Vielleicht hätte ich die Anzeige doch lieber selber aufgeben sollen oder zumindest hätte ich Hinnaak einen vorformulierten Text mitgeben können. Er war eben kein Genius, das hatte ich ja schon vorher gewusst.
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich zu meinem Lieblingsbäcker schlenderte.
Dabei war Hinnaak nicht immer so unzuverlässig gewesen. Ich kannte ihn schon seit unserer gemeinsamen Grundschulzeit. Er war sogar mein erster Sitznachbar gewesen. Viele der anderen Kinder hatten sich schon aus dem Kindergarten oder wer weiß woher gekannt. Nur Hinnaak und ich hatten stumm und verschüchtert auf unseren Plätzen gesessen und zugesehen, wie die anderen wild im Klassenraum herumtobten, der noch eher einem größeren Spielzimmer glich.
Oft denke ich, dass es dieses gemeinsame Gefühl der plötzlichen Verlassenheit gewesen sein musste, das uns bis heute untrennbar zusammengeschweißt hatte. Und zwar von dem Moment an, als Erik mich fragte, ob ich etwas von seiner Tafel Schoki abhaben wolle.
Danach saßen wir locker an unserem Tisch, mampften Schoki und unterhielten uns über He-Man. Und das ging über vier Jahre Grundschule hinweg.
Bei der Versetzung auf die Orientierungsstufe hatten wir das Glück, wieder in dieselbe Klasse zu kommen. Da saßen wir dann zwei Jahre nebeneinander, mampften Schoki und unterhielten uns über Mädchen.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch am Himmel und ich ging in Jogginghose und T-Shirt die Straße entlang. Auf der anderen Straßenseite waren Leute unterwegs, was mich nicht verwunderte, weil man dort in die Fußgängerzone gelangte.
An diesem schönen Frühlingstag draußen unterwegs zu sein, war gar nicht so unangenehm.
Und als ich auf meinen Bäckerladen zuging, blickte ich plötzlich und unerwartet in das hübscheste Gesicht, das je unter der Sonne des erwachenden Frühlings über Gottes Erde wandelte.
Niemals zuvor hatte ich ein so wunderschönes Mädchen gesehen.
Auf einen Schlag vergaß ich den Frühling, die Sonne und die Passanten. Ich vergaß die Agentur für Arbeit; ich vergaß Hinnaak, die Anzeige und den ganzen Ärger, mit dem ich zu tun hatte. Ich vergaß meinen Namen.
Das ganze unendliche Universum bestand für den kurzen Moment ihres Anblicks aus einem einzigen Stern, hell strahlend bis in die finstersten Ecken jeder Galaxie.
Sie schritt durch eine Korona aus reiner Energie und um sie herum schien jede Dunkelheit, Boshaftigkeit und Missgunst durch ihre leuchtende und reine Aura in ewige Nichtexistenz verbannt. Die helle Sonne des jungen Tages erzeugte einen leuchtenden Schimmer auf ihrer Haut und ihr glattes, honigblondes Haar glänzte wie strahlendes Gold. Ihr Anblick ließ meine Seele entzünden wie trockenes Stroh durch ein Streichholz.
Die drei Schritte an ihr vorbei waren der längste Weg, den ich je zurückgelegt hatte und als ich sie passierte und mich ihr Duft streifte, der einem Aroma nach Osterwiesen in Alpengletschern glich, folgten ihr meine Augen, gebannt und gefesselt, bis ich meinen Kopf fast bis zum Rücken verdreht hatte.
Darum achtete ich auch nicht auf die Müllsäcke, die an der Hauswand lagen, machte auf dem Bürgersteig einen Beckerhecht und bremste mit den Ellenbogen, die ich mir sofort schmerzhaft aufschürfte.
Schnell stand ich wieder auf und hoffte, dass dieses honigblonde Geschöpf meinen peinlichen Sturz nicht gesehen haben mochte.
Tapfer verkniff ich mir jeden Fluch, der mit < verdammt > begann, klopfte mir den Sand von den Knien und machte, dass ich weiterkam.
Obwohl ich aus meiner Trance wieder vollends erwacht war, konnte ich die hübsche Blonde so schnell nicht wieder vergessen.

