Auch wenn ihr die Arbeit sonst Spaß machte, war Marie heute irgendwie frustriert. Es war einer von diesen Tagen, an denen man zu nichts Lust hatte, weil man auf irgendetwas zu warten schien, was ganz einfach nicht passieren wollte. Als wäre das Leben angefüllt von schwerer, stickiger Luft und das zu erwartende Gewitter war bis auf weiteres in Urlaub gefahren. Sie hatte gehofft, die frustrierende Angespanntheit dadurch lösen zu können, dass sie mit ihrem Freund Schluss gemacht hatte, der ihr schon seit langem mit seiner ungehobelten Art auf die Nerven gegangen war. Er schien der Ansicht gewesen zu sein, ihr unbedingt imponieren zu müssen, indem er jedem, der sie oder ihn schräg ansah, die Jacke zerknitterte. Überhaupt war sie nur auf die Idee gekommen, mit ihm anzubändeln, weil ihr langweilig gewesen war. Aber anstatt ihr Leben aufregender zu machen, hatte diese Beziehung sie nur noch mehr gelangweilt und dazu geführt, dass sie ihre Frustration an allen ausließ, die ihr dafür passend erschienen: Ihre Schwester, die einen oder anderen Freunde oder auch Mick, gegen den sie einen zusätzlichen Groll gehegt hatte, weil sie davon ausgegangen war, dass er ihre Schwester nur flachlegen wollte.
Glücklicherweise hatte sich das als Irrtum herausgestellt. Er stellte sich zwar ein bisschen tölpelhaft an, aber das fand sie irgendwie niedlich.
Aber auch mit Mick war sie sich nicht sicher, was wieder für Frustration sorgte.
Heute musste sie wieder den ganzen Tag im Lager arbeiten und konnte nur kurz an der Kasse stehen, als Dieter die Abrechnung machte. War vielleicht besser so, denn so hatte sie weniger Gelegenheit gehabt, die Kunden anzupflaumen.
Schon seit Stunden sah sie alle paar Minuten auf die Uhr und sie sehnte sich danach, hier endlich rausgehen zu können. Heute war wieder ein ganzer Karton Hardcorefilme gekommen. Die gingen teilweise besser als die neuesten Kinofilme, die gerade auf DVD erschienen. Dass manche Kerle so scharf auf diese widerlichen Filme waren, konnte sie einfach nicht verstehen. Manchmal, wenn gegen Abend irgendein Kunde unschlüssig im Laden herumstand, oder ziellos durch die Regale wanderte, wusste sie schon Bescheid. Dann brauchte sie bloß zu sagen “Die Erwachsenenabteilung ist nebenan. Gehen Sie raus und den nächsten Eingang wieder rein.” Dann erschien ein erleichtertes Lächeln auf dem Gesicht des Kunden und er war zufrieden.
Heute hatte sie Gott sei Dank nicht mit solchen Typen zu tun gehabt, was für diese Typen wohl besser gewesen war.
Endlich! Feierabend! Sie nahm ihre Jacke und ging nach vorne, um sich von Dieter zu verabschieden.
Dieter saß am Tresen und ging eine Liste mit Neuerscheinungen durch.
“Also, Dieter.” sagte Marie und zog ihre Jacke über. “Ich mach dann mal Schluss für heute.”
“Ist gut, Marie.” sagte Dieter und erhob sich von seinem Hocker. “Aber bevor Du gehst, hab ich noch was für Dich.” Er holte ein Couvert hervor und reichte es ihr. Auf dem länglichen Umschlag stand in schnörkeliger Schrift ihr Name geschrieben.

Marie

“Das ist vorhin für Dich abgegeben worden.” sagte Dieter.
“Von wem?”
“Das kann ich Dir nicht sagen. Der Bote meinte aber, es sei wichtig, dass Du es sofort liest.”
Verwirrt und misstrauisch nahm Marie den Umschlag an sich.
“Ja, ist gut.” sagte sie unsicher. “Ich lese ihn im Auto.”
“Dann bis morgen.” sagte Dieter. “Ich wünsch Dir einen interessanten Abend.”
Ohne diese Andeutung zu bemerken wandte Marie sich ab und trat in den Abend hinaus.
Es fing schon an zu dämmern und es war merklich kühl geworden. Marie ging zu ihrem Auto, dass sie Turtle nannte, wegen des schönen Grüns, setzte sich hinein und nahm den mysteriösen Umschlag in beide Hände.
“Was ist das um Himmels willen?” sagte sie leise vor sich hin, weil sie Überraschungen nicht gerade mochte, öffnete das Couvert, das hinten mit geschmolzenem roten Kerzenwachs versiegelt worden war und zog ein vergilbt aussehendes Stück Pergamentpapier hervor.
Als sie es auseinanderfaltete, las sie folgenden Text, der mit großen Buchstaben auf die gleiche verschnörkelte Weise geschrieben worden war:

