Hinnaak war grundsätzlich nie was peinlich. Darum war für ihn der Vorfall von vorhin, der für mich einen Albtraum dargestellt hätte, schließlich war ich vor kurzem erst öffentlich hingeknallt, nicht unangenehmer als ein zusammengeknülltes Stück Papier, das man am Mülleimer vorbeigeworfen hatte.
“Na, was hab ich Dir gesagt?” fragte er plötzlich, als wir die Hauptstraße entlanggingen.
“Was?” fragte ich verwirrt.
“Bei Frauen kann man nie wissen, hab ich gesagt. Und ich hatte Recht.”
Er hatte Recht, denn das Telefongespräch, das Hinnaak nackig neben seinem Handtuch auf dem Flurfußboden liegend geführt hatte, war mit Monika gewesen, die uns mitteilen wollte, dass sich unser Treffen aufgrund unvorhersehbarer Diskrepanzen um eine halbe Stunde nach hinten verschieben würde. Sinngemäß.
Obwohl wir trotzdem spät dran waren, wegen Hinnaaks ausgiebiger Kneipp-Kur-Wäsche, wehrte ich mich entschieden gegen seinen Vorschlag, mit seiner Horrormühle hinzufahren. Und da er von mir erwartete, heute Abend die Freundin seiner Schnecke abzulenken, damit er freies Feld haben würde, war ich in dieser Situation Mister Action und er hatte sich mir zu fügen und zu Fuß mitzukommen. Ein erhebendes Gefühl.

Das Schlösschen war eine urige, gemütliche Kneipe. Das Gebäude war schon ziemlich alt und stand unter Denkmalschutz. Zweistöckig ragte das aus Natursteinen erbaute Haus mit Giebeldach und grob gehauenen Schindeln in den klaren Abendhimmel, der von der untergehenden Sonne strahlend rot erleuchtet wurde. Die Fassade war mit Stuck verziert und zwischen den mächtigen Fachwerkbalken waren vereinzelt kleine Fenster in die dicken Mauern eingelassen worden.
Bei den gegenwärtigen Temperaturen war die schwere Eingangstür zur Abendzeit, also zur Hauptgeschäftszeit, stets weit geöffnet und nach dem Eintreten gelangte man direkt zur kleinen Treppe, die in engen Kurven in den Keller führte, wo die Gaststätte lag.
Es war bereits viertel nach acht, als wir endlich eintrafen. Die beiden Mädels standen vor dem Eingang und tuschelten. Sie sahen genauso aus, wie ich sie mir vorgestellt hatte, weil Hinnaaks Tussis schon immer gleich ausgesehen haben: 1,60 m bis 1,80 m, schlank, dicke Titten und Püppchengesichter, in denen nicht mit Make up gespart wurde.
Sie erspähten Hinnaak schon von weitem und sahen uns erwartungsvoll und giftig zugleich entgegen, während wir uns ihnen näherten.
“Ladies lässt man nicht warten, noch nicht gewusst?” fing die Brünette an.
Hinnaak ging auf sie zu und nuschelte eine Entschuldigung, die mir akustisch entging, weil hinter uns eine Horde Teenies aus dem Eingang heraustobte.
Er stellte uns einander vor. Die Brünette war Monika und die Blonde hieß Gisela. Beide waren Schwesternschülerinnen im städtischen Krankenhaus und ich war Mick Petersen, sein Mitbewohner.
Händeschütteln, freundlich lächeln und rein in die Bude.
Unten empfing uns ein langgestreckter, verwinkelter Raum in gedämpftem Licht. Die Luft war unangenehm stickig und trotz der kleinen offenen Fenster verqualmt.
Hinnaak ging voraus und gezielt im Slalomkurs um die Tische herum, die allesamt besetzt waren, bis auf einen ganz hinten in der Ecke, den er ansteuerte. Er hielt zwar nichts davon, zu reservieren, fand aber trotzdem immer irgendwie einen Platz, was ich nie verstehen konnte. Er grüßte grinsend irgendeinen Zivi-Kollegen aus dem Krankenhaus oder wer weiß woher, der mit einer hageren bleichen Schwarzhaarigen an einem Zweiertisch am Gang saß.
Dann ließ er sich gut gelaunt auf einen der Stühle fallen und winkte nach der Kellnerin, während ich aufgrund der ganzen Atmosphäre hier absolut keine Lust hatte. Monika setzte sich neben Hinnaak, was dieser mit einem breiten Grinsen zur Kenntnis nahm und den Abend dann auch sofort mit irgendeinem öligen Kompliment eröffnete.
Am liebsten wäre ich sofort wieder an die frische Luft gegangen, wo ein normaler Mensch auch atmen könnte. Als hätte ich irgendeinen Anreiz dazu gegeben, steckten sich Hinnaak und die beiden Tussis alle eine Kippe an, ohne nach den Bedürfnissen eines Nichtrauchers zu fragen. Wozu auch?
Obwohl mir ganz und gar nicht danach zumute war, empfand ich Hinnaak gegenüber eine Art absurder Verpflichtung, die mich dazu antrieb, dies hier aushalten zu müssen. Also setzte ich mich auf einen der freien Stühle und Gisela parkte ihren Hintern neben mir.
