Marie war ein Engel. Sie war mein Engel. Erst im Laufe von ein paar Tagen war mir klar geworden, wie sehr ich sie mochte. Ein Verliebtheitsgefühl kann kommen und gehen; aber je mehr Zeit seit unserer Begegnung im Waschsalon vergangen war, desto mehr war mir bewusst geworden, wie viel Marie mir bedeutete. Jede Minute, in der wir nicht zusammen waren, dachte ich an sie und wenn wir uns trafen, war es, als würde die Sonne noch einmal aufgehen und das war ein Gefühl, das ich schon seit sehr langer Zeit für keinen Menschen mehr empfunden hatte.
So waren diese Tage für mich die schönsten seit Jahren. Wenn sie Abends bei Dieter, der sich ehrlich zu freuen schien, dass die einsamen Seelen Marie und Mick sich gefunden hatten, Feierabend machte, holte ich sie ab und wir gingen oft in eines der Cafés, die die Fußgängerzone flankierten. Das La Vita È Bella hatte ich ihr auch schon gezeigt und wir setzten uns einfach nur hin und unterhielten uns stundenlang. Das gefiel mir. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass man sich mit Mädchen stundenlang unterhalten konnte.
Wenn ich dann spät nach Hause kam, war Hinnaak ganz begierig nach Einzelheiten. Solchen Einzelheiten, wie man sie in einem Pornodrehbuch verbraten konnte. Ich enttäuschte ihn jedes Mal. Nicht, dass ich ihm nichts erzählte. Ich erzählte ihm alles was passiert war, und das enttäuschte ihn jedes Mal.
Tagsüber, wenn wir beide zu Hause waren, bat mich der Dritte Mann ständig, mir irgendeine Änderung oder Ergänzung zu seinem Lied anzuhören. Da ich jetzt eines seiner Werke kannte, hatte ich scheinbar einen Stempel auf der Hand, mit dem ich zu seinen geistigen Gemächern Zutritt bekam. Tatsächlich wurde sein Lied mit jedem Tag besser und er spielte es mir ständig vor. Da es ein Liebeslied war, dachte ich beim Zuhören immer sehnsüchtig an Marie und irgendwann fragte ich mich, an wen er wohl dachte, wenn er daran herumwerkelte. Dass er einfach so aus blauem Dunst ein so ehrliches und herzrührendes Lied schreiben konnte, war schwer vorstellbar. Meiner Meinung nach war es an irgendwen gerichtet, aber wenn ich ihn darauf ansprach, wich er mir aus.
Hinnaak war der Meinung, das lag daran, dass der Dritte Mann verklemmter war als ein Querbalken in einem Schiffsrumpf und er fing wieder davon an, dass wir ihm ein kleines Abenteuer besorgen sollten.
“Ich sag Dir, Tanja ist genau die Richtige.” meinte Hinnaak und wedelte mit seinem rosa Buch vor meiner Nase herum. “Die kommt nach zwei Minuten schon ganz von alleine. Da hat er hinterher so viel Selbstbewusstsein, dass er sich für Muhammad Ali hält.”
“Du wirst ihm keine Deiner Tussis besorgen!” sagte ich scharf. “Auf so was ist er doch gar nicht aus. Wenn Du ihm jetzt eine von diesen Schlampen aufdrängst, die mehr Kilometer in der Pflaume haben als Deine rollende Stinkbombe da draußen auf ihrem gefakten Tacho hat, dann wird das verheerende Auswirkungen auf seine Zukunft haben. Er wird soweit sein, wenn er soweit ist. Lass ihn in Ruhe und misch Dich nicht in seine natürliche Entwicklung ein.”
“Wer bist Du jetzt? Captain Janeway? Na schön, aber beschwer Dich bei mir nicht, wenn er immer ein Weichei bleiben wird.”
“Keine Bange.” meinte ich.
“Hey, apropos Weichei.” fiel Hinnaak ein. “Heute Abend spielen wir ja gegen die Weicheier vom 1. FC. im Finale. Wenn wir die schlagen, ist das der größte Erfolg der Vereinsgeschichte.”
“Das müsst Ihr aber erstmal hinkriegen. Die sind doch Tabellenführer oder nicht?”
“Ja, wie immer. Aber wir haben in letzter Zeit mehr trainiert als jemals zuvor. Die werden uns bestimmt unterschätzen. Und wie ich gehört habe, fällt Torben Krämer aus, der beste Torschütze der Liga. Wenn der am Ball ist, ist der Ball schon halb drin. Wieso der noch nicht in der Bundesliga spielt, ist mir ein Rätsel.”
“Vielleicht, weil er mehr auf Weiber und Bier steht, als auf Fußball?”
