Der Wind geht allezeit über das Land hat einer der großen deutschen Liedermacher einmal getextet, und obwohl das Lied eher nach dem Geschmack meiner Mutter war, fiel mir diese Zeile immer wieder ein, wenn ich vom Sofa aus dem Fenster sah.
Heftiger Wind, der abgestorbene braune Blätter von den Bäumen riss und durch die Luft wirbelte, wehte durch die Straßen, in denen die Passanten schon ihre langen Mäntel und dicken Jacken trugen und die ersten Autos bereits mit schwarzen Felgen fuhren.
Es war Herbst geworden.
Still und heimlich hatte er sich in den letzten Wochen an den friedlich dahindämmernden Sommer herangeschlichen und ihn langsam aber sicher aus meiner kleinen Stadt verdrängt.
Unser Leben zu Dritt hatte sich gemächlich eingependelt. Der Dritte Mann ging morgens zur Uni, sofern er Vorlesungen hatte oder zum Supermarkt arbeiten, sofern er keine Vorlesungen hatte. Hinnaak war etwas seltener zu Hause als gewöhnlich. Meistens war er mit Monika unterwegs, die, wie ich festgestellt hatte, inzwischen Beziehungsdauerrekordhalterin bei Hinnaak war und, wie zur Hölle auch immer, dafür gesorgt hatte, dass er nicht mehr dabei war, sich durch die ganze Stadt zu vögeln. Das hatte ihm vorher noch keine abgewöhnt.

An diesem stürmischen Herbstabend also wollte ich mal wieder meinen Zurück in die Zukunft Marathon versuchen und nichts sollte mir heute in die Quere kommen.
Der Dritte Mann war arbeiten und Hinnaak hatte ein Fußballspiel, denn zurzeit wurde der Stadtpokal ausgetragen. Dazu muss man wissen, dass meine kleine Stadt wundersamerweise ganze fünf Fußballvereine hat, die alle auf eine alte, traditionsreiche Geschichte zurückblicken können. Darum und weil sich alle Clubs immer gegenseitig beinhart konkurriert haben, war es nie zu einem Zusammenschluss der Vereine gekommen, weswegen sie alle noch heute existierten und untereinander nahezu verfeindet waren. Einmal hatte ich zum Spaß die Fahne eines anderen Vereins meiner kleinen Stadt ins Wohnzimmer gehängt. Hinnaak war völlig durchgedreht, hatte rumgeschrien und mit Sachen nach mir geschmissen. Die Spieler und Anhänger der jeweiligen Vereine verstanden da keinen Spaß. Und um festzustellen, wer die Nummer Eins der Stadt war, wurde schon seit langer Zeit traditionell einmal im Jahr ein kleines Turnier um die Stadtmeisterschaft ausgetragen, was jedes Jahr ein Highlight bei den Fans und Spielern war. Einer unserer Stadtvereine, sinnigerweise der 1. FC, war quasi der FC Bayern München der Kreisklasse, nur leider war es natürlich nicht Hinnaaks Verein. Es war der Verein, dessen Fahne ich mal aufgehängt hatte. Der MTV, das war Hinnaaks Club, gehörte natürlich zu den schwächsten der Kreisklasse und war in den letzten Jahren so regelmäßig in der ersten Runde des Stadtpokals ausgeschieden, dass man die Uhr danach hätte stellen können.
Aber dieses Jahr hatten sie sich irgendwie ins Halbfinale gemogelt und trafen heute auf die Kampfschweine vom TSV.
Bestimmt würde er heute wieder geknickt nach Hause kommen, aber bis dahin hatte ich die Bude für mich allein.

Auf dem Weg zu Dieter, bei dem ich vorhatte, noch was zum Knabbern mitzunehmen, erwartete ich mit gemischten Gefühlen, Marie wiederzusehen.
Wenn ich sie sah, bekam ich Herzrasen, doch war mir klar, dass unsere Unterhaltung in der Wäscherei für sie mit Sicherheit auch nur das gewesen war: Eine Unterhaltung in der Wäscherei. Dass ich seitdem an fast nichts anderes mehr denken konnte als an sie, darauf wäre sie mit Sicherheit nicht gekommen. Und dass ich gern etwas Zeit mit ihr verbringen würde, nur um in ihrer Nähe zu sein, würde sie vermutlich als völlig absurd betrachten. Vielleicht malte ich ein bisschen schwarz, aber ich wusste einfach nicht, wie ich es anstellen sollte, mich ihr zu nähern. Ich hatte keine lockeren Sprüche drauf oder etwas zu bieten, wofür sich eine Frau wie Marie würde interessieren können. Oder hatte ich ein cooles Auto, einen guten Job und eine eigene Wohnung, in der ich alleine und selbstständig lebte und regelmäßig playboyvillamäßige Partys schmiss? Das glaube ich nicht, Tim.