Auf der abgenutzten Tischplatte spiegelte sich das rote Neonlicht einer amerikanischen Cold-Beer-Reklame, die an der Wand über eingerahmten Fotos von Hollywoodstars und einigen Landschaftsbildern hing. Vermutlich hatten sie einfach nur keine andere Leuchtreklame gefunden, weil das Bier, für das geworben wurde, zwar so süffig war, dass selbst Kröten lernen konnten, den Namen auszusprechen, es hier aber nicht ausgeschenkt wurde.
Hinnaak bestellte bei der vorbeilaufenden Kellnerin vier Humpen Bier. An meinen speziellen Wunsch von vorhin hatte er gnädigerweise noch gedacht. Trotz des vollen Ladens wurden unsere Getränke schon ein paar Minuten später serviert. Noch so ein Ding, das ihm immer gelang. Vermutlich kannte er die Kellnerin. Er kannte schließlich alle und jeden.
Je länger ich mich an diesem Abend in diesem Raum aufhielt, desto schlechter wurde meine Laune, aber ich nahm mir vor, die anderen nicht darunter leiden zu lassen, denn das gebot die Höflichkeit und die Freundschaft zu Hinnaak. Wenn er heute eine Eroberung vorhatte, die ihm so wichtig war, dann wollte ich es ihm nicht vermiesen. Denn wenn es meinetwegen nichts werden würde, könnte ich mich die nächsten Wochen auf Racheakte gefasst machen wie Reißzwecken auf dem Boden, Haare auf der Couch, Spritzblumen, Fische im Wäschetrockner…
Fische im Wäschetrockner? Na gut, das hatte er nicht. Noch nicht.
Als die Kellnerin die Getränke brachte, nutzten wir die Gelegenheit, das Essen zu bestellen.
Während die beiden Mädels vegetarische Diätpastagerichte bestellten, ohne die Kalorien in einem Glas Bier zu beachten, hatte ich Bock auf eine schöne Pizza mit doppelt Salami und doppelt Käse und Champignons. Hinnaak orderte sich einen doppelten Cheeseburger mit Chickenwings, Pommes und ordentlicher Portion Barbecuesauce. Diese Kombination war die Spezialität des Hauses und deshalb auch entsprechend teuer, aber das interessierte Hinnaak ja nie, weswegen ich wegen meiner Pizza auch keine Gewissensbisse hatte.
“Übrigens hat Herr von Wallbach heute sein Kissen aus dem Bett geworfen,” erzählte Monika an Hinnaak gewandt, “nur damit er zusehen kann, wie ich es aufhebe.”
“Das ist ja unglaublich!” sagte Hinnaak. “Unglaublich, dass ich noch nicht darauf gekommen bin.”
“Hey!” gluckste Monika und knuffte Hinnaak in die Seite.
“Von mir verlangt er jedes Mal, dass ich seinen Puls messe.” sagte Gisela. “Jedes Mal, echt. Anfänglich hab ich das auch gemacht. Bis ich irgendwann dahintergekommen bin, dass er das von jeder Schwester, die jünger als dreißig ist, verlangt.” Kopfschüttelnd schlürfte sie den Schaum vom Rand weg, der schon lange verführerisch das Glas hinunterlief. Das machte sie aber so ungeschickt, dass Bierschaum an ihrer Nasenspitze klebenblieb, den sie kichernd mit einer flinken Handbewegung wegwischte.
Hinnaak lachte über den alten Schlawiner und nahm sich mit Sicherheit vor, das alles selbst anzuwenden, sollte er jemals dort Patient sein.
“Hör auf zu lachen, das ist überhaupt nicht witzig.” sagte Monika und boxte Hinnaak auf die Schulter.
“Au. Hör Du lieber auf, mich zu prügeln. Sonst lieg ich morgen auf der Intensivstation und Du darfst mich waschen.”
“Das hättest Du wohl gern, was? Ich mach Dir höchstens einen Einlauf.”
“Ja, daran hab ich auch schon gedacht,” meinte er, “aber umgekehrt.”
Dass irgendwas zwischen den beiden vorging, war deutlich zu merken und wozu sich das entwickeln konnte, war ebenfalls unschwer vorstellbar. Nichts anderes hatte ich erwartet.
Gisela musterte mich von der Seite. Mein Auftrag, sie zu beschäftigen, war mir nicht entfallen, aber solange es nicht absolut notwendig war, wollte ich einfach nur meine Ruhe haben. Also betrachtete ich scheinbar interessiert das Gemälde eines Wanderers vor einer Nebelwand, das über dem Tisch hing. Danach zählte ich die Blubberbläschen im Bier, was verdammt viele waren, wie ich feststellte.
Dabei sah ich ihr verzerrtes Spiegelbild auf dem dunklen Bierglas und als ich es anhob um zum Schluck anzusetzen, kam die Bedienung mit dem Essen, die geschickt alle vier Teller auf zwei Händen balancierte. Die Pizza sah wirklich gut aus. Nicht zu italienisch dünn, aber auch nicht zu amerikanisch dick, sondern einfach normal deutsch. Der Durchmesser stimmte auch mit meinem Appetit überein und so fing ich an, die Pizza zu zerschneiden. Zu Hause aß ich meine Pizza schon mal Viertelweise mit den Händen, in der Öffentlichkeit nahm ich aus Anstandsgründen immer Besteck. Darüber brauchte Hinnaak sich allerdings keine Gedanken zu machen, der gerade seinen Burger in beide Hände genommen und herzhaft hineingebissen hatte. Die Mädels streuten sich Parmesan oder so was über ihre Nudeln und eine Weile aßen wir alle schweigend.