*

Endlich Pause!
Auch wenn er sich zunächst daran gewöhnt hatte, konnte Erik das ewige Bettpfannen und -flaschen leeren langsam nicht mehr sehen.
Gott sei Dank war das Ende seines Zivildienstes allmählich absehbar. Er wusste nur noch nicht genau, was danach kommen würde.
Eine Ausbildung hatte er noch nicht gemacht und ursprünglich wollte er die elf Monate Dienstzeit im Krankenhaus dazu nutzen, darüber nachzudenken, was er denn später mal machen wollte. Aber stattdessen hatte er die elf Monate Dienstzeit im Krankenhaus dazu genutzt, mit jeder Schwester was anzufangen, die ihm vor die Linse kam. Und natürlich auch mit dieser schnieken rothaarigen Krankengymnastin.
Sein Mitbewohner Mick hatte das unverschämte Glück, keinen Zivildienst schieben zu müssen, denn aus irgendeinem Grund war er nie zur Musterung berufen worden. Bei Erik war es das genaue Gegenteil gewesen. Bei seiner Musterung wurde ihm offenbart, dass man ihn gerne über die neun Monate hinaus dabehalten würde, wenn es recht wäre. Erik war es nicht recht gewesen und Mick hatte für ihn einen so rührseligen Begründungstext zur Verweigerung geschrieben, dass Eriks Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer nur Formsache gewesen war. Erik war dann sofort zum Krankenhaus marschiert, das dann seine Dienststelle geworden war. Als er irgendwann später erfuhr, dass er in einer anderen Einrichtung, die ihm keine Dienstkleidung und Verpflegung stellen konnte, mehr Sold bekommen hätte, hätte er sich am liebsten in den Hintern gebissen.
Aber auf der anderen Seite liefen hier auch mehr Schwestern in der Ausbildung als Pfleger oder Zivikollegen herum, was er sofort als Vorteil erkannt hatte.
Aktuell warf er ein Auge auf Monika. Sie und ihre Freundin Gisela waren in der Ausbildung zur Krankenschwester und seit kurzem auf seiner Station. In seinem Revier!
Monika war genau nach Eriks Geschmack: Schlank, brünett und mit unübersehbaren Vorteilen ausgestattet, die im Schwesternkittel voll zur Geltung kommen konnten.
Er hatte schon ein paar Mal mit den beiden gesprochen und geistig war Monika auch nach seinem Geschmack.
Sie stand auf Seifenopern. Worauf auch sonst? Erik hatte so getan, als ob er genauso fasziniert wäre von den guten und schlechten Zeiten, in denen Schwester Stephanie vor dem Marienhof in der Lindenstraße mit dem Arsch an der Wand stand und verbotene Liebe treiben musste.
Nicht, dass er von den Handlungen in irgendeiner Weise Ahnung hatte. Er tat nur so als ob und sie hatte es ganz gewiss geschluckt. Schließlich befand sie sich geistig auf Eriks Wellenlänge.

Heute wollte Erik zwei oder sogar drei Fliegen mit einer Klappe schlagen:
Zum ersten, sich Monika klar zu machen, zum zweiten, Mick einen Gefallen zu tun und zum dritten, die lästige Tatsache zu kompensieren, dass Monika scheinbar nie einen Schritt ohne Gisela machte.
Na ja, die Fliegen Nummer zwei und drei waren im Grunde identisch.
So betrat er an diesem Freitagmorgen das Schwesternzimmer. Das hieß so, obwohl auch Pfleger und Zivis hier ihre Pausen machten und sich gelegentlich sogar ein Arzt hierher verirrte, um eine Zigarette zu rauchen, wobei Erik es irgendwie grotesk fand, einen rauchenden Kardiologen zu sehen.
Monika und Gisela standen am Fenster und unterhielten sich. Beide rauchten und sahen in ihren weißen Uniformen zum Anbeißen aus. Sie schienen enger zu sitzen als bei anderen Schwestern, aber diese Einheitsgrößen passten eben nicht jedem perfekt.
Erik zündete sich eine Zigarette an und stellte sich in ihre Nähe.
“Von Wallbach wollte mich heute Morgen schon wieder angrabbeln.” hörte er Monika sagen und konnte Herrn von Wallbach gut verstehen. “Man muss sich nur kurz umdrehen und schon hat man seine Hand am Hintern. Wenn Angehörige da sind, ist er immer sterbenskrank, aber wenn man allein mit ihm ist, ist er wie ausgewechselt. Erzählt nur schweinische Sachen und glotzt einen anzüglich an.”
Da kenn ich noch einen! würde Dörte sagen. schoss es Erik durch den Kopf.
“Erik, warst Du heute schon bei ihm?” riss Monika ihn aus seinen amüsanten Gedanken.
“Hä?” fragte er verwirrt.
“Bei von Wallbach! Hast Du nicht zugehört?” Monika blitzte ihn gespielt zornig an.
Sie kannte ihn schon gut genug, um zu wissen, dass er sehr wohl zugehört hatte.
Insgeheim fand sie seine Art sehr charmant, auch wie er sich bemüht hatte, sie glauben zu machen, er würde sich mit Serien wie Sex and the City auskennen. Sie unterhielt sich gern mit ihm und hatte in einigen einsamen Spätschichten schon aufregende Fantasien gehabt, wenn sie daran dachte, wie offensichtlich knapp seine Diensthose saß.
Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und rief gekonnt entrüstet mit einer leichten Anspielung von Gekränktheit:
“Ich lausche doch nicht!” Ich beobachte Dich viel lieber. fügte er in Gedanken hinzu.
“Klar.” lachte sie. “Du bist aber trotzdem schon lange genug hier, um von Wallbach zu kennen, oder nicht?”
“Eigentlich nicht.” sagte Erik und lenkte schnell von dem Thema ab. “Habt Ihr beiden eigentlich heute Abend schon was vor?” fragte er.
“Wieso fragst Du?” Monika lächelte ihn an und ihre Augen blitzten keck.
“Na ja, weißt Du, mein Kumpel Dö… Mick! Der hängt beziehungsmäßig irgendwie in den Seilen und ist immer so in sich gekehrt. Ich dachte, es würde ihm gut tun, wenn er mal wieder rauskommen würde, weißt Du?”
“Ja und?”
“Da wollte ich fragen, ob Ihr zwei nicht Bock hättet, mit uns ins Schlösschen zu gehen. Ich bin sicher, Mick und Gisi würden sich prächtig verstehen.”
“Du meinst also, Gisi wäre was für Deinen Freund Mick?” schlussfolgerte Monika.
“Ganz bestimmt. Er ist ein netter Kerl.”
“Vielleicht stehe ich ja aber mehr auf böse Jungs?” mischte Gisela sich ein.
“Mick kann auch sehr böse sein, glaub mir.” beeilte sich Erik zu versichern. “Neulich habe ich das Nutellaglas offen stehen lassen, da hätte er mich fast verhauen.” Er grinste breit. “Na kommt schon, wird bestimmt lustig.”
“An welche Uhrzeit hast Du denn gedacht?” fragte Monika. “Gisi und ich haben nämlich heute Aerobic.”
“Wie wär’s denn mit acht Uhr? Ist das okay?”
Monika und Gisela tauschten einen amüsierten Blick.
“Ja, das müssten wir zeitlich schaffen. Ist in Ordnung.” sagte Monika
“Super. Wir sehen uns dann.” sagte Erik, für den die Sache somit geritzt war, drückte seine Zigarette aus und verließ flink das Schwesternzimmer. Seine Pause war nämlich sowieso um.
Er nahm sich vor, Mick telefonisch in Kenntnis zu setzen. Der würde sich sicher freuen, mal wieder ein Date zu haben.
Im Vorbeigehen warf Erik einen Blick auf seinen Dienstplan: Mal wieder Urinbeutel wechseln bei von Wallbach.
Was für ein irrer Zufall!