Natürlich war das ein bisschen übertrieben, aber dass ich so stinknormal durchschnittlich war, kotzte mich manchmal an.
Diese deprimierenden Gedanken waren jedoch wie weggeweht, als ich die Tür der Mattscheibe öffnete und mein Blick auf Marie fiel, die am Tresen stand und in etwas las, weshalb sie den Kopf vorgebeugt hatte und ihr eine Haarsträhne in die Stirn fiel.
Die Schritte zum Tresen hatten etwas mit dem Gang zum Zahnarzt gemein. Unangenehm, aber unvermeidbar. Ich bekam es mit der Angst zu tun, irgendwas Blödes zu sagen oder zu tun, so dass sie mich hinterher für einen Vollidioten hielt. Alles was ich wollte war, hier unversehrt wieder rauskommen, was bedeutete, dass ich nur locker bleiben und mich nicht blamieren musste. Ganz normal sein.
Marie sah auf und nahm mir den Atem mit ihrem Blick, als sie mich erkannte und sie früher zu lächeln anfing, als es sich für die Begrüßung eines normalen Kunden gehörte. Oder bildete ich mir das nur ein?
“Hallo, Mick.” sagte sie und ich war unendlich froh, dass ich mich für meinen Besuch in der Mattscheibe vorher extra rasiert hatte.
“Hi, Marie.” antwortete ich. Hatte meine Stimme gezittert? Oder nervös geklungen?
“Wie geht’s Dir?” fragte sie.
“Ach, na ja. Man wurschtelt sich durch.” Blöde Antwort, Du Idiot. Schnell was hinterher sagen. “Wie war’s im Musical?” fragte ich betont lässig.
“Welches Musical?” fragte sie.
Oh mein Gott. Sie hatte unsere Unterhaltung schon vollkommen vergessen! Wahrscheinlich konnte ich glücklich sein, dass ihr mein Name noch eingefallen war.
“Ach ja, das.” sagte sie dann. “Ich hab ihm gesagt, dass ich nicht mitgehen will. Er war ganz schön sauer.”
“Tja, das Leben ist hart.” sagte ich nur. Ich meine, was hätte ich mehr dazu sagen können? Dass es mir leid tat, dass dieser komische Kerl sich nicht als ihr Traumprinz entpuppt hatte? Warum sollte ich sie denn belügen?
“Was kann ich denn für Dich tun?” fragte Marie nach ein paar Sekunden der Stille, in denen ich darüber nachgedacht hatte, dass sie jetzt wohl wieder Single war.
“Tja, da gäbe es viel,” sagte ich übermütig, was ich gleich wieder bereute, “aber fürs erste will ich ein paar Filme leihen.”
“Welche dürfen es denn sein?” fragte sie und wandte sich an ihren Computer, bereit, die Titel einzugeben und zu überprüfen, ob sie vorrätig waren.
“Zurück in die Zukunft.” sagte ich und Marie tippte los.
“Sind alle Teile da.”
“DVD oder Kassette?” fragte ich.
“DVD.” antwortete sie. “Welchen Teil willst Du denn?”
“Na, alle.”
“Alle drei?” fragte Marie erstaunt.
“Nein, alle fünf.” antwortete ich scherzhaft. “Natürlich alle drei. Ich will heute endlich mal einen Marathon machen. Das hab ich nämlich schon etwas länger vor.”
“Was willst Du machen? Einen Marathon? Meinst Du damit, alle Filme auf einmal zu sehen?”
“Nicht auf einmal. Nacheinander.”
“Das meinte ich ja. Aber alle an einem Abend? Das nennst Du Marathon?”
“Ja, so etwas mach ich ganz gerne mal.”
“Was ist denn Dein längster Marathon gewesen? Alle James Bond Filme?”
“Nun übertreib mal nicht.” meinte ich lachend. “Das waren nur alle Star Trek Filme.”
“Sind das nicht auch so viele?”
“Nein, nicht mal annähernd. Sonst hätte man ja Kirks und Spocks Schauspieler irgendwann austauschen müssen und dann hätten die Trekkis Zeter und Mordio geschrien.”