Schließlich fingen Hinnaak und Monika wieder an, sich zu unterhalten und in mir keimte ein vernachlässigtes Pflichtgefühl auf, weil Gisela sich neben mir zu langweilen begann und ich mich in der Verantwortung sah, mich mit ihr zu unterhalten. Und als die beiden gegenüber begannen, sich gegenseitig mit lass-mich-mal-probieren-Häppchen zu füttern, langte es mir. Das wollte ich auch nicht mit ansehen.
“Und wie lange bist Du jetzt schon Krankenschwester?” fragte ich Gisela beiläufig, als ob wir uns schon die ganze Zeit unterhalten hätten. Sie sah überrascht von ihren Nudeln auf und blickte mich an, unsicher, ob ich wirklich mit ihr gesprochen hätte.
“Ich bin seit zwei Jahren in der Ausbildung.” antwortete sie. “Ich hab mit Moni zusammen angefangen. Wir haben noch ein Jahr nach, dann ist die Ausbildung zu Ende und wir hoffen, dass wir danach beide auf die gleiche Station versetzt werden.”
“Was macht ihr denn so?”
“Wir sind auf einer Reha-Station. Zu uns kommen also die Patienten, die aus der Intensivstation entlassen werden aber oftmals noch nicht alleine das Bett verlassen können.”
“Und was müsst ihr so machen den ganzen Tag mit den Leuten so im Bett? Ich meinte jetzt nicht direkt im Bett, sondern halt mit den Leuten, die im Bett liegen und naja, Du weißt schon.” schloss ich den Satz und ich ärgerte mich, weil ich so nervös klang. Gisela lachte.
“Naja, was so gemacht werden muss.” fuhr sie fort. “Betten machen, Bettpfannen leeren. In vielen Fällen können die Patienten aber nach einer Weile schon wieder alleine zur Toilette gehen. Aber da kommt dann noch der Transfer zwischen Bett und Rollstuhl und zur Therapie bringen und so.”
“Habt Ihr in Eurer Abteilung auch Unfallopfer oder nur, was weiß ich, Schlaganfallpatienten und so was?” fragte ich.
“Alles mögliche. Auch Unfallopfer. Die sehen teilweise natürlich ganz schön scheiße aus.” sagte sie. Da witterte ich die Chance auf einen billigen Lacher.
“Und als Hinnaak auf Eure Station gekommen ist, habt Ihr gleich erkannt, dass er ein Zivi ist oder dachtet Ihr an ein Unfallopfer?” fragte ich grinsend in Erwartung auf Gelächter ihrerseits. Statt dessen erntete ich einen fragenden Blick.
“Wer?”
“Hinn…” da wurde mir mein Fehler klar. “Ich meine Erik.” korrigierte ich mit entschuldigendem Blick. Der Gag war jetzt natürlich vorbei. Gegenüber hatte niemand was mitbekommen, weil Hinnaak und Monika aneinander hingen und Zahnbelag austauschten, was ich in dieser Umgebung als umpassend betrachtete.
“Wieso nennst Du ihn denn Hinnerk?” fragte sie neugierig.
“Findest Du nicht, dass er sich manchmal wie ein Hinnaak verhält?
“Was meinst Du?”
“Ich meine irgendein abstraktes, unorthodoxes und abnormales Verhalten, das man höchstens in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Anstalt antreffen kann, aber auf der anderen Seite der Glasscheibe.”
Sie grinste.
“Du meinst so was wie mit einer Besucherin flirten, die sich am Krankenbett ihres Opas langweilt?”
Darüber fing ich an zu lachen, weil ich diese hinnaaktypische Aktion so deutlich vor mir sehen konnte wie die Vermeer-Replik vom Mädchen mit der Perle, die an der Wand gegenüber vom Wanderer vor der Nebelwand hing. Gisela fing mit an zu lachen, als sie sah, dass ich mich in eine regelrechte Lachsalve hineinsteigerte.
“Hör auf zu lachen, die Leute gucken schon.” gluckste sie und stieß mich mit einer Hand spielerisch weg. Mein Lachen verebbte und ich rückte unmerklich ein wenig von ihr weg, um nicht mehr so sehr in ihrer Reichweite zu sein.
Währenddessen kam Hinnaaks drittes Bier. Er trank wie üblich etwas mehr, ohne dass man es ihm ansah. Gisela registrierte es auch.
“Trinkst Du eigentlich viel?” nahm sie die Unterhaltung wieder auf und kurze Zeit später hatte ich den Vorfall wieder vergessen.
“Kommt darauf, wie man viel interpretiert. Ich bin kein Antialkoholiker, aber jeden Abend Bierchen muss ich auch nicht haben. Bei Gelegenheit einen zu heben, bin ich trotzdem nicht abgeneigt.”
“Was machst Du denn beruflich?” fragte sie. “Studierst Du oder so?”
“Ich bin Hausfrau.” sagte ich und sie lachte wieder.
