“Du schuldest mir was.”
“Ach, hör doch auf, Mann.”
Als ich Hinnaak das erwiderte, gingen wir gerade die Fußgängerzone entlang. Er spielte natürlich auf den Katzenmann an, den ich so tödlich beleidigt hatte. Hinnaak war ihm hinterhergerannt wie einer langbeinigen Blondine und hatte die Angelegenheit gekittet. Allerdings erst, nachdem ich Hinnaak klargemacht hatte, dass ich keine Katze in meiner Wohnung haben wollte und dass er die Sache ruhig vorher mit mir hätte besprechen können.
Der Katzenmann wollte seine Lebensgefährtin dann auch lieber woanders in Pflege geben und nicht bei einem hysterisch rumschreienden Nervenwrack wie mir.
Trotzdem war Hinnaak sauer auf mich.
Zur Strafe zwang er mich dann, natürlich auch nicht ohne Eigennutz, ihn heute abend in die Stadthalle zu begleiten, wo er Monika wiedertreffen wollte. Monika würde natürlich Gisela mitschleppen und laut Hinnaak wollte die mich gerne wiedersehen, wie Monika ihm am Telefon erzählt hätte. Und natürlich wollte Hinnaak eine Ablenkung für Gisela dabeihaben, um in Ruhe mit Monika rummachen zu können. Höhere Kriminalistik nannte Hinnaak das. Da er aber meine akute Bocklosigkeit bemerkte, mit der ich auf dem Sofa rumhing und auch sein Affentheater wegen dem Katzenmann nicht die erhofften Schuldgefühle in mir weckten, spielte er seinen großen Trumpf aus: Er köderte mich mit einem Originalkinoposter von der Feuerzangenbowle. Weiß der Teufel, wie Hinnaak da wieder rangekommen war.
Jedenfalls hatte er mir erklärt, dass ich das Poster haben könnte, wenn ich ihn heute Abend begleiten würde. Und falls nicht, würde er auf das bekackte Poster draufpissen, hatte er hinzugefügt.
Also verschob ich notgedrungen meine Verabredungen mit Dieter und Doc Brown auf später und latschte mit Hinnaak zu dieser bekackten 80er Jahre Revivalparty in der Stadthalle.
Hinnaak hatte zwar auch darauf bestanden, dass ich mich im Stil der 80er Jahre kleiden sollte, so wie er, aber ich hatte darauf bestanden, das zu unterlassen. Und während er ganz hinten in seinem Schrank rumgewühlt hatte, war ich in meine normalen Klamotten gestiegen und trug wie meistens meine schwarze, halblange Lederjacke. So eine, wie sie John Travolta in Schnappt Shorty getragen hatte.
Wie jeden Abend hatte Hinnaak noch zu Hause zwei, wenn nicht sogar drei Holsten-Hülsen geleert und dazu eine halbe Flasche Prosecco, die er mit einem Metalllöffel im Hals, wegen der Kohlensäure, im Kühlschrank gefunden hatte. Die Folge dessen war, dass er zu dieser noch relativ frühen Stunde schon reichlich einen im Kopf hatte, als wir die Fußgängerzone entlang Richtung Stadthalle marschierten.
Pikiert betrachtete ich ihn von der Seite: Beschissene Frisur, beschissene Klamotten, beschissene Schuhe. Er sah einfach beschissen aus.
Auch das mit dem Eintritt wolle er regeln, hatte er erklärt. Daraus schloss ich, dass er ihn für mich mitbezahlen wollte, um meine Laune zu bessern. Was zwar das Mindeste war, das er tun konnte, was aber trotzdem nicht funktionierte.
Die Fußgängerzone war noch reichlich belebt, obwohl die Geschäfte inzwischen geschlossen hatten. Die vielen Lokale und Cafés hatten natürlich noch auf. In den kleinen Gassen zwischen den alten Häusern saßen sie teilweise dicht gedrängt an kleinen Tischen und aßen zu Abend oder saßen bei ein paar Bierchen zusammen. Es lag ein ständiges Stimmengewirr in der Luft und gehetzt aussehende Serviererinnen huschten umher.
Wir schlenderten vorüber und in Hinnaak kam mehr und mehr die Bierlaune auf. Plötzlich fing er lauthals an, eins seiner Lieblingslieder zu singen. Es war von den Schröders, hieß Saufen, fressen und ficken und den Text kannte er natürlich auswendig.