The legendary treasure of Monkey Island (TM)

In den finstersten Spelunken auf Monkey Island erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand, dass auf der Insel ein sagenumwobener Schatz versteckt ist, dessen Anblick nur für die Augen einer auserwählten Person bestimmt sei.
Ferner wird gemunkelt, dass der legendäre Schwertmeister diese auserwählte Person ist und dass allein der Schwertmeister einen Schlüssel zu dem Pfad besitzt, der zum sagenumwobenen Schatz führt.
Der Schlüssel ist dieser eine Teil der Karte.
Der nächste Teil dieser Karte befindet sich innerhalb des ältesten lebenden Einwohners dieser Gemeinde und wartet darauf, von der auserwählten Person gehoben und gesichtet zu werden.

gez. I. L.

Verwirrt ließ Marie das Pergament sinken und starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Was sollte das bedeuten? Von wem war dieser Brief? Sie hätte es sich zwar denken können, aber die Signatur zerstreute jeden Verdacht. Wer war I.L.? Sie kannte niemanden mit diesen Initialen.
Trotzdem. Herausfinden, was dahintersteckte, wollte sie schon, zumal sich der Verfasser offensichtlich große Mühe gemacht hatte. Unmerklich, aber unleugbar beschlich sie ein Gefühl von Neugier und Spannung, das sie selbst überraschte. Als sie den Wagen anließ und ihn vom Parkplatz lenkte, war jedes Gefühl der Langeweile verflogen.

Der älteste lebende Einwohner der Stadt. Das war leicht. So wurde die große Kastanie im Zentrum des Parks immer gern in der Zeitung betitelt. Sie war ein zweihundert Jahre alter Koloss, den man auch als Touristenattraktion betrachtete, wenn sich hier mal Touristen her verirrten. Im Stamm, das wusste Marie, befand sich ein faustgroßes Loch, vermutlich von einem Specht, das wusste man nicht genau. Jedenfalls musste das der Ort sein, der auf dem Pergament beschrieben wurde.
Marie parkte ihren Wagen außerhalb des Parks und wählte den Eingang, der den kürzesten Weg zu dem Baum beschrieb. Es war nicht mehr sonderlich hell und unter den Bäumen auf dem Kiesweg war es sogar schon dunkel genug, dass man keine Unebenheiten mehr erkennen konnte, aber Marie erreichte den Baum unbeschadet, und weil er auf einer kleinen Lichtung stand, konnte sie in dem schwindenden Tageslicht das Loch im Stamm zielsicher finden, das sich ungefähr einen Meter über ihrem Kopf befand. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und griff hinein, ihren Ekel vor Spinnen tapfer ignorierend. Mit den Fingerspitzen ertastete sie eine kühle, glatte Oberfläche, die sich wie ein großes, kräftiges Blatt von einem Baum oder Strauch anfühlte. Vorsichtig zog sie es heraus.
Das Blatt stammte von der Größe her von einem Rhabarberstrauch oder ähnlichem, war sorgsam zusammengerollt und mit Paketband verschnürt worden.
Sie wollte das Blatt ungern beschädigen, außerdem war es hier zum Lesen sowieso zu dunkel, also trug sie es zum Auto zurück, um es im Schein der Innenbeleuchtung zu lesen.
Den Weg zurück ging sie schneller als angesichts der Lichtverhältnisse empfehlenswert war, trotzdem kam sie heil an, setzte sich hinters Lenkrad und fing an, vorsichtig das Band zu lösen. Als sie schließlich das Blatt auseinanderrollte, erblickte sie wieder die schnörkelige Handschrift, die direkt auf das Blatt geschrieben hatte:

Im Moor der Verdammten, welches sich südwestlich und außerhalb der zivilisierten Gefilde der Gemeinde befindet, liegt an dem Ort, wo unschuldige Seelen das feste Land verlassen, eine Flasche versenkt, welche nicht mehr so leer ist, wie sie einmal war.
Finden kann man sie ausgehend vom Stamme des Henkersbaumes.

gez. J.M.