“Beruflich bin ich in einer, sagen wir mal, Orientierungsphase.” erklärte ich. “Ich weiß noch nicht genau, was ich mal machen will. Auf jeden Fall kein Job von der Stange. Gelernt hab ich Werbekaufmann, aber ich weiß nicht, ob ich so eine Arbeit im Büro jeden Tag machen könnte. Obwohl die kreativen Herausforderungen mir schon gefallen haben. Ich brauch auf jeden Fall abwechslungsreiche Aufgaben.”
Das war meine Standarterklärung für alle, die wissen wollten, warum so ein fixer Kopf wie ich denn bloß arbeitslos wäre. Bisher hatte jeder Blödmann diese Erklärung begriffen und verständnisvoll dazu genickt.
Für Gisela musste die Standarterklärung reichen und ich merkte, dass sie sie begriffen hatte, denn sie nickte verständnisvoll.
“Warum machst Du keinen Zivildienst wie Erik?” fragte sie.
“Nö, die wollten mich nicht. Und ich wollte mich nicht aufdrängen.”
“Und was machst Du den ganzen Tag?”
“Tja, ich hab natürlich viel Zeit für meine Hobbies.”
“Und für Deine Freundin?”
“Da brauch ich nicht viel Zeit für. Ich hab nämlich keine.”
“Und warum nicht?” fragte sie.
“Ich kenne halt keine, die ich haben will.” antwortete ich wahrheitsgemäß, obwohl mir dabei das Bild von dem honigblonden Engel von heute morgen durch den Kopf ging. Das Bild verscheuchte ich aber schnell wieder, weil mir im selben Moment mein peinlicher Sturz wieder einfiel, den sie aber hoffentlich nicht gesehen hatte. Obwohl das wahrscheinlich auch egal war, weil ich sie sicherlich nie wieder sehen würde… bla bla bla. Sinnlos, Trugbildern und Phantomen nachzuhängen.
“Das ist aber schade.” meinte Gisela. “Oder auch nicht, so bist Du viel freier und nicht an eine Person gebunden.”
“Kann man so sehen, wenn man will.” erwiderte ich.
“Gehst Du auch mal ins Kino?” fragte sie mich und ich war froh, dass sie das Thema wechselte.
“Ja, viel. Kino ist mein Hobby. Gab viele gute Filme in letzter Zeit.”
“Mein Lieblingsfilm ist Titanic, den hab ich schon hundertmal gesehen.” schwärmte sie.
Das war ja wohl klar. dachte ich und verdrehte die Augen.
“Ich hab ihn noch nie gesehen und darauf bin ich stolz.” erwiderte ich trotzig. “Der Film hat doch mit der Katastrophe nicht das Geringste zu tun. Ist nur eine Schnulze auf einem Schiff. Da hätte man als Schauplatz auch die Bismarck nehmen können.”
“Na ja, mir hatte der Film vor allem wegen Leo gefallen.” gab sie zu.
“Erik ist immer so schlau und kauft sich DVDs für zwanzig Euro, die ein halbes Jahr später im Fernsehen kommen.” lenkte ich vom Kinothema ab.
“Na ja, es kommen nicht alle immer im Fernsehen.” erwiderte sie altklug.
“Da hast Du Recht. Meistens kauft er sich auch Filme, die nie im Fernsehen laufen. Nicht mal nachts, aber darauf gehe ich nicht näher ein.”
Sie hatte es auch so verstanden, wie ich an ihrem Lachen sehen konnte.
“Du meinst solche Filme mit tschechischen Blondinen, die sich einfach zu merkende amerikanische Namen zugelegt haben?”
Sie überraschte mich mit diesem komplizierten und schlagfertigen Satz und ich erinnerte mich, wie Hinnaak vor ungefähr vier Wochen durch die Küchentür gestürmt gekommen war und mir vor der Mikrowelle stolz eine Kassette unter die Nase gehalten hatte, mit der Bemerkung, dass er jetzt wohl der einzige Besitzer der vollständigen Conny-Lingus’-Night-Club-Reihe wäre, weil er nämlich gerade den seltenen sechzehnten Teil zu einem Wahnsinnspreis ergattert hatte. Es war im Übrigen in der Tat ein Wahnsinnspreis gewesen, denn er als er ihn mir genannt hatte, wurde ich wahnsinnig.
“Ja, zum Beispiel.” antwortete ich. “Aber durchaus auch normale Filme. Vorgestern hat er in der Mattscheibe zum Beispiel Good Will Hunting gekauft.”
“Wirklich?! Habt Ihr den zu Hause?!” fragte sie begeistert.
Die Musik machte gerade Pause und Hinnaak, der für einen Moment von Monika abgelassen hatte, um sein Glas zu leeren, fragte:
“Wen?”
“Good Will Hunting.” wiederholte Gisela.
“Ja, er macht meine Steuererklärung.” sagte Hinnaak und grinste.
“Witzbold, ich rede von dem Film.”
“Klar, hab ich grade erst gekauft.”
“Den würde ich gerne mal sehen.”
“Ich auch.” sagte Monika, die beide Hände an verschiedenen Stellen von Hinnaaks Körper befestigt hatte.