Seine Stimme hallte von den Hauswänden wider und manche Gäste, die sich mit dem Text angesprochen fühlten, sahen verdutzt herüber.
“Herrgott nochmal, könntest Du mal Deine elende Fresse halten, die Leute gucken schon!” fuhr ich ihn von der Seite an.
Aber Hinnaak war das egal, was nicht mal Alkoholpegel lag. Auch nüchtern wäre es ihm egal gewesen. Also sang er das bekackte Lied bis zum Ende durch, während ich mit eingezogenem Kopf neben ihm herging. Als wir endlich die Stadthalle erreichten, keimte in mir die Hoffnung auf, dass sich sein Verhalten ein wenig bessern würde, wenn er auf Monika traf, was mit bei näherer Betrachtungsweise als blödsinnige Hoffnung erschien. Hinnaak war immer Hinnaak.
Man hörte bereits laute Musik aus dem Inneren des weißen Gebäudes, dessen Renovierung erst im letzten Jahr abgeschlossen worden war. Damals wurde die Sanierung der alten Stadthalle eine ganze Woche lang mit den verschiedensten Festen gefeiert und ich meine mich erinnern zu können, dass sich Hinnaak auf jedem einzelnen dieser Feste besoffen hatte. Ich hingegen war an keinem der Abende dagewesen, weil ich zu dieser Zeit für meine Abschlussprüfung hatte pauken müssen.
Der Andrang war für die Verhältnisse meiner kleinen Stadt gewaltig und zum großen Teil waren die vielen Leute, die vor dem Eingang herumhingen, ziemlich grotesk gekleidet. Noch schlimmer, als es in den 80ern sowieso schon Mode gewesen war. Wilde Kombinationen verschiedener Kleidungsstile, die nie im Leben zusammen passten und bunter waren als zu Zeiten des Discobooms und mit Frisuren, die aus alten und schlechten Science Fiction Filmen stammen konnten. Darüber hinaus sah man aber auch viele, die als Falco, Thomas Anders oder Don Johnson verkleidet waren. Also fiel Hinnaak hier überhaupt nicht auf.
Wie viele andere auch blieb er vor dem Eingang stehen, schließlich waren Gisela und Monika noch nicht da, zündete sich erstmal eine Fluppe an und inhalierte tief. Genervt stellte ich mich anders hin, damit der leichte Abendwind mir nicht ständig den Rauch ins Gesicht wehte. Es fing langsam an, dunkel zu werden und in der kleinen Grünanlage vor der Stadthalle gingen Laternen an, die die große, erhabene Tanne, die dort im Zentrum der Rasenfläche stand, von allen Seiten beleuchteten. Zur Weihnachtszeit wurde diese Tanne immer über und über mit Lichterketten geschmückt. Und obwohl sie an die zehn Meter hoch sein musste, waren selbst ganz oben immer leuchtende Sterne angebracht. Als Kind hatte mich das fasziniert und ich hab mich immer gefragt, wie die Lichter bis ganz nach da oben kommen konnten. Als ich aber in einem Jahr ein paar Männer in grünen Latzhosen und Arbeitshandschuhen gesehen hatte, die mit Hilfe eines Kranwagens die Lichterketten nach da oben brachten, verflog schlagartig diese Faszination und ein bisschen Weihnachtsgefühl war für immer verloren.
Dass ich jetzt im Frühsommer daran denken musste, war schon irgendwie skurril. Die Musik, die gerade lief, war jedenfalls alles andere als weihnachtlich. Eisgekühlter Bommerlunder von den Toten Hosen. Jetzt hätte ich gerne gesehen, ob es einige Leute schafften, bis zum Ende mitzutanzen.
Als Hinnaak seine Kippe bis zur Hälfte geraucht hatte, kamen Monika und Gisela auf uns zu. Sie sahen beide ziemlich scharf aus, wie ich zugeben musste. Um ehrlich zu sein, konnte ich nicht behaupten, dass Gisela nicht gut aussah, aber ich sage immer, man muss nicht besonders aussehen, um etwas Besonderes zu sein. Und besonders war an Gisela nur das Aussehen, soweit ich es bisher mitgekriegt hatte.
