Die Wohnung lag still vor mir, als ich vorsichtig, auf das tödliche Rasseln des Telefons lauschend, die Tür öffnete und eintrat.
Eine ganze Weile hatte ich bei Dieter rumgehangen, mich mit ihm unterhalten, Cinema gelesen und Dr. Pepper getrunken, während Dieter nebenbei seine Arbeiten machte. Dann hatte ich zum einen Hunger und zum anderen Bock bekommen, mal wieder Zelda zu spielen. Auf meinem alten Super Nintendo.
Meine Lederjacke kam wieder auf den Kleiderständer im Flur und nach einem kurzen Abstecher in die Küche, um mir einen kleinen Snack zugute zu führen, ging ich ins Wohnzimmer, um ein bisschen Ruhe und Frieden zu haben. Natürlich unter der Voraussetzung, dass das Telefon weiter friedlich bleiben würde.
Das Wohnzimmer war natürlich der größte Raum in der Wohnung und ich denke, es war mir zu verdanken, dass er einigermaßen geschmackvoll eingerichtet worden war. Mir und meiner Mutter, denn sie hatte mir ein paar Möbel überlassen, zum Beispiel einen Fernsehschrank, auf dem unser großer TV-Kasten stand, der eine Gabe von Hinnaaks Vater gewesen war. Außerdem waren von meiner Mutter noch der Stubentisch und ein kleines Sideboard aus getünchtem Massivholz gekommen, in dem unsere Gläser standen. Hauptsächlich Biergläser, nebenbei bemerkt. Das Sofa war gebraucht und durchgesessen, aber obwohl es gebraucht war, müffelte es nicht nach fremden Leuten und Hinnaak und ich fanden es beide bequem.
Mein liebstes Möbelstück aber war der Vitrinenschrank, den ich mir vor ein paar Jahren geleistet hatte. Er enthielt meine Sammlung von Masters of the Universe-Figuren, auf die ich ziemlich stolz war. Sie enthielt nicht nur jeweils ein Exemplar jeder Figur, die auf der Seite der Guten gegen Skeletor kämpfte, darüber hinaus besaß ich fast alle Modelle von He-Man selbst: Zum einen Prinz Adam, dann den normalen He-Man, Battle Armor He-Man, Thunder Punch He-Man, Flying Fists He-Man, New Adventure He-Man und sogar eine Figur, die ich nicht kannte. Es war eine He-Man Figur, die mir mein Vater irgendwann mal von einer Reise nach Amerika mitgebracht hatte und er unterschied sich von den übrigen Figuren auf merkwürdige Weise. Er hatte braune Haare, eine braune Hose, einen schwarzen Gürtel und schwarze Stiefel. Außerdem trug er keinen Brustpanzer. Allerdings war ich mich nicht ganz sicher, ob es ihn nie gegeben hatte oder ob er mir beim Spielen mal abhanden gekommen war.
Die anderen Figuren von Masters of the Universe zu besitzen war zwar schön gewesen, aber am wichtigsten waren mir immer die He-Man-Figuren. Die hatte ich mir entweder vom eigenen Taschengeld gekauft oder mir zu Weihnachten und Geburtstagen von Verwandten schenken lassen, wobei ich teilweise ganz genaue Angaben hatte machen müssen, welcher He-Man denn diesmal gemeint war. Früher wollte ich natürlich damit spielen und das hatte ich viele Jahre auch, bis ich irgendwann der Meinung gewesen war, dass ich zu alt dazu geworden wäre und Mädchen nicht auf Jungs stehen würden, die noch mit He-Man spielten. Deshalb hatten sie dann jahrelang auf meinem Schrank herumgestanden und -gelegen, bis mir eines Tages, als mich meine Mutter zum Staubwischen gezwungen hatte, aufgefallen war, dass ich insgesamt wahnsinnig viele Figuren besaß, über dreißig immerhin, und dass sie, wenn sie ordentlich aufgestellt wären, sehr gut aussehen würden.