Marie lachte. Meine Nervosität schwand ein bisschen, nachdem ich eine Weile mit ihr geredet hatte und ich bekam den Verdacht, dass auch trotz meiner neuen Gefühle für sie noch eine normale Unterhaltung möglich sein konnte.
Marie verschwand eine kurze Zeit im hinteren Teil des Ladens und brachte drei DVDs mit, die sie auf den Tresen legte. Während sie den Strichcode mit dem Handscanner registrierte, sagte sie nebenbei
“Ich hab die Filme schon lange nicht mehr gesehen. Wenn Du mich dabeihaben willst, würde ich sie mir gern mit ansehen.”
Schluck, schluck.
Moment mal. Hatte sie das grade wirklich gesagt?
“Du willst die Filme mit mir sehen?” fragte ich verunsichert. Welche Frau tut denn so was?
“Ja, wenn Du nichts dagegen hast. Sie sind doch ziemlich gut.”
“Tja, das kann man wohl sagen.”
“Also, was ist? In zehn Minuten hab ich Feierabend.”
“Wieso hast Du schon in zehn Minuten Feierabend?”
“Seit Du hier weg bist, haben sich die Arbeitszeiten etwas geändert. Du hast hier nämlich eine ganz schöne Lücke hinterlassen.” sagte sie und lächelte, wobei mir ganz warm wurde.
“Na ja, dann warte ich noch zehn Minuten.” sagte ich und setzte mich auf einen der Hocker.
Verrückt. Mir wäre schon das Herz in die Hose gerutscht, wenn ich Marie hätte fragen wollen, ob wir einen Kaffee zusammen trinken könnten, den nicht Dieter gekocht hatte und jetzt kam sie freiwillig in meine Wohnung mit. Ohne Hintergedanken natürlich. Aber sie hatte ganz locker gefragt, als wäre gar nichts dabei gewesen. Wie zum Geier machten Frauen das?
Egal, sie hatte es getan und jetzt würde ich mehrere Stunden neben Marie auf der Couch sitzen und DVD gucken. Ein Gottesgeschenk, dass ich diese Chance bekam.
Und gleichzeitig mit diesem Gedanken hörte ich Hinnaaks Stimme in meinem Inneren, die mich ermahnte Pass auf, dass das nicht auf die Freundschaftsschiene fährt.
Aber um ehrlich zu sein, nach unserer Unterhaltung in der Wäscherei und meinem Sieg über den Schwertmeister konnte ich mir das nicht vorstellen.

Wir waren mit ihrem Auto zu meiner Wohnung gefahren. In ihrem Auto vernahm ich einen starken Vanilleduft, während ich mit den Filmen auf dem Schoß auf dem Beifahrersitz gesessen und mit Marie über die Personalveränderungen bei der Mattscheibe gesprochen hatte. Der Duft war vermutlich von dem Wunderbaum gekommen, der an ihrem Rückspiegel baumelte. Darauf angesprochen erzählte sie, dass ihr Auto vorher einem Raucher gehört hatte und sie hatte den in den Polstern festgesetzten kalten Rauch nicht ertragen. Das konnte ich ihr nachfühlen. Mir kam auch manches mal das Würgen, wenn ich Hinnaaks Klamotten in die Waschmaschine stopfte.
Als wir meine Wohnung betraten war ich heilfroh, dass ich vorhin noch aufgeräumt hatte. Es wäre mir gelinde gesagt etwas unangenehm gewesen, Marie die Wohnung im Hinnaak üblichen Zustand zu präsentieren.
Als erstes hatte ich ihr natürlich das Wohnzimmer gezeigt, ohne meine Pflichten als Gastgeber und Gentlemen zu vergessen und ihr einen Sitzplatz anzubieten. Etwas zu trinken anzubieten, war nicht nötig gewesen, denn wir hatten Getränke und Knabberzeug von Dieter mitgebracht. Marie war höchst amüsiert und erstaunt zugleich gewesen über die akkurate Anordnung dieser hässlichen Muskelprotzfiguren in dem Glasschrank, hatte aber bei dem Anblick der Poster an den Wänden zustimmend genickt. Nach meiner Erwähnung, dass in meinem Schlafzimmer noch mehr hängen würden, war sie nicht davon abzubringen gewesen, sie sehen zu wollen und als sie in meinem Schlafzimmer stand, hatte ich den überwältigenden Anblick als Beweis dazu angeführt, dass es kein Wunder gewesen war, im betrunkenen Zustand ihr Zimmer mit meinem verwechselt zu haben.