*

Diese Bäckerei hatte ich mir ausgesucht, weil sie zum einen meiner Wohnung am Nächsten lag und zum anderen die mürrischste und massereichste Verkäuferin der ganzen Stadt hatte.
Sie war groß, fett und breit wie ein Schrank. Eine richtige Big Mama.
Ihr stets frisch gestärkter und geweißter Kittel mit nettem rosafarbenem Kragen wirkte an ihr nicht freundlich und zum Kauf frischer Backwaren einladend, sondern wie die Küchenuniform in einer Armeekantine.
Sie war immer so mies gelaunt, dass ihr die Mundwinkel bis an die Knie runterhingen und auch wenn sie wahrscheinlich darauf so wenig Bock hatte wie auf eine Warze am Kinn, hatte ich es mir zum Lebensziel gemacht, ihren Tag zu erheitern.

So betrat ich auch an diesem Morgen beschwingt die Bäckerei.
Es roch angenehm nach Backwaren und die elektrischen Geräte, die die Milchprodukte kühlten, gaben ein leises Summen von sich.
Die Bäckertante kramte in einer Auslage, mir den Rücken und den dicken Hintern zugewandt. Aus den Lautsprecherboxen an der Decke gaben die beiden Moderatoren von Radio Humbug ihren allmorgendlichen geistigen Dünnschiss zum besten und die grüne LED-Anzeige der Kasse wünschte mir blinkend einen guten Tag.
Fertig gekramt drehte sich die Bäckertante zu mir um.
Ihr Lächeln, das daraus bestand, dass ihre Mundwinkel nur leicht nach unten zeigten, gefror bei meinem Anblick.
Natürlich kam schon lange kein Gruß mehr von ihr, also musste ich mal wieder wie immer damit anfangen.
“Mooorgeeeeeeen!” flötete ich. “Wie war denn ihr Tag bislang an diesem herrlichen Frühlingsmorgen?” fuhr ich im Tratschton fort.
“Gut.” brummte sie.
“Finden Sie es nicht auch so schön, in dieser herrlichen Luft durch den Park zu joggen?” fragte ich sie heiter. “Vorbei an dem Schlosssee, wo die kleinen süßen Entchen hinter ihrer Mami herpaddeln und die Kirschbäume gerade anfangen, so herrlich weiß zu blühen?”
“Ja ja. Watt willste?” fragte sie bärbeißig, während sie mich betrachtete wie einen Marsmenschen, wie eine skurrile Mutation, das Ding aus dem Sumpf oder Klaus Kinski.
“Och, so genau weiß ich das noch gar nicht. Was hätten Sie denn so da?” fragte ich scheinheilig, stellte mich auf Zehenspitzen und betrachtete die Auslage hinter ihr. “Aber frisch muss es sein. Frisch gebacken! Haben Sie Brötchen?”
Die Bäckertante wägte ihre Chancen ab, mit einer dummen Entschuldigung davonkommen zu können, nachdem sie mir die Registrierkasse samt Inhalt ins Gesicht geschmissen hätte; aber natürlich legte man in ihrer Branche großen Wert auf Kundenfreundlichkeit und so musste sie zähneknirschend hinter ihrem glänzenden Tresen voller Brötchen, Brezeln, Hörnchen, Berlinern, Amerikanern, Rumkugeln und Sahnetörtchen, von denen sie sicherlich gerne mal das eine oder andere selber verdrückte, stehen bleiben und auf mich warten.
“Nach reiflicher Überlegung denke ich, ich möchte zwei normale Brötchen.” sagte ich nach einer halben Ewigkeit. Sie rührte sich nicht, sondern stand da, als erwartete sie, dass ich noch eine Liste für eine Hochzeitsfeier hinzufügen würde, also sagte ich noch:
“Aber frische.” Und fügte hinzu: “Bitte.”
Sie begriff schließlich, dass das alles war, vollführte mit ihrem massigen Körper eine 180 Grad-Drehung um die eigene Achse, dann gleich noch mal eine in die entgegengesetzte Richtung und knallte eine Papiertüte mit zwei Brötchen darin auf den Tresen.
“Zwei Rundstücke, macht fünfzig Cent.” bellte sie mich an.
“Ich zahle bar.” verkündete ich und fingerte mein Portemonnaie aus meiner Hosentasche. “Fünfzig Cent für zwei Brötchen, das ist aber ganz schön teuer.” beschwerte ich mich, während ich im Kleingeldbeutel wühlte und eine ganze Handvoll kleiner Münzen auf den Kassierteller warf. “Sie haben bei der Euroumstellung aber auch zugeschlagen.”
Sie nahm die Münzen kommentarlos und mit regungsloser Miene entgegen, ich griff meine Brötchentüte und bedanke mich höflich.
“Also denn, meine Liebe. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und bis morgen.”
Damit verließ ich die Bäckerei und ich war mir ziemlich sicher, dass ihr meine Unterhaltung jetzt schon fehlte.