Also hatte ich ein paar Monate gespart, ich war damals in der Ausbildung und hatte so viel Geld wie nie zuvor, und mir dann in einem Möbelgeschäft in der Nähe diesen großen Vitrinenschrank gekauft, der mit gläsernen Türen, Wänden und Böden ausgestattet war und auf diese Weise meine Sammlung wunderschön wiedergeben konnte.
Jetzt standen sie alle im Vitrinenschrank im Wohnzimmer, in Szene gestellt und beleuchtet.
Ein paar Figuren hatte ich nach und nach auf Flohmärkten neu gekauft, weil die alten kaputtgespielt waren. Dann wurden sie mit Hintergrundkulissen wie Castle Greyskull, einigen Fahrzeugen und künstlichen Bäumen ausgestattet und in Szene gesetzt.
Nachdem ich mich ein bisschen schlau gemacht hatte, wurde mir bewusst, dass mir nur eine einzige Figur zu einer wirklich kompletten Sammlung aller He-Man-Modelle fehlte: Laser Light He-Man. Leider war er aber erstens ziemlich teuer und zweitens sowieso nirgendwo zu kriegen, weil er nie auf dem deutschen Markt erschienen war. Selbst die Herstellerfirma, zu der ich Kontakt aufgenommen hatte, konnte mir nicht weiterhelfen. So lebte ich also mit einer fast kompletten He-Man-Sammlung im Glasschrank, den ich nach meinem Umzug so im Wohnzimmer aufgestellt hatte, dass man ihn vom Sofa aus sehen konnte.
An die Wände hatte ich einige Kinoposter mit schönen Motiven gehängt, damit die Wohnung optisch noch etwas mehr hermachte.
Und da kniete ich nun vor dem Fernseher und stöpselte den Super Nintendo ein.

Irgendwann später, mein Spiel hatte mich total gefesselt, kam Hinnaak durch die Tür geschlurft und so wie er wieder aussah, schien ein Tag als Zivi im Krankenhaus gar nicht so leicht zu sein, auch wenn er über beide Ohren grinste.
“Was gibt’s zu essen?” fragte er scheinheilig und stellte sich mitten in den Raum.
“Hildur Bocks gutes Kuddelmuddel.” warf ich ihm von der Couch aus zu, auf der ich lag und bequem das Pad in der Hand hielt.
“Gar nichts, Du Idiot!” klärte ich ihn auf, als er nur da stand und mich dumm ansah. “Wir essen heute auswärts, schon vergessen?”
“Hab das Essen voll vergessen.” sagte er und schlug sich geräuschvoll mit der Hand vor die Stirn.
“Toller Reim, Heinz Erhardt.” meinte ich. “Wann geht’s denn los? Sprich, Elender.”
“Ich will mich noch schnell fertigmachen, dann können wir auch bald.” antwortete Hinnaak.
“Also nicht vor Mitternacht.” stellte ich fest und wandte mich wieder dem Fernseher zu.
“Quatsch, das geht schnell. Wir haben eh noch Zeit. Sie gehen vorher noch zum Aerobic.”
“Was ist das eigentlich genau?”
“Aerobic? Das ist irgendwie so ein Rumgehopse zu Musik, wobei irgendein Vorpeitscher laute Befehle gibt, um einen zu noch größeren Leistungen anzutreiben, ob man nun will oder nicht.”
“Frauen nennen so was also Sport. Ich nenne so was Bundeswehr.” warf ich ein, worauf Hinnaak nicht reagierte.
“Kleiner Jokus von mir.” erklärte ich und Hinnaak gab ein verächtliches Schnauben von sich.
“Du musst reden, Du Drückeberger.”
“Bleib ruhig, Arschabwischer.”
Stille entstand im Raum, unterbrochen durch meine Kampfgeräusche gegen die bösen Palastwachen, denen es aufgrund meiner Ungeübtheit schon einmal gelungen war, mir den Garaus zu machen, so dass mich eine kleine Fee hatte wiederbeleben müssen.
Plötzlich fiel mir wieder ein, was ich die ganzen vergangenen Stunden hatte machen wollen.