Darüber hatte sie angefangen zu grinsen und dann gemeint, dass es im Nachhinein doch eine ganz lustige Geschichte war. Da stimmte ich ihr auch zu, wenn man nicht gerade der nackte besoffene Tölpel in der Geschichte war.

Entgegen meiner Befürchtung, dass wir schweigend nebeneinander sitzen würden, hatte sich schon kurz nach Beginn des ersten Films, während Marty McFlys Szene auf der Bühne und seinem Satz Also dann. Wir sind die…äh…die Pinheads. eine Unterhaltung zwischen uns entwickelt.
Sie erzählte mir von ihrer sozialen Arbeit und dass sie noch gar nicht wusste, ob sie danach wirklich studieren oder was anderes machen wollte. Sie erzählte von zu Hause, ihren Eltern und ihrer Schwester und wie sehr es ihr missfiel, welchen Lebensstil Gisela führte. Diese ständig wechselnden Liebhaber, als wollte sie einen Rekord aufstellen. Marie erinnerte sich an Giselas Gejammer, wie sehr sie in mich verliebt wäre und auf der Party hatte sie sich dann einen anderen geschnappt. So was konnte Marie nicht verstehen. In ihrem ganzen Leben war ihr immer mehr an ernsthaften Beziehungen gelegen, die auf Ehrlichkeit und Offenheit aufgebaut waren.
An der Stelle überlegte ich, ob ich Marie nicht lieber die Wahrheit über meine Nacht mit Gisela erzählen sollte, aber das tat ich doch lieber nicht. Zum einen gab ich Marie ja Recht, denn ich lehnte Hinnaaks sinnloses rum Geficke genauso ab, wie Marie Giselas sinnloses rum Geficke ablehnte, also war es auch nicht mein Stil und zum anderen war ich in der Nacht nicht ich selbst gewesen, ich musste mir also keine Vorwürfe machen.
Dann erzählte ich ihr Geschichten aus meinem Leben. Meine Kindheit im Haus meiner Eltern, den Tod meines Vaters, meine Schulzeit und die Freundschaft mit Hinnaak.
Diese persönlichen Geschichten brachten uns einander näher, das konnte ich deutlich spüren, denn auch in unseren späteren Gesprächen während des Films, in denen ich ihr Hintergrundinfos zu der Story erzählte, wirkte ihr Interesse nicht erlahmt. Zum Beispiel plauderte ich darüber, dass Marty McFly zuerst von einem Schauspieler namens Eric Stoltz gespielt wurde und dass die Zeitmaschine ursprünglich ein Kühlschrank gewesen war. Davon war das Filmstudio abgekommen, weil man befürchtet hatte, dass irgendwelche Kinder das nachspielen und in den Kühlschränken ihrer Eltern erfrieren könnten. Weit hergeholt waren diese Befürchtungen nicht, schließlich hatte zum Beispiel General Motors die geplante Knight Rider-Edition des Trans Am nur deshalb nicht auf den Markt gebracht, weil in Amerika ein Mann in seinem Pontiac Firebird ums Leben gekommen war, als er versucht hatte, damit über einen Zug zu springen.
“Du meinst also, nur wegen dieses einen Idioten müssen sich jetzt alle verrückten Knight Rider Fans auf der Welt ihre K.I.T.T.-Repliken selber bauen?” fragte Marie erstaunt.
“Genau.”
Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen, wie ich beunruhigt hörte. Ich hoffte, dass es nicht jemand war, der sich zu uns setzen und mitgucken würde. Eigentlich fühlte ich mich mit Marie allein ganz wohl.
“Dörte?!” hörte ich Hinnaak rufen. Verdammt, wieso musste dieser Vollidiot diesen Namen brüllen, während Marie neben mir saß? Das hätte ich jetzt nicht nötig gehabt. Scheiß Hinnaak!
“Ich bin hier!” rief ich zurück, bevor er noch öfter nach mir schreien konnte. Vielleicht hatte Marie es auch gar nicht mitbekommen, denn mit einem Seitenblick sah ich, wie sie wieder dem Film folgte und amüsiert mit ansah, wie ein verrückt aussehender Doc Brown aus dem DeLorean sprang.
Die Wohnzimmertür öffnete sich und Hinnaak kam mit leuchtendem Gesicht herein. Bevor er Marie registrieren konnte, hatte er schon überschwenglich ganze Sätze gesabbelt.