J.M.? Diesmal ein anderer? Allmählich fing die Sache an, interessant zu werden. Offensichtlich ging es um eine weitere Botschaft, die sich in einer leeren Flasche befand. Soviel konnte Marie auf den ersten Blick erkennen. Aber was war das Moor der Verdammten, wo unschuldige Seelen das feste Land verlassen? Und wo war der Henkersbaum?
Außerhalb der Stadt. Südwestlich. Das war doch schon mal ein Hinweis.
Was befand sich südwestlich der Stadt? Auf jeden Fall kein Moor oder Ähnliches, das hätte sie gewusst.
Sie hatte doch einen Stadtplan im Handschuhfach! Da sollte sie nachsehen!
Marie beugte sich nach rechts und öffnete die kleine Klappe so heftig, dass ihr nicht nur der Stadtplan, sondern auch ein Paar Handschuhe, Einkaufstaschen und eine Taschenlampe entgegenkamen. Die Taschenlampe, die sie für den Fall einer Reifenpanne im Dunkeln dabei hatte, konnte sie heute bestimmt noch gebrauchen. Dankbar hob sie sie von der Fußmatte auf und legte sie auf den Beifahrersitz. Dann widmete sie sich dem Stadtplan.

Marie musste ein bisschen blättern und suchen, um eine Seite von der richtigen Gegend mit ausreichendem Maßstab zu finden, aber letztlich hatte sie Glück.
Südwestlich der Stadt gab es nichts, was man mit einem Moor hätte vergleichen können, bis auf eine Ausnahme: Der Badesee.
Seit Generationen in Ermangelung eines anständigen Freibades liebster Badeort der Kinder und Jugendlichen der Stadt. Wo unschuldige Seelen das feste Land verlassen oder anders ausgedrückt: Wo Kinder gerne baden gehen.
Nicht schlecht, Herr Specht.
Marie erinnerte sich, früher des öfteren mit dem Fahrrad dorthin gefahren zu sein, was annähernd eine halbe Stunde gedauert hatte, also rechnete sie mit ungefähr zehn Minuten Fahrt mit dem Auto.

Ihr Scheinwerferlicht fiel auf den Baumstamm am See, als Marie ihren Wagen zum Stehen brachte und ausstieg. Sie ließ den Motor laufen, um mehr Licht zu haben und ging zum Ufer, das von einem schmalen Streifen Sandstrand gesäumt wurde.
Hier sollte also laut dem Rhabarberblatt eine Flasche mit der nächsten Botschaft versenkt worden sein. Im Wasser? Wie sollte sie die denn im Dunkeln finden?
Ausgehend vom Stamme des Henkersbaumes…
Welcher zum Teufel sollte der Henkersbaum sein? Hier am See standen reichlich Bäume, aber man konnte keinen in irgendeiner Weise vergleichen mit…
Maries Gedanken stockten, als sie den Baum neben sich betrachtete. Er stand dichter am Ufer, als irgendein Baum sonst und einige seiner Äste ragten weit über das Wasser hinaus. An einem besonders kräftigen Ast war ein dickes Seil befestigt, das fast bis zur Wasseroberfläche hinabreichte. Zweifellos war das Seil nur für den Badespaß der Kinder gedacht, die sich gern wie Tarzan oder Indiana Jones am Seil ins Wasser schwangen, aber mit etwas Fantasie konnte man den Strick am Baum auch als Galgen betrachten.
Prima! Von hier aus also. Aber wo genau?
Angestrengt suchte sie den Stamm ab und sah schließlich einen an einer Stelle vom Scheinwerferlicht beleuchteten Bindfaden. Es war genauso einer wie der, der das Rhabarberblatt zusammengehalten hatte und ragte vom Baumstamm über den Strand bis ins schwarze Wasser hinab.
Vorsichtig zog sie an dem Band und spürte, wie er leicht nachgab. Als sie stärker zog, erschien schließlich am anderen Ende des Fadens eine grüne Flasche. Es musste einmal eine Weinflasche gewesen sein, das konnte Marie noch erkennen, auch wenn das Etikett entfernt worden war. Der Korken war ebenfalls mit Kerzenwachs versiegelt worden, ragte aber weit genug aus dem Flaschenhals hervor, dass Marie ihn ohne Probleme entfernen konnte. Heraus kam ein zusammengerolltes Stück Stoff, ebenfalls mit Bindfaden fixiert. Sie brachte alles zum Auto und betrachtete den Stoff genauer. Sie konnte nicht sagen, was es vorher gewesen war. Zu grob für ein altes T-Shirt, aber auch zu fein für einen alten Kartoffelsack. Mit vom kalten Wasser und vor Aufregung zitternden Fingern löste sie den Bindfaden und rollte den Stofffetzen auseinander. Vor ihren Augen erschien die vertraute, schnörkelige Schrift:

In selbiger Richtung, noch vor Beginn des Finsterwaldes, am Kampfplatz der Titanen, liegt verborgen unter den Überresten der gewaltigen Schlacht letzter Hinweis auf den sagenumwobenen Schatz, darniedergeschrieben auf ledernem Dokument.

gez. K.N.