Hinnaak wollte etwas antworten, hielt dann aber inne und überlegte.
“Hast Du mich grade damit gemeint?” fragte er nach ein paar Sekunden.
“Interessant, dass Du auf diesen Gedanken kommst.” sagte ich.
“Du glaubst also wirklich, ich könnte in der Bundesliga spielen?” fragte er mit großen Augen.
“Wieso auch nicht?” antwortete ich giftig. “Schließlich spielte sogar Jörg Heinrich…”
“Das wird mir heute Abend aber Motivation geben.” unterbrach mich Hinnaak. “Vielen Dank auch.” Er ging in sein Zimmer, sicher, um vor dem wichtigen Spiel noch Mal zu meditieren. Ich zog mir meine Jacke an und verließ kopfschüttelnd das Haus.
Hinnaaks Kunst, nur das zu hören, was er hören wollte, war manchmal genauso beneidenswert wie ärgerlich, aber es war seine Art, sich an Kritik vorbeizumogeln. Zum Beispiel war vor kurzem ein Brief von der Staatsanwaltschaft gekommen, in dem Hinnaak darüber aufgeklärt wurde, dass er gegen den Paragrafen hundertvierundachtzig des Strafgesetzbuches verstoßen hatte, als er öffentlich an einem für minderjährige Personen zugänglichen Ort pornografische Schriften einschlägig zum Handel anbot, und dass man ihn deswegen zur Vernehmung vorladen müsste.
“Da waren doch gar keine Schriften bei.” hatte Hinnaak gemeint. “Das waren alles knallharte Filme.”
“Ich denke, das ist das Gleiche.” erwiderte ich.
“Hier steht, dass ich mich rechtfertigen darf.” meinte Hinnaak weiter. “Na, denen werde ich aber ihr Weltbild zurechtrücken!”
Dann war er samt Brief in seinem Zimmer verschwunden und ich hatte zum Dritten Mann gesagt:
“Dummheit ist halt immer noch das teuerste Hobby.”
Ich weiß nicht genau, was Hinnaak daraufhin unternahm. Am wahrscheinlichsten ist, dass er irgendeinen Brief angefangen, nach drei Zeilen außer wüsten Beschimpfungen nicht mehr wusste, was er hätte schreiben können, dann eingesehen hat, dass das nicht geht und die ganze Sache sein ließ.
Grinsend bei dem Gedanken, dass Hinnaak sich vor Gericht von Matlock verteten lassen könnte, öffnete ich Dieters Ladentür, um Marie abzuholen. Wie hätte ich da wissen können, dass das für eine lange Zeit mein letzter schöner Abend sein würde?
“Du willst das Spiel sehen?” fragte ich verblüfft. Unschlüssig, was wir an diesem etwas kühlen Abend tun könnten, wanderten Marie und ich durch die Fußgängerzone und waren irgendwie auf Hinnaaks Fußballspiel gekommen.
“Klar. Ist doch ein wichtiges Spiel für ihn oder? Wie kannst Du dann nur in Betracht ziehen, da nicht hinzugehen?”
“Na ja, ich guck mir Fußball eigentlich nur an, wenn Deutschland spielt. Nicht mal für die Bundesliga interessiere ich mich sonderlich.”
“Ja, aber das könnte doch durchaus interessant werden und außerdem spielt Dein bester Freund mit.”
Da musste ich ihr recht geben. Ich fühlte mich fast ein bisschen schäbig, weil ich mit dem Gedanken spielte, im Wohnzimmer wieder diese Fahne aufzuhängen, wenn der 1. FC mit Hinnaaks Gurkentruppe fertig war.
“Na, meinetwegen.” sagte ich. “Aber bei einer La Ola-Welle werde ich nicht mitmachen, da wirst Du dann also ganz alleine aufstehen müssen.”
Lachend rempelte sie mich an und wir gingen zu ihrem Auto, um zum Hans-Günter-Meyer-Sportplatz zu fahren, wo die Begegnung stattfinden sollte.

Wir fanden nur schwer einen Parkplatz und die Tribüne war mehr als halb voll. Die Stimmung unter den Zuschauern war famos. Eigentlich hätte ich mir das denken können, denn es war immerhin das Finale und der 1. FC hatte die meisten Anhänger. Leider sah ich mich bei meiner Vorhersage bestätigt: Der 1. FC führte mit 2:0 und das Spiel war grade mal zehn Minuten gelaufen. Auf der kleinen Anzeigetafel, die laut Werbebande von einer ortsansässigen Sparkasse gesponsort worden war, stand der Torschütze, der die beiden Buden gemacht hatte, als der MTV wahrscheinlich noch beim Warmlaufen gewesen war: Torben Krämer, der Gerd Müller der Kreisklasse. Von dem Hinnaak gedacht hatte, dass er ausfallen würde.
