Ein paar trostlose Tage später hatte meine Mutter Sperrmüll angemeldet. Und mich natürlich wieder mal als Hilfskraft rekrutiert. Ständig musste ich wie ein Tier für sie ackern, nur weil sie mich ein einziges Mal auf die Welt gebracht hat!
Also sollte ich ihren ganzen alten Müll vom Dachboden vor die Tür tragen, wo er am nächsten Tag abgeholt werden würde. Als ob ich dazu Nerven hatte!
In besserer Stimmung hatte ich meiner Mutter vor einer Woche zugesagt, doch diese Stimmung war ja nun verflogen.
Deprimiert und missgelaunt fuhr ich mit meinem Panzer zu meiner Mutter und während der Fahrt hingen meine Gedanken an Marie.
Das alles kotzte mich an. Eine Frau, die ich immer haben wollte. Ich hatte sie gehabt. Und ein Mann, der ich nie sein wollte, zerstörte alles.
Hoffnungen, sie zurückzugewinnen, hätte ich nur haben können, wenn mein Leben ein Film wäre. Nur war mir schon seit langem klar, dass mein Leben kein Film war, denn noch nie musste ich einen Mord aufklären oder Hinnaak aus den Händen seiner Entführer retten.
Da. Schon wieder so ein Quatsch. Wieso ging mir immer nur Blödsinn durch den Kopf?
Wenn ich ein bisschen erwachsener gewesen wäre, hätte ich Marie von Anfang an die Sache mit Gisela erklären können wie ein Mann. Aber ich war kein Mann. Ich war ein armes Würstchen, ein Feigling, der sich an He-Man-Figuren erfreute.

Schon von weitem sah ich den Müllberg, der vor der Haustür meiner Mutter stand. Also hatte sie schon ohne mich angefangen. Wozu sollte ich herkommen? Weil oben noch ein alter Schrank rumstand? Oder weil ich ihrer Meinung nach zu wenig Sonnenstrahlen abbekam? Bei meiner Mutter musste ich mit allem rechnen. Viel lieber wäre ich zu Hause geblieben und hätte mich in Selbstmitleid gesuhlt.
Im Näherkommen erkannte ich meine alte, mit Fußballbildern aus Hanuta beklebte Schreibtischlampe, die auf meinem ramponierten, mit Wachsmalern bekritzelten Schreibtisch lag. Der Stecker baumelte traurig von der Tischkante herab, auf der Uli Stein forever mit Edding geschrieben stand.
Wortlos stand ich vor meinem Kindheitsmobiliar, als meine Mutter mit ein paar alten Kassettenkoffern in der Hand herauskam.
“Hallo, Mick. Schön, dass Du Zeit gefunden hast. Es freut mich, Dich zu sehen.”
Ich nickte wortlos, unfähig, unter den Eindrücken von Maries Davonlaufen und den zur Verschrottung freigegebenen Kindheitserinnerungen irgendeine Art von Begrüßungsfreude zu simulieren.
“Was ist los?” fragte meine Mutter.
“Gar nichts.”
“So bedrückt habe ich Dich schon ewig nicht mehr gesehen. Was ist los und lüg mich nicht an!”
Das war schon immer so gewesen. Ihr entging einfach nichts. Schon als ich klein gewesen war, hatte sie immer gewusst, wann ich flunkerte und wann nicht. Wenn ich früher allein zu Hause gewesen war und Der Mann aus Atlantis im Fernsehen kam, musste sie später nicht mal auf den warmen Fernseher fassen, um herauszufinden, dass ich heimlich ferngesehen hatte.
Trotzdem sagte ich, dass nichts weiter wäre, als dass ich es schade fände, meine schönen alten Sachen wegzuwerfen. Obwohl ich es überraschenderweise gar nicht so schlimm fand. An jedem anderen Tag hätte ich wahrscheinlich rumgebrüllt und dann meine Sachen zu mir nach Hause geschleppt, um sie ewig aufzubewahren. Aber ich sah ein, dass ich so nicht weitermachen konnte. Dass ich aus meinen eingefahrenen Gleisen rausmusste, wenn ich erwachsen werden wollte.
“Wie hast Du eigentlich den Tisch hier rausgekriegt?” fragte ich, um von dem pikanten Thema abzulenken.
“Rosi von nebenan hat mir geholfen.”
“Und wozu sollte ich nun herkommen?”
“Ich hab noch einen Schrank oben, den müssen wir auseinanderbauen und außerdem dachte ich, Du könntest ein bisschen Sonne und frische Luft vertragen.”
“Stimmt wahrscheinlich. Sonnenstrahlen sollen ja gegen Depressionen helfen.”
“Du solltest mal ein bisschen Sport machen. Am besten wir fangen jetzt mit dem Schrank an.” sagte sie und ging wieder Richtung Haustür. “Und komm nicht auf die Idee, hier irgendwas von Deinem alten Krempel vor der Entsorgung retten zu wollen. Das kommt alles weg.” ermahnte sie mich, als ich anfing, in den Kassettenkoffern zu stöbern.
“Keine Angst.” sagte ich. “Alles alter Müll. Den brauch ich nicht. Nicht mehr.”
Ich folgte ihr ins Haus und ließ die Knight Rider-Kassette, die ich schon ewig gesucht hatte, in meiner Jackentasche verschwinden.
Und auch wenn ich ihr nichts von Marie und mir erzählte, wie hätte ich das schon machen sollen, ohne ihr meine Fickgeschichte mit Gisela auftischen zu müssen, fand sie doch spielend leicht heraus, dass ich mich zum Kotzen elend fühlte, obwohl ich körperlich doch kerngesund war.


VN:F [1.7.4_987]
Rating: +2 (from 2 votes)
Teilen, empfehlen, speichern: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • MySpace
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Wikio DE
  • YahooMyWeb
  • Y!GG
  • Webnews
  • StumbleUpon
  • Squidoo
  • Reddit
  • Print