“Na, Dörte, alles klar?” posaunte Hinnaak, als er an diesem Abend durch die Tür kam, sein Supermankostüm über der Schulter. “Du, das hier muss gewaschen werden, und zwar dringend. Ich trau mich an die Waschmaschine nicht mehr ran, seit die letzte versucht hat, mich umzubringen.”
“Ich bin nicht Deine Putzfrau, Mann. Und ich hab auch keinen Bock, aus irgendeinem unerfindlichen Sauberkeitsfimmel ständig Dein beschissenes Supermankostüm waschen zu müssen, klar?” sagte ich kraftlos vom Sofa aus.
“Was denn mir Dir los? Komm schon, Marie renkt sich schon wieder ein. Ich kenn die Weiber doch.”
“Was Du für Weiber kennst, hat mit Marie nichts zu tun. Ich hatte doch in der Nacht nach der Feier in der Stadthalle, zu der Du mich mitgeschlappt hast, Sex mit Gisela. Erinnerst Du Dich?”
“Ja, fand ich geil.”
“Aber Marie fand es nicht geil, dass ich mit ihrer Schwester im Bett war. Und vor allem nicht, dass ich behauptet hatte, es wäre nichts gewesen.”
“Als ob das so schlimm war!” meinte Hinnaak. “Sie hat ja nicht mal eine bleibende Erinnerung bei Dir hinterlassen.”
“Frauen lassen so was aber nicht gelten.”
“Ja, das stimmt. Bei mir sind sie auch alle beleidigt, wenn ich mich nicht an sie erinnern kann.”
“Das ist ein bisschen was anderes.” erwiderte ich. “Und das alles nur wegen dieser beschissenen 80er Jahre Party, zu der Du mich gezwungen hast.”
“Ich hab Dich aber nicht gezwungen, mit Gisi ins Bett zu gehen, oder?”
“Nein, aber großzügig mit Gummis um Dich geschmissen hast Du.”
“Trotzdem kannst Du mir nicht die Schuld daran geben.” sagte Hinnaak bestimmt, und damit hatte er Recht. Ich konnte und durfte niemand anderem als mir selbst die Schuld daran geben. Ich war unehrlich gewesen und das hatte ich jetzt davon.
“Hast Du sie angerufen?” fragte Hinnaak.
“Ja, aber sie ist nicht da oder will mich nicht sprechen oder was weiß ich.”
“Du weißt doch aber, wo sie arbeitet. Dann geh halt zu Dieter und rede da mit ihr.”
Ich zögerte.
“Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.”
“Der größte Fehler, den Du jetzt machen kannst, ist einfach aufzugeben und sie Dich vergessen lassen. Zeig ihr, dass Du noch andere Seiten hast, so gut kennt sie Dich schließlich noch nicht.”
“Was soll ich machen? Mir auch ein Supermankostüm kaufen und mit ihr wegfliegen?”
Hinnaak lachte.
“Zum Fliegen ist es zu kalt, ist nur dünner Stoff. Aber atmungsaktiv, das kann ich Dir sagen.”
Ich sah ihn an.
“Was zum Geier treibst Du eigentlich immer mit dem Kostüm?”
“Ich bin gern ein bisschen geheimnisvoll.” meinte Hinnaak.

Die Zeit verging wie in Trance an diesem Tag.
Nun lag ich in meinem Zimmer und starrte an die Decke meines Himmelbettes.
Ein sehr starkes Gefühl von Sehnsucht kroch meinen Körper empor. Ich versuchte es zu verdrängen, doch es klappte nicht.
Dass man einen Menschen schon nach so kurzer Zeit vermissen kann, unglaublich.
Mein Kopf tat mir weh vom vielen unsinnigen Nachdenken. Alles Mögliche an komischem Zeug geisterte mir durch den Kopf. Hauptsächlich Schuldzuweisungen an mich, an Hinnaak, an Gisela, an Marie… bis ich schließlich in einen unruhigen Schlaf fiel und an nichts mehr dachte.