“Kein Problem, kommt Ihr mit zu uns und wir ziehen ihn uns rein.” platzte Hinnaak prompt heraus und nutzte diese Steilvorlage damit optimal. Die Mädels nahmen das Angebot jubilierend an, womit sich meine heimliche Befürchtung von heute Mittag bewahrheitete und ich wusste, warum ich geputzt hatte. Da wir inzwischen alle schon vor mindestens einer halben Stunde mit dem Essen fertig geworden waren und ich wusste, dass Hinnaak hier noch fünf Stunden würde sitzen können, machte ich den Anfang, von diesem gastlichen Ort hier aufzubrechen. Außerdem hatte ich nicht soviel Sitzfleisch, die halbe Nacht hier rumhängen zu können.
“Ich geh schon mal nach vorne und bezahl die Rechnung. Ihr könnt Euch schon mal fertig machen, ich warte dann draußen, da ist die Luft besser.”
“Das ist ja nett von Dir, Micky.” tönte Hinnaak vom Gerstensaft besäuselt und schob mir sein Portemonnaie rüber. “Ich kann nämlich im Moment leider nicht aufstehen.”
Gönnerhaft überhörte ich das Micky, war überhaupt froh, dass er mich nicht in seinem Brausebrand in aller Öffentlichkeit Dörte genannt hatte, erhob mich und ging zum Tresen in den Vorraum. Durch die offene Eingangstür kam ein frischer Luftzug, der aber nicht bis zum Ende des Raumes, wo unser Tisch stand, überlebte.
Vorne schnappte ich mir die Kellnerin, die uns bedient hatte, ließ mir von ihr die Rechnung geben, registrierte mit Stirnrunzeln, dass Hinnaak in eineinhalb Stunden fünf Bier gekippt hatte, bezahlte die Rechnung, gab aus Hinnaaks Tasche genügend Trinkgeld, dass es für ein strahlendes Lächeln von der Kellnerin langte und verließ (dankbar, aus der schlechten Luft herauszukommen) das Lokal.
Draußen war es schon dunkel, aber trotzdem noch mild und in dem schmalen Gässchen, in dem sich der Eingang zum Schlösschen befand, waren die vereinzelten kleinen Laternen angegangen, die genügend heimeliges Licht verteilten, dass man auf dem unebenen Weg nicht auf die Fresse fallen musste.
Einen Steinwurf vom Eingang entfernt stand zwischen zwei Gebäuden eine gewaltige alte Ulme, gegen deren Stamm ich mich lehnte, um auf die anderen zu warten.
Nach einer Weile, ich hatte inzwischen über mir ein Vogelnest betrachtet, das von einer nahestehenden Laterne beschienen wurde, kamen die drei durch die Tür nach draußen. Monika hatte sich bei Hinnaak untergehakt und obwohl es nicht sehr kühl war, hatten die Mädels ihre Jäckchen wieder übergezogen. Gehörte sich wohl so.
Die beiden sahen sich suchend nach mir um, aber Hinnaak entdeckte mich sofort und kam zu mir rüber.
“Hast recht, hier ist die Luft wirklich besser.” sagte er, atmete tief durch und zündete sich eine Fluppe an.

Der Weg nach Hause durch die dunklen, nur vereinzelt von Straßenlaternen beleuchteten Straßen, verging gemächlich. Die drei erzählten Geschichten aus dem Krankenhaus und lachten sich kaputt, ich lauschte dem Ganzen und amüsierte mich ebenfalls.
Dass Gisela sich beabsichtigt sehr dicht in meiner Nähe aufhielt, wie Hinnaak mir später unter Ellbogenknuffen erzählte, nahm ich gar nicht wahr.
Zu Hause angekommen, verfrachtete Hinnaak die beiden als erstes auf das Sofa, denn schließlich war es das gemütlichste unserer Möbelstücke, und bot ihnen etwas zu trinken an. So charmant wie einst Karl Dall. Beide hatten noch Lust auf Bier, wegen des Alkohols, wie ich annahm und weil sie wahrscheinlich davon ausgingen, dass wir kein Baileys, Patida de coco oder Bacardy Orange in unserer Hausbar hatten. Wenn die beiden gewusst hätten, dass Hinnaak für alle Fälle immer eine Buddel Prosecco im Kühlschrank hatte, wären sie hellauf begeistert gewesen.
Um Hinnaak ein bisschen zur Hand zu gehen, der auch noch den Film aus seinem Zimmer holen und vor allem erst mal zur Toilette gehen musste, schickte ich mich dazu an, die Getränke aus der Küche zu holen und auf unserem blauen Plastiktablett, das Hinnaak in irgendeinem Brausebrand mal glucksenderweise unterm Mantel versteckt aus irgendeinem Burger King rausgetragen hatte, ins Wohnzimmer zu balancieren.
Als ich gerade dabei war, der Optik wegen den Inhalt von ein paar goldenen Hülsen in Biergläser umzufüllen, trat Hinnaak mit der DVD in den Händen neben mich und tat so, als würde er mir helfen, was mich annehmen ließ, dass er stattdessen irgendwas sagen wollte.
“Find ich gut, dass Du Dich ein bisschen zusammengerissen hast, Mann.” sagte er nach ein paar Sekunden des Schweigens.
“Was soll das denn heißen?”
“Ich hab ja gemerkt, dass Du voll keinen Bock hattest heute abend.”
“Und weiter?”