“Na, das wird eine Qual.” sagte ich zu Marie, als wir uns ein paar freie Plätze suchten. Wir fanden welche erstaunlich nah am Spielfeld und setzten uns auf die abgenutzte Sitzfläche.
“Jetzt können wir mit ansehen, wie Hinnaaks Verein auseinandergenommen wird.”
“Ist alles noch nicht raus.” meinte sie. “Das Spiel dauert doch neunzig Minuten, oder?”
“Ja, dauert es und Du schuldest dem Phrasenschwein drei Euro.”
“Ich tu was?” fragte sie verwirrt.
Hinnaaks Mannschaft versuchte verzweifelt, ins Spiel zu kommen oder zumindest den Spielaufbau des Gegners zu stören. Das klappte ansatzweise, wenn es auch bedeutete, dass der MTV sehr defensiv stehen musste, was bei einem Rückstand keine sehr gute Idee ist. Ich sah, dass Hinnaak fast in der Abwehr spielte, obwohl er sonst eher im offensiven Mittelfeld zu Hause war. Auf der linken Seite versuchte grade ein spitteliger Rothaariger, mit dem Ball auszubrechen. Ich erkannte ihn sofort als den Katzenmann, den ich vor unserer Wohnungstür versehentlich ein bisschen runtergeputzt hatte. Beim Laufen sah er aus, als würde er gleich stolpern, was aber scheinbar normal war. Er spielte einen Pass auf einen breitschultrigen Kampfzwerg mit Akne im Gesicht, den Hinnaak mir mal als Ronny vorgestellt hatte. Ronny kam erstaunlich weit, nur leider rückte das Mittelfeld nicht nach, so dass in der gegnerischen Hälfte Schluss war, als er es mit drei Gegenspielern zu tun bekam und keine Anspielstation hatte.
“Schade.” sagte ich. “Die beste Aktion bisher und keiner denkt mit.”
Das Gleiche verkündete auch der MTV-Trainer. Allerdings etwas lauter und mit barscheren Worten.
Marie war kalt. Sie rückte näher an mich ran und ich schlang beide Arme um ihren zierlichen Körper.
Obwohl Hinnaak üblicherweise ein eher offensiver Spieler war, deichselte er seine Abwehrarbeit nicht schlecht. Er war der lauteste auf dem Platz und kommandierte seine Mitspieler herum, denen es dann auch gelang, weitere gefährliche Angriffe auf ihr Tor spätestens an der Strafraumgrenze zu stoppen.
Dann flachte das Spiel etwas ab. Der 1. FC schien Kräfte sparen zu wollen, weil sie ja ohnehin schon mit zwei Toren führten und den MTV mühelos im Griff hatten.
Dann kam wieder der Katzenmann, der auf der linken Seite einen Spurt hinlegte. Auf Hinnaaks Anweisung rückte diesmal das wirklich sehr tief stehende Mittelfeld mit raus, allerdings wurde der Katzenmann an der Mittellinie gefoult, so dass keine nennenswerte Möglichkeit entstand. Das Publikum reagierte empört und ich merkte, dass eine große Anzahl Zuschauer auf der Seite des MTV stand. Der Freistoß wurde verschenkt; er landete nicht mal in der Nähe eines Stürmers, worüber sich ein paar Fans aufregten, dann aber aufmunternd Beifall klatschten.
Der Freistoß, obwohl kein bisschen gefährlich, hatte den überraschenden Effekt, dass der MTV plötzlich etwas befreiter aufspielte und sich Platz im Mittelfeld erarbeitete. Der Katzenmann verschaffte sich in seiner Stolpervogelmanier etwas Luft nach vorne und schob ein paar gute Pässe zu den Stürmern, als der Schiedsrichter zur Halbzeit pfiff.
Das Publikum hatte die vergeblichen Konterbemühungen des MTV erfreut zur Kenntnis genommen und applaudierte den vom Platz trottenden Spielern.
“Das sah doch gut aus.” meinte Marie.
“Ja, aber so eine Halbzeitpause kann einen guten Zug nach vorne schnell zunichte machen. Ein Anschlusstreffer wäre gut für das Spiel gewesen.”
“Dein Kumpel Erik spielt wirklich gar nicht schlecht.” sagte Marie bewundernd.
“Ich weiß.” meinte ich. “Ohne ihn wäre sein Team wohl auch schon abgestiegen. Er könnte viel weiter oben spielen. Einer seiner ehemaligen Trainer hat mir mal gesagt, dass er durchaus genug Talent hätte, um in der Regionalliga spielen zu können, wenn nicht sogar in der zweiten oder der ersten Bundesliga.”
