Im Normalfall schlief ich durch, bis sich mein Körper entschloss, aufzuwachen. Von Hinnaaks morgendlichem Aufbruch bekam ich immer erst was mit, wenn ich später in Küche und Badezimmer das Chaos sah.
An diesem Morgen war es anders. Ungefähr gegen halb sieben, also mitten in der Nacht, hörte ich, wie Hinnaaks Zimmertür geräuschvoll ins Schloss fiel und Monika aus irgendeinem Grund hysterisch kicherte. Wahrscheinlich waren sie grade im Badezimmer zugange oder sie wollte noch einen Nachschlag von letzter Nacht haben. Zwischenzeitlich nahm ich wahr, wie Hinnaak oder irgendwer sonst in mein Zimmer kam und in meinem Bett nachsah, ob Gisela drinlag oder nicht. Dass sie nicht da war, schien die beiden nicht zu kümmern, denn sie rumorten ungestört weiter im Badezimmer rum, bis ich irgendwann hören konnte, wie Hinnaak Monika zum Stillsein ermahnte, weil sonst sein Mitbewohner rumheulen würde.
Später kramten sie dann in der Küche rum und ich vermutete, dass Hinnaak den ganzen Kühlschrank leerräumte, so dass ich nachher Zahnpasta und WC-Steine würde frühstücken dürfen.
Wenn man bedachte, dass Hinnaak sie noch nach Hause bringen musste, würde er viel zu spät zu seinem Wochenenddienst ins Krankenhaus kommen. Sollten die Komapatienten halt aufwachen und sich selber waschen.
Etwas später, nach polternden Schritten und Hinnaaks gebrülltem Flüstern, seinen pingeligen Mitbewohner nicht zu wecken, weil er Samstags noch länger als sonst schlafen wollte, ließen sie die Wohnungstür ins Schloss fallen, dass es von den Wänden im Hausflur widerhallte.
Dann, ein paar Minuten nachdem Hinnaaks Auto mit dem Phonpegel eines Airbus den Parkplatz verlassen hatte, schwang ich meine Haxen aus dem Bett und machte mich auf den Weg durch die Wohnung zur Schadenssichtung. Jedoch musste ich äußerst überrascht feststellen, dass das Badezimmer und die Küche einen verhältnismäßig ordentlichen Eindruck machten. Wenn das Monikas positiver Einfluss auf Hinnaak war, sollten sie meinetwegen sofort heiraten. Meinen Segen hätten sie.

*

Am Abend parkte Erik, überall blauen Nebel hinterlassend, auf dem üblichen Parkplatz direkt neben dem Hauseingang. Diesen Parkplatz hatte er sich sofort gesichert, als die alte Dame aus Wohnung 37 plötzlich und unerwartet verstorben war. Vorher hatte er immer über die Straße gehen müssen, was ihm nie gefallen hatte.
Eine Weile lang kramte er nach Tüten im Kofferraum und latschte dann, ein paar Medienerzeugnisse für Erwachsene unter den Arm geklemmt und schwer beladen mit Plastikbeuteln voller Wurst in Dosen, Obst in Dosen und Bier in Dosen zur Haustür.
In der Wohnung, die er kurze Zeit später, verschwitzt vom Treppensteigen betrat, führte ihn sein erster Gang in die Küche, wo er seine Einkäufe zu verstauen gedachte.
Er legte die Bierdosen in den Kühlschrank und kam plötzlich auf die Idee, eine nicht hineinzulegen. Er riss die Büchse auf und flößte sich den ersten Schluck des Abends ein, dem ein lautes “Aaaaahh!” folgte, das sich anhörte, als käme er direkt aus der Wüste und würde halbverdurstet den ersten Schluck Wasser seit Tagen zu sich nehmen.
Nach ein paar Minuten, die Erik mit der Dose in der Hand und in gekrümmter Haltung im vor sich auf dem Tisch liegenden Penthouse blätternd verbrachte, fiel ihm auf, dass es eigentlich ziemlich ruhig in der Wohnung war und auch kein Essen auf dem Herd stand.
Von Mick war auch keine Spur zu sehen.
Erik dachte sich nichts weiter dabei, weil er hauptsächlich die neue Verabredung heute Abend mit Monika und Gisela im Kopf hatte, die er noch seinem Mitbewohner würde unterjubeln müssen. Aber er hatte den Eindruck bekommen, dass Mick sich mit Gisela gut amüsiert hatte und wenn er nicht mit ihr ins Bett gegangen war, dann nur deshalb, weil Mick von Natur aus ein sensibler und schüchterner Junge war, der Eriks Hilfe in Frauensachen dringend nötig hatte.
Erik selbst hatte durchaus Bock, Monika wiederzusehen, aber das ging immer noch nicht ohne Gisela und Gisela baute darauf, Mick wiederzusehen. Wenn Erik jetzt Mick dazu bewegen konnte, sich noch einmal mit Gisela zu treffen, wäre das das Beste für alle Beteiligten. Vor allem für Mick. Und falls dieser sich wider Erwarten doch quer stellen würde, schließlich hatte er von einem geplanten Videoabend gefaselt, dann hätte Erik schon das passende Überredungsmittel parat.
Mit dem Gedanken, heute Abend wieder poppen zu können, stand er auf und drehte beschwingt das Küchenradio an. Mick hatte einen Oldiesender eingestellt, der laut eigener Werbung den absolut besten Mix aus 60er, 70er und 80er Megahits bot. Obwohl Erik diesen Sender nicht so sehr mochte, vergaß er den Gedanken, einen anderen einzustellen, als er eines seiner Lieblingslieder hörte: What a feeling.
Gut gelaunt dreht er lauter und stimmte in den Refrain mit ein, auch wenn er den Text nicht so genau kannte.
Laut singend und die Büchse schwenkend, kam er ins Wohnzimmer gerockt, wo er Mick vorfand, der mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern auf dem Sofa kauerte.
Erik hielt inne, sah ihn nachdenklich an, nahm noch einen Schluck aus der Dose und fragte
“Was ‘n los?”
Micks Kopf erhob sich langsam und Erik erntete einen verächtlichen Blick, der ihn aber nicht weiter stutzig werden ließ. Statt dessen setzte er sich lässig neben Mick auf das Sofa und nahm einen weiteren Schluck aus der Dose.
“Was geht ab?” fragte Erik erneut.
“Weißt Du, was ich heute Deinetwegen durchgemacht hab?” fragte Mick finster.
“Wieso? Und wieso wegen mir, ich war doch gar nicht da.”
“Kannst Du Dich vielleicht noch an eine gewisse Anzeige erinnern, die Du aufgegeben hast?”
“Ach ja. Und?”
“Heute waren einige Interessenten da. Ein paar haben auch angerufen. Manche haben was gesagt, manche konnten sich nicht mal artikulieren.”
Erik sagte nichts, trank nur mit einem Schluck seine Dose leer, knüllte sie zusammen und warf sie quer durch den Raum, ungeachtet des Dosenpfands.
“Es war überhaupt nur eine einzige Interessentin dabei, die brauchbar war.” fuhr Mick fort.
“Erzähl mal.” sagte Erik.