“Hier steckst Du? Wir haben gewonnen! 4:0! Zwei Buden hab ich gemacht, die Flaschen vom TSV waren vielleicht Scheiße! Wir sind im Finale, Mann! Oh, hi Marie.”
“Hallo.” sagte sie. “Hattest Du ein Fußballspiel?”
“Ja, genau. Stadtpokal. Wir sind eine Runde weiter.”
“Unglaublich.” sagte ich.
“Genau.” meinte Hinnaak. “Und was läuft hier? Ein Videoabend?”
“Ja.” sagte Marie.
“Toll, aber ich kann leider nicht bleiben. Bin mit Monika verabredet. Ich zieh mich nur um und dann muss ich wieder los.”
Damit verschwand er aus dem Raum und ich war mir nicht sicher, ob es ein taktvoller Rückzug gewesen war oder ob er nicht vielleicht doch geblieben wäre, wenn er keine Verabredung mit Monika gehabt hätte. Wahrscheinlich hätte er sich zwischen Marie und mich auf das Sofa gesetzt und eine Dose Bier aufgerissen.
Jedoch hörte ich kurz darauf die Wohnungstür ins Schloss fallen und Marie und ich waren wieder allein.
“Der ist schon ein komischer Kauz, oder?” fragte Marie.
“Gelinde ausgedrückt.” meinte ich und grinste.
“In meinem Freundeskreis hat er den Ruf, hinter jedem Rock her zu sein, der nicht älter als dreißig Jahre ist.”
“Den Ruf hat er in meinem Freundeskreis auch.”
“Wieso gibt es so viele ungehobelte Idioten?”
“Keine Ahnung.”
“Nehmen wir mal den da.” meinte sie und zeigte auf den Fernseher, auf dem zu sehen war, wie der junge Biff Tannen im Jahr 1955 einer vor ihm flüchtenden Lorraine hinterher schrie, dass sie eines Tages seine Frau sein würde.
“Kein Wunder, dass sie vor ihm abhaut.” erklärte Marie “So wie der sich immer aufführt. Mit Sicherheit wäre es ganz anders gelaufen, wenn er ihr einfach mal Blumen geschenkt hätte. Zum Beispiel.”
“Das hätte schon gereicht?”
“Klar. Warum nicht? Ist doch eine schöne Geste. Mir hat zum Beispiel noch nie jemand Blumen geschenkt.”
“Nicht mal Dein Musical-Exfreund?”
“Gerade der nicht. Bei Blumen denkt der doch an Unkraut. Dabei gibt es doch so hübsche Blumen. Hast Du mal Tautropfen auf einer Rose gesehen?”
“Das ist etwas sehr Schönes.” sagte ich zustimmend und musste dabei an die Rosenzucht meiner Mutter denken.
“Rosen sind meine absoluten Lieblingsblumen.” fügte Marie hinzu. “Gerade die mit vielen Stacheln. Als ob sie ihre Schönheit um jeden Preis verteidigen will. Und keine gleicht der anderen. Jede Einzelne ist absolut einzigartig.”
“Du klingst schon wie der kleine Prinz.”
Marie lachte. Offenbar hatte sie das Buch auch gelesen. Das gefiel mir.
“Bei uns vor dem Haus steht jedes Jahr im Sommer ein ganzes weißes Meer aus wilden Margeriten.” erzählte ich. “Die haben sich irgendwann selbst da gesät und sind seitdem jedes Jahr wieder eine Attraktion für vorbeikommende Radfahrer, die teilweise sogar anhalten und Fotos schießen.”
“Ich glaub, dann hab ich Dein Haus sogar schon mal gesehen.” sagte Marie aufgeregt. “Ist etwas außerhalb, oder? Margeriten sehen schön aus, aber riechen komisch.”
Da musste ich ihr recht geben. Wie ein Komposthaufen riechen die, wenn sie verblühen.
Unser Gespräch verstummte eine Weile und wir sahen dem inzwischen dritten Teil zu. Unglaublich, dass die ersten beide Teile schon vorbei waren. Die Zeit war wie im Flug vergangen.
Der dritte Teil war sehr viel romantischer angelegt, als die beiden Teile davor und Marie rückte näher und lehnte sich an meine Schulter. Dabei nahm ich ihren unglaublichen Duft wieder wahr, der unverwechselbar mit ihr verbunden war und dafür sorgte, dass mein Herz anfing zu schlagen wie bei einem fünf Kilometer Lauf. Verrückt, dass ihre Nähe und die Nähe ihrer Schwester so unterschiedliche Gefühle in mir hervorrufen konnten. Ich war kaum noch in der Lage, dem Film zu folgen, als sie sich an mich schmiegte und ihre Hand auf meinen Arm legte. Wir sprachen lange kein Wort mehr. Erst als der Film in die entscheidende Phase kam, in der Doc Brown sich für oder gegen seine große Liebe entscheiden musste, für oder gegen die Vernunft, fragte Marie etwas.