“Verdammt, ich wollte doch einen Zurück in die Zukunft-Marathon durchziehen, das hab ich ja total vergessen!” rief ich aus und schlug mir vor die Stirn. “Da bin ich schon bei Dieter und häng da rum und dann vergess ich das Wichtigste!”
“Du wolltest Dir heute Videos ausleihen?” fragte Hinnaak.
“Nein, Bücher.” antwortete ich und sah ihn streng an. “Ich zieh nämlich einen Zurück in die Zukunft-Marathon durch, indem ich alle drei Bücher lese.”
“Du mit Deinen verrückten Ideen.” sagte er verächtlich.
“Wo wir grad von verrückten Ideen sprechen. Vorhin hat schon jemand wegen Deiner Anzeige angerufen.” Dass Tausende angerufen, mich aber gar nicht erreicht hatten, musste ich Hinnaak ja nicht unbedingt auf die Nase binden. “Der hieß zufällig auch Petersen.”
“Echt?” fragte Hinnaak amüsiert. “Wegen der Wohnung? Und was ist passiert?”
“Er wollte sie dann doch nicht. Außerdem war der eh nicht ganz dicht.”
“Inwiefern?”
“Er fickt Hackfleisch. Oder eine Leiche. Oder irgendwas anderes Kaltes.”
“Oh. Na ja.” sagte Hinnaak nachdenklich. “Dann ist es okay. Ich meine, man hätte sich ja kaum noch ohne Bedenken eine Frikadelle reinziehen können, oder?”
“Du sagst es.”
Die Unterhaltung endete, weil ich mich auf den Typen in der schweren Rüstung konzentrieren musste, der mit einem gewaltigen Morgenstern auf mich los ging. Da musste ich fix aufpassen, um ihn mit gezielten Bogenschüssen fertig zu machen.
Hinnaak stand dabei und sah mir zu. Nach ein paar Minuten Unentschlossenheit sagte er plötzlich
“Ich geh kacken.”
“Toll, dass Du es ansagst.” regte ich mich auf. “Willst Du vielleicht noch die Tür auflassen, damit ich teilhaben kann? Ruf mich, wenn Du fertig bist, zum Abwischen.”
“Ja, das könnte ruhig mal einer für mich machen, wäre echt ne Abwechslung.”
“Do watt Du wullt, de Lüüd schnackt doch!” sagte Hinnaak hinter mir und stampfte Richtung Lokus davon, während ich mich weiterhin mit Spannung meinem Spiel widmete.

Wie ich vorausgesagt hatte, brauchte Hinnaak ewig.
Er stand länger unter der Dusche als Claudia Schiffer und sang dabei Lieder von Westernhagen. Nicht schön, aber gar so laut. Wenigstens kannte er die Texte, denn wie ich es mitbekam, machte er von Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz, über Sexy, bis Ich bin wieder hier keinen einzigen Fehler.
Mein Spiel machte derweil gute Fortschritte. Inzwischen hatte ich nämlich die letzten zwei Amulette aus ihren Palästen geholt und befand mich auf dem Weg zu Agahnim, der es gewagt hatte, mir meine Prinzessin zu entführen. Die große Schlacht war gerade im Gange, als mich das Gemeinste Geräusch Der Welt aus meiner Fantasie riss.
Aber da hatte ich ja nun echt kein Bock auf. Wenn Hinnaak diese bekackte Anzeige schaltete, sollte er sich um die Leute kümmern, die hier anriefen. Mit Sicherheit würde ich morgen da noch genug Ärger haben.
Das Telefon klingelte mindestens fünf mal, ich wurde nach der Schlacht in die Schattenwelt versetzt, wo ich mich in ein Kaninchen verwandelte, weil ich vorher vergessen hatte, aus dem dritten Palast die Mondperle mitzunehmen. Ich fluchte, ließ das Telefon klingeln und machte mich auf den Weg zurück zum Todesberg, als plötzlich Hinnaak zeternd aus dem Badezimmer gestürmt kam, eine Dampfwolke hinter sich herziehend, dass man denken konnte, er käme aus einem Türkischen Bad und auf dem Weg zum Telefon zu mir rüberfluchte “Du hast eh nix zu tun, geh doch ran, Mann!” worauf ich singend erwiderte
“Ich hab keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit…”

*

Jetzt noch mal.