*

Es war noch sehr früh am Morgen, ungefähr halb zehn, als ich unbekleidet wie ein junger Gott aus dem Badezimmer trat und es plötzlich an der Tür klingelte.
Das war ich so gewohnt wie Peitschenhiebe, also raste ich wie ein erschrecktes Huhn in mein Zimmer, sprang in meine Trainingshose und zog mir ein T-Shirt über.
Dann sprintete ich zur Tür zurück, die ich in schlabberndem Unterhemd und verdrehter Jogginghose öffnete.
Vor mir stand ein dunkel gekleidetes Pärchen, das im ganzen Gesicht so viele Piercings trug, dass sie nie im Leben am Flughafen durch die Kontrollen gekommen wären. Der Mann hatte Tätowierungen an beiden Armen, die größtenteils Totenköpfe darstellten oder flammende Infernos. Die Frau zierte sich mit einem großen Teufelstattoo auf dem Brustbein. Sie trug eine armfreie Lederweste, die die muskulösen Arme einer Profiringerin zur Geltung brachten. Außerdem trugen beide Lederstiefel und hatten umgedrehte Kreuze um den Hals hängen.
Sie sahen aus wie zwei Boten der Apokalypse, die gekommen waren, um mich abzuholen.
Trotz des Erscheinungsbildes, das mich fast die Tür wieder hätte zuknallen lassen, fragte ich freundlich
“Ja bitte?”
“Sind wir hier richtig wegen dem Zimmer?” fragte der Mann mit sanfter Stimme.
Um Gottes willen! Doch nicht solche Leute!
Was sollte ich bloß tun? Vielleicht einen auf total behämmert machen?
“Was ‘n für ‘n Zimmer?” fragte ich betont desinteressiert und kratzte mir die Eier, während ich die muskulöse Tussi angrinste. Sie erinnerte mich an Star Trek – Am Rande des Universums.
“Das Inserat in der Zeitung.” sagte sie mit einem herrischen Tonfall.
“Keine Ahnung, Leute. So früh am Morgen.” sagte ich gähnend.
Die beiden tauschten einen irritierten Blick, bevor der Mann verstohlen auf die Uhr sah.
“Dann sind wir hier wahrscheinlich falsch.” sagte er und lächelte entschuldigend, während die Frau eine noch grimmigere Miene aufsetzte.
“Tja, auch Irre sind menschlich.” erwiderte ich und warf die Tür zu.
Das ging ja gut los! Auf diese Weise würden wohl alle Unterhaltungen enden, fürchtete ich.
Hoffentlich würde ich irgendein schräges Ticken der Interessenten auch rechtzeitig bemerken. Bis dahin müsste ich ja nett sein, hatte ich Hinnaak versprochen. Aber ohne anständige Klamotten würde ich das wohl nicht können.
Also ging ich in mein Zimmer, um mir was Ordentliches anzuziehen. Dabei fiel mein Blick auf einen Stapel zusammengerollter Kinoposter, den ich neulich von Dieter mitgebracht hatte. Die ganzen Poster zu sichten hatte ich bis jetzt nicht die Zeit gehabt, aber heute nahm ich mir vor, das in Angriff zu nehmen.
Zuerst wollte ich aber frühstücken, denn mein Magen knurrte inzwischen wie ein seit Wochen mit Joghurt gefütterter Löwe, der Bock auf einen Gladiator hat.
Natürlich wollte ich aber nicht ohne mein Blatt frühstücken und das lag noch immer vor der Wohnungstür, denn bei dem Satanistenschock vorhin hatte ich vergessen, es mit reinzunehmen.
Vornübergebeugt öffnete ich die Tür, um die Zeitung von der Schwelle zu klauben, als mein Blick auf zwei glänzende schwarze Lackschuhe fiel, in denen ein Typ in enger roter Latexhose und schwarzem Satinhemd mit glitzernder Boy-Aufschrift steckte und mit einem goldberingtem Finger auf den Klingelknopf zeigte, den er offenbar gerade zu drücken beabsichtigt hatte.
Ich hatte zwar schon darüber gelesen, aber dass es eine solche Klischeeschwuchtel auch in Wirklichkeit gab, hätte ich nicht gedacht. Eher war ich der Überzeugung gewesen, sie wären so erfunden wie fünfunddreißigjährige Muttersöhnchen, die noch zu Hause wohnten oder vierzehnjährige Dorfschönheiten, über die die gesamte übrige Dorfjugend mal rüberdurfte, aber dieser Typ hier vor mir war definitiv echt.
“Hallöchen.” sagte er überrascht und schenkte mir ein Lächeln wie aus einer Zahnpastareklame. “Ich bin Klaus.”
“Hallo, ich bin Mick.” sagte ich und drückte seine warme Hand, die er mir zusammen mit einem schweren, blumigen Parfumduft entgegenstreckte.
“Mick.” wiederholte Klaus träumerisch. “Wie in Micky Maus?”
“Nein, nicht wie in Micky Maus!” sagte ich empört und Klaus gluckste fröhlich.
“Also mich kannst Du ruhig Klausi nennen.” sagte er. “Klausi Maus.” und fing wie wild an zu kichern. Dass ich mit dem hier auf keinen Fall zusammenwohnen wollte, war mir auf dem ersten Blick klargeworden. Immerhin war der schwul. Nicht, dass dagegen was zu sagen wäre, aber trotzdem.
“Wie viele Quadratmeter hat es denn?” fragte Klaus, als er wieder normal atmen konnte.
“Das Zimmer?”
“Nein, Dein Bett, Du Dummerchen.”
Darüber giggelte er nahezu hysterisch, bis ich schon dachte, ich müsste ihm eine reinhauen, damit er aufhört. Hätte ich auch gern, dann wäre ich ihn schnell losgeworden und würde mir keine Ausreden einfallen lassen müssen, damit es nicht so aussah, als würde ich ihm das Zimmer nicht geben wollen, bloß weil er schwul war.
“So genau weiß ich das gar nicht.” sagte ich wahrheitsgemäß. “Ich meine, ich habe es nicht ausgemessen, aber es müssten so ungefähr fünfzehn Quadratmeter sein.”
“Und wie ist die Lärmdämmung der Wände?” fragte er und zwinkerte. “Du weißt schon, was ich meine.” fügte er hinzu und fing an zu lachen, wobei er mir mit der Hand an die Schulter stupste und ich überlegte, wie viel Ärger ich wohl zu erwarten hätte, wenn ich ihn die Treppe runtertreten würde.
“Nicht gut genug.” antwortete ich und dachte dabei an Hinnaaks nächtlichen Lärmpegel.
Klausi betrachtete derweil das Türschild.
“Du wohnst hier also schon mit Deinem Freund zusammen?” fragte er neugierig.
“Ja.” sagte ich und fügte nach kurzem Überlegen hinzu “Kommt aber darauf an, wie Du Freund definierst.”
“Na ja, Dein Darling, Dein Schatzi. Dein Boy-Toy.”
“Nein nein.” sagte ich und lachte albern. “So ist das nicht. Wir sind ganz normal. Na ja, als normal kann man meinen Mitbewohner auch wieder nicht bezeichnen, aber wir sind jedenfalls nicht schwul.”
“Oh.” sagte Klausi und sah offensichtlich enttäuscht aus. “Ich fürchte, dann wird es nichts.”
“Was?” fragte ich entgeistert.
“Ach weißt Du, wenn Ihr andersrum seid, dann lassen wir es vielleicht lieber bleiben.”
“Andersum? Wir?”
“Sagt man doch so salopp, oder? Ich will ja nicht beleidigend sein, ich meine, es ist schon okay, Ihr seid eben so. Da ist ja nichts gegen zu sagen, aber trotzdem.” erklärte Klausi, drehte sich um und ging auf die Treppe zu, die er gekünstelt hinunterschritt, bevor er sich noch einmal zu mir umdrehte und “Sorry, Süßer.” flötete.
Da hatte ich schon prophylaktische Gewissensbisse und Schuldgefühle bekommen, weil ich den armen kleinen Schwulen abservieren musste und da erteilte der mir doch eiskalt eine Abfuhr, nur weil er Angst vor meiner Andersartigkeit hatte.
Widerlicher Spießer!

Vorsichtig balancierte ich eine Tasse Kakao und zwei warme Brötchen, die ich im Tiefkühlfach gefunden und im Backofen aufgetaut hatte, auf dem gestohlenen Tablett in mein Zimmer und stellte alles auf das Sideboard, nachdem ich ein paar Bücher zur Seite geschoben hatte. Dann widmete ich mich meinen neuen Postern.
Der Haufen zusammengerollter Kinoplakate musste erst mal vorsichtig auseinandergerollt und die Filmtitel säuberlich in mein kleines Posterbuch eingetragen werden, bevor die Poster selber in dem Karton neben dem Sideboard verstaut wurden. Den Karton würde ich, sobald er voll war, zu meiner Mutter karren und bei ihr auf den Dachboden stellen, wo sich bereits ein paar hundert Poster befanden, wie ich anhand meiner Buchführung jederzeit nachprüfen konnte.
Immerhin hatte ich ein paar Minuten und gerade ein weiteres High Fidelity-Poster in der Hand, als das Telefon wieder klingelte.
Mit etwas Glück würde das ja wohl mal ein geeigneter Kandidat sein, der als dritter Mann in Betracht kommen könnte, falls mein Widerspruch bei der Arbeitsagentur nicht hinhauen sollte. Hauptsache, es war nicht wieder jemand, der mir meine Lebensart vorwerfen wollte, denn ich wusste nicht, ob ich eine solche Ablehnung noch mal ohne weiteres wegstecken könnte.
Vorsichtig wie ein Bombenentschärfer hob ich den Hörer ab und bekam sofort eine laute Stimme vor den Kopf geknallt, als der Anrufer, ohne sich vorzustellen, gleich umrissverständlich zur Sache kam.
“Moin!” brüllte eine Marktschreierstimme. “Hier. Ich wollte mal fragen, wie ist das? Wir wollen das Zimmer eventuell als Pornofilmkulisse nehmen, wenn man aus dem Fenster einen schönen Blick auf den Stadtpark hat. Kommt das hin? Können wir das machen?”
Ich war völlig baff.
“Möbel und Inventar liefern wir an,” fuhr er lautstark fort, “bauen es auf und wieder ab. Keine große Sache. Dauert alles in allem vielleicht vier Tage.”
“Äh, wissen Sie…” begann ich.
“Na ja, vielleicht auch fünf Tage. Wir wollen ja schließlich ordentliche Arbeit machen.”
“Das stimmt natürlich…” sagte ich.
“Ist ja auch kein großes Ding. Das Zimmer muss nicht so geräumig sein, Hauptsache, das Panorama stimmt. Das ist für die Handlung des Film nämlich von großer Bedeutung.”
“Was für eine Handlung?” fragte ich.
“Es geht um eine Studentin, die sich für Bäume und Natur interessiert.”
“Und fürs Ficken.”
“Deswegen brauchen wir ein Zimmer mit Blick auf den Park.” fuhr die laute Stimme fort, ohne auf meinen Kommentar einzugehen. “Und da in der Anzeige was von Citynähe stand, haben wir gedacht, wir könnten das Zimmer eventuell für die sieben bis acht Tage mieten, die wir für die Dreharbeiten brauchen würden.”
“Sieben bis acht?”
“Na ja, eineinhalb Wochen kann es schon dauern, wir wollen schließlich ordentliche Arbeit machen. Aber keine Sorge, für jeden Tag, den es über zwei Wochen dauert, bekommen Sie einen Zuschlag. Vorausgesetzt natürlich, wir haben durch das Fenster einen schönen Blick auf den Park. Den brauchen wir für die bedeutungsschweren Szenen.”
“Blick hat man leider nur auf eine Irrenanstalt.”
“Eine Irrenanstalt?” wiederholte der Marktschreier erstaunt. “Hier? Das könnten wir eventuell für einen anderen Film gebrauchen. Da melden wir uns dann noch mal.”
“Vielleicht lieber nicht. Bis dahin ist das Zimmer bestimmt vermietet. Aber danke für Ihr Angebot.”
“Ach, nicht dafür.” sagte der Marktschreier und legte auf.
Verzweifelt vergrub ich mein Gesicht in den Händen und hörte das verlassene Tuten des Hörers, der auf dem Flurboden lag.
Schon wieder nur Mist. Alles Mist.
Wütend legte ich den Hörer auf. Scheiß Zeitverschwendung! Ich stand auf und kam immerhin drei Schritte weit, als das verdammte Telefon schon wieder klingelte.
Noch so ein bekackter Verrückter.
Jetzt reichte es mir aber! Schließlich hatte ich auch besseres zu tun!
“Pedersän!” brüllte ich in den Hörer und ein paar Sekunden lang war es ruhig am anderen Ende.
“Entschuldigung, ich ruf an wegen der Wohnung.” sagte schließlich eine zierliche kleine Stimme.
Mit so einem zarten Stimmchen hatte ich weiß Gott nicht gerechnet.
“Oh, ja. Da sind Sie hier richtig.” antwortete ich.
“Ist das Zimmer denn noch frei? Ich würde es mir gern mal ansehen, wenn es noch geht.”
“Ja, das geht. Kommen Sie vorbei, wann Sie wollen.”
“Wird wohl gegen Mittag werden.”
“Kein Problem. Ich bin da.”
Das zarte Stimmchen verabschiedete sich überaus höflich und ich legte peinlich berührt auf. Das war endlich mal eine gewesen, die mir nicht auf Anhieb anormal vorkam und ich hatte sie angebrüllt wie Feldwebel Denkzettel.
Naja, das war jetzt nicht mehr zu ändern und sie würde ja trotzdem in ein paar Stunden herkommen. Vielleicht sollte ich ein bisschen aufräumen? Ach was, es war so aufgeräumt wie bei meiner Mutter. Viel lieber wollte ich jetzt mit den Postern weitermachen.