Marie wusste sofort, worum es sich handelte. Wenn man auf dieser Straße weiterfuhr, kam man zu einem Wald aus hochgewachsenen Kiefern, dessen Stämme so dicht standen, dass nur wenig Tageslicht hindurchkam und selbst tagsüber Dämmerlicht herrschte. In den Wald wollte Marie bei dieser Dunkelheit mutterseelenallein auf keinen Fall hineingehen. Aber laut Stofffetzen würde sie das auch nicht müssen. Denn die nächste Botschaft war vor dem Wald versteckt worden und Marie konnte sich auch vorstellen, wo.
Auf einer großen leeren Fläche am Waldesrand befand sich ein gewaltiges Steinfeld. Riesengroße Granitbrocken und kleinere Findlinge lagen wahllos verstreut. Als Kinder hatte man sich erzählt, dass vor Urzeiten einmal zwei Riesen in Streit geraten waren und diese Steine aufeinander geworfen hatten. Irgendwo dort unter einem der Steine musste der nächste Hinweis versteckt sein.
Aufgeregt zog Marie die Fahrertür zu und fuhr los.

Jetzt würde sie ihre Handschuhe und die Taschenlampe gebrauchen können.
Mit einem etwas mulmigen Gefühl, so ganz allein auf weiter Flur auf einem gottverlassenen Steinfeld auf Ostereiersuche zu gehen, stieg sie aus dem Wagen und suchte in dem Lichtkegel der Taschenlampe die Steine ab.
Ein unbehagliches Gefühl machte sich in ihr breit. Hier lagen Hunderte Steine in allen möglichen Größen herum und in der Nachricht stand kein weiterer Hinweis.
Wenn sie hier jeden Stein umdrehen würde, dann läge sie bei Tagesanbruch hier mit einem Hexenschuss und ihre Mutter würde die Polizei alarmieren. Damit würde sie zumindest in die Zeitung kommen. Unter die Rubrik Kuriose Meldungen.
Nein, so ging das nicht. Sie musste logisch vorgehen. Etwa zehn Meter weiter rechts lagen die beiden größten Brocken herum. Und verstreut drum herum mehrere kleine. Dort sollte sie zuerst suchen.
Im Schein der Taschenlampe ging sie zu den großen Klötzen hinüber und fing an, sich den Boden genauer anzusehen. Irgendwelche Spuren waren nicht zu erkennen, da musste sie wohl oder übel alle Steine umdrehen, die hier in der Nähe waren.
Wahllos begann sie mit dem ersten, der direkt vor ihren Füßen lag.
Nichts.
Der zweite, groß wie eine Obstkiste und schwer wie ein Sack Kartoffeln.
Auch nichts.
Das kann ja wirklich die ganze Nacht dauern. dachte sie missmutig. Warum mach ich das hier überhaupt? Ist doch eigentlich albern.
Aber aufzugeben kam ihr trotzdem nicht in den Sinn. Das hier war beinahe das verrückteste, das ihr jemals passiert war. Und es war aufregender als die Schnitzeljagden auf Kindergeburtstagen früher.
Beim dritten Stein hatte sie schließlich Glück. Er war nur so groß wie ihr Kopf und relativ leicht, da hätte sie sich den tonnenschweren Klotz eben sparen können.
Unter dem Stein kam ein zu einem kleinen Quadrat zusammengefaltetes Stück Leder, das sich im Schein der Taschenlampe bizarr hell vom Untergrund abhob.
Marie nahm es an sich, klopfte den Sand ab, der darauf gelandet war und ging zum Auto zurück. Der Motor lief noch und sie hatte die Heizung eingeschaltet, damit es drinnen schön warm blieb. Aufgeregt faltete sie das Leder auseinander:

An der nächsten Weggabelung nach Westen gewandt, gelangt der Pilger an einen seit Menschengedenken verlassenen Gutshof.
In den leeren Stallungen, windschief und gezeichnet von Witterung und Gezeiten, wartet der sagenumwobene Schatz darauf, von der auserwählten Person gehoben zu werden, sofern der Pilger den Pfad der Karten erfolgreich zu beschreiten vermochte.

gez. L.O.

Ein verlassener Gutshof? Was war damit gemeint?
Marie konnte sich nicht erinnern, dass hier irgendwo ein alter Gutshof sein sollte. Es gab hier in der Nähe Pferdeställe, aber die waren nicht verlassen. Oder stand das Wort wieder für irgendetwas anderes?
Sie war auch nicht regelmäßig in dieser Gegend unterwegs, so genau kannte sie sich hier also auch nicht aus, und Gebäude waren auf dem Stadtplan nicht eingezeichnet, das brauchte sie gar nicht erst zu versuchen.
Vielleicht sollte sie einfach die Straße weiterfahren und herausfinden, in welche Richtung die nächste Weggabelung führte. Bereitwillig gehorchte Turtle ihrem Fußtritt und beschleunigte mit vollen 55 PS.