“Na ja, ich meinte nur, ich find es gut, dass Du Dich ein bisschen angestrengt hast, damit ich bei Moni freie Bahn habe.”
“Blödsinn, ich wollte mich nur nicht langweilen.” erwiderte ich schroff.
“Auch gut, dann können wir beide eine klarmachen, das gab’s noch nie.” sagte Hinnaak begeistert.
“Bullshit, ich hab kein Interesse an Gisela.”
“Ist mir ja auch egal.” sagte er in einem ungläubigen Tonfall. “Hauptsache, wir haben mal wieder unseren Spaß.”
“Klar.” sagte ich knapp.
Hinnaak stand neben mir und sah mich an.
“Also, ich bin guter Dinge, was Moni betrifft und Du sei doch nicht blöd. Hast Du gesehen, wie Gisi Dich anguckt? Bei der geht was, Mann!”
“Drauf geschissen. Sie gefällt mir nicht. Abgesehen davon steht mir nicht der Sinn nach einer schnellen Nummer auf dem Klo.”
“Wieso auf dem Klo? Die bleibt bestimmt über Nacht, wenn Du es richtig anstellst.”
“Glaub mal ja nicht, dass ich die mit in mein Bett nehme. Du hast sie ja nicht alle.”
“Wieso, was stimmt denn nicht mit ihr?” fragte er gereizt, während ich das Tablett nahm und die Küchentür anpeilte.
“Ist nur so ein Gefühl.” sagte ich, da ich nicht die Absicht hatte, Hinnaak noch einmal meine Abneigung gegen diese schnellen Nummern zu erklären, aus denen sein Leben bestand.
“Dann geh schon mal vor, Fräulein Smilla.” sagte er verächtlich und hielt mir die Küchentür auf.
“Du solltest mehr lesen.” meinte ich im Vorbeigehen und trug das Tablett hinaus.
“Du solltest lieber weniger lesen.” hörte ich Hinnaak hinter mir sagen, als ich das Wohnzimmer betrat, wo wir von den Mädels schon sehnsüchtig erwartet wurden.
“Wird aber auch Zeit, dass man hier mal bedient wird.” sagte Monika herausfordernd.
“Tut mir leid, dass es länger gedauert hat, aber ich hatte in der Küche Probleme mit einer riesigen Kakerlake.” antwortete ich und beide lachten.
Hinnaak hatte sich den freien Sessel zum Fernseher gezogen, wo er sitzend noch mit dem überaus komplizierten System des DVD-Players beschäftigt war und mir nichts anderes übrig blieb, als mich neben Gisela auf das Sofa zu setzen, die ihre Position unverzüglich so korrigierte, dass wir uns an den Schultern berührten.
Nachdem Hinnaak erfolgreich den Film zum Laufen gebracht hatte, machte er das Licht aus und schmiss sich neben Monika auf das Sofa.
So fing der Film in einer interessanten Kinoatmosphäre an, obwohl mir fast schlecht wurde von dem Geruch, den Gisela ausströmte.
So steril. Wie Schwimmbad irgendwie.
Nach ungefähr zehn Minuten, in denen ich mich so weit wie nur irgendwie möglich zur freien Seite lehnte, was wie eine komödiantische Farce ausgesehen haben musste, weil Gisela mir ständig nachgefolgt war, fingen Hinnaak und Monika an, miteinander rumzumachen und als ob das nicht genug wäre, standen sie nach nicht einmal der Hälfte des Films plötzlich auf und verschwanden wortlos in Hinnaaks Zimmer.
Jetzt saß ich also allein mit Gisela auf dem Sofa und folgte dem Film, den ich eigentlich gar nicht sehen wollte. Zu meiner Erleichterung rückte Gisela aber wenigstens ein Stückchen zur Seite, so dass ich wieder atmen konnte.
Viel gesagt hatten wir seit Beginn des Films nicht mehr, aber jetzt erfüllte vollständiges Schweigen die Luft, nur ein in den Armen von Robin Williams flennender Matt Damon war zu hören.
“Mick, hast Du noch Lust auf den Film?” fragte Gisela nach einer Weile.
“Nicht wirklich.” erwiderte ich. “Warum?”
“Mir ist langweilig.”
“Ich dachte, Du wolltest den Film sehen.”
“Jetzt nicht mehr.”
Dazu wusste ich irgendwie nichts Schlaues zu erwidern, zumal man bei Mädchen nie sicher sein kann, was sie meinen, wenn sie irgendwas sagen. Schließlich lächelte sie und strich sich dabei die Haare hinter die Ohren, was irgendwie niedlich aussah.
“Ich glaub, Du musst Dich um ein Mädchen kümmern.” sagte sie keck, worüber ich grinsen musste.
“Soll ich Dir vielleicht eine Integralgleichung lösen?” konterte ich und brachte sie damit zum Lachen.
“Nein, es reicht, wenn Du mir Deine Briefmarkensammlung zeigst.” erwiderte sie.
Zuerst wollte ich lachen, aber dann wurde mir plötzlich klar, dass sie das ernst meinte.
Unbegreiflich. Obwohl sie gut aussah und auch einigermaßen nett war, wäre mir im Traum nicht eingefallen, mit ihr in die Federn zu steigen, Geruch hin oder her.