So kniete ich wieder in meinem Zimmer auf dem Boden und betrachtete enttäuscht mein drittes Pulp Fiction-Poster. Das meiste war halt doch immer doppelt und dreifach dabei. Wirklich langweilig manchmal. Da wurde die Katalogisierung direkt zu einer unangenehmen Zwangsarbeit, die aber trotzdem erledigt werden musste. Poster zu sammeln und festzuhalten, wie viele und von welchen Filmen ich hatte, war zu meiner Leidenschaft geworden, trotzdem war ich über die Ablenkung froh, als es eine halbe Stunde später wieder an der Tür klingelte, woraufhin ich mich mit tauben Beinen vom Fußboden erhob und erst mal die Knie durchdrückte.
Vor der Tür stand eine nett aussehende, grauhaarige Oma und ein junger Mann um die achtzehn Jahre. Ihr Enkel, wie ich annahm. Sie hieß Marlene und wurde von ihrem Enkel, der sich mir als Stefan vorstellte, um fast zwei Köpfe überragt.
Sie interessierten sich für das Zimmer. Wahrscheinlich, wie ich annahm, weil er demnächst auf die nahegelegene Universität gehen wollte und dafür eine günstige Unterkunft in der Nähe brauchte. Da er seine Oma dabei hatte, ging ich davon aus, dass er sie als Fahrerin brauchte, weil er noch keinen Führerschein oder Auto hatte und er sich heute mehrere Wohnungen in meiner kleinen Stadt ansehen wollte. Wenn er also nur ein anständiger ruhiger Student wäre, sollte ich ihn mir als Mitbewohner nicht durch die Lappen gehen lassen. Zumal der wohl die meiste Zeit des Tages nicht da sein würde.
Als erste Interessenten überhaupt gestattete ich ihnen also, einzutreten und sich das Zimmer anzusehen, was sie auch gern taten.
Nachdem Hinnaak, wenn auch unter lautstarkem Protest und erschöpfenden Ausführungen darüber, dass diese Kunstwerke allesamt eigentlich in ein Museum und nicht in einen Keller gehörten, seine Kartons mit den Pornos in den Keller geschafft hatte und der Raum jetzt leer stand, machte das Zimmer durchaus einen freundlichen Eindruck, zumal ich ihn erst mal gründlich mit dem Staubsauger bearbeitet hatte.
“Wie viel Miete soll es denn kosten?” fragte Marlene, die sich ihren Kleidungsstil von der Königin von England abgeguckt zu haben schien.
“Um die hundertfünfzig Euro haben wir uns gedacht.” antwortete ich und sah Stefan an. “Für einen Studenten, der nebenbei einen kleinen Job macht, dürfte das kein Problem sein.” fügte ich hinzu.
“Klingt ganz okay.” meinte Stefan. “Hat die Wohnung eigentlich einen Balkon?”
“Ja. Die Balkontür ist im Wohnzimmer.” sagte ich. “Ich setz mich ganz gern mal zum Lesen da raus. Ist schön ruhig, weil er zum Hof liegt. Höchstens die Kinder aus der Nachbarschaft stören ein bisschen, wenn sie rumtoben. Aber das ist nicht so schlimm. Mein Mitbewohner nutzt den Balkon nur zum Rauchen. Das darf er hier drinnen nämlich nicht, weil ich Nichtraucher bin und das nicht leiden kann.”
“Super, ich bin auch Nichtraucher.” sagte Stefan begeistert. “Und liegt ja wirklich nah am Zentrum hier. Da macht das nichts, dass ich noch kein Auto habe. Zu Fuß kommt man von hier aus wunderbar in die City.”
“Und zum Bahnhof auch.” sagte ich. “Da fahren viele Studenten mit dem Zug zur Uni.”
“Wirklich?” fragte Stefan desinteressiert, während er die Farbe an der Wand prüfte.
“Oder hast Du eine Fahrgemeinschaft?”
“Wohin?” fragte Stefan verwirrt.
“Zur Uni.” sagte ich. “Oder bist Du kein Student?”
Stefan fing an zu lachen.
“Nein. Ich bin ausgebildeter Florist, kein Student!”
“Ach so.” sagte ich und grinste. “Ich hab gedacht, Du wärst Student und bräuchtest deswegen eine günstige Wohngelegenheit.”
“Nein nein, ich brauch ein Zimmer, weil ich Probleme mit meinen Eltern habe und bei Marlene kann ich leider nicht wohnen.”
“Warum das nicht?” fragte ich halb interessiert, weil ich nicht in Familienangelegenheiten rumstochern wollte.
“Weil das nur Gerede geben würde in ihrem Dorf.”
“Das versteh ich nicht ganz. Wieso würde das Gerede geben, wenn Du bei ihr wohnst?”
“Ich denke, Du bist so aufgeschlossen.” sagte Stefan. “Der Altersunterschied ist halt immer ein Gesprächsthema. Vor allem in einer konservativen kleinen Gemeinde.”
Die Oma nickte bedauernd. Plötzlich dämmerte es mir.
Die Oma war gar keine Oma! Jedenfalls nicht seine.
Verdammt noch mal. Wie war ich bloß auf die Idee gekommen, dass die beiden Leute normal sein könnten? Niemand, der sich auf Hinnaaks Anzeige hin melden würde, hätte alle Tassen im Schrank, so viel war mal sicher.
“Tja nu,” sagte ich bedacht locker und lachte nervös, “das kenn ich natürlich.” und hoffte, dass sie mir das glaubten.
Angestrengt sah ich auf meine Schuhe und rieb mir mit der Hand im Nacken, um Ihren Blicken auszuweichen.
“Wirklich?” fragte Stefan vertrauensselig.
“Na ja, als ich mit Erik zusammengezogen bin, war meine Mutter auch nicht gerade begeistert.” erklärte ich wahrheitsgemäß, was die beiden interpretieren konnten, wie sie wollten.
“Es gibt eben leider viel zu viele Menschen, die die Lebensart anderer Menschen nicht akzeptieren können.” sagte Marlene aufgeregt. “Mein ganzes Leben muss ich diese Erfahrung schon machen.”

“Wir sind aber sehr aufgeschlossen in sexuellen Dingen.” sagte ich beruhigend zu ihr. “Deswegen suchen wir auch einen dritten Mann, der unsere Vorlieben teilt. Und vor allem natürlich, um neue Erfahrungen zu sammeln.” sagte ich grinsend und merkte, wie Marlene bei diesen Worten nervös wurde und unruhig zu Stefan sah.
“Ich bin der Meinung, man muss immer mal was Neues ausprobieren, sich weiterentwickeln.” fuhr ich fort. “Man darf nie auf einem Fleck stehenbleiben, das wird doch langweilig. Veränderung ist die Würze des Lebens, sage ich immer. Schließlich gibt es so viel, was man ausprobieren und was man erleben kann und wenn man sich diese ganzen lehrreichen Dokumentationen von Oswald Kolle ansieht, wird einem klar, dass man mit so vielen Sachen und vor allem mit so vielen Leuten ungeheuren Spaß haben kann.”
“Ja, sicher…” sagte Marlene.
“Deshalb haben wir hier auch einmal in der Woche ein Treffen unseres Vereins.” fügte ich hinzu.
“Was für ein Verein?” fragte Marlene misstrauisch.
“Der VfdAsF e.V.” erklärte ich ungeduldig. “Der Verein für die Auslebung sexueller Fantasien! Haben Sie noch nie von uns gehört? Die Briefkampagne gegen uns wegen dem Schutz Minderjähriger war doch letztes Jahr groß in der Zeitung. Aber eins sag ich Euch! Wir sind nicht aufzuhalten! Die Zahl unserer Mitglieder steigt ständig. Auch einige der lokalen Politiker sind regelmäßig bei unseren Treffen. Die nennen sich zwar Christen, sind aber die größten Säue, die ich kenne, echt geil.”
“Interessant.” sagte Marlene tonlos. “Wir müssen aber noch andere Wohnungen ansehen, deshalb können wir nicht länger bleiben.”
“Schade, dass Ihr schon gehen müsst.” rief ich enttäuscht hinter Marlene her, die auf die Zimmertür zuging. “Man hätte noch so viel machen können.”
Während sie hastig die Tür öffnete, sah ich, wie Stefan neben mir Kärtchen aus der Hosentasche zog und es mir in die Hand drückte, bevor er Marlene nachlief. Es war seine Visitenkarte, wie ich grinsend feststellte.
Solche Leute zu verarschen, machte direkt ein bisschen Spaß.
Auf dem Flur verabschiedete ich Stefan und Marlene, die hastig schon die halbe Treppe hinabgestiegen war, als wäre sie auf der Flucht.
“Tschüssi, Ihr Hübschen.” rief ich hinterher. “Wir melden uns noch bei Euch. Auch wegen des Vereins. Eure Nummer hab ich ja.”
Marlene fuhr erschrocken herum und starrte auf die Visitenkarte, mit der ich triumphierend durch die Luft wedelte.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, sah sie Stefan strafend an, packte ihn am Arm und zog ihn weiter die Treppen hinab.
Während ihre Schritte und Marlenes verhaltenes Gezeter noch von den Wänden widerhallten, schloss ich die Wohnungstür sachte und zerriss die Karte in ganz viele kleine Stückchen.
Soll ja keiner denken, dass ich hier der Verrückte bin!

Nach dieser netten, kleinen Abwechslung widmete ich mich erfrischt meiner Arbeit mit den Postern, die mir nach meiner oscarreifen Vorstellung eben, auf die ich sogar ein bisschen stolz war, deutlich mehr Spaß machte.
So viel Skurrilität wie heute war mir wirklich in meinem ganzen Leben noch nicht begegnet.

