“Kannst Du mal das bekackte Heft zur Seite legen?” fuhr ich Hinnaak an. Unsere Situation war ernst genug und er hatte nichts weiter zu tun, als in aller Seelenruhe im Playboy zu blättern.
“Nun verlang mal nix Unmenschliches von mir, Dörte.” antwortete er. “Solange unser Dritter Mann noch nicht da ist, kann ich ja wohl noch lesen.”
“Als ob Du lesen würdest. Du guckst Dir ja nur die Fotos an.”
“Aufs Wesentliche konzentrieren.” meinte Hinnaak abwesend und blätterte um.
“Aufs Wesentliche konzentrieren?” wiederholte ich. “Mann, Du solltest Slogans für Wahlkämpfe erfinden.”
Wir befanden uns im Wohnzimmer und warteten darauf, dass der Dritte Mann von der Arbeit nach Hause kam, damit wir die Misere mit der Waschmaschine besprechen konnten.
Um die Wartezeit zu verkürzen, hatte ich meine He-Man-Figuren abgestaubt und ein paar Dekorationen umgeändert. Auch um meine Kinoposter hatte ich mich ein bisschen gekümmert. Darüber hinaus hatte ich in der Küche sauber gemacht und die eingetrocknete Bratwurstpfanne abgewaschen.
Hinnaak hatte nix gemacht. Er war seinem Zimmer zugange gewesen und jetzt saß er im Wohnzimmer rum und schmökerte in Amüsierblättern.
Mir schwoll der Hals.
Gott sei Dank kam der Dritte Mann jetzt nach Hause und erlöste uns aus dieser Big Brother-Situation, bevor wir uns wieder anschreien konnten. Erschöpft betrat er das Wohnzimmer, noch seine Arbeitskleidung am Leib.
“Moin, wie sieht’’s aus?” fragte er.
“Wir können darüber reden, sobald Hinnaak sein Tittenheft weggepackt hat.”
“Verlang nichts Unmenschliches von mir, Dörte.” wiederholte er und hielt dem Dritten Mann eine aufgeklappte Dreifachseite vors Gesicht. Der setzte sich aufs Sofa und sah an dem Bild vorbei.
“Hat Elfie sich gemeldet?” fragte er mich hoffnungsvoll.
“Nein, noch nicht.” sagte ich zerstreut. Jetzt hatten wir auch etwas anderes zu besprechen.
“Vorhin war ein Elektriker hier und hat sich die Waschmaschine angeguckt.” schnitt ich das Thema des Tages an.
“Welche Waschmaschine?” fragte Hinnaak abwesend, vertieft in die Lebensgeschichte des Playmates des Monats.
“Die Waschmaschine, die hier gestern die Augen zugemacht hat!” fuhr ich ihn an und riss ihm das Heft weg. “Also, wie gesagt. Heute Vormittag war ein Typ von Elektro Bürgi hier und hat sich die Waschmaschine angesehen.” wiederholte ich. “Er hat gesagt, die Platine ist durchgebrannt und muss ersetzt werden.”
“Also war das doch nicht meine Schuld, Du Sackgesicht!” spielte Hinnaak sich auf.
“Leider ist unsere Maschine nicht mehr ganz neu und für dieses Modell Ersatzteile zu finden, wird kostspielig sein.” fuhr ich unbeirrt fort.
“Immer werd ich hier ungerecht behandelt.” maulte Hinnaak.
“Es wird um die 500 Euro kosten, inklusive Montage. Leider haben wir natürlich keine 500 Euro auf der hohen Kante. Unsere Knete reicht gerade für die Miete, die Nebenkosten und das Essen.”
“500 Euro?” fragte der Dritte Mann. “Da kriegt man doch eine neue bestimmt billiger, oder?”
“Das hat er auch gesagt. Eine gute Waschmaschine, die was taugt, kriegen wir bei ihm schon für 300 Euro.”
“Dann nehmen wir doch die!” rief Hinnaak.
“Leider haben wir aber auch keine 300 Euro auf der hohen Kante.” widersprach ich.
“Was ist mit einer gebrauchten Waschmaschine?” fragte der Dritte Mann. “Ich hab gehört, es gibt Outdoorläden, in denen man Elektrogeräte für einen Bruchteil des ursprünglichen Preises kaufen kann.”
“In eine gebrauchte Waschmaschine steck ich bestimmt kein Geld. Nachher haben wir nach drei Monaten wieder das gleiche Problem.” sagte ich.
“Leider hab ich auch nichts mehr auf dem Sparbuch.” meinte Hinnaak bedauernd.
“Als ob Du da jemals was gehabt hättest!” warf ich ein.
“Doch, hatte ich. Aber die Vervollständigung meiner Conny Lingus Collection war halt ziemlich kostspielig!”
“Dazu sag ich jetzt lieber nix.” antwortete ich.
“Ich könnte vielleicht im Geschäft fragen, ob ich einen Vorschuss kriege.” schlug der Dritte Mann vor.
“Das lass mal lieber stecken.” meinte Hinnaak. “Nachher musst Du da noch irgendeinen Knebelvertrag unterschreiben und dann kommst Du nachher niemals wieder aus dem Supermarkt raus, wie Al Bundy aus dem Schuhladen.”
Das hielt ich zwar für unwahrscheinlich, aber nicht für unmöglich.
Abgesehen davon sah ich mich in der Situation, das Geld beschaffen zu können, wenn ich in der Lage wäre, eine persönliche Einstellung zu überwinden, oder sagen wir mal, vorübergehend abzulegen.
“Dieter hat mir mal angeboten, bei ihm in der Mattscheibe nebenbei zu jobben.” sagte ich. “Das könnte ich machen, bis wir das Geld zusammenhaben, wäre vielleicht ein Monat oder so.”
Nachdem ich das gesagt hatte, erwartete ich von Hinnaak einen altklugen, bissigen, beschissenen Kommentar, aber meine beiden Mitbewohner guckten angestrengt nachdenkend in die Luft, als wären sie hypnotisiert worden.
“Ich hab da eine Idee”, sagte Hinnaak. “Aber noch nichts Festes. Muss ich mir noch durch den Kopf gehen lassen und eine passende Location für das Event suchen. Das muss man genau planen.”
“Location? Event?” wiederholte ich. “Ich hasse diese abgefuckten Anglizismen, Mann. Das ist Bullshit!”
“Ich hätte da vielleicht auch eine Idee.” sagte der Dritte Mann. Hinnaak und ich sahen ihn gespannt an, bis er merkte, dass wir mehr von ihm hören wollten. “Äh, kann ich auch noch nicht drüber reden.”
“Dann haben wir alle jetzt wohl eine Mission Impossible.” sagte ich.
“Gut Holz!” rief Hinnaak laut aus.

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