Abgesehen davon war ich die ganze Zeit über so kurz angebunden und reserviert gewesen, wie es die Etikette zugelassen hatte, ohne unhöflich zu sein und jetzt teilte sie mir durch die Blume mit, ficken zu wollen.
Frauen verstehe, wer will. Ich nicht.
Völlig sprachlos und perplex sah ich sie an und wusste nicht, was tun, da ergriff sie meine Hand, stand auf und zog mich aus dem Wohnzimmer.
Widerwillig aber ohne Gegenwehr ließ ich mich von ihr quer über den ganzen Flur ziehen, an Hinnaaks Zimmer vorbei, wo ich Monika kichern und glucksen hören konnte.

In meinem Zimmer fiel Giselas Blick als erstes auf mein Himmelbett. Mit einem enthusiastischen Schrei stürzte sie sich darauf und schmiss sich mit vollem Körpergewicht hinein, wobei die Bodenbretter knarrten, die Pfosten erbebten und die Metallfedern ein gespenstisches Ächzen von sich gaben, dass mir fast das Herz stehen blieb.
“Hey, vorsichtig!” schrie ich entsetzt.
Sie erstarrte und sah mich verdattert an.
“Das ist schon sehr alt und empfindlich.” setzte ich zu einer Erklärung an und war wütend auf mich selbst, nicht verhindert haben zu können, was sie mit meinem guten Stück angestellt hatte.
“Tut mir leid, das wusste ich nicht.” sagte Gisela.
“Ist schon gut.” Mein Ausraster tat mir fast schon leid. “Das Bett ist nur halt noch von meiner Oma.” Mehr brauchte sie nicht zu wissen.
“So alt ist es schon?” fragte sie ehrfürchtig. “Das sieht man gar nicht.”
“Na ja,” erwiderte ich ein bisschen stolz und setzte mich neben sie, “es wird auch gut gepflegt.”
Wir verfielen in Schweigen und mein Blick wanderte in meinem Zimmer umher, um Giselas Blick auszuweichen, als plötzlich von nebenan ein Geräusch zu vernehmen war, das sich anhörte wie der Weltrekordversuch im Live-Porno-ohne-Bild-Performing.
Es war ein lautes, feminines, lustvolles Gestöhne, das für mich allerdings nichts Neues war. So hatten sich schon alle Weiber angehört, die Hinnaak in seinem Zimmer zu fassen und mir damit schlaflose Nächte bereitet hatte.
Trotzdem musste ich dabei grinsen und ich sah aus den Augenwinkeln, dass auch Gisela darüber amüsiert war und sich zu mir rüberlehnte.
“Hinnaak muss ja ein tierisch guter Liebhaber sein.” sagte sie leise in mein Ohr. “So was hab ich von Moni ja noch nie gehört.”
Die Finger ihrer linken Hand wanderten zu meinem Nacken empor und ihre Fingerspitzen machten unter meinem Haaransatz sanfte kreisende Bewegungen. “Kannst Du mich auch dazu bringen?” fragte sie und fing an, meinen Hals zu küssen, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten und es in mir zu kribbeln anfing.
Von dieser plötzlichen Wendung der Situation war ich so perplex, dass ich nichts dagegen tat. Ihr Körper neben meinem fühlte sich gut an und ihre Hand, die langsam über meinen Bauch nach unten wanderte, fühlte sich gut an. Die sanfte Berührung ihrer Zunge an meinem Hals, ließ meinen Widerstand zusammenschmelzen wie eine Wand aus Eis. Gleichzeitig begann sich eine warme Anspannung wie Gleichstrom in meinem Magen auszubreiten, langsam fließend in sämtliche Glieder zu kriechen und sie in Brand zu stecken. Ich drehte den Kopf, spürte Giselas Wange an meiner und sah ihr blondes Haar, das sich schimmernd über ihre rechte Schulter ergoss. Sie sah wahnsinnig toll aus.
Ihre Hand suchte sich tastend einen Weg zwischen meinem Bauch und meinem Hosenbund und während ihr Mund sich küssend von meiner Wange zu meinen Lippen vorarbeitete, bemerkte ich plötzlich einen Geruch. Ein schaler, chlorartiger Geruch, ein bisschen wie im Schwimmbad, der ihr aus den Haaren kam und mich schlagartig ernüchterte.
Der Geruch nach Krankenhaus.
Ruckartig stand ich auf, was mit ihrer Hand in meiner Hose nicht einfach war.
“Was ist los?”
“Ich, äh… …ich kann nicht.” sagte ich.
“Wieso?”
Verdammt! Was sollte ich bloß sagen ohne sie zu beleidigen oder wie ein impotenter alter Sack dazustehen?
“Wir… …kennen uns ja kaum.” brachte ich mühselig heraus.
Sie machte ein Gesicht, das Enttäuschung und Verwirrung ausdrückte, dann schlich sich Unverständnis hinein, das ein paar Sekunden anhielt, während sie über meine Worte nachdachte. Wahrscheinlich hatte sie noch nie erlebt, dass ein Kerl, den sie auserwählt hatte, sie zurückwies. Der wäre auch ein Idiot, unter uns gesagt, denn wie sie so dasaß und mich betrachtete, sah sie wirklich sehr verlockend aus, das musste ich zugeben. Wenn ich jedoch an den unangenehmen Krankenhausgeruch dachte, den sie ausströmte, wurde mir regelrecht übel.