Als ich mit den Postern fertig war, machte ich mein Bett, breitete die Tagesdecke darauf aus und befestigte die Vorhände an den Eckpfosten. Jetzt sah es hier wieder ordentlich aus.
Dann legte ich mich bequem hin und schaltete den kleinen Fernseher ein, der in Sichtweite von meinem Bett stand. Wollte ich vom Bett aus fernsehen, musste ich nur den Vorhang am Fußende auflassen.
Leider gab es um diese Zeit nur Talkshows und anderen Scheißkram in der Glotze, weswegen ich schon bald darauf anfing, mich vor dem Fernseher zu langweilen.
Fast eine ganze Stunde lang folgte ich halb dösend dem aufgeregten Gezeter von drei fetten Frauen, die mir verkaufen wollten, wie sexy sie sich fanden und dass sie mich jederzeit rumkriegen könnten, wenn sie wollten. Nebenbei wurden sie von anderen Frauen aus dem Publikum beschimpft und schmissen wüste Beleidigungen zurück, wobei sie zur Untermalung eine ihrer dicken Titten mit einer feisten Hand kneteten und das als geballte Sexpower bezeichneten, wonach Kerle wie ich, wenn auch unbewusst, lechzen würden.
Ich hielt mich da raus und wäre sogar fast eingenickt, als die Türklingel mich hochschrecken ließ.
War ja klar, dass hier heute high life sein würde, da musste ich mich gar nicht wundern. Trotzdem war ich grantig, als ich mit schläfrigem Kopf zur Wohnungstür ging.
Gerade als ich die Wohnungstür öffnete fiel mir ein, dass vielleicht das zarte Stimmchen vom Telefon davor stehen könnte. Allerdings wurde meine Erwartung gleich wieder enttäuscht, denn vor mir stand ein etwa vierzigjähriger, langhaariger und bärtiger Althippie. Er trug eine Strickjacke über einem Batikshirt mit PEACE-Button und bunte Bermudashorts. Außerdem war er barfuß in blauen Gummisandalen, wie man sie am Strand trug.
Alles in allem machte er nicht den Eindruck, als wäre er der Besitzer des zarten Stimmchen von vorhin.
Seine Hände hatte er tief in den Seitentaschen der Shorts vergraben, als er mich freundlich begrüßte.
“Jo, ich bin wegen dem Zimmer hier. Mein Name ist Apfelbaum.”
Dieser abgerissene Typ hieß also Apfelbaum! Warum, wollte ich gar nicht wissen. Wahrscheinlich war er als Kind mal von einem runtergefallen.
“Hallo…ähm…Herr Apfelbaum. Ich heiße nur Mick.”
Apfelbaum lächelte nachsichtig ob meines schlichten Namens und sagte nichts dazu, sah mich nur freundlich, geduldig und erwartungsvoll an.
“Das Zimmer ist auch noch frei.” sagte ich nach ein paar Sekunden des Schweigens, obwohl mir der Typ eigentlich nicht wie der ideale Mitbewohner vorkam.
“Cookie, Mann.” war Apfelbaums Reaktion.
Er zeigte sich äußerst interessiert an der Wohnung und obwohl mir ein jüngerer Typ als möglicher Mitbewohner besser gefallen hätte, beschloss ich, nicht von vornherein den Stab über ihn zu brechen, nur weil er etwas verlottert aussah.
Abgesehen davon hatte ich bei den bisherigen Begegnungen heute gelernt, mich nicht auf meinen ersten Eindruck verlassen zu können. Lieber sollte ich mir die Leute erst mal genauer ansehen, bevor ich über sie urteilte.
Meine Mutter wäre stolz auf mich.
Mit den Händen in den Taschen latschte Apfelbaum hinter mir her und stand dann in dem Zimmer herum, ohne dass er mir irgendwelche Fragen stellte. Er sah sich einfach nur phlegmatisch um, ohne eine Reaktion oder Meinung von sich zu geben. Überhaupt war er nicht gerade gesprächig, wenigstens gab er auch keine Perversitäten von sich.
“Haben Sie vielleicht ein paar Fragen zu der Wohnung, Herr Apfelbaum?” fragte ich ihn, um die Stille zu durchbrechen.
“Nö, ist eigentlich egal, gefällt mir schon ganz gut und ich empfange hier positive Schwingungen.”
“Es wird natürlich unmöbliert vermietet.” sagte ich und hoffte, dass die positiven Schwingungen, welcher Art auch immer, nicht von mir ausgehen mochten.
“Jo, egal, ich hab ein paar Möbel.”
“Das Zimmer ist nicht sehr groß, aber dafür liegt die Wohnung zentral. Nahe an der Stadtmitte und auch nicht weit vom Bahnhof.”
“Jo, ist gut und hier passt auch alles rein, was ich hab.”
“Der Mietanteil beträgt hundertfünfzig Euro im Monat.” sagte ich und war gespannt auf seine Reaktion.
Er zuckte mit den Schultern und sagte nichts dazu, was ich als Zeichen dessen wertete, dass er mit Geld wohl keine Probleme hatte, auch wenn er nicht unbedingt so aussah. Auf der anderen Seite bedeutete das nur, dass er nichts für Klamotten verschwendete und dem Frisör schob er auch nichts in den Arsch.
“Also, wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen noch den Rest der Wohnung, Herr Apfelbaum.”
“Jo, okay, musst Du aber nicht. Und nenn mich einfach Apfelbaum, ohne Herr.”
Auch wenn er mir schrecklich phlegmatisch und lethargisch erschien, hatte ich bei Apfelbaum trotzdem immer noch ein besseres Gefühl, als bei allen anderen vor ihm.
Er würde wahrscheinlich nicht ständig Remmidemmi machen. Höchstens New Age Musik hören oder so was.
Also führte ich ihn rum und zeigte ihm das Wohnzimmer, das Badezimmer und die Küche. In jedem Zimmer stand er mit den Händen in den Taschen gleichgültig herum und zuckte mit den Schultern. In der Küche wollte ich ihn dann doch in ein Gespräch verwickeln, um überhaupt etwas aus ihm herauszubekommen. Vor allem musste doch zu erfahren sein, wieso er sich auf Hinnaaks ungewöhnliche Anzeige hin gemeldet hatte, was ich äußerst merkwürdig fand.
“Möchtest Du was trinken?” fragte ich Apfelbaum.
“Jo, super.” sagte er. “Hast Du chilenischen Yukobeerentee?”
“Yukobeere?” wiederholte ich. “Davon hab ich noch nie gehört. Nein, ich fürchte, als Tee hab ich nur eine Früchtemischung.”
“Was sind denn das für Früchte?”
“Weiß nicht. Alle Möglichen.”
“Auch Yukobeere?”
“Keine Ahnung, aber ich kann ja mal nachgucken.” sagte ich und nahm die Packung mit den Teebeuteln aus dem Schrank um den Text mit den Zutaten zu suchen, während Apfelbaum sich auf einen der Küchenstühle setzte. Von chilenischer Yukobeere stand erwartungsgemäß allerdings nichts drauf.
“Kann ich nicht finden.” sagte ich bedauernd.
“Ist egal. Mach man.” meinte Apfelbaum von seinem Platz.
Während ich Wasser auf den Herd setzte, dachte ich über diese ominöse chilenische Yukobeere nach, die Apfelbaum haben wollte. Aus Chile kamen doch eigentlich hauptsächlich Gewürze, soweit mir bekannt war.
Als es im Kessel anfing zu brodeln, dröhnte das Telefon über den Flur. Apfelbaum zuckte zusammen, dass er fast vom Stuhl fiel.
“Alder, ist Dein Telefon laut.” sagte er mit gepresster Stimme. “Da denkt man ja, die grüne Minna rückt an.”
“Ich muss da kurz rangehen. Warte mal eben. Wenn der Kessel anfängt zu pfeifen, kannst ihn vom Herd nehmen und schon mal in die Tassen gießen, in Ordnung?”
“Jo, ich weiß schon, wie man Tee macht.”
“Dann bin ich ja beruhigt.” sagte ich noch und schloss die Tür hinter mir, damit das Kesselpfeifen beim Telefonieren nicht stören konnte.
“Petersen.” sagte ich in den Hörer, während es im gleichen Moment an der Tür klingelte.
Verdammt noch mal, zerreißen konnte ich mich auch nicht.
“Hallo Mick, ich bin es.” hörte ich die Stimme meiner Mutter. “Endlich erreiche ich Dich, hör mal. Geht es Dir denn gut?”
“Ja Mama. Mir geht es gut.” antwortete ich. “Aber warte mal kurz, es hat gerade an der Tür geklingelt.”
Schnell legte ich den Hörer hin. Irgendwas hörte ich sie noch sagen, aber da war ich schon auf dem Weg zur Tür. Als ich sie geöffnet hatte, stand vor mir eine zierliche Gestalt in einem sehr engen hellblauen Kostüm.
“Hallo, Du bist Mick, oder? Wir hatten telefoniert, ich bin Janine.” sagte sie mit dem zarten Stimmchen, das ich auf Anhieb wiedererkannte.
“Ja, stimmt. Janine. Du, hör mal, ich hab jemanden am Telefon, könntest Du kurz im Wohnzimmer Platz nehmen?”
“Klar, kein Problem.” lächelte sie.
Höflicherweise geleitete ich sie natürlich ins Wohnzimmer und konnte mir einen Blick auf ihren runden, knackigen Hintern nicht verkneifen. Wie alt mochte sie wohl sein? Mitte zwanzig? Konnte hinkommen.
Sie sah sich ein bisschen um, ich versicherte ihr schnell, bald wieder da zu sein und sprintete zum Telefon zurück.
So was soll einer managen können!
“So, bin wieder da.” sagte ich in den Hörer. “Was ist denn los?”
“Was los ist? Ich versuch Dich schon seit Tagen zu erreichen. Aber Du warst nie da oder es war besetzt. Und einmal hat dieser Erik einfach aufgelegt. Du solltest mich doch zurückrufen! Und vor allem, was ist denn das für eine Anzeige mit Deiner Telefonnummer in der Zeitung?”
Ach Du Scheiße! dachte ich.
“Was machst Du eigentlich für komische Sachen?” zeterte meine Mutter und ich setzte mich geschockt erst mal auf den Fußboden.
“Nein, es ist schon in Ordnung.” versuchte ich sie zu beruhigen.
“Was ist in Ordnung? Sollte das etwa ein Scherz sein? War das Dein Mitbewohner Erik? Findet der so was witzig?”
“Ja schon, aber das war nicht der Grund. Wir wollen einen dritten Mitbewohner aufnehmen und Erik hat deswegen eine Anzeige aufgegeben, das ist alles.”
“Und warum so ein komischer Text?”
“Er dachte, so könnten sich mehr Interessenten melden.” sagte ich verächtlich.
“Mit dieser Anzeige wollt ihr also Interessenten für einen weiteren Mitbewohner anlocken?” fragte meine Mutter mit einem ungläubigen Unterton. “Ist das die Wahrheit?”
“Ja, was denn sonst?”
“Na ja… …Warum sucht Ihr überhaupt einen Mitbewohner?”
“Weil… …Wir haben doch das leere Zimmer. Wäre doch praktischer, es auch zu vermieten, oder? Warum sollen wir es nur leerstehen lassen?”
“Ich hab ja von Anfang an gesagt, die Wohnung ist viel zu groß.”
“Da hast Du Recht gehabt.” sagte ich erleichtert, das heikle Thema erledigt zu haben. Dann fiel mir ein, dass ja Janine im Wohnzimmer auf mich wartete.
“Hör mal, ich hab grade Besuch im Wohnzimmer.” sagte ich schnell. “Der wartet.”
“Also gut. Komm doch morgen zum Essen zu mir. Das hast Du nämlich auch schon ein paar Wochen nicht mehr gemacht und das wollen wir ja nun nicht vernachlässigen, nicht wahr, Mick?”
“Ja, ist gut.” sagte ich ungeduldig. “Ich muss jetzt Schluss machen.”
“In Ordnung, aber wehe, Du kommst nicht.” sagte meine Mutter schelmisch.
Darüber lachte ich kurz pflichtbewusst, versicherte ihr, auf jeden Fall morgen Mittag bei ihr zum Essen zu erscheinen, verabschiedete mich und sprintete schnell ins Wohnzimmer, wo Janine auf dem durchgesessenen Sofa saß und die Beine so verführerisch übereinandergeschlagen hatte, wie ich es seit Basic Instinct nicht mehr gesehen hatte.

