Es war, als erwachte ich mit einem Wollknäuel im Mund und dem Kopf unter einem Amboss, auf dem gerade das Schwert Balmung geschmiedet wird. Das Morgenlicht war heute alles andere als angenehm. Wahrscheinlich, weil die Bettvorhänge nicht zugezogen waren, was ich sonst immer tat.
Dass ich gestern weg gewesen war, wusste ich noch, aber an das Wo und wie lange, und vor allem, wie ich nach Hause gekommen war, konnte ich mich nicht mehr erinnern.
Unter pochenden Kopfschmerzen wandte ich mich zu meinem Wecker, um die Uhrzeit zu checken. Verschwommen sah ich die LED-Anzeige:
11:23 Uhr.
So spät schon! Für gewöhnlich lag ich nie so lange in der Kiste. Es musste also spät geworden sein.
Meine Blase zwang mich, aufzustehen und dabei fiel mir auf, dass ich nichts anhatte. Vermutlich war ich gestern im Suff mitten im Umziehen aufs Bett gefallen und eingeschlafen.
Ächzend ließ ich mich auf die Matratze zurücksinken, als mir plötzlich bewusst wurde, dass ich um 12:00 Uhr bei meiner Mutter zum Essen sein sollte. Der Gedanke, meinem Magen feste Nahrung zumuten zu müssen, gefiel mir ganz und gar nicht und Übelkeit stieg in mir auf. Ich sollte wahrscheinlich lieber absagen, auch wenn ich dann in Erklärungsnot geraten würde.
Mit schwerem Schädel richtete ich mich auf und nahm mir vor, zum Klo zu gehen, dann die eine oder andere Aspirin zu frühstücken, meine Mutter anzurufen und ihr so kurz und bündig wie möglich zu erklären, dass ich mich nicht gut fühlte und mich dann gleich wieder langzumachen.
Tief durchatmend und gegen den schlimmer werdenden Schmerz in meinem Kopf ankämpfend erhob ich mich vom Bett und griff nach meiner Unterwäsche. Während ich sie mir anzog, drangen durch meine Zimmertür Stimmen an mein Ohr. Weibliche, wohlgemerkt. Und sie kamen mir bekannt vor.
Konnte das sein? Hatten die beiden etwa hier übernachtet? Bestimmt beide in Hinnaaks Bett, dieser perverse Mistkerl! Der schaffte es doch jedes Mal wieder. Obwohl Gisela eigentlich mehr Ambitionen in meine Richtung gehabt hatte, wie es schien. Aber was hieß das schon in der heutigen Zeit und vor allem bei so einer Person?
Ich suchte also meine restlichen Sachen zusammen und zog mich komplett an, denn den Mädels in Unterwäsche über den Weg zu laufen, hatte ich nicht unbedingt vor.
In der Küche saßen die drei und sahen mich an, als ich durch die Tür trat. Hinnaak grinste. Gisela und Monika unterbrachen ihren Redefluss.
“Moin, alles klar?” brachte ich gequält hervor und kratzte mich am Hinterkopf.
“Bei uns schon, aber Du siehst nicht unbedingt sehr gesund aus.” meinte Hinnaak.
“Hab wohl ein Bier zuviel gehabt, fürchte ich.”
“Das kannst Du ruhig laut sagen, alter Freund.” meinte Hinnaak.
“Habt Ihr beide hier übernachtet?” wandte ich mich an Monika und Gisela.
Gisela wandte ihren Blick ab und Monika sah mich fassungslos an.
“Weißt Du denn überhaupt noch irgendwas von gestern?” fragte sie sauer.
An der Reaktion der beiden merkte ich, dass irgendwas nicht stimmte und ich hoffte, nichts schlimmes zu Gisela gesagt zu haben oder sowas in der Art. Vielleicht hatte ich ihr in meinem Brausebrand ja meine Meinung gegeigt, was man unter Umständen als unhöflich würde einstufen können.
“Überhaupt nichts.” antwortete ich.
“Gar nichts?!” fragte Monika lauter.
“Nein, gar nichts. Tut mir leid, falls ich irgendwas gemacht haben sollte. Ich war gestern nicht ganz ich selbst.” sagte ich entschuldigend.
