Hinnaak konnte sich gar nicht mehr einkriegen vor Freude.
“Der kleine Dörte hat was zum Ficken, ich glaub es nicht.” posaunte er lauthals.
“Hey…” begann ich.
“Ja ja, ich weiß, sie bedeutet Dir viel mehr als das.” meinte er und fügte die letzten Worte symbolisch in Anführungszeichen ein, die er mit den Fingern andeutete.
“Deine Tüttelchen kannst Du ruhig weglassen, Du Holzkopf.” meinte ich halb scherzhaft. Wir saßen zu Dritt im Wohnzimmer: Hinnaak, der Dritte Mann und ich. Es war erst eine halbe Stunde her, dass ich nach Hause gekommen war, und im Moment gab es nichts, das mich ankratzen konnte, denn ich war der glücklichste Mensch auf der Welt. Wir hatten noch eine ganze Weile in der Scheune zusammengesessen, auf der Kiste, wo es nebenbei bemerkt ziemlich eng gewesen war, und geredet. Irgendwann bemerkte Marie nach einem Blick auf die Uhr, dass es schon sehr spät sei und sie morgen ziemlich früh aufstehen müsste, also hatte ich allen Krempel zusammengeräumt und wir waren abgehauen.
Hinnaak war noch wach und auch der Dritte Mann kam neugierig aus dem Badezimmer heraus, als ich die Wohnungstür ins Schloss fallen ließ. Irgendwie hatte sich dann alles ins Wohnzimmer verlagert und wir saßen bei ein paar Flaschen Bier auf dem Sofa.
“Und? Seid Ihr jetzt zusammen?” fragte der Dritte Mann.
“Tja, wir haben nichts dergleichen festgelegt, aber ich nehme es mal irgendwie an.” meinte ich.
“Das wurde ja auch langsam mal Zeit.” sagte Hinnaak.
“Wieso? Ist an so was eine Frist gebunden?” fragte der Dritte Mann.
“Na ja, sagen wir mal, bei Dörte ist es eine Weile her.”
“Ach so.”
“Wo wir grade dabei sind, wie lange ist es denn bei Dir her?” fragte Hinnaak den Dritten Mann.
“Was?”
“Du weißt schon.”
Der Dritte Mann antwortete nicht, was für Hinnaak Antwort genug war.
“Ich glaub ´s ja nicht. Kapierst Du das, Dörte? Unser Kleiner hier hat noch nie ein Mädchen gehabt.” “Hat sich halt noch nie ergeben. Na und?” antwortete der Dritte Mann.
“Ja, genau.” sagte ich zu Hinnaak. “Soll er sich deswegen Stress machen?”
“Aber gibt es denn überhaupt keine, auf die Du abfährst? Du gehst doch zur Uni. Da laufen doch scharenweise süße kleine Studentinnen herum.”
“Ja und? Die interessieren mich aber nicht. Die sind alle viel zu sehr mit ihrem Studium beschäftigt, weil sie ja auch alle so genial und intelligent sind und auf eine Universität gehen. Das ist nichts für mich.”
“Dann ist das Studium also gar nicht so Deine Welt?” fragte ich.
“Nein. Ich will eigentlich nur Musik machen. Aber davon wird man nicht satt. Leider.”
“Aber in Musik bist Du schon ziemlich gut.” sagte Hinnaak. “Nach dem, was ich bisher so aus Deinem Zimmer hören konnte…”
Der Dritte Mann lächelte geschmeichelt.
“Nur schade, dass das mit dem Auftritt nicht hingehauen hat.” schob Hinnaak nach und das Lächeln verblasste.
“Ich weiß auch nicht, was los war .” sagte der Dritte Mann. “War wohl irgendwie nicht der richtige Moment, zum ersten Mal live aufzutreten.”
“Ja, Gott sei Dank.” meinte ich vorwurfsvoll. “Ich hätte es dann nämlich auch gerne gesehen. Also sag das nächste Mal Bescheid.”
“Geht klar.” sagte der Dritte Mann. “Aber ich weiß nicht, ob ich das irgendwann noch mal mache. Ist vielleicht nicht das Richtige für mich.”