*

“< Wir suchen nur einen Mitbewohner. >” wiederholte Ursula Petersen halblaut Micks Worte, nachdem sie aufgelegt hatte. “Das glaubt der doch selber nicht. Und wenn er Geldsorgen hätte, könnte er immer zu mir kommen. Das weiß er ja auch. Nein, irgendwas ist da im Busch. So lange, wie er mir keine Freundin mehr vorgestellt hat…”
Sie stand auf und lief nachdenklich im Wohnzimmer herum.
“Da muss ich was tun.” sprach sie und sah fest entschlossen und nachdenklich aus dem Stubenfenster, das ihr einen angenehmen Panoramablick über ihr Grundstück und den großen Fluss bot, der sich am Horizont entlangschlängelte.

*

Meine Idee, Janine aus der Hausbar etwas zu trinken anzubieten, zerfiel zu Staub, als ich nach dem Eintreten und bevor ich ein Wort hatte sagen können, sah, was sie für ein Heft in der Hand hielt, in dem sie gleichmütig blätterte.
“Da bist Du ja.” empfing sie mich und sah mich freundlich mit strahlenden blauen Augen an.
“Ja… …Ich hoffe, es hat nicht zu lange gedauert.” sagte ich verlegen.
“Ach nein. Ich hatte hier was Anspruchsvolles zu lesen.” antwortete sie und hielt mir das Heft entgegen. Es war Beate Uhses Lack-&-Leder-Katalog. Auf dem Deckblatt war ein Typ in so einer Art Taucheranzug mit Halsband abgebildet. Die Leine, die am Halsband endete, hielt eine Frau in der Hand, die komplett in rotem Latex gekleidet war. Vorne an den Titten hatte sie Stacheln und in der anderen Hand eine Siebenschwänzige Katze.
“Die lag hier in der Sofaritze.” sagte sie. “Hast Du noch mehr davon?”
“Ähm, nein. Die gehört meinem Mitbewohner.” sagte ich peinlich berührt.
Hinnaak! Der konnte einem echt alles verkacken.
“Geben Sie mal her.” sagte ich, griff mir das Schmuddelmagazin, ging zu Hinnaaks Zimmertür und schmiss es, wütend darüber, dass ich es beim Aufräumen übersehen hatte, mit voller Wucht hinein.
Hinnaaks Krempel konnte man überall wiederfinden. Einmal waren mir beim Aufhängen von frisch gewaschener Bettwäsche Handschellen auf die Füße gefallen. Als ich sie Hinnaak am Abend gezeigt hatte, hatte er nur < sind meine > gesagt und sie in sein Zimmer getragen. Seitdem hatte ich sie Gott sei Dank nicht wieder gesehen.

Auf dem Rückweg ins Wohnzimmer kam Janine mir auf halber Strecke entgegen, so dass ich schon dachte, die einzige Interessentin, die mir in Ordnung vorkam, mit Hinnaaks Lieblingslektüre vergrault zu haben.
“Ich hab gerade Mittagspause und noch nichts gegessen.” sagte sie statt dessen. “Hier in der Nähe kenne ich aber ein nettes Lokal, wo ich oft mittags hingehe. Was hältst Du davon, wenn wir uns da weiter unterhalten? Meine Firma vergibt immer Essensgutscheine an die Angestellten, die werden in dem Lokal angenommen und würden für uns beide reichen.”
“Das ist eine tolle Idee.” sagte ich begeistert. Von so einer hübschen jungen Frau zum Essen eingeladen zu werden, beschämte mich zwar ein bisschen, aber da ich wegen der chronischen Geldknappheit nicht all zu oft auswärts essen gehen konnte, nahm ich diese Gelegenheit gerne an. Außerdem gefiel mir der Gedanke, mit so einer Frau in der Öffentlichkeit gesehen zu werden, auch ein bisschen. Sie war zwar nicht so strahlend schön, wie die neulich vor der Bäckerei, trotzdem hatte sie ein nettes Gesicht, ein freundliches Lächeln und Augen, in denen man sich verlieren konnte, wenn man es mal poetisch ausdrücken wollte. Und mal ganz und gar abgesehen von dem Fahrgestell, das Hinnaak wahrscheinlich ungeniert minutenlang anstarren würde.
“Soll ich Dir nicht vorher das Zimmer zeigen, damit Du es schon mal gesehen hast?” fragte ich.
“Nein danke. Wenn Du mir alle Daten nennen kannst, werde ich mir schon ein Bild machen können. In den letzten Tagen bin ich in so vielen Wohnungen ein und aus gegangen, dass ich dieses Zimmer sowieso gleich wieder vergessen würde.”
“Also gut.” sagte ich und zog mir meine Schuhe an. “Wenn Du willst, können wir gehen, ich bin soweit.”