Sie hörte das vertraute Knacken in der Leitung, das ihr anzeigte, dass gewählt wurde. Ursula benutzte immer noch ein altes grünes Telefon von der ehemaligen Bundespost, so einen neuartigen Schnickschnack mit den modernen Telefonen brauchte sie nicht. Würde sie wohl auch nicht mit umgehen können.
Es tutete eine ganze Weile im Hörer und sie fürchtete schon, dass wieder niemand rangehen würde. Als sie schon daran dachte, wieder resigniert aufzulegen, wurde plötzlich doch noch am anderen Ende der Leitung der Hörer abgehoben.
“Hallo, Residenz van Bork hier. Sie wünschen bitte?” sagte eine freundliche Stimme.
“Äh, hier ist Micks Mutter.” sagte Ursula. Ich möchte bitte meinen Sohn sprechen.”
“Oh, Entschuldigung, Frau Petersen, aber das geht jetzt nicht, denn ich erwarte dringend einen Anruf. Aber ich sag ihm, dass er Sie zurückrufen soll, okay?”
Noch bevor sie widersprechen konnte, war die Verbindung beendet.
Fassungslos hielt sie den abweisend tutenden Hörer in der Hand.

*

“Du musst morgen mal Deine Mutter anrufen, die will was von Dir.” sagte Hinnaak auf dem Weg zurück ins Badezimmer. “Aber nicht jetzt, wir müssen die Leitung freihalten, falls die Mädels noch anrufen.”
Erschrocken fuhr ich herum.
“Was, Du hast meine Mutter abgewürgt, bist Du noch zu retten, Mann?”
Hinnaak zuckte mit den Schultern.
“Wir müssen die Leitung freihalten.” wiederholte er.
“Und wieso?”
“Bei Frauen kann man nie wissen.” sagte er weise und verschwand wieder im Bad.
Mein Spiel stand auf Pause und Hinnaak rödelte im Badezimmer rum, während ich vor dem Fernseher auf dem Boden saß und überlegte, ob ich meine Mutter nicht lieber sofort zurückrufen sollte, als meine Überlegungen durch das Telefon selbst beendet wurden, das wieder klingelte.
Da ich Hinnaak nicht die Möglichkeit geben wollte, meine Mutter noch einmal abzuwürgen, sprang ich auf und raste zum Telefon.
“Hallo?” sagte ich in Erwartung, die vorwurfsvolle Stimme meiner Mutter als Antwort zu bekommen. Doch da würde ich aber enttäuscht werden.
“Hallo.” sagte eine rauchige Männerstimme. “Mein Name ist Meier. Bin ich da richtig wegen der Wohnungsanzeige?”
“Tja…” sagte ich zweifelnd, was aber die rauchige Männerstimme als Bestätigung auffasste.
“Ich rufe an vom Stiefelknecht, der größten Domina-Lokalität im Norden.” sagte die Stimme und machte dann eine Pause, um den Werbeslogan wirken zu lassen. Das funktionierte, denn ich dachte darüber nach, wie typisch nichtssagend so ein Werbesatz doch war. Genauso eindeutig formuliert wie <bis zu drei Gewinne garantiert>.
“Und wir haben folgendes Problem.” fuhr die rauchige Männerstimme fort, nachdem sie bemerkt hatte, dass bei dem Schlagwort Stiefelknecht keine <ja, kenn ich!>-Reaktion von mir kommen würde. “Wir finden in der Nähe keine Unterkünfte für unsere Angestellten mehr, weil sich die meisten Vermieter so spießig anstellen. Und da wir demnächst eine neue Mitarbeiterin aus Polen bekommen werden, sind wir da etwas in Not, wenn Sie wissen, was ich meine.”
Ich wusste, was er meinte und meine Meinung dazu kannte ich auch. Auf Nutten in meiner Bude hatte ich wirklich keinen Bock und da ich das Hinnaak schon mühselig hatte beibringen müssen, würde ich hier bestimmt nicht davon abweichen. Das würde Hinnaak nämlich nur als Freibrief ansehen.