“Nicht das Richtige für Dich? Du hast doch grade gesagt, dass die Musik Dein ganzes Leben ist. Und mit so kleinen Liveauftritten kannst Du sicherlich mehr verdienen, als mit Deinem Packerjob im Supermarkt.”
“Kann ja sein, aber ich weiß trotzdem nicht.”
“Wirklich schade.” meinte ich. “Da hast Du so viel mehr drauf und hast trotzdem nicht einen Cent mehr verdient als Hinnaak, der mit der beklopptesten Idee aller Zeiten im Kopf zum Flohmarkt gegangen ist.”
“Ach, die sollen sich nicht so anstellen.” sagte Hinnaak trotzig. “Heutzutage gucken die schon im Kindergarten Pornos.”
“Das glaube ich nicht, Tim.” meinte ich dazu.
“Und Du musst doch ganz still sein!” erwiderte Hinnaak. “Deine Geschichte war auch nicht grade legal.”
“Stimmt.” gab ich zu und Hinnaak lachte triumphierend.
“Aber ich muss deswegen nicht in den Knast.” fügte ich hinzu.
“Nur weil Dich keiner erwischt hat.”
“Okay, Klugscheißer. Ich hab aber wenigstens Geld verdient.”
“Das Du an der nächsten Ecke für eine Spielzeugfigur verjuxt hast.”
“Darum geht’s doch gar nicht…”
“Oh doch, Du bist mit genauso leeren Händen nach Hause gekommen wie der Dritte Mann und ich.”
“Also gut. Halten wir fest, dass wir alle drei in unseren Vorhaben, Geld für eine neue Waschmaschine zu verdienen, verkackt haben und dass die neue Waschmaschine trotzdem in unserem Badezimmer steht und fröhlich ihre Runden dreht.”
“Ein Hoch auf Eriks Vater.” sagte der Dritte Mann und wir stießen mit unseren Bierflaschen an. Der Dritte Mann und ich nahmen jeweils einen Schluck, Hinnaak leerte seine Buddel.
“Warum steht Du eigentlich so auf He-Man?” fragte mich der Dritte Mann nach einem Moment der Stille.
“Er ist der mächtigste Mann im ganzen Universum.” erklärte ich.
“Ich dachte, das wäre Superman.”
“Ist er ja auch!” meinte Hinnaak.
“Das ist ja eine ganz andere Geschichte. Jeder ist in seinem Universum der Stärkste.” sagte ich.
“Wer würde denn dann gewinnen? Superman oder He-Man? Ich meine, wenn sie gegeneinander kämpfen würden?”
“Das ist genauso eine Frage wie Rocky gegen Rambo. He-Man ist der Held meiner Kindheit.”
“Aber Deine Kindheit ist doch vorbei oder nicht?”
“Ja schon, aber die Helden seiner Kindheit verrät man nicht.”
“Ah.” mischte Hinnaak sich ein. “Den Satz solltest Du aufschreiben.”
“Hast Du denn keinen Kindheits-Helden?” fragte ich unbeirrt den Dritten Mann.
“Hmm. Würdest Du Rolf Zuckowski gelten lassen?”
Hinnaak lachte laut los.
“Was lachst Du denn?” fragte ich Hinnaak. “Soweit ich weiß, haben wir den früher auch immer gehört oder nicht?”
“Ja, stimmt. Kam nur gerade so geil rüber.”
“Die Helden seiner Kindheit verrät man nicht.” wiederholte ich. “Das solltest Du Dir ganz besonders merken, Mann.”
“Das tu ich doch. Ich hab alle Playboys, in denen Pamela Anderson drin ist.”
“Du hast sowieso alle Playboys.”
“Wo wir grade wieder bei dem Thema sind.” mischte sich der Dritte Mann ein. “Marie ist doch die Schwester von Gisi, oder?”
“Ja, genau.”
“Und wie ist die so?”
“Ne arrogante und eingebildete Zicke, meint Dörte.” sagte Hinnaak.