“Ist doch klar, dass er nichts mehr weiß. So besoffen, wie der war.” warf Hinnaak ein. “Der trinkt doch sonst nichts Schärferes als Orangensaft. Und den dann ohne Wodka.”
“Dann ist es ja kein Wunder.” sagte Monika verächtlich. Die Situation war etwas zu hoch für meinen leidenden Kopf, also wandte ich mich ab und ging auf den Flur hinaus.
“Warte mal.” sagte Hinnaak und kam mir hinterher. Zu den Mädels sagte er “Bin gleich wieder da.” und schloss die Küchentür, bevor er sich breit grinsend zu mir umdrehte.
“Was denn los, Mann? Ich will auf’s Klo.” sagte ich.
“Ich hätte ja schon fast nicht mehr daran geglaubt, Du Loverboy!” sagte Hinnaak grinsend.
“Was soll denn das heißen?” fragte ich genervt.
“Na was wohl? Irgendwie hatte ich aber trotzdem geahnt, dass Du nicht aus Stein sein kannst.” antwortete er und verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust. “Übrigens brauchst mir den Gummi nicht wiederzugeben, den Gisela sich gestern von mir geliehen hat. Betrachte es als Freundschaftspräsent.”
Sollte ich darüber jetzt lachen oder was? Manchmal machte Hinnaak schon reichlich blödsinnige Bemerkungen, die dann als Witz gemeint waren, die aber nur er allein verstand.
“Hör auf mit dem Blödsinn, mir ist jetzt nicht danach. Ich muss dringend auf die Toilette und dann…”, ich unterbrach meinen Satz, als ich seinen unveränderten Gesichtsausdruck sah. “Das ist Dein voller Ernst, oder?” fragte ich zweifelnd.
“Ja klar, Mann!” rief er freudig aus. “Sie war gestern noch kurz bei mir, als Du schon im Bett lagst. Sie kann froh sein, nicht eine Minute später gekommen zu sein, denn da wäre meine Tür abgeschlossen gewesen, wenn Du verstehst, was ich meine. Hast Du das etwa vergessen? Mann, Du warst ja ganz schön duun, was?”
Noch immer stand ich da und sah ihn sprachlos an. Gisela in meinem Bett? Mit mir? Der versucht mich zu verscheißern, der Wichser!
“Erzähl hier mal keinen Bullshit! Das ist überhaupt nicht witzig!” fuhr ich ihn an und ignorierte die immer stärker werdenden Schmerzen in meinem Kopf.
“Aber ja doch, Don Juan. So müde, wie sie heute morgen war, hast Du es ihr aber richtig gezeigt, hähä.”
“Das hab ich ganz sicher nicht!”
“Was ist denn so schlimm daran? Ich wusste, Du lernst es auch noch, Du Casanova.”
“Hör auf, mich so zu nennen!”
Wütend drehte ich mich um und verschanzte mich im Badezimmer. Ich setzte mich aufs Klo und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Das durfte einfach nicht wahr sein! In meinem Bett! Mit so einer Tussi! Genau das hatte ich immer vermeiden wollen und jetzt war es doch passiert. Und Marie, diese arrogante Ziege hat jetzt auch noch recht gehabt und ich war genau das, was ich nie sein wollte. Ich war wie Hinnaak.
Auf keinen Fall konnte ich hier bleiben, wenn die beiden anderen noch da waren, abgesehen von den blöden Sprüchen, die Hinnaak den ganzen Tag reißen würde. Am besten, ich würde sofort zu meiner Mutter fahren. Ja, das war ein gute Idee.
Am Waschbecken machte ich mich einigermaßen frisch und kämmte mir die Haare, während Hinnaak von draußen weiter auf mich einredete.
“Er wird Dir schon nicht abfallen, Mann! Und noch was, setz Dich beim Pissen lieber hin, weil… …ach, das machst Du ja sowieso immer. Dein Poster von Heinz Sielmann leg ich Dir schon mal in Dein Zimmer. Hast Du Dir ja redlich verdient, Du Schamör.”
Mit überschlagender Stimme und Wasser verspritzend schrie ich zurück:
Der heißt Rühmann, Du Arschloch!

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