*

Ursula Petersen trat aus dem Clubgebäude in einen goldenen Herbstabend hinaus, schickte sich an, zu ihrem kleinen Auto hinüberzueilen, den sie zwei Stunden vor Beginn ihrer Chorstunde auf dem Parkplatz neben dem Fußballfeld geparkt hatte und knöpfte sich im Gehen ihren Mantel zu.
Plötzlich hörte sie, wie jemand hinter hier herrief.
“Uschi, Deine Handtasche!”
Sie drehte sich um und erblickte Berta, die Altstimme des Chors, die sie privat selbst gut kannte. Berta war Backwarenfachverkäuferin und erfreute sie und andere Chormitglieder oft mit ihren mitgebrachten Werken. Gut, es war immer Zeug von gestern, das im Laden übrig geblieben war, aber es schmeckte trotzdem noch.
Ursula kannte die üppig gebaute Berta als nette Person, korrekt und ordentlich, aus gutem Hause stammend. Jeder in ihrer Familie war beruflich erfolgreich. Immerhin betrieb Berta eine gut gehende kleine Bäckerei und Konditorei und viele Chormitglieder kauften bei ihr gern. Am nächsten Wochenende war ein kleines Kaffeekränzchen zum fünfundsiebzigjährigen Bestehen des Gesangsvereins geplant und Berta war angehalten, natürlich gegen Entgelt aus der Vereinskasse, die Backwaren zu stellen, die zu diesem Anlass gereicht werden sollten. Da gab es keine Einwände, denn Berta war im Verein außerordentlich beliebt. Nicht nur wegen ihrer hervorragenden Backwaren, denn außerdem besaß Berta ein außerordentliches Erzähltalent. Es kam bisweilen vor, dass sie den gesamten Chor mit Anekdoten über ihre Stammkunden amüsierte. Oder in Rage brachte, wenn sie über unhöfliche Zeitgenossen berichtete, wie diesen jungen Kerl, der öfter in den späten Morgenstunden ungewaschen und zottelig in ihren hübschen kleinen Laden kam und ohne Grund patzig wurde. Das war ganz sicher irgendein asozialer Arbeitsloser, der den ganzen Tag vor der Glotze hing und für den ehrliche Leute mitarbeiten mussten, um ihm sein bequemes Leben zu finanzieren. Darüber regte sich Ursula auch auf und zusammen mit anderen Chormitgliedern machte sie Witze darüber, dass Berta ja Abführmittel oder Ähnliches in den Brötchen verarbeiten könnte, die sie diesem ungezogenen Bengel verkauften könnte. Aber so was kam für die anständige Berta natürlich nicht in Frage. Sie war zu gut für diese Welt.
Jetzt gerade japste sie quer über den Parkplatz, und mit wabbelnden Armen hielt sie Ursulas Handtasche in die Höhe, die sie im Chorsaal an der Garderobe hatte hängen lassen.
“Danke, Berta.” sagte sie entschuldigend und nahm die Handtasche an sich. Einem ersten Impuls folgend wollte sie prüfend, ob noch alles da war, aber das hätte ihre Freundin falsch auffassen können. In der kurzen Zeit würde schon niemand was aus der Tasche gestohlen haben.
“Hast Du es eilig?” fragte Berta, keuchend mit Worten sparend.
“Nein, ich bin zur Zeit nur irgendwie durcheinander.” sagte Ursula und schloss die Fahrertür auf. Wie selbstverständlich, schließlich waren sie inzwischen so oft gemeinsam von der Chorstunde weggefahren, dass man es als Tradition bezeichnen konnte, öffnete Berta die Beifahrertür, und schwang ihre breiten Hüften in den Sitz, wobei der Wagen eine deutliche Neigung zur Seite machte.
“Warum bist Du so zerstreut?” fragte Berta, während Ursula ihr Auto vom Parkplatz lenkte und sich Bertas Atem etwas beruhigte.