Genau nach Westen. Zumindest so ziemlich. Wenn sie sich den Sonnenaufgang vorstellte, lag das ungefähr in der entgegengesetzten Richtung, also musste das stimmen.
Sie war gespannt, was folgen würde, bis sie nach einer Weile, in der sie durch eine gottverlassene Gegend gefahren war, an einem dunklen Gebäude vorbeikam, das hinter einem niedrigen Zaun am Wegesrand stand und zu dem offensichtlich ein nicht zu überblickendes Stück Land gehörte.
Marie verlangsamte das Tempo. Es war sehr gut möglich, dass das hier ein verlassenes altes Bauernhaus war und dass das in der Nachricht gemeint gewesen war.
Ein beklemmendes Gefühl beschlich sie bei dem Gedanken, allein in ein finsteres, verlassenes Gebäude hineingehen zu müssen, aber andererseits glaubte sie nicht, dass jemand diese ganze Geschichte inszeniert hatte, um sie hier überfallen zu wollen.
Sie parkte ihren Wagen direkt vor einer verblichenen alten Scheune, der im Scheinwerferlicht deutlich anzusehen war, dass sie ein paar weitere Jahre ohne Pflege und Reparatur nicht mehr überstehen würde.
Die Scheunentür lag im hellen Licht der Scheinwerfer, so dass Marie die Umgebung noch dunkler erschien. Sie überlegte, ob sie den Motor laufen lassen sollte, für den Fall, dass sie schnell würde wegfahren müssen. Aber dann sollte sie in gegengesetzter Richtung parken.
Sie zögerte noch und blieb hinter dem Lenkrad sitzen. Das Ganze kam ihr jetzt nicht mehr nur reichlich blöd, sondern auch ziemlich unheimlich vor und sie hatte nicht die Absicht, in eine dunkle Scheune zu marschieren, ohne zu wissen, was sie dort erwartete. Lara Croft war ja wenigstens immer bewaffnet. Sie könnte sich natürlich auch den Stock aus Hartholz unter die Jacke schieben, den ihr Vater ihr gegeben hatte, falls sie sich mal verteidigen müsste. Aber würde das viel bringen, wenn da drinnen eine ganze Horde auf sie wartete? Schließlich waren die Hinweise von vielen verschiedenen Leuten unterzeichnet worden. Sie nahm sich das Pergament, das große Blatt, das Stück Stoff und das alte Leder zur Hand und las sich alles noch einmal durch. Alles war verworren geschrieben und trotzdem enthielt alles Informationen und versteckte Hinweise. Vielleicht war es mit den Initialen des Unterzeichners genauso?
I.L. hatte auf dem Stück Pergament gestanden, J.M. auf dem Blatt, K.N. auf dem Stofffetzen und L.O. auf dem Leder. Wo bestand da die Verbindung?
Eine Weile ergab das alles für sie keinen Sinn, bis sie sich an den I.Q.-Test erinnerte, den sie vor ein paar Jahren mal gemacht hatte. Da hatte es Zahlenreihenfolgen und Bildsymbole gegeben, aus denen man deuten sollte, was als nächstes folgen würde. Wenn sie da jetzt näher drüber nachdachte, entpuppte sich dieses Rätsel als so simpel, dass sie sich vor die Stirn hätte schlagen können, weil sie nicht schon früher darauf gekommen war. Die Buchstaben I.L., J.M., K.N. und L.O. folgten einander im Alphabet. Jetzt musste sie nur noch diese Kolonne weiterverfolgen, um zu sehen, welche Buchstaben als nächstes kämen.
M.P. war die Antwort und sie kannte nur einen, der diese Initialen hatte.
Mick Petersen.