“Na ja, wir haben inzwischen einige Anfragen erhalten.” log ich mir eine Ausrede zurecht. “Und die müssen wir erst mal auswerten, wenn Sie wissen, was ich meine.”
“Ist klar. Rufen Sie mich dann bitte zurück. Haben Sie die Nummer?” fragte die rauchige Männerstimme.
“Wer hat die nicht?” fragte ich zurück, erleichtert darüber, die Sache so schnell losgeworden zu sein.
“Wie wahr. Fragen Sie dann einfach nach Frau Meier.”

*

Hinnaak verließ ungefähr drei Jahre später die Sauna, in die er das Badezimmer verwandelt hatte und sah im Grunde noch genauso aus wie vorher.
“Du bist dran, mach Dich schick für die Chicks.” sagte er und trat mit um die Hüften geschlungenem Handtuch ins Wohnzimmer.
“<Schick für die Chicks>, wie immer ein Treffer, Hinnaak.” meinte ich und erhob mich. “Es ist ja auch zu gütig von Dir, mir das Badezimmer zu überlassen, mein Imperator. Übrigens hat eben die Schwester vom Maquis de Sade hier angerufen und wollte das Zimmer haben.”
“Und?” fragte Hinnaak gespannt.
“Nix und! Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich hier irgendwelche Spinner einziehen lasse!”
“Du darfst nicht zu anspruchsvoll sein, wenn Du das Zimmer vermieten willst.”
“Das will ich ja gar nicht!” sagte ich aufgebracht. “Am Montag geh ich zum Arbeitsamt oder wie das jetzt heißt und dann ist die Sache erledigt.”
“Okay okay, aber was ist, wenn die Dir den Finger zeigen? Was machen wir dann?” fragte Hinnaak besorgt.
“Glaub ich nicht.” sagte ich trotzig.
“Glaubt er nicht.” wiederholte Hinnaak verächtlich. “Du hast auch nicht geglaubt, dass sich die Sonne um die Erde dreht, aber das ist trotzdem so.”
“Was?!”
“Ich meine ja nur, dass Du zumindest versuchen solltest, einen geeigneten Kandidaten zu finden, nur für den Fall. Was bringt es, wenn Du alle in die Flucht schlägst?”
Vernünftigerweise musste ich über den Einwand nachdenken und zugeben, dass Hinnaak Recht hatte. Abgesehen von der Sache mit der Sonne.
“Na ja.” sagte ich. “Ich kann ja versuchen, vernünftig mit den Leuten zu reden.”
“Das ist gut.” sagte Hinnaak zufrieden.
“Aber nur, bis sich herausstellt, dass das perverse Freaks sind, die hier anrufen. Dann geb ich denen die Kante!”
“Ja, dann gibst Du denen die Kante, in Ordnung.”
Nickend sah ich Hinnaak an, der mit frisch rasierter Brust und duftend wie ein Parfumladen vor mir stand, nur mit einem Handtuch bekleidet.
Bevor er noch irgendwas sagen konnte, machte das Gemeinste Geräusch Der Welt, das erneut im Flur erschallte, der pausierten Unterhaltung ein Ende.
Wortlos sah er mich an.
“Dein Törn für heute, Hinnaak.” sagte ich und machte mich auf den Weg in mein Zimmer, während er wie ein Kater nach einem Fußtritt losraste.
“Wenn es wieder meine Mutter ist, sagst Du mir Bescheid, klar?” sagte ich und sah ihn den Flur entlanghetzen.
“Ja ja.” meinte er im Laufen und sein Handtuch macht sich selbständig. Es schlang sich im Laufen um seinen rechten Fuß, verhedderte sich und Hinnaak schlug wie eine gefällte Eiche auf den Boden, genau eine Armlänge vom Telefon entfernt, das ihn hämisch dröhnend auslachte. Und als wäre nichts passiert, hob er aus der liegenden Position den Hörer ab und meldete sich mit der charmantesten Stimme, zu der er fähig war.
“Hallo, Residenz van Bork hier. Sie wünschen bitte?”