Die beiden waren irgendwie treffender gekleidet. Sie trugen Herrenhemden, die sie vor dem Bauch zusammengeknotet hatten, Miniröcke, die wirklich mini waren und hohe Lackstiefel. Monikas Haare waren mit so viel FCKW vollgepumpt, dass sie aussah wie Tina Turner und Gisela hatte sich einen Pferdeschwanz gebunden, der mit bunten Haarbändern zusammengehalten wurde.
Monika und Hinnaak fielen sich heftig in die Arme und Gisela kam mit funkelnden Augen auf mich zu und umarmte mich, wobei sie mir kurz an den Hintern griff und mich anlächelte.
“Hattest Du keine Lust, Dich zu verkleiden?” fragte sie mich.
“Nö, ich bin nicht der Typ, der sich verkleidet.” erwiderte ich und löste mich aus ihrer Umarmung. “Meiner Meinung nach verkleiden sich nur Leute, die gern jemand anders sein wollen und ich bin halt gerne ich.”
“Genau wie meine Schwester. Die hat sich auch nicht verkleidet.” sagte Gisela.
“Du hast eine Schwester? Wo ist sie denn?” fragte ich und sah mich um.
“Da vorne kommt sie, sie hat noch das Auto geparkt.”
Zuerst konnte ich sie wegen des schlechten Lichts auf dem Parkplatz nicht genau erkennen, aber als sie etwas näher kam, erkannte ich das honigblonde Geschöpf wieder, das mir vor zwei Tagen vor der Bäckerei begegnet war. Da hatte ich sie zwar nur kurz gesehen, aber ihr Gesicht, ihre Augen, ihre ganze zierliche Erscheinung hatte sich unauslöschlich in mein Gehirn gebrannt und einen Moment konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Abgesehen davon war ich zu allem Überfluss auch noch auf die Schnauze gefallen, weil sie mich so durcheinandergebracht hatte, was mir irgendwie ein bisschen peinlich war. Aber dass sie sich an mich überhaupt erinnern würde, hielt ich für unwahrscheinlich.
Sie wirkte genervt, als sie auf uns zukam. Sie trug blaue Jeans und eine schmale und elegant wirkende schwarze Lederjacke, die so perfekt passte, als wäre sie maßgeschneidert worden und die ebenso deutlich ihre schlanke Silhouette zeigten, wie sie sie anmutig und züchtig zugleich kaschierte. Ihre Haare waren zu einem Knoten hochgesteckt, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten, die im leichten Abendwind an ihrem Hals kitzelten. Mit einer einzelnen, geübten Handbewegung strich sie sie sich hinter die Ohren. Ihre ganze verdammte Korona raubte mir den Atem.
“Ich musste dreimal um den Block fahren, bis ich endlich einen Parkplatz gefunden hatte. Und das nur, weil so ein beschissener Proletenarsch seinen tiefergelegten Golf direkt vor mir in die Parklücke schieben musste.” regte sie sich auf, als sie uns erreichte. “Jetzt park ich ganz hinten. Hoffentlich ist mein Auto nachher noch da.”
“Mensch Mädchen, reech Dich ab!” sagte Hinnaak, alles andere als nüchtern. “Heißt das nicht erssmal Hallo, mein Name ist Xena?”
“Das ist meine Schwester Marie. Eine warmherzige Seele.” sagte Gisela.
“Ich kann auch für mich selbst sprechen, vielen Dank, Gisela-Elfriede!” erwiderte Marie bissig. Mit dieser steifen Art erinnerte sie mich an Mary Poppins, wenn diese auch nie so gehässig war wie Marie, die sich gerade Hinnaak betrachtete.
“Und Du? Du bist Boy George, oder?” meinte sie.
“Werssdassdenn?” fragte Hinnaak benebelt und schwankte leicht.
“Nicht so wichtig.” sagte Marie und ihr Blick fiel auf mich, was mir beinahe einen elektrischen Schlag versetzte. Natürlich wusste ich nichts zu sagen, womit ich ihr würde zuvorkommen können und somit herrschte ein paar Sekunden Schweigen, während sie offensichtlich nachdachte.
“Sieh mal an, der Stolpervogel.” sagte sie nach ein paar Sekunden. “Du bist also Gisela-Elfriedes neuer Stecher. Oder bist Du es noch nicht, sondern willst es noch werden?”