*

Die Einsätze bei Herrn von Wallbach wurden immer kürzer, denn sein Zustand nach seinem Vollrauschtreppensturz im Zuge einer Geburtstagsfeier besserte sich zusehends und da jede Minute Zivi-Einsatz bares Geld kostete, wurde Eriks Aufmerksamkeit an dringlichere Projekte verschachert. Im Moment zum Beispiel bezog er ein vor kurzem verlassenes Krankenhausbett mit frischer weißer Krankenhausbettwäsche.
Langweilige Scheiße.
Seiner Meinung nach wäre es auch für Herrn von Wallbach besser gewesen, wenn Erik länger bei ihm hätte bleiben können, schließlich gab es auch so was wie Förderung verbaler Interaktion, auf die Erik großen Wert legte.
Zumindest bei Herrn von Wallbach, der am liebsten von seiner Enkelin erzählte, die ihn nie besuchen kommen konnte, weil sie in München studierte. Herr von Wallbach schien zwar von selbstbewussten Frauen nur dann was zu halten, wenn sie beim Ficken oben saßen, aber von seiner Enkelin sprach er immer anständig. Trotzdem hatte sich vor Eriks geistigem Auge mit der Zeit ein Bild von einer ziemlich geilen Schnecke gebildet.
Apropos geile Schnecke! Dabei fiel ihm seine Verabredung ein und die frohe Kunde, die er seinem Mitbewohner noch mitteilen musste.
Auch wenn ihn das vage Gefühl beschlich, dass sie so froh nun auch wieder nicht war und Mick ganz und gar nicht begeistert sein würde von dem Gefallen, den er seinem besten Kumpel tun müsste, beschloss Erik, den Anruf in seiner nächsten Pause zu erledigen. Und zwar, nachdem er mit dem Teewagen rumgekurvt war und alle leeren Becher eingesammelt hatte.