“Was würdest Du tun?”
Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet und überlegte ihr daraufhin wohl zu lange. Sie setzte sich auf und sah mich an.
“An Docs Stelle. Was hättest Du gemacht?” bohrte sie nach. “Mit ihr ewig im Wilden Westen geblieben oder zurück nach Hause zu Freunden und Familie?”
“Also erstens ist er nicht mit ihr im Wilden Westen geblieben und zweitens hatte er zu Hause keine Familie und Marty war offenbar sein einziger Freund.” erwiderte ich.
“Okay, aber mal davon abgesehen. Eine ganz prinzipielle Frage. Wenn Du Dich entscheiden müsstest zwischen Liebe und Vernunft. Wie würdest Du Dich entscheiden?”
Ihre Frage brachte mich durcheinander und am liebsten wäre ich gar nicht auf sie eingegangen, aber Marie sah mich so durchdringend an, dass alles in mir auf eine Antwort drängte.
“Na ja, weißt Du, ich glaube, Liebe ist ein göttliches Geschenk.” begann ich nach kurzem formulieren meiner Worte. “Sie zu missachten kann nur ein Fehler sein. Wir begegnen täglich Hunderten Menschen, aber wie oft jemand darunter ist, bei dem wir denken, dass er genau das ist, wonach wir suchen, kann man nicht im Entferntesten ausrechnen. Wie kann jemand so arrogant sein zu glauben, dass einem an der nächsten Ecke der perfekte Mensch begegnet? Das ist mir unbegreiflich. Wo immer sich die Chance ergibt, Liebe zu finden, muss man die Chance nutzen, weil es die letzte Chance sein könnte. Es gibt also in so einem Fall keine Entscheidung, weil es keine Wahl gibt. Ich könnte mich niemals gegen die Liebe entscheiden.”
Mir wurde plötzlich klar, dass ich eine Rede gehalten hatte, was mir ein bisschen unangenehm war. Was war denn, wenn sie das alles ganz anders sah? Dann würde sie mich für einen verstockten Klammeraffen halten. Fast erwartete ich, dass sie mich geringschätzig und abweisend ansehen würde, aber das tat sie nicht. Auf ihren Lippen zeichnete sich ein leichtes Lächeln ab und ihr sanfter Blick wanderte über mein Gesicht, als sie den Kopf leicht schräg legte.
Einen Moment lang versuchte ich mir einzureden, dass ich nicht wusste, was dieser Blick zu bedeuten hatte, aber mein Inneres brannte vor Bewusstsein, dass ich es doch wusste. Verdammt noch mal, sollte ich sie küssen? Ich benötigte schon alle Willenskraft, die ich hatte, um ihrem Blick standzuhalten. Vielleicht irrte ich mich auch und sie wollte es gar nicht? Woher sollte ich das wissen?
So sah ich sie sekundenlang an, unsicher, ob ich den Schritt wagen sollte, bis sie schließlich ihren Kopf wieder wegdrehte und weiter dem Film folgte.
Ich tat es ihr nach und während der restlichen Zeit redeten wir nicht mehr viel.
Das war er gewesen. Der richtige Moment. Und ich hatte ihn verpasst. In meinem Herz pochte ein dumpfer Schmerz auf, der aus Enttäuschung und Selbstvorwürfen entbrannte. Wie hatte ich so feige sein können?

Fast die ganze Nacht lag ich wach und fand in meinen Gedanken an Marie keinen Schlaf.