Wir gingen zum La Vita È Bella, einem kleinen italienischen Restaurant, das eigentlich mehr etwas für verliebte Pärchen war als für Einzelgäste, die sich schnell eine Pizza reinhauen wollten, weil sie auf McDonald’s heute keinen Bock hatten. Es lag etwas außerhalb der Innenstadt und befand sich versteckt in einer Gasse zwischen zwei Wohnhäusern, an deren Rückseite die Hauptstraße verlief. Entsprechend war es vor den Fenstern des Lokals angenehm ruhig.
Dass hier Geschäftsleute ihre Mittagspause verbringen würden, hätte ich nicht gedacht. Das waren ja fast irische Verhältnisse, bei denen in den Mittagspausen nadelstreifenanzugtragende Büroleute in die Pubs strömten, um dort Guinness und Kilkenny zu trinken.
“Ich bin recht oft hier.” sagte Janine, als wir hineingingen und in die halbdunkle, angenehm ruhige Atmosphäre eintauchten, die im Inneren herrschte. “Weil es hier meistens schön ruhig ist. Man kann sich auch etwas abseits setzen, wenn man ein bisschen am Laptop arbeiten muss.”
“Was machst Du denn beruflich?” fragte ich sie, während wir uns an einen Tisch in der Mitte des Raumes setzten.
“Hauptberuflich bin ich Verkäuferin bei Style.” sagte sie und quittierte nebenbei mit einem freundlichen Lächeln den Gruß des Kellners, der ihren Vornamen mit einem italienischen Kompliment verbunden hatte.
Style, soviel wusste ich selbst, war ein Bekleidungsgeschäft in der Fußgängerzone. Drin gewesen bin ich noch nie, schließlich gab es da nur Damenwäsche und darin gefalle ich mir nicht besonders.
“Es wäre doch ein guter Verkaufsschlager, wenn in allen Teilen bei der Größenbezeichnung die 36 stehen würde, oder?” fragte ich und grinste. Der Kellner legte im Vorbeigehen zwei Speisekarten auf den Tisch und verschwand eiligst wieder, obwohl Janine und ich die einzigen Gäste im ganzen Lokal waren.
“Du sagtest, hauptberuflich bist Du Verkäuferin?” fragte ich, während ich die künstlich vergilbten Blätter der geschmackvollen, ledergebunden Speisekarte betrachtete. “Machst Du noch was nebenberuflich?”
Sie zögerte einen Moment und warf mir einen kurzen, nachdenklichen Blick über die Karte hinweg zu.
“Ja, ich mache in Kaviar und Champagner.” sagte sie schließlich
“Ach, Du meinst Partyservice?” fragte ich interessiert.
“Ja. Service. Genau.”
“Kenn ich, ein Bekannter von mir macht das auch.” sagte ich und klappte die Karte zu, nachdem ich mich für eine Mozzarellapizza mit Basilikum entschieden hatte.
“Tja, ist wohl im Moment auch ziemlich gefragt.” meinte Janine nachdenklich und legte ebenfalls ihre Karte weg, in die sie vermutlich nur formhalber hineingesehen hatte. Schließlich dürfte sie die Karte kennen, wenn sie öfter hier war.
Nachdem wir bei dem höflichen und Janine gegenüber äußerst freundlichen Kellner unsere Bestellungen aufgegeben hatten, fiel mir eine Frage ein, die mich ein paar Minuten lang wirklich ernsthaft beschäftigte.
“Sag mal, wenn Du also zwei Jobs hast, wieso willst Du dann ein einzelnes Zimmer beziehen, wenn Du Dir doch sicher eine ganze Wohnung leisten könnest?” fragte ich schließlich vorsichtig.
“Um ehrlich zu sein, soll das Zimmer nur eine Übergangslösung für mich sein.” antwortete sie. “Ich bin nämlich grade dabei, mich von meinem Freund zu trennen. Dem wurde das mit meinen beiden Jobs allmählich zu viel. Vor allem mit dem zweiten.”
Das war perfekt! Erstens hatte ich bei ihr persönlich ein gutes Gefühl und wenn es tatsächlich nötig werden würde, einen weiteren Mitbewohner aufzunehmen, sollte es am besten sowieso nur eine Übergangslösung sein. Wenn wir also einen anderen Weg gefunden haben würden, das Geldproblem zu lösen, würde sie sich von alleine verziehen und wir hätten wieder Ruhe im Herrenhaus. Klasse! Das würde ich nur noch Hinnaak verkaufen müssen. Aber ich war sicher, dass er bei der Vorstellung, mit einer solchen Spitzenpeppun zusammenwohnen zu können, die außerdem noch Single war, nicht mal mehr < Help me, Rhonda! > würde sagen können.
Während ich völlig verzückt über diese günstige Wendung des Schicksals sinnierte, kamen unsere Pizzen und während wir aßen unterhielten wir uns über alles Mögliche. Janine kam ursprünglich aus dem Süden und hatte dort angefangen, Modedesign zu studieren, als sie irgendwann auf einer Party einen schnieken Hanseaten kennengelernt hatte, der geschäftlich in der Gegend zu tun gehabt hatte und yada-yada-yada vier Monate später war sie zu ihm gezogen, was jetzt schon drei Jahre her war. Weil sie aber hier nicht mehr studierte, wollte sie ihre Kreativität anders umsetzen und arbeitete seitdem zweigleisig, was ihrem Freund mehr und mehr missfiel und er schließlich forderte, dass sie ihren zweiten Job, den mit dem Partyservice, aufgab, damit sie mehr Zeit mit ihm verbringen konnte. Weil sie erstens zu beschäftigt und zweitens zu selbstbewusst war um überhaupt nur über diese Forderung zu lachen, hatte sie ihn ignoriert und war frecherweise einfach weiter ihren Weg gegangen, bis ihr Freund mit der Absicht, ihr zu zeigen, was sie für eine Schlampe war, ein ganzes Monatsgehalt darauf verwendet hatte, seiner Sekretärin ein nettes Wochenende zu zweit in Kitzbühel zu bereiten. Das war letztes Wochenende gewesen und Janine hatte daraufhin beschlossen, lieber ausziehen zu wollen, auch damit er sich mit seiner Sekretärin künftig würde amüsieren können, ohne sich dabei Lügengeschichten ausdenken zu müssen, was ja irgendwie aufs Gemüt schlagen könnte und dafür wollte sie nicht verantwortlich sein. Nun hatte sie im Blatt unsere Anzeige gesehen und sie originell genug gefunden, sich mal zu melden und weil sie mit ihrem Freund sowieso nur noch am Streiten war, hatte es ihr gar nichts ausgemacht, dass ich mich am Telefon so barsch gemeldet hatte.
Schließlich befragte sie mich zu ein paar Einzelheiten der Wohnung und ich sagte ihr, was ich wusste.
“Mit Parkblick? Das gefällt mir aber.” sagte sie begeistert.
“Ach, ich leg auf so was nicht allzuviel Wert.” meinte ich. “Mein Zimmer liegt zur anderen Seite raus.”
“Stören Dich da nicht die Autos?”
“Es gibt ein Auto, das mich stört, aber das hört man selbst im Keller.”
Der Kellner kam und räumte die leeren Teller ab. Janine bezahlte das Essen mit ein paar Gutscheinen, die sie aus ihrer Handtasche holte.
“Es wird Zeit für mich.” sagte sie nach einem Blick auf ihre Armbanduhr. “Ich muss zurück ins Geschäft.”
“Dann bedanke ich mich herzlich für die Einladung.” sagte ich und stand ebenfalls auf. “Es war schön, dass wir uns ein bisschen unterhalten konnten. Ich muss noch mit meinem Mitbewohner sprechen, bevor wir eine Entscheidung fällen, aber wenn sich nichts Anderweitiges ergibt, denke ich, können wir Dir das Zimmer geben. Allerdings muss ich vorher noch einiges mit den Behörden abklären.”
“Ja, das ist immer so.” antwortete sie verständnisvoll. “Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare.”
Darüber musste ich lachen, was aber glücklicherweise nicht ruhestörend wirkte, weil wir just in diesem Moment durch die Eingangstür hinaus wieder ans Tageslicht traten und das nette kleine Lokal hinter uns ließen.
“Ich geb Dir mal meine Handynummer.” sagte Janine und zückte ein griffbereites Kärtchen aus der Tasche. “Dann kannst Du mich jederzeit anrufen.”
“Okay, prima.” sagte ich und steckte das edel aussehende, mit goldener, geschwungener Schrift bedruckte Kärtchen ein.
Wir schlugen denselben Weg ein, weil ich es anständig fand, sie bis zu ihrem Geschäft zu begleiten. Außerdem war wieder schönes Wetter und ich war in einer zu guten Stimmung, als dass ich darauf aus war, in meine Wohnung zurückzukehren und bescheuerte Anrufe von Verrückten ertragen zu müssen, zumal ja jetzt eine Mitbewohnerin gefunden war.
Vor dem Geschäft Style hielten wir an.
“Also Mick.” sagte Janine und gab mir die Hand. “Wäre schön, von Dir zu hören, wenn Du Dich mit Deinem Mitbewohner geeinigt hast. Jedenfalls machst Du auf mich einen anständigen Eindruck, da würde ich mir keine Sorgen machen, in WG mit Dir zu wohnen.”
Angesichts dieses Kompliments lächelte ich geschmeichelt. Bevor ich jedoch etwas erwidern konnte, hatte sie sich bereits umgedreht und das Geschäft betreten.

Gemütlich schlenderte ich an den Geschäften der Fußgängerzone entlang und betrachtete die Auslagen an Sportkleidung, Schuhen oder die mit Wespen übersäten Kopenhagener in der Auslage einer Konditorei. Im Schaufenster einer Bücherei sah ich den neuesten Eschbach, den ich mir kaufen wollte, sobald ich wieder etwas Geld hatte. Seit dem Jesusvideo wartete ich bereits aufs neue Buch, denn das wollte ich auf keinen Fall verpassen.
Durch eine Seitenstraße gelangte man zum Schlossmuseum, das vor ein paar Jahren gründlich restauriert und renoviert worden war und sich das alte denkmalgeschützte Fachwerkhaus somit zu einem interessanten Bauwerk gemausert hatte, das die alte Bauweise mit modernem Ambiente kombinierte und zwischen den dicken alten, mit neuen Stahlträgern gestützten Balken ein hochmoderner gläserner Fahrstuhl fuhr, der die oberen Stockwerke, in dem sich eine gut sortierte Leihbücherei befand, mit den mittleren Etagen, die ein Museum enthielten und mit dem Erdgeschoss, in dem ein nettes kleines Café war, verband. Für die Leihbücherei hatte ich zwar einen Mitgliedsausweis, aber ich lieh nur selten Bücher aus, weil ich ungern unter Zeitdruck las. Außerdem gefiel mir der Gedanke nicht, dass irgendjemand vor mir dieses Buch vielleicht mit auf der Toilette gehabt hatte.
In dem Museum selbst konnte man sich die Geschichte der traditionellen Handwerksberufe ansehen. Die alten Zünfte wie Blaumacher, Fellgerber, Glasbläser und Schmied waren hier sehr lehrreich und interessant dargestellt.
Und in dem Café unten hatte ich schon ein paar Mal mit einem Buch gesessen und auf Hinnaak gewartet, der irgendeinen Zivildienstbehördengang erledigen musste.
Vor dem Schlossmuseum stand ein Schild, das Vorbeigehende wie mich auf eine aktuelle Ausstellung hinwies.
Für kurze Zeit würde auf der gesamten zweiten Ebene die Geschichte der Stadt in Schaubildern, alten Dokumenten und mit Puppen nachgestellten Szenen veranschaulicht werden.
Die Geschichte meiner kleinen Stadt! Das musste ich mir ansehen!
Die Ausstellung zur Handwerksgeschichte gab es nun schon seit ein paar Jahren und ich hatte sie auch des Öfteren besucht. Mal was Neues sehen zu können, versetzte mich in freudige Aufregung. Diese Ausstellung würde ich jetzt einfach spontan mitnehmen, das war auch etwas, worüber ich mich morgen mit meiner Mutter würde unterhalten können.
So betrat ich also das Museum, bezahlte die 2,50 Euro Eintritt und verbrachte die nächsten eineinhalb Stunden damit, höchst faszinierende Eindrücke über den wirtschaftlichen und politischen Werdegang meiner Stadt zu gewinnen.