“So etwas hab ich nie gesagt.”
“Hast Du wohl.”
“Na schön, aber die Wahrheit erschließt sich einem nicht immer auf den ersten Blick.”
“Ob sie fickbar oder unfickbar ist?”
“Wie schön Du das mal wieder ausdrückst. Nein, das entscheidet das männliche Gehirn nach ein paar Nanosekunden. Und was das betrifft, ist Marie phänomenal goldig.”
“Und ihre Schwester auch.” meinte der Dritte Mann.
“Was man aber erst kennenlernen muss, ist der Charakter. Das hatte ich gemeint.” fügte ich hinzu.
“Pfff, als ob das wichtig ist.” meinte Hinnaak verächtlich.
“Ich finde schon, dass das wichtig ist.” meinte der Dritte Mann.
“Nicht für unsere Zwecke. Ich hab da vielleicht was für Dich. Moment.” sagte Hinnaak, sprang auf und rannte aus dem Raum.
“Was meint der denn?” fragte der Dritte Mann.
“Keine Ahnung. Wird nichts Besonderes sein.”
“Ich hab ´s gleich!” schrie Hinnaak aus seinem Zimmer.
“Erzähl mir später davon.” sagte ich zum Dritten Mann und erhob mich. “Ich muss mal eben etwas Bilgewasser außenbords lenzen.”
“Was soll das denn heißen?”
“Ich geh schiffen.”

Die neue Waschmaschine passte genau neben die Toilette, sie war allerdings etwas breiter als die alte, was bedeutete, dass man sich bequem gegen sie lehnen konnte. Heute allerdings wurde meine Aufmerksamkeit von ein paar Seiten Papier angezogen, die auf der Waschmaschine lagen. Es waren aus einem Schulblock mit Karos herausgerissene Zettel, die in Kladde und großen Buchstaben beschrieben worden waren. Es waren mehrere Blöcke in Versform, was stark nach einem Songtext aussah. Vermutlich hatte der Dritte Mann diese Zettel hier versehentlich liegen lassen. Dass er mit Melodien und Akkorden herumprobierte, hatte ich ja schon gehört, aber nicht, dass er ganze Lieder schrieb.
Wäre interessant, mal zu hören, welche Melodie der Dritte Mann dazu erfunden hatte.
Nach dem Händewaschen trug ich den Zettel ins Wohnzimmer, wo Hinnaak mit einem rosa Heftchen in der Hand dem Dritten Mann gegenübersaß und von einer Laura schwärmte, die die Beine für jeden breitmachen würde und die er sogleich anrufen könnte. Der Dritte Mann hängte sich mit seinem ganzen Körpergewicht an Hinnaak, um ihn daran zu hindern, aufzustehen und zum Telefon zu gehen.
“Hast Du dieses verdammte Heft etwa immer noch?” fragte ich.
“Klar, das ist mein wertvollster Besitz.” antwortete Hinnaak. “Das hat mir meine Mutter mal geschenkt, um Hausaufgaben reinzuschreiben. Hab ich aber nie gemacht.”
“Er sagt, da drin stehen nur Weiber, die leicht zu haben sind, ohne gleichzeitig wie Angela Merkel auszusehen.” sagte der Dritte Mann.
“Leicht zu haben hab ich zwar nicht gesagt, aber es stimmt sinngemäß.”
“Hinnaak, lass den Blödsinn und steck das Ding weg.”
“Oh, die hab ich vergessen.” sagte der Dritte Mann und nahm mir die Zettel aus der Hand.
“Was ist denn das?” fragte ich und setzte mich neben Hinnaak auf das Sofa.
“Da hab ich nur ein bisschen rumprobiert. Nicht der Rede wert.”
“Das ist ein Lied, oder?” fragte ich.
“Ja, aber nicht ganz fertig. Nicht wichtig.”
“Nicht wichtig? Ich kenne niemanden, der es fertiggebracht hat, ein Lied zu schreiben.”
“Und was ist mit mir?” rief Hinnaak gekränkt. “Vor zwei Jahren hab ich ein 1a Liebeslied für Conny Lingus geschrieben. Du hast gesagt, das wäre gut.”