“Und wo ist das Problem?”
“Das Problem ist, dass er der faulste Sack ist, den ich je kennengelernt habe. Er hätte die große Möglichkeit, aus seinem Talent was zu machen, vielleicht sogar richtig Geld damit zu verdienen, aber er hängt nur rum und tut gar nichts.”
Marie nickte zustimmend.
Es war kalt auf der harten Sitzfläche und Marie rückte näher. Ich setzte mich rittlings auf die Bank, schlang beide Arme um ihre dicke Daunenjacke und genoss ihren Duft und ihre Wärme. Sie lehnte sich gegen mich und kitzelte meinen Hals mit einer ihrer Haarsträhnen, während wir uns unterhielten. So hätte ich die ganze Nacht sitzen können.
Die Welt um uns herum verschwand, versank in ein unbedeutendes Dunkel. Die Zuschauer, die laute Gesänge und unflätige Sprüche von sich gaben oder stumpfsinnige Unterhaltungen führten, verschwanden ebenso aus meiner aktiven Wahrnehmung wie der anregende Duft der Würstchenbude auf dem Parkplatz oder der süßliche Rauch des Joints, der ein paar Bänke weiter geraucht wurde. Alles fügte sich zusammen zu einem stimmungsvollen Gesamtbild, das hier einfach hingehörte und nichts darin war fehl am Platz, nichts störte diese Symphonie der Gefühle, dieses Feuerwerk, das in mir brannte. Meine Lippen strichen über ihre Schläfen und meine Sinne waren erfüllt von ihrem Duft und der Zartheit ihrer Haut, als sich ein störendes, lautes Geräusch in mein Bewusstsein drängte, das ich nach ein paar Sekunden als Beifall der Zuschauer identifizierte. Es bedeutete, dass die Spieler aufs Feld zurückkamen.
Nichts wäre mir im Moment lieber gewesen, als mit Marie nach Hause zu verschwinden. Ich wusste aber nicht, ob sie mir nicht vielleicht wieder vorhalten würde, Hinnaak im Stich lassen zu wollen. Also blieb ich sitzen und rührte mich nicht.
Der MTV kam personell leicht verändert auf das Feld zurück. Die Aufstellung war jetzt offensiver. Anstatt eines Abwehrspielers hatten sie vorne einen Stürmer mehr. Das hatte zur Folge, dass die Defensive umgestellt wurde und Hinnaak die Manndeckung von Torben Krämer übernahm.
Das Spiel wurde jetzt schneller. Vielleicht hatte der Trainer in der Pause seinen Spielern eine Herbert-Wehner-mäßige Ansprache gehalten oder vielleicht hatten sie auch selber keinen Bock, sich einfach abfertigen zu lassen. Bevor der Keeper vom 1. FC sich versah, hatte ihm ein bulliger Mittelfeldspieler des MTV einen Distanzschuss auf den Kasten geknallt, der ganz übel angeflattert kam und den er nur mit Mühe um den Pfosten lenken konnte. Die Zuschauer rauften sich die Haare. Ein Dickwanst in meiner Nähe verkündete lauthals, dass es das ja wohl hätte sein müssen.
Die plötzliche Gegenwehr des MTV passte gar nicht in die Pläne des 1. FC. Die Spieler hatten nicht vor, etwas von ihrem Vorsprung herzugeben und fingen an, die Angriffe des Gegners früh zu unterbinden. Auch mit unfairen Mitteln. Inzwischen war schon wieder eine Viertelstunde der zweiten Halbzeit herum und das Spiel wurde zusehends ruppiger. Wie schon in der ersten Hälfte wurde der Katzenmann gefoult und der MTV bekam einen Freistoß zugesprochen. Ich fing an zu glauben, dass es die Spezialität des Katzenmanns war, Freistöße herauszuholen. Der Freistoß wurde sehr schnell ausgeführt. Zu schnell, wie ich dachte. Dabei hatte ich übersehen, dass der blonde Mittelfeldspieler mit den langen Haaren, der laut Zuschauergesängen offenbar Sabine hieß, schon fast bis zum Strafraum gelaufen war. Zufall oder Absicht? Er bekam den Freistoß direkt vor die Füße und war in bester Schussposition, schlug jedoch einen Haken, um sich den Ball auf den anderen Fuß zu legen. Dann kam ein Verteidiger angerannt, den er umspielen musste. Um einen weiteren Verteidiger, der ihm zugleich ein bisschen das Trikot zurechtzupfen wollte, musste er wieder einen Haken schlagen. Und als dann der Torwart endlich angekommen war, um den Ball aufzunehmen und die Situation zu entschärfen, rutschte ihm der Ball zwischen den Armen und den Beinen hindurch und hopste auf das leere Tor zu. Von links kam noch ein Verteidiger angestürmt und grätschte nach dem Ball, aber er kam eine Zehntelsekunde zu spät. Der Ball war schon ins Tor gekullert und die Zuschauer applaudierten begeistert angesichts dieses kuriosen Tores.