Da hatte sie einen empfindlichen Nerv bei mir getroffen. Von vornherein anzunehmen, dass ich darauf aus wäre, jede Tussi zu vögeln, die mir vors Rohr kam, nur weil ich es könnte, ging mir zu hundert Prozent gegen den Strich. Das war etwas, das Hinnaak tat, ich aber nicht. Diesen Unterschied wollte ich von allen Beteiligten stets verstanden wissen.
“Nein, das bin ich nicht. Ich bin der Mann, vor dem Dich Deine Mutter immer gewarnt hat.” warf ich ihr an den Kopf.
“Kann nicht sein.” erwiderte Marie. “Der Mann, vor dem mich meine Mutter immer gewarnt hat, sah gut aus, hatte Geld und ein dickes Auto.”
“Die Wahrheit erschließt sich einem eben nicht immer auf den ersten Blick, Püppi.” schoss ich zurück.
“Oh, gebildet bist Du auch. Noch eine Eigenschaft, die der Mann, vor dem mich meine Mutter immer gewarnt hat, nicht hatte.”
“Gebildet in zweierlei Hinsicht.” sagte ich angesäuert. “Ich erkenne eine verbitterte Jungfer. Und zwar auf den ersten Blick.”
“Die Wahrheit erschließt sich einem nicht immer auf den ersten Blick, Dicker.” wiederholte sie meine Weisheit und bremste mich damit argumentativ aus.
“Wollen wir nicht lieber mal reingehen und tanzen?” schaltete Gisela sich ein. Hinnaak lallte etwas Zustimmendes. Konnte aber auch sein, dass er gesagt hat, er hätte Durst. Er nahm Monika in den Arm, marschierte los und zog sie mit sich. Marie warf mir noch einen Blick zu, der sowohl giftig als auch triumphierend war und ging hinterher. Gisela und ich folgten ihr.
“Ist Deine Schwester immer so zickig?” fragte ich sie leise.
“Na ja, das ist so ihre Art.” antwortete sie. “Aber sie hatte eigentlich auch keine Lust, mitzukommen. Hab nur gedacht, es würde ihr mal gut tun. Aber wenn ich gewusst hätte, wie sie sich aufführen würde, hätte ich sie nicht überredet. Find ich aber gut, wie Du mit ihr gesprochen hast. Sie hat schon viele Männer mit blöden Sprüchen in die Flucht geschlagen.”
“Das kann ich mir vorstellen.” erwiderte ich. Dann fiel mir noch was ein. “Und Du heißt echt Gisela-Elfriede?” fragte ich weiter. Sie nickte mit leidendem Gesichtsausdruck.
“Sie weiß, dass ich den Namen hasse. Deswegen sagt sie ihn so gern, wenn sie schlecht drauf ist.”
Obwohl Marie eine Erscheinung wie ein Engel war und schön wie ein Sommermorgen, war mir klar, dass ich sie nicht mochte. Wer so mit mir redete und die Angewohnheit hatte, schlechte Launen an seinen Mitmenschen auszulassen, vor allem an denen, die einem nahe stehen sollten, hatte bei mir schlechte Karten.
Hinter einem größeren Pulk von Leuten traten wir in das Gebäude und waren sofort umgeben von verrauchter, stickiger Luft. Außerdem war hier drinnen die Musik natürlich viel lauter. Für einen kurzen Moment machte ich mir Sorgen, dass Hinnaak sein Versprechen, meinen Eintritt zu bezahlen, in seinem angeheiterten Zustand vergessen haben könnte, doch dann sah ich völlig sprachlos, wie er kurz mit dem Türsteher sprach, auf uns zeigte und uns dann durchwinkte.
“Wie hast Du das denn schon wieder angestellt?” fragte ich Hinnaak.
“Mein Kumpel Rick arbeitet hier.” sagte er. “Der kann mir ständig freien Eintritt verschaffen.”
Eigentlich sollte ich mich über so was nicht mehr wundern. Genauso wenig wie darüber, dass er ein Originalkinoposter von der Feuerzangenbowle hatte auftreiben können. Allmählich glaubte ich, Hinnaak würde auch ohne Probleme ins Weiße Haus kommen.