“Das war gelogen, Hinnaak.”
“Ich wusste es doch.” meinte er beleidigt.
“Spiels uns mal vor.” bat ich.
“Ich denk, Du findest es scheiße!” sagte Hinnaak.
“Ich rede mit dem Dritten Mann, Du Idiot!”
“Es ist doch noch nicht fertig.” sagte der Dritte Mann.
“Macht doch nichts. Der Text gefällt mir jetzt schon.”
“Echt?”
“Ja, das was ich da gelesen habe, finde ich klasse und ich würde gerne wissen, wie die Melodie dazu geht.”
“Ich hab noch nie jemandem eines meiner Lieder vorgespielt.”
“Und genau das war Dein Problem in der Bar, wo Du auftreten wolltest.” meinte Hinnaak.
“Ja, genau.” sagte ich. “Bei uns brauchst Du kein Lampenfieber zu haben, wir spielen nämlich definitiv schlechter Gitarre als Du.”
Darüber dachte der Dritte Mann nach. Schließlich stand er auf, um seine Klampfe aus seinem Zimmer zu holen.
“Du hattest gesagt, das Lied wäre gut.” sagte Hinnaak gekränkt, während der Dritte Mann weg war.
“Das reimte sich nicht mal, Mann.”
“Das ist KUNST, Du Sack!”
Der Dritte Mann kam zurück, mit seiner Gitarre und ein paar Notenblättern, die er auf den Couchtisch legte.
“Ich muss erstmal sehen, welche jetzt die richtige Melodie ist, wartet mal.” sagte er leicht nervös.
Während Hinnaak mich immer noch sauer von der Seite anstarrte, setzte der Dritte Mann sich hin und probierte eine Weile auf der Gitarre herum, ließ ein paar Melodien erklingen, stimmte zwischendurch seine Gitarre nach, zupfte die Saiten und spielte Akkorde an. Und dann plötzlich, als wir gar nicht damit rechneten, fing er an, den Text zu singen.
Ich kam mir vor wie auf einem unplugged Konzert eines großen Künstlers. Ich hatte zwar schon mal jemanden Gitarre spielen gehört, in meiner Schule hatte es früher eine Schulband gegeben, die Coversongs gespielt hatte, und das nicht mal unbedingt schlecht, aber dass es jemand wirklich so gut konnte, wie unser Dritter Mann, hatte ich noch nicht erlebt. Von seiner anfänglichen Nervosität war nichts mehr zu spüren. Er spielte uns sein Lied vor und ich fand, dass er den Text recht gut umgesetzt hatte und die Melodie war schön. Es war nicht Eric Clapton- mäßig genial, aber für einen Amateurmusiker gar nicht schlecht. Jedenfalls war es deutlich, dass es sich um ein Liebeslied handelte. Ein trauriges. In Anbetracht dessen, dass ich mit Marie zusammen war, zumindest so gut wie, und ich deshalb auf Wolke 9 ¾ schwebte, konnte ich mir das leere Gefühl einer unerfüllten Sehnsucht nicht mehr so recht vorstellen, trotzdem hatte ich den starken Verdacht, dass der Dritte Mann an jemand bestimmten dachte, wenn er an dem Lied schrieb und dass das Schreiben für ihn ein Ventil war. Wofür auch immer.
In den Refrains steigerte er seine Stimme und Ausdruckskraft, so dass man regelrecht mitgerissen wurde und er uns Zuhörern das Gefühl seiner persönlichen Botschaft perfekt vermittelte. Er war regelrecht in sein Spiel vertieft und schien uns gar nicht mehr wahrzunehmen. Als würde er nur für sich selbst spielen und Hinnaak und ich wären nicht mehr anwesend.

VN:F [1.7.4_987]
Rating: +2 (from 2 votes)
Teilen, empfehlen, speichern: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • MySpace
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Wikio DE
  • YahooMyWeb
  • Y!GG
  • Webnews
  • StumbleUpon
  • Squidoo
  • Reddit
  • Print