*

Zu Hause kramte ich als erstes alle herumliegenden Sachen zusammen und sortierte sie nach Bestimmungsort. Klopapier, Wattestäbchen, leere Zahnpastatube, Taschentücher und Plastikfolie kamen in den Mülleimer. Handtücher, Pullover, Unterwäsche, T-Shirts, Hinnaaks Supermankostüm, von dem ich keine Ahnung hatte, wofür er es brauchte, und Socken kamen als wiederverwendbare Gebrauchsgüter in die Waschmaschine.
Nachdem ich wieder Ordnung geschaffen hatte, konnte ich meinem Tagesablauf weiter folgen und kurze Zeit später saß ich in der Badewanne mit reichlich Schaum um mich herum und lehnte mich entspannt zurück. Der Schaum reichte mir fast bis an die Ohren und ich fühlte mich wie nach einem melmacanischen Lottogewinn.
Meine Muskeln entspannten sich im warmen Wasser und ich ließ mich von meinem Easy-Listening-Tape vom Kassettenrecorder auf der Waschmaschine berieseln. Das Licht war gedämpft und ich hatte ein paar Duftkerzen angesteckt. Hinnaak nannte das immer Schwuchtelkram, aber es half mir ganz einfach, mich zu entspannen und das hatte ich dringend nötig, schließlich führte ich ein hartes und anstrengendes Leben.
Entspannt schloss ich die Augen und genoss die kurze Zeit der Ruhe ohne Hinnaak.
Meine brennenden Ellenbogen erinnerten mich an meinen peinlichen Stolperunfall, allerdings kam mir gleichzeitig auch der wunderschöne honigblonde Engel aus dem Park in den Sinn, der mich in wohlige Gedanken versinken ließ, als mich plötzlich unser Telefon, das sich stets mit dem Gemeinsten Geräusch Der Welt zu melden pflegte, zusammenfahren ließ, als hätte jemand einen Föhn ins Wasser geschmissen.
Wir hatten das scheußlichste und billigste Telefon im Flur stehen, das Hinnaak auf dem scheußlichsten und billigsten Flohmarkt hatte finden können. So groß wie eine Mikrowelle und so laut wie ein Nebelhorn, was sich auch nicht durch das kleine Rädchen an der Seite regulieren ließ. Egal, wie viel man in welche Richtung auch immer drehte, bei jedem Anruf schien das fürchterliche Rasseln noch lauter und durchdringender zu sein. Wahrscheinlich hatte Stephen King dieses Telefon gebaut.
Hinnaak jedenfalls mochte das bekackte Ding, weil es eins der wenigen Dinge war, die er selbst zur Wohnungseinrichtung beigesteuert hatte. Vielleicht mochte er es aber auch nur, weil ich es scheiße fand, jedenfalls war das Telefon da stehen geblieben, wo er es angeschlossen hatte und störte immer in den unpassendsten Momenten.
So wie jetzt. Selbst im warmen Wasser kräuselten sich meine Nackenhaare bei dem Lärm, der von den Flurwänden widerhallte.
Es klingelte ungefähr ein Dutzend Mal, bevor es endlich aufhörte.
Erleichtert entspannte ich mich wieder.
Aber es dauerte nicht lange, da fing es wieder an. Ungläubig und genervt zugleich, atmete ich tief ein und tauchte, um dem Krawall zu entfliehen, unter, so dass ich mir vorkam wie Herr Müller-Lüdenscheidt im Wettstreit mit Herrn Dr. Klöbner. Tropfnass über den Flur zu rennen, gehörte nämlich nicht gerade zu meinen liebsten Hobbys.

*

Enttäuscht legte Ursula Petersen den Hörer auf. Schon wieder niemand da.
Wo treibt sich mein Junge bloß rum? fragte sie sich besorgt. Doch hoffentlich nicht in irgendwelchen zwielichtigen Spelunken!
Gleichzeitig rief sie sich zur Ordnung. Nicht überreagieren. Sie würde es später wieder versuchen. Außerdem fing gerade die Schwarzwaldklinik an, wie sie erfreut feststellte.