Drinnen stürzte er sich sofort mit Monika auf die Tanzfläche, weil der Titel von Ghostbusters lief und fing an abzutanzen wie Patrick Swayze. Er tanzte so eng mit Monika, dass kein Blatt mehr dazwischen passte, während wir anderen erstmal nur herumstanden. Während Hinnaak auf jeden Fall seinen Spaß haben würde, beschloss ich, es zumindest zu keinen weiteren Streiteren kommen zu lassen. Also fragte ich Gisela und die strenge Schwester, ob sie etwas trinken wollten, nachdem ich einen Getränkestand in der Nähe entdeckt hatte, an dem kleine Becherchen mit Getränken aller Art, vor allem alkoholischen Getränken aller Art, zu großen Preisen verkauft wurden.
“Nein danke, ich hab da hinten einen Bekannten entdeckt.” antwortete Marie. “Lasst Euch in Eurem pre-koitalen Geplänkel nur nicht stören.” Damit drehte sie sich weg und verschwand hinter einer Gruppe von David Bowies.
Es machte mich wütend, dass sie wirklich annahm, ich wäre nur darauf aus, Gisela an die Wäsche zu kommen. Im Leben hatte ich nicht vor, mit dieser doofen Gans in die Kiste zu steigen, selbst wenn sie das wollen würde. Aber es gab Menschen, die kapierten sowas einfach nicht. Hinnaak auch nicht. Die Argumentation, dass ich mitkommen sollte, damit Monika auch käme, war wohl etwas sehr weit hergeholt. In Wirklichkeit war ich aus dem selben Grund hier wie Marie. Nur maß ich mir nicht an, auf anderen herumzutrampeln. Um so besser, dass Marie verschwand. Dann musste ich mir nicht den ganzen Abend ihren Blödsinn anhören.
Gisela lächelte mich entschuldigend an und mir kam der Gedanke, dass ich auf keinen Fall wegen so einer arroganten Ziege wie Marie den ganzen Abend schlechte Laune haben wollte. Also setzten wir uns Richtung Bierstand in Bewegung.
Obwohl wirklich viele Leute im Saal waren, musste man am Stand nicht lange warten, weil die Veranstalter vorsorglich ein paar Stände mehr aufgebaut hatten.
Als wir beide gerade dabei waren, zwei Orangenfruchtsaftkonzentrate mit Wodka zu konsumieren, kamen Monika und Hinnaak wieder auf uns zu. Hinnaak sah sehr verschwitzt und zufrieden mit sich aus und bestellte gleich mal zwei Bier für sich selbst und für Monika.
“Na, watt los, wollt Ihr Euch beide nicht auch mal ins Tanzgestümmel stürzen?” fragte Hinnaak laut am Bierbecher aus Plastik vorbei, worauf Gisela mich freudig ansah.
“Falls Mick mich auffordern würde, hätte ich nichts dagegen!” rief sie aus und ohne meine Reaktion abzuwarten, griff sie meine Hand und zog mich Richtung Tanzfläche.
“Aber es heißt Getümmel, nicht Gestümmel.” sagte ich noch.
“Wer hat denn was von Gestümmel gesagt?” lallte Hinnaak.
“Na Du.” rief ich ihm auf halbem Weg noch zu und hörte sein habbichnich schon fast nicht mehr.
Wir bahnten uns einen Weg durch die vielen Leute, die teilweise wild tanzend, teilweise wild knutschend im Weg standen. So viele Mädels in Miniröcken hatte ich schon lange nicht mehr gesehen und mir kam der Verdacht auf, dass die 80er Jahre ein Paradies für Nylon-Fetischisten gewesen sein mussten.
Die meisten Leute hatten sich an die Verkleidungs-Ordnung gehalten und manche konnten so gut tanzen, dass man hier unbemerkt eine Neuauflage von Footloose hätte drehen können. In der Mitte der Tanzfläche konnte man nichts anderes mehr hören, als die Musik und ich spürte den Bass von Geier Sturzflug im ganzen Körper, aber gerade als wir beginnen wollten zu tanzen, hörte das Bruttosozialprodukt auf zu steigen und Marvin Gaye’s Sexual Healing erklang aus den Boxen. Wohl oder übel musste ich mit Gisela einen Engtanz wagen.
Meine Tanzschulzeit lag schon ein paar Jahre zurück, aber an die Grundschritte konnte ich mich erinnern. Zu mehr reichte es allerdings auch nicht, also tanzten wir ein bisschen im Kreis herum.
“Als Fred Astaire würde ich mich nicht grade bezeichnen.” rief ich ihr entschuldigend ins Ohr, nachdem ich ihr zum dritten Mal auf die Füße getreten war.