Während ich in meinem Zimmer ein paar Klamotten holte, hörte ich Hinnaak grinsen und
“Nein nein, kein Problem. Ich bin eh noch nicht ganz fertig hier.” sagen. Dann ging ich in das Dampfbad in Klausur und hörte ihn noch ein paar Minuten lang durch die geschlossene Badezimmertür dumpf infantilen Blödsinn sülzen.

Im Badezimmer war es nebliger als an Englands Küste und mehr tastend als alles andere versuchte ich, an meine Bürste heranzukommen, wobei meine Finger auf der Suche gegen undefinierbare feuchte Sachen stießen, die ich gar nicht sehen wollte.
Auf dem beschlagenen Spiegel entdeckte ich die karikierte Zeichnung einer nackten Frau, gemalt von Hinnaaks Wurstfingern, daneben das Wort <Jammy!>.
Da ich nicht der Meinung war, dass dieses Kunstwerk der Nachwelt erhalten bleiben sollte, wischte ich es mit groben Handbewegungen weg und fing an, mir meine Haare mit Bürste und Gel zurechtzumachen, nachdem ich mir meine frischen Klamotten über den Kopf gezogen hatte.
Dann putzte ich mir die Zähne, benutzte neues Deo, wechselte die Hosen und war fertig.
Zehn Minuten hatte ich gebraucht. Was Hinnaak hier stundenlang veranstaltete, wird mir ewig ein Rätsel bleiben.
Den Gürtel zumachend, stieß ich die Badezimmertür auf, fing sie allerdings ab, bevor sie an die Wand knallen konnte.
Auf dem Weg in mein Zimmer kam ich an Hinnaaks offener Tür vorbei und ich konnte im Vorbeigehen einen Blick in das Chaos seines Lebensraumes werfen. Das ungemachte Bett war vollgemüllt mit Kartons und Tüten. Alle möglichen Arten von Klamotten lagen verstreut auf dem Boden, ohne einen Unterschied zwischen schmutziger und sauberer Kleidung aufzuzeigen. Die Schubladen und Türen seiner Schränke standen offen und eine dicke Staubschicht bedeckte sein Sideboard, den Computertisch und den Fernseher, vor dem der noch immer unbekleidete Hinnaak kniete und onanierte. Auf dem Fernsehschirm lief eine Szene, in der Hinnaaks Lieblingspornodarstellerin Conny Lingus sich auf der Steintreppe vor einer malerischen Schlosskulisse, die vermutlich den Kern der Handlung dieses Film darstellte, kräftig durchvögeln ließ. Hinnaak wand sich dazu ekstatisch auf dem Teppich, ohne zu bemerken, dass ich mit angewidertem Gesichtsausdruck vor der offenen Tür stand, der er den Rücken zugewandt hatte.
Fassungslos starrte ich ihn ein paar Sekunden an und wusste nicht recht, ob ich in dieser Situation lachen oder weinen sollte. Am ehesten wäre mir nach schreien zumute gewesen. Statt dessen ging ich aber schweigend in die Küche und holte mir den hölzernen Kochlöffel von der Anrichte. Mit dem Löffel in der Faust schlich ich zurück, näherte mich ihm auf Zehenspitzen und während sich der Film dem unvermeidlichen cumshot näherte, zog ich ihm das Ding kräftig über den nackten Arsch. Hinnaak knickte in sich zusammen und machte eine Rolle vorwärts. Dann lag er wie ein Käfer auf dem Rücken und sah mich erschrocken an wie eine Kuh, wenn es donnert.
Völlig sprachlos und unentschlossen, ob er grinsen sollte oder nicht, lag er da und hielt sich die Hände vor den Dödel, als könnte der mich jetzt noch erschrecken!
“Das nächste Mal machst Du aber die Tür zu, ja?” sagte ich zu ihm, bevor er sich fangen oder irgendwelche Worte finden konnte.
Hinnaak nickte, ich drehte mich um verließ den Raum, die Tür hinter mir schließend.
Ob Hinnaak noch weiter gemacht hatte, vermag ich nicht zu sagen.

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