*

Nicht zu fassen! Fünfmal hatte mich das Telefon genervt, bis ich verzweifelt vorzeitig aus der Wanne gestiegen war. Jetzt, wo ich wieder trocken und in meinen Bademantel eingewickelt war, klingelte es natürlich nicht mehr.
Im Moment stand ich am Führstückstisch und meine Brötchen lagen aufgeschnitten vor mir auf einem Teller, neben ein paar Utensilien aus dem Kühlschrank. Zum einen leckere Salami aus der Plastikpackung, schön einfach und schnell. Nix von wegen Anstellen an der Fleischtheke, wo es elf Stunden dauert, bis die Oma vor einem ihre fünf Scheiben Aufschnitt zusammen hat. Verschiedene Sorten dann natürlich auch noch und mit probieren und wieder umentscheiden. Nach einem Wutanfall in einer solchen Wurstschlange hatte ich mal entschieden, dass das nix für Vadders Sohn ist und von dem Tag an nur noch Plastikpackungen gekauft.
Aus dem Wohnzimmer konnte ich meine Santana-CD hören, die ich aufgelegt hatte, nachdem ich im Badezimmer fertig war und bestrich nun zu oye como va die andere Brötchenhälfte mit Nutella. Sehr hilfreich in Wimbledon übrigens. Und ich hab gehört, wenn man ungefragt eine wildfremde Berghütte stürmt, servieren einem die Leute da auch Nutella, anstatt die Polizei zu rufen. Ich muss mit Respekt zugeben, Kollegen, eine solch schwachsinnige Werbung wäre mir nie eingefallen.
Das andere Brötchen belegte ich mit prima Industrie-Edamer aus dem Hause Albrecht und mixte mir dann noch einen leckeren Kakao.
Mitten im schönsten Umrühren erschallte des Telefons Gemeinstes Geräusch Der Welt wieder, dass mir der Kakao überschwappte.
Genervt, aber auch interessiert, wer mich denn so dringend sprechen wollte, ließ ich mein Frühstück stehen und eilte, um dem Geschepper möglichst schnell ein Ende zu bereiten, in den Flur und hielt den Hörer an mein Ohr, wobei ich meine noch feuchten Haare spürte.
“Petersen.”
“Dörte, halt Dich fest, heute Abend hast Du was vor!” hörte ich Hinnaak durch die Leitung jauchzen.
“Du bist das?” fragte ich entgeistert. “Hast Du hier die ganze Zeit angerufen?”
“Die ganze Zeit? Nein, das ist mein erster Versuch, aber rate doch mal, was heute abgeht!”
“Und was geht bitte heute ab?” fragte ich mit böser Vorahnung, weil ich schon längst wusste, dass bei Hinnaaks Top-Ideen am Ende sowieso immer nur Scheiße rauskam.
“Pass auf. Auf diese Monika bin ich schon scharf, seit ich hier angefangen hab,” begann Hinnaak zu erklären, “aber sie geht nicht ohne ihre Freundin aus, die hocken dauernd aufeinander. Scheiße, die machen… …eigentlich alles zusammen. Ich denk fast, die sind bi oder so.”
Gerade wollte ich zu einer Antwort ansetzen, als Hinnaak hinzufügte “Aber das macht mich nur noch mehr an.” und ich leidend die Augen verdrehte.
“Und jetzt soll ich wahrscheinlich mit der anderen losziehen, versteh ich das richtig?” fragte ich. “Geh mir bloß weg, Mann, ich hab keinen Bock auf Deine Weiber. Schließlich weiß ich, auf welchen Typ Du abfährst.”
“Auf welchen Typ fahr ich denn ab?”
“Auf Schlampen.”
“Das ist doch die Höhe!”
“Ach komm, Du weißt es doch selbst.”
“Ich kann nichts für meine Veranlagung, hat Doktor Freud gesagt.”
“Für Dein Affengehirn kannst Du auch nichts, hat Doktor Grzimek gesagt.”
“Hä?”
“Oder wie willst Du mir Deine beschissene Anzeige erklären?”
“Wieso beschissen?”
“< Alle sexuellen Neigungen willkommen >! Was hast Du Dir dabei gedacht?”
“Ich dachte, es wäre gut, einen richtigen Bringer reinzunehmen.”
“Und Dir ist nie in den Sinn gekommen, dass es sich dabei um eine bescheuerte Idee handeln könnte?”
“Na ja, die Tussi bei der Zeitung hat ein bisschen komisch geguckt, aber ich dachte, das wäre, weil ich sie hab spüren lassen, dass sie nicht mein Typ ist.”
“Du bist ein Idiot, Mann.”
“Dir kann man auch nie was recht machen.”
“Vor allem bist Du tagsüber nicht zu Hause, dann wird das wohl mein Job sein, mich mit den ganzen Perversen und Abartigen rumzuschlagen, die hier anrufen werden.”
“Du kannst doch so gut mit Menschen reden. Und das sind bestimmt alles interessante Persönlichkeiten.”
“Für Talkshows vielleicht!”
“Glaub mir, ich würde mich gern mit den Leuten unterhalten, aber ich muss ja leider arbeiten.”
“Du hättest auch Deine Handynummer angeben können, wenn Du so an den Gesprächen interessiert bist!”
“Dörte, im Krankenhaus darf man auf gar keinen Fall mit einem Handy telefonieren! Deswegen lasse ich es auch immer im Auto liegen.”
“In welchem Auto bitte?”
“Fang nicht wieder damit an.”

*

Der Abspann von der Schwarzwaldklinik lief.
Jetzt müsste der Junge ja aber eigentlich zu Hause sein. dachte Ursula Petersen, griff erneut zum Hörer und wählte die Nummer.
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis eine Verbindung hergestellt wurde. Ein Rauschen blockierte zuerst die Leitung, dann ertönte das Besetztzeichen. Resigniert ließ sie den Hörer sinken.
Wenigstens ist er jetzt zu Hause. Oder telefoniert dieser komische Mitbewohner? Was zum Teufel ist denn da los?