“Macht mir überhaupt nichts aus.” rief sie lachend zurück, drückte sich an mich und ließ ihr Becken kreisen.
Es war lange her, dass ich das letzte Mal auf einer Party gewesen war, somit hatte Hinnaak schon Recht, und nach und nach machte es mir immer mehr Spaß, zumal Gisela auf der Tanzfläche nicht unerfahren war und mit mir talentlosen Holzfuß recht gut umgehen konnte.
Vielleicht fing aber auch einfach nur der Wodka an zu wirken. Die leeren Becher hatten wir an einem der Tische zurückgelassen, die zuhauf neben der Tanzfläche standen. An einem saßen Hinnaak und Monika jetzt. Hinnaak auf einem Stuhl, Monika auf Hinnaak.
Gisela und ich tanzten mehrere Lieder durch, es kamen auch ein paar schnellere nach dem Lovesong von Marvin Gaye. Auch eine schnelle Version von 99 Luftballons.
Bei dem Song fiel mir ein, wie Hinnaak einmal auf einer früheren Party das Wort Luftballons in Lustballons abgeändert und danach minutenlang darüber philosophiert hatte, was man alles mit 99 Titten anstellen könnte.
Hoffentlich fällt ihm das nicht wieder ein, dachte ich noch. Aber nach einem Blick zu den beiden hinüber glaubte ich nicht mehr, dass er auf die Musik achtete, denn er war schwer mit Monikas Bluse beschäftigt.
Als Gisela und ich nach ein paar Liedern eine Verschnaufpause einlegten und zum Tisch zurückkehrten, hatten Monika und Hinnaak wieder voneinander abgelassen und saßen normal nebeneinander, so wie es sich für junge Christen gehörte. Erschöpft setzte ich mich auf den Stuhl, über den ich vorhin schon meine Lederjacke gehängt hatte und atmete tief durch. Gisela setzte sich neben mich und lehnte sich an meine Schulter. Ich ließ es zu, weil das Tanzen mit ihr durchaus Spaß gemacht hatte. Hinnaak zeigte sich von seiner gönnerhaften Seite und spendierte einige Hardcoredrinks, die er diesmal auch wirklich bezahlte und nicht nur organisierte. Und da man einem geschenkten Gaul nicht auf die Füße trat, nahm ich sie auch an und fand den Geschmack später gar nicht mehr so widerlich.
Der Abend selbst war, soweit ich es noch weiß, recht lustig. Den Morgen danach fand ich aber überhaupt nicht mehr lustig und am allerunlustigsten fand ich, was er noch für beschissene Konsequenzen für mich haben sollte.

*

Mick hatte sich endlich bis zu dem Punkt aufgelockert, dass er alles trank, was Erik ihm hinstellte. Das fand Erik außerordentlich amüsant, schmuggelte er seinem Kumpel nachher sogar puren Korn aus einem heimlich mitgebrachten Flachmann ins Glas.
Die Stunden verstrichen immer schneller und Micks Zwangs-Mindestanwesenheitszeit bis 2:00 Uhr war schon längst überschritten, was Mick gar nicht bemerkte. Er war in beste Partylaune geraten und schon kurz nach Mitternacht war sein Polo-Shirt total durchgeschwitzt. Immer mehr alte Klassiker aus seiner Kindheit wurden gespielt. Unter anderem auch Carbonara und Major Tom. Einige sangen Erik und Mick Arm in Arm lauthals mit. Sehr zum Vergnügen der beiden Mädels. Von seiner Umgebung kriegte Mick an diesem Abend nicht mehr viel mit. Auch als sich Marie irgendwann von ihrer Schwester verabschiedete und etwas Abfälliges in seine Richtung sagte, bemerkte er es nicht. Gisela war es egal. Sie klebte den ganzen Abend an ihm und erwies sich außerdem als äußerst trinkfest.
Als Erik irgendwann vorschlug, nach Hause zu gehen, um Briefmarken anzugucken, nahm Gisela Mick, der sich kein bisschen sträubte, an die Hand und zog ihn Richtung Ausgang.
Durch die kühle Abendluft und unter einem klaren Sternenhimmel nahmen die vier Kurs auf die Wohnung von Erik und Mick, um dort die Nacht zu verbringen.
In zwei Betten.

*

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