Das Licht fiel hell in den Raum und weckte mich. Im ersten Augenblick war ich verärgert über diese Störung und dass ich vergessen hatte, die Vorhänge zuzuziehen, doch dann fiel mir die Nacht ein, die einen anderen Menschen aus mir gemacht hatte. Wir hatten uns stundenlang geliebt und als wir später nebeneinander gelegen hatten, war Marie der sternenklare Himmel aufgefallen, den man durch mein Fenster sehen konnte. So hatten wir dann aneinandergeschmiegt gelegen und den unglaublichen Anblick einer millionen Lichtjahre Aussicht und die gegenseitige Wärme genossen.
Das hatte mich verändert.
Ich war nun offener, verständnisvoller und toleranter. Nichts auf der Welt würde mich je wieder aus der Fassung bringen können, solange ich mich in diesen Mantel aus Glück und Liebe hüllen konnte.
In diesem Augenblick erwachte Marie und blickte hoch zu mir.
“Guten Morgen.” sagte sie leise. “Ich dachte, das wäre mein Bett.”
Ich küsste sie.
“Ist es doch auch.” sagte ich. Sie lächelte und streckte sich. “Wie hast Du denn geschlafen?”
“Sehr gut. Es ist wirklich ein himmlisches Bett. Und ungewöhnlich. Sieht ziemlich alt aus.”
“Es ist sehr alt. Ein Erbstück von meiner Oma. Als ich noch sehr klein war, stand es in ihrem Landhaus. Meine Eltern und ich haben sie oft besucht und jedes Mal, wenn wir bei ihr waren, durfte ich in diesem Bett übernachten und sie hat mir zum Einschlafen alte Geschichten erzählt. Darum ist das Bett für mich zu einem Ort der Sicherheit und Geborgenheit geworden. Als meine Oma dann gestorben ist, haben meine Eltern ihr Haus und alles andere geerbt. Sie haben dann nichts Besseres zu tun gehabt, als das Haus zu entrümpeln und alle alten Möbel wegzuwerfen.”
“War denn nichts Wertvolles dabei?” fragte Marie.
“Nein. Meine Eltern hatten die eine oder andere Antiquität erwartet, aber es war nur wurmstichiger alter Plunder. Bis auf dieses Bett hier. Das sollte zwar auch entrümpelt werden, aber ich hab so lange gebrüllt und getobt, bis ich es behalten durfte. Meine Eltern haben es sanieren lassen müssen, weil viele der alten Holzstreben und Federn nicht mehr so ganz in Schuss gewesen waren. Eine neue Matratze und neuen Vorhangstoff hat es auch bekommen, es war wie neu. Meine Eltern haben es mir dann sozusagen zu Weihnachten geschenkt. Das war okay für mich.”
“Eine tolle Geschichte.” meinte Marie, die, auf einen Ellbogen gestützt, aufmerksam zugehört hatte. Das Morgenlicht warf einen herrlichen Schimmer auf ihre nackten Brüste. “Und warum steht das Haus jetzt leer?” fragte Marie.
“Meine Eltern wollten es verkaufen.” erklärte ich. “Aber dann ist mein Vater gestorben und meine Mutter hatte andere Dinge um die Ohren. Zum Verkaufen ist es jetzt zu spät, weil das Haupthaus und die Scheune baufällig geworden sind. Das Grundstück verwildert. Es gibt da viele Apfelbäume, um die meine Mutter sich regelmäßig kümmert. Sie spendet die Äpfel einem Reiterhof.” Die Geschichte, die ich beim letzten Mal dort erlebt hatte, ersparte ich Marie.
“Das Haus würde ich ja gerne mal bei Tageslicht sehen.” sagte sie.
“Warum das?”
“Ich finde leer stehende Häuser aufregend.”
“Ich finde sie eher gruselig.” erwiderte ich.
“Toll. Ich hab noch nie in einer Antiquität geschlafen.” sagte Marie fasziniert.
“Einmal ist immer das erste Mal.” stellte ich fest.
“Und es ist so gemütlich.” meinte sie, gähnte herzhaft und streckte sich, was der anmutenden Form ihrer Brüste keinen Abbruch tat.
“Ich glaube, jeder braucht einen Platz, an dem er sich wirklich wohl fühlt.” sagte ich und strich durch ihr Haar. “Im Moment ist das der Platz neben Dir.”
Sie lächelte und küsste mich sanft.
“Ich hab Dich lieb.” sagte sie.
Die Schlichtheit der Worte, verbunden mit ihrer Bedeutung, überwältigten mich.
“Ich Dich auch.” sagte ich und wunderte mich über meine ruhige Stimme.
So lagen wir noch eine ganze Weile nah beieinander, bis sich mein Bauch irgendwann meldete.
“Hast Du Hunger?” fragte ich Marie. Sie überlegte kurz und sagte dann
“Ja.”