Schließlich erschien ein leises Lächeln um Giselas Mundwinkel.
“Na ja.” sagte sie. “Wenn Du willst, können wir uns auch besser kennen lernen. Würde mir gefallen.”
Unschlüssig stand ich neben meinem Bett und sah sie an, während das Gestöhne von nebenan allmählich anfing, mir auf den Sack zu gehen.
“Okay.” sagte ich, hauptsächlich erleichtert, aus der Situation so glimpflich herausgekommen zu sein, ohne sie zu verletzen oder wie ein Idiot dazustehen.
“Könntest Du mich nach Hause bringen?” fragte sie plötzlich. Noch besser, dann würde ich sie und den ekligen Geruch endlich loswerden, freute ich mich. Doch da fiel mir ein Problemchen ein.
“Ich hab kein Auto.”
“Kannst Du nicht Eriks nehmen?”
“Könnte ich, aber dann bräuchte ich immer noch einen Führerschein.”
“Oh.”
Fieberhaft überlegte ich, was man tun könnte, weil ich wirklich keinen Bock hatte, sie in meinem Bett schlafen zu lassen. Nachher würde es noch nach ihr riechen.
“Hast Du ein Fahrrad?” fragte sie, wobei ich zu grinsen anfing.
“Ja, aber damit wirst Du nicht fahren können.” sagte ich.
“Warum? Ist es ein Einrad?”
“Nein, aber ich bin der Einzige, der es fahren kann.”
“Kannst Du es auch fahren, wenn jemand auf dem Gepäckträger sitzt?”

So kam es also dazu, dass ich meinen Panzer, der diese späte Stunde genauso wenig gewohnt war wie ich, aus dem Keller holte und Gisela die knappen zwei Kilometer auf dem Gepäckträger sitzend nach Hause fuhr.
Wie es sich für einen echten Gentleman geziemt, begleitete ich sie sogar noch bis vor die Haustür. Sie drückte mich fest zum Abschied, wobei ich die Luft anhielt.
“Ich hoffe, ich sehe Dich bald wieder.” sagte sie und küsste mich auf die Wange.
“Ja, mal sehen.” erwiderte ich gepresst, während sie zur Haustür lief, aufschloss, noch mal winkte und dann endlich verschwand.
Im schwachen Lichtkegel der Hausbeleuchtung, die erahnen ließ, dass es sich um ein recht großes Haus handeln musste, schwang ich mich wieder auf den Panzer und trat unter Aufheulen des Dynamos die Heimfahrt an.
Es war eine kühle, windstille Nacht und es fuhr sich so federleicht, als hätte ich ein neues, geöltes Trekkingrad unter meinem Hintern und keinen alten, staubangesetzten Klotz mit verzogenem Rahmen. Auf der Straße war nichts mehr los. So konnte ich es vermeiden, auf dem hoppeligen Fußweg zu fahren, was Zeit gekostet hätte. Im Schein der bunten Neonreklamen an den Geschäften, die direkt an der Straße lagen, ließ es sich zu dieser Zeit angenehm fahren. Tagsüber konnte es im Berufsverkehr hier eng werden.
Etwas über eine halbe Stunde nach Antritt meiner Fahrt mit einer kichernden Gisela hinten drauf, bog ich wieder in meine von vereinzelten Laternen beschienene Straße ein, bremste vor meinem Haus, wobei die Bremsbacken ein unangenehmes Quietschen von sich gaben, so dass ich fast befürchtete, jemanden geweckt zu haben.
Leise schloss ich die Haustür auf, trug mein Fahrrad in den Keller und parkte es in seiner Box. Während sich leise tickend sein Motor und die Auspuffrohre wieder abkühlten, marschierte ich durch die Geschosse nach oben und wünschte mir, dieses alte Haus hätte einen Fahrstuhl.
In der Wohnung empfing mich Stille. Auch aus Hinnaaks Zimmer kam mittlerweile kein Laut mehr.
Sogar Dir geht irgendwann mal der Saft aus. dachte ich hämisch, als ich auf dem Weg ins Badezimmer an Hinnaaks Bude vorbeikam.
Nach dem obligatorischen Zähneputzen zog ich mich auf Zehenspitzen in mein Zimmer zurück. Das Licht machte ich erst an, nachdem ich meine Zimmertür vorsichtig geschlossen hatte, weil ich es tunlichst zu vermeiden versuchte, die beiden zu wecken und zu einer zweiten Runde zu animieren. Oder einer dritten oder was weiß ich.
Mein Pullover übernachtete zusammen mit meiner Hose auf einem Stuhl. Meine Socken warf ich in irgendeine Ecke. Das würde ich morgen aufräumen.
Herzhaft gähnend kroch in mein Bett, knipste die Leselampe am Kopfende an, zog die Vorhänge zu und griff nach meinem Buch. Im Moment las ich nach langer Zeit mal wieder Karlsson vom Dach. Astrid Lindgrens Werke hatten als einzige Kinderbücher in meinem Regal überlebt. Alle anderen befanden sich in einem Karton auf dem Dachboden meiner Mutter.
An diesem Abend hielt ich allerdings nicht mehr lange durch. Nach ein paar Seiten fielen mir die Augen zu.

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