*

“Das klingt verdammt verwegen, Mann.” meinte Hinnaak anerkennend, als er mit dem Rhabarberblatt zurückkam. “So viel Mühe hab ich mir noch nie gegeben.”
“Ich bin ja auch viel besser als Du. Das solltest Du nicht ständig vergessen.”
“Ja richtig. Also, was kann ich noch für Dich tun, erhabener Meister?”
“Ich brauche Paketband und das Fensterleder unter der Spüle.” sagte ich und begann, das Stück Stoff zu beschriften, das ich aus einem alten groben Baumwollhemd ausgeschnitten hatte. Es war viel Arbeit gewesen, die Schnittkanten verfranzt aussehen zu lassen.
In mir sangen tausende Stimmen eine Ode auf meine Idiotie, dass ich so eine Idee überhaupt anfangen, geschweige denn durchziehen wollte. Aber ich ignorierte diese Stimmen und machte stur weiter. Schließlich hatte ich keine Ahnung, was ich wegen Marie sonst hätte machen können.
Das Fensterleder, das Hinnaak auf den Tisch neben die Rolle Butterbrotpapier legte, sah genau richtig verbraucht aus. Nicht mehr neu, aber noch nicht verdreckt.
“Dass Du den guten Prosecco weggekippt hast, verzeih ich Dir so schnell nicht.” sagte Hinnaak und zeigte traurig auf die Flasche, von der ich sorgfältig das Etikett entfernt hatte.
“Jammer nicht rum, der hat kein bisschen mehr gesprudelt.”
“Darum geht’s doch gar nicht. Es war ja immer noch Alkohol drin.”
“Du würdest die Weiber auch mit Brennspiritus abfüllen, wenn Du müsstest, oder?”
Darüber dachte Hinnaak nach, während ich meine Utensilien fertig machte.
“So, pass auf.” sagte ich schließlich. “Wir müssen jetzt zu Dieter, danach in den Park, zum Badeteich, zum Steinfeld und dann zum alten Haus meiner Großmutter. Als erstes müssen wir aber noch zum Haus meiner Mutter. Dafür brauch ich die Heckenschere aus dem Keller.”
“Da nimmst Du mich und mein Auto ja ganz schön in Anspruch.”
“Ich weiß, und es tut mir leid. Weniger um Deine Zeit als um meine Innereien, aber mir bleibt keine Wahl. Ich bin im Auftrag des Herrn unterwegs.”
“Na dann. Gut Holz!”

*

Ihr Unbehagen war wie weggeblasen, als sie Mick als den Urheber dieser Schatzsuche erkannt hatte. Nach ihrer Unterhaltung in der Wäscherei über das alte Adventure Monkey Island hätte sie eigentlich schon von Anfang an darauf kommen müssen.
Jetzt war sie nur noch neugierig und aufgeregt, was in dieser Scheune sein würde. Ihre Idee, sich mit dem Hartholzknüppel zu bewaffnen, war vergessen, als sie aus dem Auto ausstieg und im Licht der Scheinwerfer, in dem inzwischen ein paar Nachtfalter umherschwirrten, zur Scheune hinüberging.
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren und abgestandene Luft, die nach Staub und altem Heu roch, schlug ihr entgegen. In der alten Scheue war es dunkel, so dass sie zunächst nichts sehen konnte, als sie ins Innere trat und die Tür hinter sich zuzog. Dann bemerkte sie einen schwachen Lichtschein, der vom hinteren Ende des großen Raumes kam, in dem sie stand. Sie ging ein paar Schritte und sah um die Ecke einer verlassenen Pferdebox herum ein rundes Dutzend Kerzen, die ein warmes, gleichmäßiges Licht auf den staubigen Steinboden, die Holzwand und die große Kiste abgaben, die mittig des Raumes an der Wand stand und äußerlich die Aufmachung einer Schatzkiste hatte. Im Näherkommen sah sie die selbe schnörkelige Handschrift, die sie schon den ganzen Abend gelesen hatte.

The legendary treasure of Monkey Island (TM)

war in das Holz des Kistendeckels geritzt. Albern, dass sich der Urheber dieser Schnitzeljagd die Mühe gemacht hatte, das Trademarkzeichen zu verwenden, was aber auch in den Lucas-Art-Games ein wiederkehrender Gag gewesen war, wenn sie sich recht erinnerte.
Das Holz fühlte sich trocken und brüchig an, als sie mit der Hand darüber fuhr. Der Deckel hob sich mit einem leisen Quietschen der alten Scharniere und sie blickte ins finstere Innere der Kiste. Da der Schatten des Deckels auf den Gegenstand fiel, der darin lag, konnte sie nur schemenhafte Umrisse ausmachen. Mit klopfendem Herzen griff sie hinein, umfasste das schmalere untere Ende des Gegenstandes, das sich kühl und feucht anfühlte und hob es hoch ins Kerzenlicht.
Es war ein großer Strauß der schönsten Rosen, die sie je gesehen hatte. Mit allem Möglichen hatte sie gerechnet, aber damit nicht. Ihr Anblick als das Ergebnis dieses einfallsreichen und spannenden Wettlaufs ließen ihr die Tränen in die Augen steigen.
“Ich hoffe, sie gefallen Dir.” sagte eine Stimme hinter ihr.