Die Spieler des MTV umkreisten Sabine enthusiastisch und die des 1. FC regten sich über das Gegentor auf. Danach spielten sie umso giftiger und verteilten verdeckte Fouls, wo es nur ging. Hinnaak regte sich über den Schiedsrichter auf, dass ich es bis zu meinem Platz hören konnte.
“Wie kann man so blind sein!” tobte er und bekam dafür die gelbe Karte.
Dafür revanchierte er sich. Auch wenn er zwischendurch weite Ausflüge nach vorne wagte, spielte er immer noch in der Abwehr und setzte Torben Krämer heftig zu. In jedem Zweikampf trat er ihm aus Versehen auf den Fuß oder in die Hacken, so dass er ihm fast den Schuh auszog. Solche Aktionen machte er eine ganze Weile und ging Krämer damit gehörig auf den Keks, der sich auf seine Weise rächte. Er wusste, dass Hinnaak als guter Manndecker einem so gefährlichen Gegenspieler wie ihm überallhin auf Schritt und Tritt folgen musste und er nutzte das aus, in dem er Hinnaak innerhalb von zwei Minuten zweimal zum Spielfeldrand mitnahm, um sich beim Wassertrinken zugucken zu lassen. Daraufhin wurde Hinnaak sauer.
“Was trinkst Du eigentlich die ganze Zeit?! Bist Du ein Kamel oder was?!” rief er erbost, was die Zuschauer zum Lachen brachte.
Langsam schöpfte ich Hoffnung für den MTV. Denn obwohl der 1. FC sich augenscheinlich bemühte, wieder die Oberhand zu gewinnen, lief das Spiel ziemlich ausgeglichen.
Doch dann gab es plötzlich eine Schrecksekunde.
Ein Mittelfeldspieler des 1. FC hatte aufgepasst und einen richtig guten Steilpass in den Sturm gespielt – direkt auf Torben Krämer.
Und Hinnaak war nicht da.
Verwirrt suchte ich das Spielfeld ab und ich entdeckte ihn schließlich viel zu weit vorne.
Wie zum Geier war er da hingekommen? Das Spiel würde höchstens noch zehn Minuten dauern und er ließ den torgefährlichsten Spieler der Liga, den er höchstpersönlich bewachen sollte, mutterseelenallein vor dem eigenen Strafraum stehen! Jetzt würde der sein drittes Tor machen und dem MTV damit das Licht ausknipsten!
Torben Krämer legte sich den Ball blitzschnell und doch bedächtig mit der Schuhspitze zurecht, ließ ihn ein bisschen rollen und holte mit dem rechten Fuß aus, um eine Bogenlampe über den herauseilenden Keeper hinweg ins Tor zu schießen.
Der Schuss prallte hart am Wadenbein eines Verteidigers des MTV ab, der herangerast gekommen war und das Bein in höchster Not in die geschätzte Flugbahn des Balles gehoben hatte. Der Abpraller landete bei einem anderen Verteidiger, der ihn Volley mit dem Innenrist weiterleitete und zu dem Mittelfeldspieler mit den blonden Haaren passte. Dieser lief ein paar Schritte und spielte dann einen schnellen, flachen Pass direkt in den Lauf eines losstürmenden Kollegen, den die gegnerische Abwehr gar nicht auf dem Zettel hatte: Es war Hinnaak.
Mir sträubten sich die Nackenhaare vor Anspannung, als ich ihn unter dem aufbrandenden Jubel der Zuschauer auf das gegnerische Tor und den entgegenkommenden Keeper zurennen sah, den Ball mit kurzen Tritten immer auf exakte Distanz haltend. Eine Sekunde bevor ich meinte, dass es zu spät gewesen wäre, schoss er aus dem Lauf heraus dem in einem Rettungsversuch hechtenden Torwart durch die Arme. Es war ein langer und harter Schuss, gerade wie ein Strich, bevor er mit einem lauten Knall vom Innenpfosten abprallte und in den Maschen des Tornetzes liegen blieb.
Die Zuschauer brachen in frenetisches Gejubel aus und auch ich war bei Hinnaaks Torschuss zusammengezuckt, dass ich beinahe Marie von der Bank geschmissen hätte. Die ließ sich dadurch aber nicht stören, sondern klatschte Hinnaak begeistert Beifall, der sich von seinen Mitspielern umringen ließ. Die Zuschauer bedachten die grandiose Flanke mit lang gezogenen Sabine Gesängen, bei denen ich grinsen musste.