Es war ein herrlich frühlingswarmer Tag gewesen, ein Tag zum Prinzen zeugen, wenn man die passende Königin dafür hatte. Jetzt allerdings trat ich aus dem Schlossmuseum in ein Sonnenlicht, das schon etwas deutlicher aus dem Westen kam und leicht verlängerte Schatten auf die kopfsteingepflasterte Straße warf. Bald würde in der Fußgängerzone der Feierabendverkehr einsetzen, in den ich nicht gerne geraten wollte, weil man dann kaum drei Schritte geradeaus machen konnte, ohne dass einem einer querkam.
Das Wetter war so gut, dass ich nicht mal die Lust verspürte, mich zu Dieter zu setzen, was selten vorkam. Also machte ich mich gemächlich auf den Weg nach Hause, nahm einen kleinen Umweg in Kauf, um an dem Italiener vorbeizukommen, der das beste Erdbeereis der ganzen Stadt verkaufte und freute mich darauf, mich zu Hause auf mein Bett zu legen und in einem Buch zu schmökern. Schließlich war ich ja auch ein paar Stunden auf den Beinen gewesen und entsprechend atmeten meine Füße auf, als ich endlich die Schuhe in die Ecke feuern konnte und auf Socken in mein Zimmer ging, um dort vor dem Bücherregal stehen zu bleiben.
Quasi spontan fiel mir Das Spiel von Stephen King ins Auge. Das hatte ich schon lange nicht mehr gelesen. Mir gefiel am besten das letzte Kapitel, in dem in einem Brief der Hauptfigur die Untaten von Raymond Joubert beschrieben werden. Das ist echt thrill.
Als ich es allerdings aus dem Regal nahm, fiel mein Blick auf einen alten Playboy, das wohl hinter all die Bücher gerutscht sein musste. Das Titelbild zeigte alle Playmates aus dem Jahre 1995, was für mich als Wichser ein verdammt gutes Jahr gewesen war, unter uns gesagt. Da legte ich das Buch erstmal weg und machte es mir mit dem Heft gemütlich, um es etwas genauer anzusehen und in alten Erinnerungen zu schwelgen.
Ungefähr eine Viertelstunde später überkam mich starker Durst. Keine Wunder, schließlich war ich längere Zeit unterwegs gewesen und nach Pizza bekam ich immer Durst.
Meine Hose zurechtziehend lief ich zur Küche und nahm mir vor, mir im Wohnzimmer gleich einen Film reinzuziehen. Dabei würde ich den Hörer neben dem Telefon liegen lassen, um nicht weiter gestört zu werden. Auf weitere Anrufe konnte ich verzichten und eine Mitbewohnerin, sollten wir wirklich eine brauchen müssen, war sowieso gefunden. Zufrieden öffnete ich die Küchentür und freute mich auf einen schönen Kakao und einen ruhigen Nachmittag vor dem Fernseher.
“Der Tee ist fertig.” sagte Apfelbaum.
Die Küche war erfüllt von nebligen, bläulichen Rauchschwaden. Auf dem Tisch lag ein Tabaksbeutel und daneben eine kleine Plastiktüte mit grünen Kugeln drin.
“Der schmeckt wirklich gut.” fuhr Apfelbaum fröhlich fort. “Ich glaub fast, da sind doch Yukobeeren drin, weißt Du?”
Wie erstarrt stand ich in der Tür und rang nach Worten. Dass der Typ hier saß, hatte ich total vergessen! Da war Janine gekommen, meine Mutter hatte angerufen und irgendwie hatte ich total verschwitzt, dass dieser Hippie hier noch saß und darauf wartete, dass ich zurückkam.
Verdammte Scheiße, der hätte die ganze Bude leerräumen können!
Stattdessen hatte er hier gesessen und Joints geraucht.
“Ich hab Dir auch einen eingeschenkt.” sagte Apfelbaum und zeigte auf einen Becher, der fein säuberlich auf einem Untersetzer auf dem Tisch stand.
Noch immer rang ich nach Worten und konnte in der cannabisverräucherten Luft kaum atmen.
“Danke.” sagte ich bloß, nahm den Becher in die Hand und sagte zu mir selbst: “Ist längst kalt.”
“Ja, macht aber nichts, Tee muss ein bisschen ziehen.” hörte ich Apfelbaum sagen, während ich würgend zum Fenster marschierte und es sperrangelweit aufriss. Als ich die frische Luft atmete, wurde ich wütend auf Hinnaak. Das war doch alles nur wieder passiert, weil er sein komisches Heft im Wohnzimmer hatte rumliegen lassen. Damit hätte er nicht nur Janine vergraulen können, jetzt war es dazu gekommen, dass dieser Hippie in meiner Küche verdammtes Gras geraucht hatte!
“Ich hab mir überlegt, das Zimmer nicht haben zu wollen.” hörte ich Apfelbaum sagen. “Ich empfange irgendwelche negativen Schwingungen.”
“Hast Du nicht vorhin noch gesagt, Du würdest positive Schwingungen empfangen?” fragte ich gereizt.
“Ja, aber das hat sich im Laufe der Zeit irgendwie verändert. Außerdem hast Du ein komisches Karma. Erinnert mich an die Ziege, die ich früher mal hatte.”
Das wird ja immer besser. dachte ich genervt. Sieh lieber zu, dass Du verschwindest, sonst mach ich noch Kleinholz aus dem Apfelbaum.
“Die hat immer alle gebissen. Sogar meine besten Kumpels.”
“Du hattest also eine Ziege?” fragte ich desinteressiert.
“Ja, hatte ich mal beim Kartenspielen gewonnen.”
“Wo gewinnt man denn eine… …Na, egal. Möchtest Du vielleicht noch was trinken, bevor Du gehst?”
“Muckefuk.”
Ja, werd man noch frech, Du Kiffer!” schrie ich ihn an.
“Wieso, Mann. Muckefuk!” sagte Apfelbaum geduldig. “Das ist eine Art Kaffee. Aus Körnern.”
“Ach so. Nein, sowatt hebb ick nich.”
“Na gut, denn geh ich mal. Das ist mir hier alles viel zu negativ. Wie meine Ziege.”
Gemächlich erhob er sich, nachdem er sein Hab und Gut eingepackt hatte. Er schritt so langsam und gemütlich den Flur hinunter, dass ich ihm am liebsten einen Arschtritt verpasst hätte. Vor der Wohnungstür drehte er sich noch mal um und verabschiedete sich mit dem Peace-Zeichen. Kommentarlos warf ich die Tür zu und machte erstmal alle Fenster auf.

Vor dem Fernseher fiel mir mein geplanter Zurück in die Zukunft-Marathon wieder ein und dass ich die Kassetten vorhin bei Dieter hätte mitnehmen können, wenn ich denn hingegangen wäre. Egal, zu spät.
Also zog ich mir die Sitcoms rein und nahm mir für heute Abend vor, noch mal bei Dieter vorbeizuschauen, bei ihm eine Dr. Pepper zu trinken (obwohl er mir einen Schluck Sekt anbieten würde) dann Zurück in die Zukunft I – III auszuleihen und sie mir mit einer Tüte Chips und einer Flasche Afri in den Kopf zu hauen.
Vielleicht würde mich das ja wieder aufbauen, so niedergeschlagen wie ich war.

Am späten Nachmittag klingelte es dann doch noch mal an der Tür. Das Schrillen der Türglocke ließ mich aufschrecken, denn ich war schließlich doch noch zum Schmökern gekommen, als sich herausgestellt hatte, dass alle Fernsehsender darauf beharrten, zu dieser Stunde nur Scheiße senden zu wollen, und war dabei leicht eingenickt
Vielleicht die Post, dachte ich hoffnungsfroh. Manchmal kamen Pakete zu den unmöglichsten Stunden. Meine Hoffnungen zerbrachen allerdings, als ich durch den Spion sah, dass vor der Tür ein kleiner schmächtiger Wurm mit Hornbrille und gelben Zähnen stand. Er trug eine abgewetzte Lederjacke und sah ganz so aus, als würde er Unterwäschekataloge sammeln.
Mir war klar, wenn ich nicht öffnete, würde der Typ wiederkommen. Also gab es kein Entrinnen.
Wenn der mir dumm kommt. dachte ich voll angesäuerter Bitterkeit. Wenn der mir dumm kommt, feuer ich dem eine, dass er sich nie wieder ans Tageslicht traut.
Allmählich hatte ich die Schnauze voll von kleinen perversen Spinnern. Außerdem hasste ich es, von der Türklingel geweckt zu werden.
Mit der Absicht, den Kerl so schnell wie möglich loszuwerden, riss ich die Tür auf, dass er regelrecht zusammenzuckte und mich mit einem unsicheren Grinsen begrüßte.
“Und? Was für Neigungen hast Du?” fuhr ich ihn an.
“Hö hö.” macht der schmächtige Wurm. “Mit so viel Offenheit hatte ich dann doch nicht gerechnet.”
“Ja, aber wir sind hier alle so. Jetzt erzähl.” drängelte ich. Er roch nämlich auch komisch und ich wollte lesen.
“Ich wollte mich nach der Wohnung erkundigen.”
“Das war mir schon klar. Aber das ist keine Antwort auf meine Frage.”
“Hö hö. Ich wollt mal wissen, ob ich die Wohnung auch nur am Wochenende nutzen könnte.”
“Und wieso?”
“Naja, bei mir zu Hause hat meine Mutter was dagegen, wenn so viele Leute immer kommen, hö hö.” Er bleckte die gelben Zähne und grinste mich an.
“Was passiert denn, wenn so viele Leute kommen?”
“Das wüsste meine Mutter auch gern. Sie soll es aber nicht herausfinden. Deshalb suche ich ein Zimmer für unsere… …na ja, für unsere Wochenendorgien.”
“Wochenendorgien?” wiederholte ich ungläubig.
“Ja, man holt sich ein paar Leute, möglichst viele natürlich, möglichst zu gleichen Teilen männlich und weiblich… …Du kennst das doch sicher.”
“Sicher.” nickte ich verständnisvoll.
“Und dafür suche ich ein Zimmer.” beendete er stolz seine Erklärung.
“Dafür suchst Du also eine Zimmer?”
“Ja, das ist am einfachsten.”
“Nein, das einfachste wäre, Du erzählst es Deiner Mutter. Vielleicht will sie dann sogar mitmachen.” Mit diesen Worten knallte ich die Tür zu. Nach ein paar Sekunden hörte ich im Flur noch ein “Hö hö”.
Mit schnellen Schritten eilte ich ins Wohnzimmer zurück und vergrub mich unter Sofakissen.
Dort blieb ich, bis irgendwann später mein geschätzter Mitbewohner nach Hause kam, dem ich einen so abenteuerlichen und abwechslungsreichen Tag zu verdanken hatte.