*

“Willst Du mir mal erzählen, was Du mit dieser alten Kiste und dem Nagel da vorhast?” fragte Hinnaak, während ich auf seinem Beifahrersitz saß und mit dem Nagel in das Holz ritzte.
“Hör auf, mich vollzulabern, ich verschreib mich sonst.”
“Du musst mir sowieso sagen, wo ich lang soll.”
“Immer geradeaus.”
Wir befanden uns auf dem Weg zum Haus meiner Großmutter. Es war inzwischen fast dunkel geworden, und als ich vor ein paar Minuten dem Garten meiner Mutter einen Besuch abgestattet hatte, hatte genau das richtige Dämmerlicht geherrscht. Da ich nicht bei ihr geklingelt hatte, war dieser Besuch auch nach ein paar Minuten abgehakt gewesen.
“Meine Kerzen krieg ich aber hoffentlich von Dir wieder.” meinte Hinnaak, während seine Rostlaube die Landstraße entlangknatterte.
“Diese Art Kerzen haben eine Brenndauer von mehreren Wochen, mach Dir mal keine Sorgen. Da vorne musst Du links.”
Ich schaute auf die Uhr. Es war noch genug Zeit, vorausgesetzt, Marie würde überhaupt mitspielen, was absolut nicht sicher war.
“Ich soll Dich wirklich hier alleine lassen?” fragte Hinnaak ungläubig, als er auf den Hof bog und vor dem Stall hielt, in dem meine Großeltern früher Pferde gehalten hatten. Allerdings war das lange her und mittlerweile war er ein halbverfallenes Bauwerk, das gerade noch stabil genug war, um nicht zusammenzufallen. Und solange es innen trocken und windstill sein würde, wäre ich damit zufrieden.
“Du hast mir ja Dein Handy gegeben.” antwortete ich. “Sollte irgendwas sein, ruf ich Dich zu Hause an und Du kannst mich abholen.”
“Aber nicht mehr nach dreiundzwanzig Uhr. Da schlaf ich nämlich.”
“Witzbold.” meinte ich und stieg aus. Alles, was ich jetzt noch brauchte, hatte ich in der Kiste verstaut.
Die Luft im Stall war beinahe ekelhaft abgestanden. Als erstes öffnete ich ein paar schiefe Seitenfenster, um frische Luft hereinzulassen. Dann suchte ich mir im Schein meiner Taschenlampe, denn hier drinnen war es inzwischen stockfinster geworden, einen geeigneten Platz für die Kiste. Ich entschied mich für die hintere Wand am Ende des Ganges zwischen den Pferdeboxen. An den Wänden befanden sich in verschiedenen Höhen Querbalken. Ein paar von Hinnaaks Kerzen stellte ich darauf, den Rest verteilte ich um die Truhe herum. Ein Glück, dass Hinnaak diese Kerzen stets für den Fall einer romantischen Notwendigkeit aufbewahrte. Beim Anzünden stellte ich allerdings fest, dass ich die Fenster wieder schließen musste.
Als alles so arrangiert war, wie ich es mir vorstellte, beruhigte sich mein Puls wieder und ich suchte mir einen Platz, an dem ich warten konnte. Warten, bis Marie kam oder bis ich einsehen musste, dass sie nicht mehr kommen würde. Ich wusste nicht recht, vor welcher der beiden Möglichkeiten ich mich mehr fürchten sollte.
In einer Ecke des Stalls, gerade noch vom schwachen Kerzenschein beleuchtet, fand ich einen rostigen Eimer, auf den ich mich umgedreht vor die Schatzkiste setzte. Die Wartezeit wollte ich mit Lesen überbrücken und so konnte ich gleichzeitig die Kerzen im Auge behalten, denn hier drinnen war alles knochentrocken und ich wollte nicht daran Schuld sein, wenn der Besitz meiner Großmutter bis auf die Grundmauern abfackelte.
Einen Stephen King Roman zu lesen erschien mir für diese Umgebung gerade richtig, auch wenn ich ihn nicht absichtlich ausgewählt hatte. Er vertrieb mir die Zeit, und die Tatsache, dass ich weitab von jeder Zivilisation, mutterseelenallein in einem verlassenen Pferdestall bei Kerzenschein einen Horrorroman las, erschien mir geradezu lächerlich verrückt. Ich hätte über die Situation lachen können, wenn der Grund meines Aufenthalts nicht so ernst gewesen wäre, dass mir mit jeder Minute, die verstrich, der Arsch mehr und mehr auf Grundeis ging. Laut meiner Uhr saß ich hier schon über zwei Stunden und laut meinem Hintern, der auf dem unangenehm harten Eimer saß, war sogar noch mehr Zeit vergangen und langsam schlich sich bei mir Nervosität ein. Vielleicht vertiefte ich mich aus diesem Grund so sehr in die Kurzgeschichten, die der Meister in diesem Buch zum Besten gab, um mich von dem Gedanken, dass Marie den ganzen Aufwand, den ich betrieben hatte, einfach ignorierte, abzulenken. Oder was, wenn Dieter vergessen hatte, Marie den Brief überhaupt zu geben?
