Okay. Die Gisela-Geschichte hatte sich von selbst erledigt. Das war doch schon mal was. Sie hatte sich ganz einfach mit einem anderen Kerl getröstet.
Herrlich! Warum war ich nicht eher darauf gekommen, dass früher oder später sowas passieren würde? Schließlich war sie ‘ne Schlampe!
Blieb nur noch die Sache mit Maries Bett. Wegen dieser Geschichte konnte ich eh nichts unternehmen, also am besten Gras über die Sache wachsen lassen. Da war ich ja sowieso nicht ich selbst gewesen. Konnte man das als Ausrede gelten lassen? In meinen Augen schon.
Ich konnte nur hoffen, Marie oder irgendwem sonst, der gestern Nacht dabei gewesen war, niemals wieder über den Weg zu laufen.
Bis dahin konnte ich nur damit fortfahren, hier zu sitzen, Super Punchout zu zocken und dem Dritten Mann beim Klampfen zuzuhören. Im Moment spielte er Tears in heaven von Eric Clapton, ein trauriger Song. Vielleicht, weil Elfie sich noch nicht gemeldet hatte.
Gerade hatte ich Rick Bruiser die Hucke vollgehauen, als Hinnaak durch die Wohnungstür gestolpert kam. Seine Haare standen wild zu Berge und seine Klamotten sahen aus, als hätte er in einer Hecke gepennt. Der halb offene Rucksack hing schief auf seinem Rücken und die Schnürsenkel seiner Schuhe waren auf.
“Sag’ mal, was ist denn mit Dir passiert?” fragte ich quer durch den Raum und hielt ihn in seinem Durchmarsch zu seinem Zimmer auf. Er blieb stehen, sah mich verwirrt an und antwortete:
“Wieso, ist doch alles in Ordnung.”
Dann lief er weiter und verschwand er in seiner Bude, wo er eine ganze Weile rummurkste. Schließlich kam er wieder rausgestürzt und fragte in mein Zimmer hinein:
“Wie macht man denn die Waschmaschine an?”
“Willst Du etwa was waschen?” fragte ich verblüfft zurück.
“Nein, ich will was backen!”
Auf dem Arm hatte er, wie ich sehen konnte, einen ganzen Berg bunter Schmutzwäsche. An einer Seite hing ein Ärmel heraus, der verdächtig nach seinem Supermankostüm aussah.
“Das kommt ganz auf die Wäsche an.” antwortete ich. “Man stellt den Waschgang und die Temperatur ein und zieht dann den Knopf raus.”
“Danke, Dörte.”
Damit verschwand er ins Badezimmer, wo ich ihn eine Weile an den Knöpfen der Waschmaschine herumdrehen hören konnte.
Vergiss das Waschmittel nicht!” schrie ich durch die Wohnung, dass der Dritte Mann aus dem Takt kam und mit Gitarrespielen aufhörte.
Hinnaaks “Ja ja!” ging in dem Getöse der anlaufenden Waschmaschine unter und Hinnaak verließ das Badezimmer, wobei er die Tür hinter sich schloss und den Lärm aussperrte.
Dann kam er zu mir ins Zimmer und setzte sich neben mich, was er noch nie getan hatte.
Vielleicht wollte er sich wegen unseres Streits über die Gisela-Geschichte bei mir entschuldigen oder wegen der Gisela-Geschichte selbst. Vielleicht auch wegen der Saft-Geschichte oder sogar wegen der Annoncen-Geschichte. Da war ich mal gespannt.
Mit solchen Sachen tat er sich immer schwer, wie ich wusste. In der Grundschule hatte die Lehrerin ihn einmal geschlagene zwei Stunden in der Ecke stehen lassen, weil er nicht zugeben konnte, den armen kleinen Torsten versehentlich angerempelt zu haben. Der hatte nämlich deswegen geheult, der Weichkeks.
Also wollte ich Hinnaak ein bisschen Zeit lassen, sich seine Worte zurecht zu legen.
Eine Weile boxte ich noch ein paar Mal gegen die schwereren Gegner, um Zeitrekorde aufzustellen. Später wechselte ich das Spiel gegen Super Metroid aus, durchforstete Maridia und wartete weiter auf Hinnaaks coming out.