“Es ist wegen meines Sohnes Mick.” sagte Ursula. Berta eine Herzensangelegenheit anzuvertrauen, machte ihr keine Probleme. “Er wird in letzter Zeit immer absonderlicher. Auch stiller und zurückgezogener. Zuerst ist er ja schon lange ohne richtige Arbeit. Das ist ja nicht weiter schlimm, wir haben in Deutschland ja leider ziemlich viele Arbeitslose. Aber dann fand ich vor ein paar Monaten eine ganz komische Annonce in der Zeitung, dass er und sein Freund, mit dem er zusammenwohnt, einen weiteren Mitbewohner suchen. Ich nehme an, weil er sich mit seinem Freund nicht versteht. Er kennt ihn ja schon seit der Grundschulzeit und Freundschaften gehen ja irgendwann mal auseinander, wenn junge Menschen erwachsen werden. Da dachte ich, er fühlt sich vielleicht einsam und hab versucht, ihn mit seiner ehemaligen Freundin aus dem Kindergarten wieder zusammenzubringen. Das hat er aber abgelehnt. Und eine nette junge Verkäuferin, die ich ihm vorgestellt habe, hat er nicht mal angesehen. Oder er wird unwirsch. Ich hab richtig Ärger bekommen mit dem Besitzer von dem Gutshof, zu dem ich immer meine Äpfel hinbringe, weil Mick gemein zu seiner Tochter war. Wenn er nicht bald eine Freundin findet, und ich fürchte, er tut sich da sehr schwer, wird er bestimmt homo… …dingsda.”
Berta lächelte milde ob der übertriebenen Sorgen ihrer Freundin.
“Nun mach mal langsam, Uschi. So schnell wird er nicht schwul. Er ist nur in einer schwierigen Phase, da bin ich ganz sicher. So ist das bei jungen Leuten. Mein Bruder Horst, der hat ja zwei Töchter, beide sehr hübsche Mädchen übrigens. Die Ältere der beiden ist zur Zeit auch in einer schwierigen Phase. Ich war gestern grade da, um im Garten zu helfen und da hab ich mitgekriegt, dass sie sich geradezu im Liebeskummer vergeht.”
“Ja ja.” sagte Ursula sinnend. “Für jedes gebrochene Herz gibt es eine bunte Glühbirne auf St. Pauli.”
“Und das beste Mittel gegen eine zerbrochene Romanze ist eine neue Romanze.” ergänzte Berta.
Da fingen beide an, herzlich unverschämt zu grinsen, weil es eine der seltenen Momente war, wo beide Personen wussten, dass sie jeweils dasselbe dachten, ohne es aussprechen zu müssen.
“Ich weiß nicht recht.” wägte Ursula dann aber ab. “Ich hab schon so oft versucht, Mick zu verkuppeln. Es klappt einfach nicht.”
“Also hör mal. Du hast es wahrscheinlich einfach zu überdeutlich gemacht. Natürlich will Dein Mick kein Mädchen, das seine Mutter für ihn ausgesucht hat. Er muss das Gefühl haben, dass er sie sich selbst ausgesucht hat.”
“Das verstehe ich ja auch. Aber meistens sieht er die Mädchen nicht einmal an.”
“Eines kann ich Dir versichern.” hob Berta ihre kräftige Stimme an. “An meiner Nichte Marie guckt keiner vorbei. Nach der haben sich die gleichaltrigen Jungs auf der Straße schon umgedreht, da war sie gerade mal elf Jahre alt. Wir brauchen nur ein Treffen zu arrangieren und der Rest wird sich von ganz allein ergeben. Und dass Dein Mick zu unwirsch für sie sein könnte, glaube ich nicht. Meistens ist sie diejenige, die die Jungs in die Flucht schlägt mit ihrer scharfen Zunge.”
“Hm.” machte Ursula zweifelnd.
“Also ehrlich. Ich hab noch nie eine Gelegenheit erlebt, in der irgendjemand, mit dem Marie gesprochen hat, nicht versuchte, mit ihr zu flirten. Also wenn Dein Mick ihr tatsächlich die kalte Schulter zeigen sollte, dann stell ich ihm den Schwulenschein höchstpersönlich aus.”
Verwundert sah Ursula sie an.
“Gibt es so was wirklich?”
“Ach was. Guck lieber auf die Straße!”

*

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