Die Spieler des 1. FC trugen erbost und mit grimmigen Mienen den Ball zur Mittellinie und riefen sich dabei Schuldzuweisungen, gepaart mit gegenseitigen Verbesserungsvorschlägen zu.
Hinnaak, aus der Jubeltraube befreit, nahm wieder seinen alten Platz in der Abwehr ein und ermahnte seine Leute zur Konzentration. Schließlich war nichts gewonnen, es stand lediglich Unentschieden.
“Das wird ja doch noch mal spannend.” sagte ich zu Marie.
Im Gegensatz zu meiner Erwartung bäumte sich der 1. FC nicht mehr auf. Die beiden unerwarteten Gegentore zehrten an ihrer Moral und sie wollten eine blamable Niederlage gegen den Außenseiter nach einer 2:0 Führung vermeiden und lieber auf das Elfmeterschießen setzen, bei dem sie sich Dank ihres guten Torwarts und ihrer herausragenden Torschützen bessere Chancen ausrechneten.
Nichtsdestoweniger hatten sie natürlich nicht vor, sich ergebende Möglichkeiten zu verschenken. Hinnaak heizte seine Abwehrspieler auf und wies sie an, dicht am Gegner zu spielen, um sie zu Fehlern zu zwingen. Er selber nutzte das aus, um weiter seine Fehde mit Torben Krämer auszufechten. Es verging kaum eine Minute, ohne dass er dem gegnerischen Stürmer, der nur zu gerne das Siegtor schießen würde, verdeckt am Trikot zupfte oder in die Hacken trat. Torben Krämer, dem das verständlicherweise auf die Nerven ging, verpasste Hinnaak einen Ellbogenstoß in die Seite, was ihm einen kurzen Moment lang die Luft zum Atmen nahm. Krämer nutzte das, in dem er sofort lossprintete und auch prompt den Ball auf den Fuß bekam, als er ein paar Schritte Vorsprung auf Hinnaak hatte.
Der Torwart war ohne Chance. Er kam aus seinem Kasten herausgestürmt, Torben Krämer jedoch schlenzte den Ball von der 16-Meter-Linie aus in aller Seelenruhe über den Keeper hinweg, der sich in der Luft noch ordentlich lang machte, aber keine Möglichkeit hatte, diesen Lupfer zu erreichen. Und so sprang der Ball dreimal auf und hüpfte unaufhaltbar Richtung Tor, wo er vom linken Pfosten abprallte und vom zurückstürmenden Torwart in die Arme genommen wurde wie ein kleines Kind, das fast vom Auto überfahren worden wäre. Das Publikum johlte angesichts eines solchen Ereignisses und Torben Krämer fluchte lauthals.
Das war ein unglaublicher Schreckensmoment gewesen, bei dem mir das Herz in die Hose gerutscht war. Aus einer kleinen Unachtsamkeit hatte sich eine Torchance ergeben und nur aufgrund eines kleinen Fehlers war nicht das Siegtor gefallen.
Aber genauer betrachtet war es ja ein verdecktes Foul gewesen und diese Torchance hätte es gar nicht geben dürfen, wenn der Schiedsrichter ein bisschen aufmerksamer gewesen wäre. Es waren nur noch ein paar Minuten zu spielen und es war doch klar, dass bei diesem Spielstand jetzt Hektik aufkommen würde. Ich war sauer auf diese Pfeife und konnte sehen, dass es Hinnaak genauso ging, auch wenn er sich bewundernswerterweise verbal zurückhielt.
Diese plötzliche Riesenchance hatte die MTV-Mannschaft geschockt und das merkten die Spieler des FC, die jetzt noch mal richtig Gas gaben, um die Einschüchterung auszunutzen. Hinnaak foulte Torben Krämer zweimal kurz hintereinander, was jeweils beinahe gelbwürdig gewesen wäre, der Schiedsrichter aber gnädigerweise weiterlaufen ließ. Torben Krämer war damit nicht einverstanden und jammerte herum.
“Stell Dich nicht so an!” erwiderte Hinnaak sauer. “Das hier ist Fußball und nicht Ballett!”
Dazu wusste Torben Krämer nichts zu sagen, sein Trainer regte sich jedoch lauthals auf und meinte, dass man so einen wie Hinnaak vom Platz schmeißen sollte. Der MTV-Trainer tat so, als hörte er nichts davon.
Die Zuschauer um uns herum diskutierten bereits über die Qualitäten der einzelnen Spieler als Elfmeterschützen, sollte sich in der Verlängerung nichts weiter verändern und auch die Trainer begannen offenbar, sich darüber Gedanken zu machen.
