nur diese eine Aushilfe?”
“Nein, ich hab schon mehr, aber deren Schichten fangen später an. So bin ich erstmal alleine im Laden. Und wo kommst Du grade her?”
“Ich war bei der Agentur für Arbeit, um der Kürzung meines Arbeitslosengeldes zu widersprechen.” erklärte ich ihm.
“Ach ja, stimmt. Und?” fragte er interessiert.
“Ist nichts draus geworden.” sagte ich nur und traf damit den Nagel voll auf den Kopf, wie ich fand, ohne langwierige Erklärungen über den Grund meines Scheiterns abgeben zu müssen. “Jetzt werden Erik und ich doch auf den dritten Mitbewohner angewiesen sein, den wir aufnehmen wollen. Oder müssen. Ach egal.”
Dieter sah mich mitfühlend an.
“Jedenfalls kommt heute Abend noch ein Interessent, den Erik wohl ganz gut fand. Den muss ich mir dann mal ein bisschen näher ansehen.”
“Da wünsch ich Dir viel Glück.”
“Na ja, wird schon werden. Aber ich will Dich mal nicht aufhalten, wenn Du so viel zu tun hast und nur die Filme Zurück in die Zukunft eins bis drei mitnehmen, dann bin ich schon wieder weg.”
“Ja, kein Problem, Mick.” sagte Dieter und tippte auf seinem Computer herum.
“Ach, Teil zwei ist nicht da.” sagte er ein paar Sekunden später.
“Was?” fragte ich empört. “Da hat jemand den zweiten Teil ausgeliehen, ohne Teil eins und drei mitzunehmen?”
“Tja, der zweite Teil ist sehr beliebt.”
“Ach, bekackt. Na ja, da kann man wohl nichts machen.”
“Übrigens Mick. Wenn Du vielleicht einen Job brauchst, könntest Du bei mir nebenbei arbeiten.”
Dieses Angebot kam aus heiterem Himmel. Ein kleine Nebenbeschäftigung würde vielleicht genügen, um das Schiff vor dem Untergang zu retten. Aber würde das die Arbeitsagentur nicht mindestens hundertzwanzig Prozent von der Nebeneinkunft wieder wegnehmen? Dann würde es sich ja alles anderes als lohnen und außerdem drehte sich mir bei dem Gedanken an eine geregelte Arbeit unwillkürlich der Magen um, auch wenn es ein lockerer Job in Dieters Mattscheibe gewesen wäre.
“Danke für das Angebot, Dieter.” sagte ich, als ich den Laden verließ. “Ich denk drüber nach.”
Das hatte ich auch wirklich vor. Sollte der Interessent wieder nur ein Flop sein, würde ich allen Ernstes und intensiv darüber nachdenken. Und nachdenken fiel mir beim Tetris-Spielen immer am leichtesten. Wie wäre es, wenn ich mal wieder versuchen würde, meinen alten Rekord zu brechen? Ja, da hatte ich Bock auf.

Mein Tetris-Rekord stammte aus dem Jahr 1994, also schon ein paar Jahre alt. Damals war ich mit meiner Mutter im Urlaub an der Nordsee gewesen. Mein damals noch brandneuer Game Boy hatte mich natürlich begleitet, die junge Generation wollte ja schließlich unterhalten werden. Bei stürmischem Nordwestwind hatte ich in einem Strandkorb neben meiner übers Wetter und der nervigen Musik schimpfenden Mutter einen bis heute nicht wieder gebrochenen Rekord von 344.346 Punkten erreicht und ich fand, dass knapp sieben Jahre genug Zeit waren, mal wieder einen neuen Rekord aufzustellen.
Nachdem ich in der Wohnung etwas Ordnung gemacht und den Küchentisch nach einer schnellen Cornflakesmahlzeit abgeräumt hatte, holte ich in meinem Zimmer meinen alten Game Boy samt Tetris aus einer verstaubten Kiste unter meinem Bett hervor. Und aus der Schublade meines Sideboards holte ich frische Batterien. Nun konnte es losgehen.
Irgendwann hatte mir mal ein Freund erzählt, dass, wenn man es schaffen würde 1.000.000 Punkte zu erreichen, Mario im Abspann einen trinken geht. Aber obwohl es wahrscheinlich gar nicht so undenkbar war, schließlich war das Spiel von einem Russen erfunden worden, hatte ich mittlerweile von dieser abenteuerlichen Vision doch Abstand genommen.