Ein paar Minuten nachdem ich beschlossen hatte, nur noch bis zur nächsten vollen Stunde zu warten und mich dann von Hinnaak abholen zu lassen, geknickter als jemals zuvor, vernahm ich Motorengeräusch von der Straße. Zuerst glaubte ich, es wäre ein vorbeifahrendes Auto, denn die Straße war nicht weit entfernt, aber dann hörte ich, wie das Auto vor der Scheune zum Stehen kam. Blitzschnell erhob ich mich, schnappte mir den Eimer und versteckte mich in der nächsten Pferdebox, in der es stockfinster war. Gott sei Dank war alles aus diesem alten Stall entfernt worden, inklusive jeglichem Stroh, so dass meine Schritte keine verdächtigen Geräusche machen konnten. Mein Herz klopfte vor Aufregung. Nach der langen Wartezeit passierte doch noch etwas.
Die Stalltür öffnete sich mit einem Knarren, das mir nach der Stille, in der ich die ganze Zeit gesessen hatte, furchtbar laut erschien. Leise Schritte kamen näher und ein anderer Gedanke schlich sich in meinen Kopf. Wenn das Hinnaak ist, der mich verarschen will, dachte ich finster, trete ich ihm in die Eier.
Durch den Spalt der geöffneten Tür zu der Pferdebox, in der ich regungslos stand, konnte ich eine schemenhafte Gestalt erkennen, die bedächtig vorüberging, und da nahm ich tatsächlich Maries Duft wahr.
Er erinnerte mich schlagartig an alle unseren vorherigen Begegnungen, am meisten natürlich an unser Zusammensein auf dem Sofa in meinem Wohnzimmer, wo sie mir so nahe gewesen war wie nie zuvor.
Marie war tatsächlich hergekommen. Sie hatte die ganze Geschichte mitgemacht. Das fand ich einfach unbeschreiblich. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr ich daran gezweifelt hatte, dass Marie die Courage und den Humor besaß, die es verlangt hatte, schon den ersten Brief nicht einfach wegzuschmeißen.
Jetzt fing mein Herz vor Aufregung an zu schlagen, als würde ich Marathon laufen und mein Blutdruck schnellte in die Höhe.
Sie war jetzt bei der Kiste angelangt und öffnete sie. In diesem Moment kam mir die ganze Idee plötzlich wieder unglaublich blöd vor, eine kindische Schatzsuche mit einem Strauß Rosen aus dem Garten meiner Mutter als Schatz. Wahrscheinlich würde Marie das Ganze genauso bescheuert vorkommen.
Aber wäre sie dann überhaupt hier?
Schluss jetzt, ich konnte mir keine Zweifel mehr leisten, dafür war es jetzt zu spät.
Mit wild klopfendem Herzen trat ich aus der Box hervor und hoffte inständig, dass Marie mir meine Nervosität und Unsicherheit nicht anmerken würde.
“Ich hoffe, sie gefallen Dir.” sagte ich und sie fuhr überrascht herum.
Marie sah mich mit großen Augen an und brachte ein kleines Lachen zustande, an dem ich hörte, dass sie im Moment genauso aufgewühlt war wie ich. Sie brauchte mehrere Ansätze, um etwas zu sagen, wobei dann ihre Stimme immer noch zitterte.
“Ich wusste, dass Du es bist.”
Sie machte drei schnelle Schritte auf mich zu und küsste mich.
Endlich. Endlich war es passiert. Eine Riesenlast fiel von meiner Seele und mein Herz loderte auf, als ihre unglaublich weichen Lippen auf meinen lagen. Sie kam näher, schlang ihre Arme um meinen Hals und schmiegte sich an mich. Meine Hände fanden ihren Weg um ihren Körper herum und legten sich sacht auf ihren Rücken, um sie sanft an mich zu drücken.
In dieser Haltung verbrachten wir die nächsten Minuten im Schein der Kerzen und ihr Körper, ihre Hände, ihre Lippen und ihre Zunge waren das Schönste, was ich je im Leben gespürt hatte.


VN:F [1.7.4_987]
Rating: +2 (from 2 votes)
Teilen, empfehlen, speichern: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • MySpace
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Wikio DE
  • YahooMyWeb
  • Y!GG
  • Webnews
  • StumbleUpon
  • Squidoo
  • Reddit
  • Print