“Na fein. Ich mach uns mal eine Kleinigkeit.” sagte ich, erhob mich aus den Federn und zog mir was über meine Blöße.
“Bist Du etwas prüde?” fragte Marie herausfordernd.
“Weißt Du, in einem geteilten Männerhaushalt gibt es zwei Regeln. Erstens: Niemand darf nackt herumlaufen. Und Zweitens: Niemand darf nackt herumlaufen!!!”
“Ah, versteh schon. Männer sind in der Hinsicht ein bisschen verklemmter als Frauen.”
“Ja, eigentlich wollte ich auch mit zwei Frauen zusammenwohnen, aber Claudia Schiffer und Heidi Klum leben in keiner WG mehr.” sagte ich und zog mir noch ein T-Shirt über. “Magst Du eigentlich Gesichtswurst?”

Meinem Wunschdenken nach wollte ich ihr, wie in der Fernsehwerbung, ein süßes kleines Frühstück ans Bett servieren. In der Wirklichkeit aber mussten Frauen morgens auch als erstes auf die Toilette, wie ich an Maries Schritten Richtung Badezimmer feststellen musste. Machte aber nichts. Die Realität war eben keine Augsburger Puppenkiste und in Anbetracht dessen, dass Marie neben mir in meinem geheiligten Himmelbett geschlafen hatte, würde ich mich garantiert über nichts mehr beschweren. Alle Webfäden des Schicksals hatten sich für mich in allerbester Weise zusammengefügt und mich durchströmte ein wohliges Gefühl vollkommener Glückseligkeit.
Im Kühlschrank waren, Gott sei es gedankt, genug Sachen, um ein ausreichendes Frühstück zu zelebrieren und ich überlegte, ob ich auf den Balkon gehen und vom Nachbargeländer eine Begonie aus dem Blumentopf klauen sollte, die ich dann in einer Vase auf den Tisch stellen könnte.
Plötzlich sprach mich der Dritte Mann an. Wie so oft merkte ich vorher nicht, dass er den Raum betreten hatte.
“Morgen, Mick.” sagte er unschuldig.
“Moin, Nummer Drei.” antwortete ich fröhlich, obwohl ich zusammengezuckt war, was ich absolut hasse.
“Ich hab noch ein bisschen an dem Lied geschrieben, falls es Dich interessiert.”
“Cool, ja. Vielleicht kannst Du es irgendwann mal rausbringen.”
“Soll ich Dir die Änderungen mal zeigen?”
“Sorry, aber jetzt grade kann ich nicht. Marie ist bei mir. Aber später bestimmt mal, versprochen.”
“Marie ist hier?” fragte er erstaunt. “Etwa seit letzter Nacht?”
Ich grinste leicht verlegen.
“Ja. Naja. Ist halt spät geworden, da wollte ich sie nicht mehr rauswerfen, wäre unhöflich gewesen.”
“Dann hast Du Hinnaak jetzt was voraus.” sagte der Dritte Mann.
“Was meinst Du genau?” fragte ich. “Talent, Kreativität, Charisma, Fantasie, Eloquenz oder Intelligenz?”
“Nein, Du warst mit zwei Schwestern im Bett. Das will er schon seit langem mal schaffen.”
“Er will mit zwei Schwestern gleichzeitig ins Bett, das ist der Unterschied.” erwiderte ich, drehte mich um und sah, dass Marie hinter dem Dritten Mann im Flur stand.
Mein Gesicht sackte einen halben Meter nach unten und in meinem Magen explodierte eine Atombombe, als ich Maries Blick begegnete.
Der Dritte Mann drehte sich um und erkannte die Situation, der er sich schnell wie der Blitz entzog und in ein Zimmer verschwand.
Marie sagte kein Wort, sah mich nur mit ihren großen, dunklen Augen durchdringend an.
“Hast Du mir irgendwas zu sagen oder zu beichten, bevor ich gehe?”
“Nein, jetzt warte mal…”
“Du hast mir gesagt, Du hättest mit Gisela nichts gehabt.”
“Ja, das war ja auch nicht so, ich meine…”
“Also dann hab ich mir das Gespräch zwischen Dir und Deinem Mitbewohner eben entweder nur eingebildet oder Du bist auch nur ein verdammter verlogener Dreckskerl. Welche von den beiden Möglichkeiten ist es denn nun?” Marie standen die Tränen in den Augen und ich wusste nicht, was ich hätte sagen sollen. Die Sache mit ihrer Schwester war doch überhaupt keine Absicht gewesen, aber ich wusste aus vielen Vormittagstalkshows, dass niemand diese Ausrede gelten lassen würde.
So stand ich nur wortlos da und schämte mich. Schließlich drehte sie sich auf dem Absatz um, holte ihre Sachen und verschwand aus meiner Wohnung.


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