*

“Jetzt hör auf, mich wegen diesen Tussis zu belatschern, Mann. Ist Deine Pause nicht inzwischen vorbei?”
“Okay, was hältst Du davon.” sagte Hinnaak verzweifelt. “Die Anzeige geht auf meine eigenen Kosten, okay? Außerdem bezahl ich heute abend Dein Essen. Und Dein Mineralwasser oder Deinen Orangensaft oder was immer Du trinkst.”
“Das ist doch ein Deal.” sagte ich überzeugt. “Wo soll’s denn überhaupt hingehen?”
“Schlösschen.”
“Prima. Die haben Duckstein vom Fass.”
“Dörte, Du schockierst mich. Wenn das Deine Mutter wüsste!”
Damit beendete er das Gespräch, in dem er einfach auflegte. Das pflegte er öfter zu machen. Wahrscheinlich hatte er sich das in einer amerikanischen Fernsehserie abgeguckt.
Pikiert legte ich den Hörer auf und erlebte den Schreck meines Lebens, als es im selben Moment wieder klingelte.
“Petersen.” meldete ich mich, nachdem ich zusammengezuckt war, als wäre vor mir eine Granate hochgegangen.
“Wer ith da?” fragte eine hohe, stark lispelnde Stimme.
“Mein Name ist Pe-ter-sen.” wiederholte ich. Daraufhin hörte ich ein meckerndes Lachen wie aus einem alten Edgar-Wallace-Film.
“Echt?” fragte die hohe Stimme, worauf ich es vorzog, nicht zu antworten. Verarschen konnte ich mich selbst nämlich schon immer am besten. Nach ein paar Sekunden der eisigen Stille fügte die hohe Stimme erklärend hinzu
“Weil, ich heith nämlich auch Peterthen! Ith dath nicht luthtig?”
“Stimmt.” sagte ich. “Das ist nicht lustig.” worauf wieder eine Edgar-Wallace-Lachsalve folgte.
“Aber Du bith schon der mit dem Thimmer, oder?”
“Ja.”
“Dath ith ja witthig! Thwei Peterthenth in einer Wohnung, die aber gar nicht miteinander verwandt thind.”
Meine Begeisterung hielt sich ehrlich gesagt in Grenzen.
“Wie groth ith denn dath Thimmer?” die hohe Stimme weiter.
“Na ja, so in etwa…”
“Ith da Platth genug für meine Kühltruhe?”
“Wath… …Was denn für eine Kühltruhe?”
“Na ja, weith Du, ich brauch thiemlich viel Hackfleisch.”
“Wozu?”
“Muth ich dath echt noch erläutern?” fragte die hohe Stimme aufgebracht.
“Ich bitte darum!” sagte ich unheilahnend, worauf eine Weile Stille in der Leitung herrschte.
“Ich dachte, Du bith so tolerant.” sagte die hohe Stimme enttäuscht. “Und jetth muth ich mich doch rechtfertigen. Dath ith doch Scheithe!”
“Na hör mal…”
“Wath heith hier < na hör mal >? Du wikth doch thicher noch auf angethogene Leute, tho einer bith Du doch!” kreischte die hohe Stimme vorwurfsvoll.
“Was zum Geier…”
“Nikth Geier! Tuth tho tolerant und in Wirklichkeit kannth Du mit Anderthartigkeit gar nicht umgehen.” Die hohe Stimme zitterte vor Aufregung und kippte schließlich ganz um, als der Anrufer mich anschrie “Du bith der Perverthe, Du Arthloch!”
Damit wurde am anderen Ende der Leitung der Hörer aufgeknallt.
Eine Weile wusste ich gar nicht, ob ich darüber lachen oder wütend sein sollte.
Dass sich nach Hinnaaks Anzeige hier ein paar Freaks melden würden, hatte ich ja schon befürchtet, aber beleidigen lassen wollte ich mich sicher nicht.
Das Beste würde sein, erst mal von hier abzuhauen, Abstand zu gewinnen und heute Abend Hinnaak anzuschreien.
Der Gedanke gefiel mir.
Auf die Schnelle stopfte ich mir mein Frühstück rein, zog mich an und warf mir meine Lederjacke über. Bei all diesen Aktivitäten ignorierte ich vehement das tobende Telefon, das beinahe durchgehend klingelte und einfach keine Ruhe geben wollte. Aber rangehen wollte ich wirklich nicht wieder. Dumm nur, dass die Telefondose hinter einer Wandleiste verborgen war, so dass man den Stecker nicht ziehen konnte. Wie ein angeschossener Cowboy auf der Flucht vor amerikanischen Ureinwohnern verließ ich Hals über Kopf die Wohnung und marschierte in den Keller, um mein Fahrrad nach oben zu holen und damit den Landkreis zu verlassen.
Mein Fahrrad war eine Nummer für sich. Es war bereits fast zehn Jahre alt, und selbst als es neu war, ist es nur ein Mittelklassemountainbike gewesen. Von Anfang an hatte mit dem Rahmen etwas nicht gestimmt und durch ein paar deftige Stürze, die nicht alle meine Schuld gewesen waren, war er so verzogen gewesen, dass die Reifen im Schnee zwei Spuren hinterließen. Keinem meiner Kumpels war es jemals gelungen, anständig darauf zu fahren, obwohl es mir selbst keine Probleme bereitete. Mit der jugendlichen Hochnäsigkeit, die seit Hunderten von Generationen alle vierzehnjährigen Menschen befällt, hatten meine Kumpels meinem Fahrrad den wenig schmeichelhaften Namen < Panzer > gegeben. Zuerst hatte es mich genervt, weil ich mein Fahrrad mochte, es hatte nämlich so ein schönes blau, später aber verstand ich, wieso der Name so treffend war. Ich war nämlich wirklich der einzige Idiot, der darauf fahren konnte. Das wiederum machte mich ein bisschen stolz, denn es hatte so was Biff Tannen-mäßiges, der im Film Zurück in die Zukunft der Einzige war, der sein Auto starten konnte.
Als ich mit dem Panzer auf den Straßen meiner kleinen Stadt unterwegs war und an Biff Tannen dachte, fiel mir ein, dass ich Zurück in die Zukunft seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hatte. Tatsächlich bekam ich sogar Bock auf alle drei Teile.
Ja, das würde ich tun. Alle drei Teile ausleihen und zu Hause gemütlich einen Zurück in die Zukunft-Marathon durchziehen, wenn mich das Horrorfon in Ruhe lassen sollte. Ach was, notfalls würde ich es in die Toilette schmeißen und dreimal kräftig spülen.
Also würde ich jetzt auf direktem Weg zur meiner Stammvideothek, der Mattscheibe fahren und mich ein bisschen zu Dieter setzen. Das hatte ich schon seit ein paar Wochen nicht mehr gemacht und jetzt merkte ich erst, wie mir das abgegangen war.
Erleichtert darüber, für die nächsten Stunden eine Beschäftigung gefunden zu haben, schlug ich den Weg zur Mattscheibe ein, der durch die Fußgängerzone führte. Kurz vor der Mattscheibe kam ich an einem leerstehenden Geschäft vorbei, das schon seit ein paar Monaten keinen Inhaber mehr hatte. Etwas ungewöhnlich, denn auch wenn es in einer kleinen Nebenstraße lag, war es trotzdem noch in der Nähe der Fußgängerzone, was genügend Laufkundschaft bedeuten würde.
Vor der Mattscheibe schloss ich mein Fahrrad mit dem angeblich sichersten Fahrradschloss ab, das es gab und betrat die kleine Videothek, in der alles etwas eng gestellt war, woran man schon sehen konnte, dass dieses Geschäft nicht zu einer gigantischen Videothekenkette mit dutzenden Filialen und jeweils mehreren hundert Quadratmetern Geschäftsfläche gehörte. Dieters kleiner Laden war vollgestellt mit Regalen, die so angeordnet waren, dass es effizienter nicht mehr ging. Alles angehäuft mit Videos, DVDs, Computerspielen. Eine enge, aber sehr schmucke Videothek. An den Wänden und im Schaufenster waren Poster und Pappaufsteller der aktuellen Filme und Serien.
Die Mattscheibe hatte für mich ein unerklärlich nettes Flair und strömte eine angenehme Atmosphäre der Ruhe aus. Das war auch ein Grund, warum ich so gerne hier war. Wenn Hinnaak in unserer Wohnung so richtig gewütet hatte, dass sogar die Heinzelmännchen streiken würden, kam ich her und holte mir meine Prise Ordnung eben hier.