Sie ging mir nicht aus dem Kopf. Mein Herz war voller Sehnsucht nach ihrer Nähe. Ich wollte es wieder gut machen. Ich wollte ihr sagen, dass ich sie küssen wollte, immer wieder. Denn sie war das schönste und tollste Mädchen, das mir je über den Weg gelaufen war. Und dass ich sie vorhin nicht geküsst hatte, dafür konnte ich vor Wut ins Kopfkissen beißen. Was hatte nicht gestimmt? Der Moment, die Gelegenheit? Alles war perfekt gewesen. Die Eindrücke ihrer Nähe hatten mich gefesselt. Ihre Wärme, die Berührung ihrer Haut, der Duft ihres Haares…
Wenn ich nur daran dachte, entbrannte ich vor Sehnsucht nach ihr und am liebsten wäre ich aus dem Bett aufgestanden, hätte mich zu Fuß auf den Weg zu ihr gemacht und mich für meine ängstliche Unentschlossenheit vorhin entschuldigt, sie rückgängig gemacht. Im Moment hätte ich alles getan, um vor ihr nicht wie ein Feigling dazustehen, aber ich wusste, wenn ich sie wiedersehen würde, wäre es wohl wieder dasselbe. Und dass ich sie wiedersehen würde, war gar nicht selbstverständlich. Aus meiner Enttäuschung heraus hatte ich es versäumt, mich gleich wieder mit ihr zu verabreden, dass hätte vielleicht einiges wieder rausgerissen. Und die Filme hatte sie auch gleich wieder mitgenommen, um mir den Weg zu ersparen, also kam auch das nicht in Frage.
Ich hatte alles in den Händen gehabt und jetzt hatte ich nichts. Das ließ mir keine Ruhe.
Was sollte ich nur tun?

“Was Du tun sollst?” fragte Hinnaak am nächsten Abend in der Küche entrüstet. “Du hättest sie wegknallen sollen, solange Du Zeit dafür hattest! Manchmal überlegen sich Frauen das nämlich noch einmal und Du kannst dann wieder nur wichsen.”
“Beruhig Dich wieder.” erwiderte ich genervt und holte zwei Packungen Tiefkühlfisch aus dem Gefrierfach.
“Warum soll ich mich beruhigen? Das war ein Elfmeter, Mann! Und Du bist der bekackte Uli Hoeneß! Ich fass es ja nicht.”
“Nicht jeder muss die Weiber immer sofort flachlegen, so wie Du das immer tust.” sagte ich aufgebracht.
“Du meinst, wie ich und James Bond.”
“Und sie ist nicht so wie eine von Deinen Fickschlampen.”
“Alle Weiber sind Schlampen.”
“Marie ist anders. Deswegen liebe ich sie ja.”
Da war es mir vor Hinnaak ganz plötzlich rausgerutscht, ohne dass ich es gewollte hatte. Es machte mir aber nichts weiter aus, auch wenn er der Erste war, dem ich es erzählt hatte.
“Das ist keine Entschuldigung.” erwiderte er trocken.
“Ich will mich nicht entschuldigen, ich will einfach nur Marie haben, aber nicht nur für eine Nacht, wenn Du Dir eine längere Zeitdimension überhaupt vorstellen kannst.”
“Hey, ich bin mit Moni schon fast ein halbes Jahr zusammen.” verteidigte er sich. “Und auch wenn Du es für unmöglich betrachtest, weiß ich, was Dich bewegt. Zwar hat Gisi mich ständig angebettelt, ein gutes Wort für sie bei Dir einzulegen, aber dass das nichts gebracht hätte, habe ich schon vor geraumer Zeit kapiert. Ich bin ja schon froh, dass Du Dich wenigstens für Marie interessierst. So langsam hab ich nämlich schon Angst um Dich bekommen.”
“Ja, aber ich weiß nicht, was ich machen soll. Wir hätten uns gestern zwar fast geküsst, das war es aber auch schon. Und ich hab keine Ahnung, ob sie sich überhaupt für mich interessiert.”
“Du meinst also, Du willst sie noch von Dir überzeugen?” fragte Hinnaak.
“Vor allem soll sie mich nicht für einen Schlappschwanz halten.”
“Hm. Dann mach halt was Besonderes für sie. Das hast Du mir sogar selber mal geraten, weißt Du noch?”
Vage erinnerte ich mich an ein solches Gespräch und dass Hinnaak merkwürdig abstruse Vorstellungen von was Nettes machen gehabt hatte.
“Komm mir nicht wieder mit Deinem Erotikkalender an. Danach müsste ich diese Stadt für immer verlassen.” sagte ich.
“Nein, keine Angst.” meinte Hinnaak. “Für erotische Fotos hast Du gar nicht die Figur. Aber wenn Du ihr zeigen willst, dass ihr zusammengehört, dann musst Du ihr das Zusammengehörigkeitsgefühl auch vermitteln.”
“Wie meinst Du das?”
“Na ja, Ihr habt doch sicher etwas gemeinsam. Alle Menschen haben etwas gemeinsam. Auch wenn es keine wichtige, entscheidende Sache ist, ist es doch immerhin etwas, das Euch verbindet. Und das musst Du Ihr zeigen.”