Beim Blick auf die Uhr sah ich, dass die Spielzeit bereits überschritten war, als ein Fehler in der Verteidigung des 1. FC dazu führte, dass die Zuschauer urplötzlich von den Sitzbänken aufsprangen und in ein ebenso verzücktes wie anfeuerndes Gebrüll ausbrachen. Erschreckt sah ich von meiner Uhr auf und erblickte einen Stürmer des MTV, der mutterseelenallein mit dem Ball am Fuß auf das gegnerische Tor zulief.
Ich wusste sofort, dass das der spielentscheidende Moment war. Die 90 Minuten waren um, der Schiedsrichter hatte die Pfeife praktisch schon im Mund, wenn dieses Tor jetzt fiel, war die Sensation perfekt und der MTV würde morgen in meiner kleinen Stadt das Tagesgespräch sein.
Genau diese Gedanken machte der Stürmer sich offenbar auch, denn er wirkte etwas nervös und zaghaft, als er direkt vor dem Torwart stand und sich entscheiden musste zwischen lupfen und tunneln. Er entschied sich nach einem kurzen Moment der Verzögerung für die dritte Möglichkeit, mit dem Ball am weit draußen stehenden Torwart vorbeizugehen, um nur noch das leere Tor vor sich zu haben.
Das funktionierte auch so weit, dass er an dem Torwart vorbeikam, in dem er mit einer Körpertäuschung dem Keeper einen falschen Impuls gegeben hatte und der sich in die verkehrte Richtung wendete. Weiter als drei Schritte kam er trotzdem nicht, denn plötzlich riss es ihn herum und er landete unsanft mit der rechten Seite auf dem Rasen. Der Ball hüpfte ins Toraus.
Empört und lautstark äußerten die Zuschauer ihren Unmut und auch ich war fassungslos über dieses hinterhältige und unsportliche Foul, das sich der Torwart geleistet hatte. Der Schiedsrichter zeigte sofort auf den Elfmeterpunkt und dem Keeper außerdem die rote Karte, was die Zuschauer hämisch mit Applaus kommentierten.
Die Spieler des MTV waren zu ausgelaugt und kraftlos, um sich über das Foul aufzuregen und die Spieler des 1. FC waren zu geschockt, um sich über den Elfmeter aufzuregen. Denn weil ihr Trainer bereits alle möglichen Auswechslungen vorgenommen hatte, bedeutete es, dass nun ein Feldspieler ins Tor gehen und versuchen musste, den Strafstoß zu halten.
Wütend zog sich der verbannte Torwart sein Trikot über den Kopf und warf es einem der Verteidiger zu, der es sich wie selbstverständlich überstreifte. Vielleicht stand auch er öfter mal im Tor und war da gar nicht so ungeübt.
Sofort kamen mir Bedenken, die mir ein flaues Gefühl in der Magengegend verschafften. Was, wenn der Elfmeterschütze die Situation unterschätzte? Wenn der Torwart den Ball halten würde? Das würde dem 1. FC einen Motivationskick wie eine Atombombe geben und den MTV-Spielern, die später möglicherweise zum Elfmeterschießen um die Spielentscheidung ran müssten, sämtlichen Mut nehmen! Ich befürchtete, dass eher der 1. FC hier im Vorteil war.
Sabine hatte sich den Ball geschnappt und stapfte scheinbar selbstsicher zum Elfmeterpunkt. Vielleicht war es auch Überheblichkeit, wie ich befürchtete.
Der neue Keeper breitete die Arme aus, als würde das was nützen und hüpfte ein bisschen herum. Wohl, um den Schützen zu irritieren.
Ich mochte gar nicht hinsehen, als Sabine Anlauf nahm, weil ich das drohende Unheil kommen sah.
Anstatt hart in eine Ecke zu schießen, wie es vielleicht besser gewesen wäre, machte Sabine einen lockeren Schlenzer, der sich ästhetisch und unendlich langsam in die Richtung der rechten oberen Ecke bewegte und der neue Torwart hatte diese Ecke vorausgeahnt.
Wie in Zeitlupe sah ich, wie er sich streckte und so lang machte wie er konnte. Ich sah, wie sich seine Hand dem Ball näherte, um ihn aus der Flugbahn zu lenken. Und ich sah, wie er um Millisekunden zu spät kam und den Ball um Zentimeter verfehlte.