Dieter stand hinter dem Tresen und folgte einer Sendung, die auf einem kleinen Fernseher im Regal neben ihm gezeigt wurde. Er trug wie meistens ein T-Shirt mit einem Filmmotiv, eine schwarze Trainingshose und Korksandalen. Er hatte ein leicht gerötetes Gesicht und eine Statur wie Otto Waalkes. Vor vielen Jahren war er aus dem süddeutschen Raum hierher gekommen, weshalb er mit einem leichten bayerischen Akzent sprach. Alles in allem war er die sympathischste Person, die mir in meiner kleinen Stadt jemals über den Weg gelaufen war. Auch wenn ich ihn ehrlich gesagt noch nie außerhalb der Mattscheibe gesehen habe.
“Moin, Dieter.” sagte ich und ging durch den Laden.
“Hallo Mick. Lange nicht gesehen.” sagte Dieter und reichte mir die Hand.
“Ja, aber heute musste ich unbedingt mal raus an die frische Luft.”
“Ist ja auch ein prima Wetter. Möchtest Du einen Schluck Sekt?” fragte er und hob eine offene Flasche an, aus der er seinen Kunden immer etwas anbot.
“Nein danke. Dr. Pepper hast Du nicht mehr, oder?” fragte ich und zeigte auf die kleine Kühltruhe neben dem schmalen Knabberkramregal.
“Guck doch mal rein.” meinte Dieter und lächelte geheimnisvoll. Als ich den Deckel der Truhe öffnete, fiel mein Blick auf eine Reihe angenehm gekühlter Dosen und kleinen Flaschen mit verschiedenen Colasorten. Ganz obenauf Dr. Pepper.
“Hey, super. Du hast sie ja wieder.” rief ich freudig aus und griff mir eine Dose.
“Ja, ich hab sie wieder ins Sortiment genommen.”
“Eine gute Idee.” antwortete ich und öffnete die Dose.
“Und wie geht’s Dir so?” fragte Dieter.
“Wie es halt immer geht.” antwortete ich und nachdem ich daran gedacht hatte, dass mir so eine Phrasenantwort für Dieter zu blöde war, fügte ich hinzu “Ich hab ein Brief von der Arbeitsagentur bekommen, in dem steht, dass sie mir das Geld kürzen werden.”
“Oh, das ist ja nicht so gut.” sagte Dieter mitfühlend.
“Allerdings. Aber ich werde gleich am Montag Widerspruch einlegen, dann wird das schon.”
Dieter nickte.
“Aber nur für den Fall dass, hat mein Mitbewohner eine Annonce aufgegeben. Für einen dritten Mitbewohner.”
“Aha. Na, dann mal viel Glück.” sagte Dieter und wandte sich einer Kundin zu, die eben durch die offenen Ladentür hereingekommen war und jetzt vor dem Tresen stand.
In dem Zeitschriftenständer neben dem Knabberkramregal sah ich die neue Cinema, die ich mir gleich ergriff und mich mit Cola und Zeitschrift auf einen der beiden Barhocker setzte, die vor dem Tresen standen.

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