Das klang schlüssig und logisch, also gar nicht nach Hinnaaks Art. Trotzdem wusste ich immer noch nicht so ganz, was genau er meinte. Als ich weiter nachfragen wollte, klingelte es an der Wohnungstür.
“Warte mal eben.” sagte ich. “Setz mal die Kartoffeln auf und hol ein Backblech aus dem Ofen.”
“Klar, Chefkoch.” hörte ich Hinnaak sagen, als ich die Küche verließ, die Tür öffnete und meine Mutter sah, die mich breit lächelnd betrachtete.
“Hallo, Mick.” sagte sie fröhlich. “Ich wollte Dich mal kurz fragen, ob Du noch Winterstiefel hast, die sind nämlich gerade im Angebot und ich will noch schnell welche kaufen.”
Verwirrt, weil ich gerade gestern Morgen erst mit meiner Mutter telefoniert hatte, erwiderte ich:
“Ich hab die Wildlederstiefel, das weißt Du doch und die sind selbst für die Antarktis warm genug.”
“Ach ja stimmt. Dann will ich mal wieder, bevor die Läden schließen. Bis später, Mick. Ach warte, hier nimm das mal.” sagte sie und reichte mir eine zusammengerollte Zeitungsseite. “Ich will das nicht mit mir rumschleppen. Bis dann.” flötete sie überfröhlich und lief überhastet die Treppe hinunter.
Merkwürdig, wie sich meine Mutter verhielt. Mit der Zeitungsseite in der Hand machte ich die Tür zu und ging wieder in die Küche. Auf dem Weg dorthin rollte ich sie auseinander und sah eine farbige Kontaktanzeige aus einer Extrabeilage der Tageszeitung, die ich unbesehen weggeworfen hatte. Neben einem farbigen Foto von einem nett aussehenden, rothaarigen Mädchen stand, dass sie hier aus der Stadt kam, gerade ihr Abitur machte, ansonsten gerne lesen und ins Kino gehen würde.
“Das ist ja wohl ihr bisher dümmster Versuch.” sagte ich laut und setzte mich auf einen Küchenstuhl.
“Was?” fragte Hinnaak interessiert und ich reichte ihm den Wisch.
“Meine Mutter will mich unbedingt verkuppeln.” erklärte ich. “Und jetzt denkt sie, wenn sie mir das hier unauffällig unter die Weste schiebt, schreibe ich dieser Rothaarigen einen Liebesbrief.
“Hör ich da etwa Hochzeitsglocken läuten?” fragte Hinnaak schelmisch.
“Nur ganz leise, im Hintergrund.”
“Hey, das ist ja Jessica.” sagte Hinnaak entgeistert.
“Wer?”
“Jessica, rotes Haar.” meinte er und zeigte auf das Foto. “Die liegt im Bett da wie ein toter Fisch, das steht aber nicht dabei, komisch. Und wenn Du denkst, Kupfer auf dem Dach weist auf einen feuchten Keller hin, hast Du Dich geirrt.”
“Du solltest eine Website aufmachen, auf der Du Weiber benotest.”
“Keine so schlechte Idee. Kannst Du HTML schreiben?” Damit knüllte er die Seite zusammen und warf sie mit hohem Bogen am Mülleimer vorbei.
“Oder wolltest Du sie anrufen?” fragte er dann.
“Gott bewahre!” rief ich aus und hob abwehrend meine Hände.
“Ach ja, stimmt. Du bist ja hinter Marie her. Wo waren wir da stehen geblieben?”
“Du wolltest mir gerade erzählen, wie ich meine spirituelle Verbindung zu Marie finden kann.”
“Jetzt sei doch mal ernsthaft.” mahnte Hinnaak mich.
“In Ordnung.” sagte ich. “Erklär mir mal, was Du meinst. Und zwar so, dass ich es verstehe.”
Über Frauenprobleme zu reden, war bei uns ein alter Hut. Damit hatten wir fast schon in der Grundschule angefangen. Auch, wenn wir es nie gesagt hatten, stand für uns beide fest, dass es immer geholfen hatte, sowohl mir als auch ihm. Und es funktionierte diesmal wieder. Das verzweifelte Gefühl von letzter Nacht war verflogen. Im Moment war ich locker und zuversichtlich und das verdankte ich Hinaaks lässiger Art. Wenigstens war sie für etwas zu gebrauchen.

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