Die Kugel senkte sich in die Maschen und die Zuschauer drehten durch. Sie waren eigentlich nur gekommen, um dem 1. FC, der über die größten Talente der Gegend verfügte, bei einem ordentlichen Fußballspiel mit Ballzauberei und jugendlich-kernigem Kampfeinsatz zuzusehen, aber was sie sahen, war eine Sensation. Wenn diese Sensation auch keine Kreise bis nach Bayern ziehen würde, reichte es doch aus, um am nächsten Tag auf der Titelseite meines Käseblatts zu stehen, mit einem großem Foto der losgelösten Jubeltraube aus MTV-Spielern, die ineinander verschlungen dieses unglaubliche Spiel feierten. Die Zuschauer taten ihnen gleich und freuten sich fanatisch für den Außenseiter, der den Favoriten durch eine so schöne und unterhaltsame Kampfleistung nach einem Rückstand noch bezwungen hatte.
Die FC-Spieler verließen mit hängenden Köpfen das Spielfeld und ich spürte einen Ellbogen, der in meine Seite knuffte.
“War doch nicht so schlecht, dass ich Dich überredet habe, das Spiel anzusehen, oder?” hörte ich Marie sagen.
Ich grinste schuldbewusst. Zum einen, weil sie damit völlig richtig lag und zum anderen, weil ich für einen Moment komplett vergessen hatte, dass sie überhaupt da war.

Sie fuhr uns zurück. Wer auch sonst, schließlich hatte ich es nie fertig gebracht, einen Führerschein zu machen, was meine männliche Eitelkeit jetzt bedauerte. Aber wahrscheinlich wäre ich wohl sowieso gegen einen Baum gefahren, so abgelenkt, wie ich jetzt war. Seit wir ins Auto eingestiegen waren und die Sportstätte mit der hektischen Begeisterung hinter uns gelassen hatten, musste ich daran denken, dass ich mit Marie irgendwohin wollte, wo wir ganz alleine waren. Dieser Gedanke, in Verbindung mit ihrem Duft, der in ihrem Auto hing, brachte meinen Herzschlag in Wallung.
“Meine Schwester hat ein paar ihrer Freundinnen eingeladen, da möchte ich ungern stören.” erklärte Marie, als wir ein paar Minuten später in unsere Straße einbogen.
“Kein Problem.” sagte ich und überflog im Kopf hektisch die Ordnungs-Checkliste meiner Wohnung, was wenig Sinn machte, weil Hinnaak nach mir verschwunden war.
Der Gedanke, mit Marie in meinem Zimmer allein zu sein, machte mich plötzlich ziemlich nervös. In Anbetracht der Tatsache, dass ich mich vorhin noch danach gesehnt hatte, war das ziemlich lächerlich, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren. Meine Hände fingen an zu zittern und meine Eingeweide verkrampften sich. Als sie ihren Wagen auf dem Parkplatz abstellte, langte ich überschnell nach dem Türöffner, um meine Nervosität zu verbergen.
Als würde sie sich gar nichts dabei denken, folgte Marie mir über den Parkplatz zur Haustür.
Mit jedem Schritt wurde es schlimmer und ich brachte kein einziges Wort heraus, obwohl ich der Ansicht war, dass etwas Small Talk die Sache aufgelockert hätte. Es hätte mir auch geholfen, wenn vor der Haustür das Licht nicht an gewesen wäre, aber diesen Gefallen tat mir auch niemand. Schwer atmend und mit dem Gefühl, im hellen Spotlight auf der Bühne in der Carnegie Hall zu stehen, kramte ich in meiner Tasche nach dem Schlüssel, als etwas passierte, das die Situation veränderte.
Umgeben von einer Wolke ihres Duftes stand Marie plötzlich vor mir und küsste mich.
Schlagartig löste sich alle Nervosität in Nichts auf und mehrere Minuten, ich glaube jedenfalls, dass es mehrere Minuten waren, standen wir nur da und ließen die Welt an uns vorüberziehen.
Als wir uns schließlich entschlossen, nach oben zu gehen, ging es wie von selbst, ohne dass ich irgendetwas erzwingen musste.
Um eine etwaige Unordnung brauchte ich mir auch keine Gedanken zu machen, weil es in der Wohnung bereits dunkel war und wir direkt in mein Zimmer gingen, in dem ich Gott sei Dank erst gestern aufgeräumt hatte.

Der Sex war wie eine Verschmelzung, eine vollkommende Symbiose. Ihr makelloser, perfekter Körper war unter mir, über mir, um mich herum. Überall. Bei den paar Malen, die ich in meinem Leben schon Sex gehabt hatte, hatte ich so etwas noch nicht erlebt.
Ein Gefühl des vollkommenen Glücks durchströmte mich.
Als wir viel später erschöpft nebeneinander lagen und uns in die Augen sahen, wurde mir mehr als jemals zuvor bewusst, wie sehr ich sie nach diesen wortlosen Stunden liebte und brauchen würde.

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