Auf dem durchgesessenen Sofa, mit einer Flasche Cola vor mir, spielte ich stundenlang, ohne auch nur in die Nähe meines Rekords zu kommen. Irgendwas lief immer schief. Ständig bekam ich die falschen Steine und schaffte es dann nicht mehr, die aufgetürmten Reihen abzubauen, zumal das Spiel auch immer schneller wurde. Meine höchste Punktzahl an diesem Tag überschritt grade mal eben die 200.000-Marke. Wie ich das damals geschafft hatte, war mir ein vollkommenes Rätsel. Vielleicht hatte ich damals einfach schnellere Hände gehabt oder mein Reaktionsvermögen war mit der Zeit langsamer geworden.
Als es schließlich an der Tür klingelte, war ich fast erleichtert, den Game Boy weglegen zu können und als Ausrede den Besuch eines Interessenten benutzen zu können. So musste ich nicht zugeben, dass ich an dem Spiel beinahe verzweifelt wäre.
Das müsste denn jetzt wohl der Interessent sein, den Hinnaak so überzeugend fand. Was das wohl für eine Kanaille sein würde?
Auf dem Weg zur Tür ermahnte ich mich, diesen Interessenten ausnahmsweise mal, wenn es irgendwie möglich sein sollte, fair zu behandeln. Schließlich hatte ich schon reichlich Leute vergrault, okay das waren aber auch Typen gewesen, und wir brauchten jetzt nun mal einen Mitbewohner.
Als erstes warf ich an der Wohnungstür einen Blick durch den Spion.
Draußen stand ein ganz normal aussehender junger Kerl. Vielleicht etwas zu klein geraten, aber er sah nicht aus, als würde er ein Latexkostüm unter seinen Klamotten anhaben. Natürlich konnte man nicht jede Art Verrücktheit gleich beim ersten Blick erkennen, aber bei diesem hier hatte ich irgendwie ein gutes Gefühl. Sein Anblick kam mir sogar ein bisschen vertraut vor, ich konnte nur nicht genau sagen, wieso. Jedenfalls gab es keinen offensichtlichen Grund, den schmächtigen kleinen Kerl sofort zusammenzufalten, also begrüßte ich ihn nach dem Öffnen der Tür so höflich, dass meine Mutter ihre wahre Freude daran gehabt hätte.
“Hi! Du musst der Interessent für das Zimmer sein, von dem mir mein Mitbewohner berichtet hat.”
Er stand etwas verschüchtert vor der Türschwelle und hatte die Hände in den Taschen seiner verwaschenen Jeans vergraben.
“Hallo.” sagte er. “Dein Mitbewohner hatte gesagt, ich sollte heute noch mal vorbeikommen, wenn Du da bist und mit Dir reden, weil er alleine nicht entscheiden kann, ob ich das Zimmer kriegen soll oder nicht.”
“Er kann nicht mal alleine entscheiden, ob er James Brown hören mag oder nicht.” sagte ich und grinste. “Darf ich mal fragen, wieso Du Dich nach dieser merkwürdigen Anzeige in der Zeitung überhaupt für das Zimmer interessierst?”
“Dein Mitbewohner, ich glaub, er hieß Erich…”
“…Hinnaak.”
“…hat mir schon erklärt, dass er das nur wegen der Nachfrage in die Anzeige gesetzt hat. Ich möchte nur aus Kostengründen ein einzelnes Zimmer mieten, weil ich Student bin und nicht genug Geld für eine ganze Wohnung habe. Nur findet man in der Stadt sonst keine einzelnen Zimmer und das Studentenwohnheim bei der Uni ist leider auch voll.”
Das klang doch ganz vernünftig, fand ich. Auch machte der Typ in seinen Jeans, den Tennisschuhen und seiner roten Daunenweste einen ordentlichen Eindruck auf mich. Vielleicht ein bisschen verschüchtert. Aber mir war ein introvertierter Typ lieber, als ein zweiter Hinnaak. Zwei Hinnaaks würden mich wahrscheinlich ins Grab bringen.
“Dann komm erst mal rein.” sagte ich und rückte zur Seite. “Ich bin übrigens Mick.”
“Hallo Mick.” sagte er erfreut und gab mir die Hand. “Ich bin Peter.”

Er stellte sich als höflich und ruhig heraus und für mich im ersten Moment als undurchsichtiger Mensch, der einem aber auf keinen Fall was Böses wollte. Er überlegte immer lange, ehe er auf eine Frage antwortete. Nicht so lange, dass man dachte, er hätte die Frage schon wieder vergessen, aber doch lang genug um zu überlegen, was er sagen wollte und dann antwortete er umsichtig und gewissenhaft. Es stellte sich heraus, dass er viel Ahnung von Wirtschaft und von der aktuellen Politik hatte und sich für Musik interessierte, weil er das auch studierte. Nebenbei arbeitete er als Packer im Supermarkt, um sich ein bisschen Geld zu verdienen. Er besaß auch eine Gitarre, die er schon seit vielen Jahren spielte. Wie gut, konnte ich ihm allerdings nicht entlocken. Aber ich ging davon aus, dass ich das irgendwann herausfinden würde, denn nach unserem zweistündigen Gespräch, unterbrochen von einem Anruf meiner Mutter, gelang es uns, einen Mietvertrag auszuhandeln.

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