*

Wortlos sah Mick seinen Mitbewohner an und hoffte zumindest auf einen fadenscheinigen Ansatz einer Entschuldigung für den unwahrscheinlich dämlichen Anzeigentext.
“Von den Pornoleuten hättest Du Dir wenigstens die Telefonnummer geben lassen können.” sagte Erik entrüstet.
“Ach, das ist wieder alles, worauf Du geachtet hast, ja?”
“Na, so schlimm wird’s schon nicht gewesen sein, Dörte.”
“Ich hab Dir doch grade erzählt, was hier alles für Hornochsen gewesen sind. War das etwa nichts?”
“Also so schlimm waren die doch gar nicht, ich kenn da ganz andere Leute.”
“Dass Du die kennst, glaub ich Dir aufs Wort.” verkündete Mick gereizt. “Eins sag ich Dir, morgen kannst Du Dich mit denen abgeben.”
“Au ja!”
“Aber ich pass auf, das sag’ ich Dir. Nicht dass Du mir hier irgendwen einen Mietvertrag unterschreiben lässt. Die Auswahl treffe ich und die beste Wahl ist sowieso bis jetzt Janine. Wenn morgen nicht Natalie Portmann ankommt und bei uns einziehen will, werde ich sie anrufen und ihr sagen, dass sie das Zimmer haben kann.”
“Und wieso?”
“Weil sie einen ganz netten Eindruck auf mich gemacht hat. Und weil sie mir als Einzige nicht total versaut vorkam.”
“Ja, weil Du keine Ahnung hast, mein Süßer.” meinte Erik amüsiert.
“Wovon hab ich keine Ahnung?”
“Na von der ganzen Szene.” sagte Erik bedeutungsvoll.
“Kannst Du vielleicht mal Klartext reden, Hinnaak? Du weißt, so was geht mir auf die Eier.”
“Kaviar und Champagner, Mann!”
“Und weiter?!”
“Champagner wird in der Szene auch als Natursekt bezeichnet. Geh doch mal zu Dieter in die Pornoecke, da wirst Du dann sehen, was Deine vernünftige, nicht-perverse Janine nebenberuflich macht.”
“Du meinst…” fing Mick an.
“Ja.” sagte Erik.
“Oh Scheiße!” entfuhr es Mick, als er das Gesicht in den Händen vergrub und angewidert daran dachte, Janine die Hand gegeben zu haben.
“< Oh Kaviar! > wolltest Du doch wohl eher sagen, was?” sagte Erik und fing lauthals an zu lachen.
“Also doch nichts.” gab Mick gequält von sich. “Nicht ein anständiger Interessent.”
“Von Janine bist Du jetzt scheinbar auch nicht mehr allzu begeistert.” stellte Erik fest, nachdem er sich beruhigt hatte.
“Nein, jetzt nicht mehr. Nicht bei ihrem Beruf.”
“Also, ich finde, jeder sollte beruflich das tun, was er am besten kann.” sagte Erik frei heraus.
“Was, bist Du jetzt so ein bekackter Marxist oder was?” rief Mick genervt.
“Wieso? Was ist denn bitte ein Marxist?”
“Geh doch in Dieters Pornoecke, vielleicht findest Du da eine Antwort!”
Mick griff nach der Fernbedienung auf dem Couchtisch und schaltete den Fernseher ein. Erik erwiderte nichts mehr und so folgten beide der Sesamstraße, die gerade lief und ein Graf Zahl/Denkedran-Jost-Crossover zeigte, in dem der Graf zählte, was Denkedran schon alles vergessen hatte.
Irgendwann stand Erik auf und ging ins Badezimmer, um seine heilige Waschung abzuhalten. Mick folgte dem Anschlussprogramm, was aus dem Sandmännchen bestand und ihn daran erinnerte, dass es ihn früher, als er noch klein war, immer wieder enttäuscht hatte, dass es am Wochenende kein Sandmännchen gab. Aus irgendeinem Grund haben die das immer nur in der Woche ausgestrahlt. Gerade, als Mick ausprobieren wollte, ob er den Liedtext fehlerfrei mitsingen konnte, klingelte es an der Tür und zwang ihn, weil Erik noch dabei war, dem Wasserverbrauch von Las Vegas Konkurrenz zu machen, den Versuch abzubrechen und aufzustehen.
Draußen stand ein blasser, rothaariger Jugendlicher in einem schmuddeligen No Ma’am-Shirt.
Auf dem Arm trug er eine Katze…
Da knipste sich in Micks Verstand ein Licht aus. Den ganzen Tag hatte er Satanisten, Oma-Boys, Tunten, kiffende Hippies und Orgien-Fans ertragen müssen; zu guter Letzt hatte sich selbst die Anständigste unter ihnen noch als Perverse entpuppt und nun das!
Mit einem Mal entlud sich der angestaute Frust des ganzen Tages und er schrie, dass es von den Wänden widerhallte:
Das kann doch nicht angehen, was?! Verpiss Dich, Du Drecksack! Für jemanden wie Dich haben wir hier keinen Platz! Hier wohnen anständige Leute! Mach’ mal ‘ne Therapie, Du perverse Sau!
Mit diesem Worten knallte Mick die Tür zu, dass ihm danach angst und bange um die Zarge wurde. Nicht zu glauben, auf was für Ideen die Leute kamen. Die Polizei hätte er rufen sollen!
Wutentbrannt marschierte Mick in die Küche, nahm sich eine Afri aus dem Kühlschrank und setzte sich an den Tisch. Er war zu aufgebracht, um zu trinken, also saß er nur da mit einem Puls von 180 und grollte, bis Erik aus seinem Feuchtbiotop kam.
“Was war denn das eben für ein Krach? Da kann man sich ja gar nicht konzentrieren. Ich musste noch mal von vorne anfangen.”
Was er damit meinte, blieb sein Geheimnis.
“War nur ein weiterer Perverser.” sagte Mick, dem die Sache zu widerlich war, um sie vor Erik zu wiederholen. “Das wird ja immer schlimmer. Mir ist übrigens eingefallen, dass ich morgen eine Weile bei meiner Mutter bin, also gib niemandem die Wohnung, während ich nicht da bin.”
Mick stand auf und griff sich die Flasche.
“Hey, ich bin doch nicht blöde.” protestierte Erik. “So was würde ich doch nicht machen, ohne mit Dir vorher darüber zu reden.”
“Dann ist ja gut. Ich werde mich jetzt abreagieren und ein paar Fatality Moves machen.” sagte Mick und ging zur Tür.
“Gut. Ich will jetzt ein bisschen Musik hören.”
“Okay, mach aber die Tür zu, Mann!”
“Schon klar. Aber wenn mein Fußballkumpel kommt, sag mir Bescheid.”
“Na, wenn es sein muss. Wann kommt er denn?”
“Jetzt demnächst. Er fährt morgen ein paar Tage weg und ich soll auf seine Katze aufpassen, die bringt er mir vorbei. Du sagst mir dann Bescheid, ja?”
Erik drehte sich weg und verschwand in seinem Zimmer. Mick stand mit offenem Mund in der Küchentür und sagte:
“Ups.”

Ursula Petersen saß auf einem ihrer hölzernen Gartenstühle, die sie vor zwei Jahren im städtischen Baumarkt zu einem völlig überteuerten Preis gekauft hatte und stellte ihr Weinglas auf den Tisch.
Es enthielt einen edlen Vino Rosso, den sie nur an einen bestimmten Freundeskreis ausschenkte und zu diesem Kreis gehörte ihre langjährige Bekannte Margarete Westphal. Sie hatten sich kennengelernt, als ihre Kinder zusammen in den Kindergarten kamen. Dort hatten die sich anscheinend ziemlich gut verstanden. Sie hatten immer zusammen gespielt und sich auch außerhalb des Kindergartens getroffen. Eines Abends erzählte der fünfjährige Mick Petersen seiner Mutter, wie hingerissen er von der vierjährigen Angelika Westphal wäre und Uschi hatte lächelnd aufgenommen, dass ihr kleiner Sohn zum ersten Mal verliebt war.
Die beiden hatten ein süßes Pärchen abgegeben und Uschi tat es bis heute leid, dass es aus irgendeinem Grund urplötzlich vorbei gewesen war.
Er hatte nie darüber gesprochen, aber als Mutter hatte sie natürlich gespürt, dass es Mick ganz gewaltig gewurmt haben musste.
Und jetzt, knapp fünfzehn Jahre später, plagte sich die sorgende Mutter Petersen mit dem Gedanken herum, ihr Sohn könnte Schwierigkeiten haben, Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen und deshalb seine Wohnung in ein Sündenpfuhl verwandeln.
Ihr zitterten die Hände, wenn ihr plötzlich diese ganzen Indizien auffielen, die schon längst darauf hingewiesen hatten: Schon länger hatte er keine Freundin mehr mit heimgebracht, noch länger nichts mehr von irgendeinem Mädchen erzählt, das ihm gefallen würde und das Ganze wurde jetzt auch noch durch diese merkwürdige Kontaktanzeige gekrönt.
Sie besann sich auf ihre Pflichten als Mutter und wollte resolut dafür sorgen, dass aus ihrem Sohn kein vierzigjähriger Single oder Bordellbesucher werden würde.
Also hatte sie Margarete angerufen und sie auf ein Glas Wein hergebeten.
Hier saßen sie nun, im Zwielicht der untergehenden Sonne, und unterhielten sich über alte und neue Kamellen, Politik, Waschmittel und Sonderangebote.
Schließlich brachte Uschi das Thema auf die beiden Kinder.
Sie erfuhr, dass Angelika als Rechtsanwaltsgehilfin arbeitete und vor kurzem von zu Hause ausgezogen war. Margarete war der Meinung, dass ihre Tochter zu viel Geld für neue Klamotten ausgab und zuviel Make Up benutzte. Aber das war wohl verständlich, wo sie doch keinen Freund hatte.
Da atmete Uschi auf. Auf diesen Satz hatte sie gehofft.
Dann konnte sie ja jetzt endlich die Einladung zum Essen für Margarete und ihre Tochter Angelika für den morgigen Sonntag aussprechen.
Die beiden würden gerne kommen, versicherte Frau Westphal.
Und Mick auch. dachte Uschi zufrieden.

*

VN:F [1.7.4_987]
Rating: +2 (from 4 votes)
Teilen, empfehlen, speichern: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • MySpace
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Wikio DE
  • YahooMyWeb
  • Y!GG
  • Webnews
  • StumbleUpon
  • Squidoo
  • Reddit
  • Print