Super Metroid war eines der wenigen Spiele, bei dem ich immer die Spielanleitung neben mir liegen hatte, während ich spielte, um keines der vielen kleinen versteckten Extras zu verpassen. Wenn man das Spiel durchspielte, konnte man am Ende einen kurzen Blick auf die Hauptfigur Samus Aran werfen, wenn sich ihre Rüstung auflöste. Einem Gerücht zufolge sollte man sie nackt sehen können, wenn man das Spiel in weniger als einer Stunde durchspielte. Aber das war bestimmt genauso haltlos, wie das Mario-Gerücht bei Tetris. Außerdem war es völlig unmöglich, das Spiel in weniger als einer Stunde durchzuspielen. Mindestens drei Stunden Spielzeit lagen noch vor mir und ich hatte es schätzungsweise gerade mal zur Hälfte durch.
Völlig unvermittelt, ich hatte schon gar nicht mehr damit gerechnet und mich lieber auf den Kampf gegen den Endboss vorbereitet, öffnete Hinnaak den Mund.
“Was schenkt man einer Frau?” fragte er nach einem tiefen Luftholen.
“Wie bitte?” fragte ich und sah ihn verwirrt an.
“Na ja, was schenkt man einer Frau zum Vierteljährigen?”
“Wieso fragst Du das? Ist das ein Test? Du hast doch Gisela auch was geschenkt.”
“Ja, aber das war doch was anderes. Was schenkt man einer Frau, der man was Schönes schenken will?”
“Wie wäre ’s mit Edle Tropfen und Heckenrosen?”
“Können wir uns auch mal ohne Sarkasmus und Zynismus unterhalten?”
“Klar, wenn Du mir nicht wieder irgendeine Tussi unterjubeln willst.”
“Ich sag Dir mal was.” antwortete Hinnaak. “Gisi ist richtig in Dich verschossen, so was hab ich noch nicht erlebt, da könnte man glatt neidisch werden, weißt Du das?”
“Drauf geschissen.”
“Ja, schon okay, ich misch mich da nicht mehr ein.”
“Danke.”
“Können wir jetzt wieder von mir reden? Dass das mit den Heckenrosen damals eine dumme Idee von mir war, hab ich ja selbst mitbekommen. Und weil Du so ein verkappter Romantiker bist, hab ich mir gedacht, Du könntest mir da weiterhelfen.”
“Mit dem Geschenk für Monika?”
“Ja. Ich hab schon an ein Buch gedacht, von diesem Paolo el Coolio, den Du mal erwähnt hast. Von dem konnte ich aber in der Buchhandlung nichts finden.”
“Der heißt ja auch Paulo Coelho.”
“Oh. Deshalb.”
“Wenn es was Besonderes sein soll, dann schenke ihr was Persönliches.”
“Du meinst, so was wie einen Nacktkalender? Mit Fotos von mir vorm Kamin und so?”
“Wie willst Du denn das technisch bewerkstelligen?” fragte ich.
“Ich hab einen Fotoapparat.” verteidigte sich Hinnaak. “Eine Kodak sogar, mit der kann man…”
“Aber Du hast keinen bekackten Kamin!” unterbrach ich ihn.
“Stimmt.” meinte er resigniert. “Aber wie wäre ´s mit anderen Motiven? Auf der Motorhaube von meinem Auto vielleicht.”
“Wer bist Du? Michael Knight?”
“Ist alles ein bisschen albern, was?” meinte Hinnaak zweifelnd.
“Aye, Sir.”
“Was gibt’s denn sonst?”
“Da Du sie ja sonst höchstens zu McDonalds ausführst, wäre so was wie ein Candlelightdinner eine gute Idee, finde ich.”
Hinnaaks Augen fingen an zu leuchten.
“Ja, das ist toll. Aber wo? Im Schlösschen?”
“Da ist zu viel Betrieb. Ich hab da vor kurzem ein nettes kleines Restaurant entdeckt. Es heißt La Vita È Bella. Bei Gelegenheit zeig ich Dir mal, wo es ist.”
“Klasse.” sagte Hinnaak hörbar erleichtert und stand auf. “Danke, Dörte.”
Damit verließ er den Raum und ließ mich mit meinem Spiel wieder allein.
Na fein, dachte ich. Ist mit Hinnaak also wieder alles im Reinen. Gestern Abend war er ja auch für mich in die Bresche gesprungen, das hatte ich trotz meines Zustandes noch mitgekriegt.
Beinahe vollkommen zufrieden, wenn ich die Bettgeschichte in meiner Erinnerung unterdrückte, widmete ich mich meinem Spiel mit der Überzeugung, den Rest des Abends meine Ruhe zu haben.
Aber von wegen! Keine fünf Minuten nach Hinnaaks Abdampfen hörte ich selbigen Mitbewohner einen Ned-Flanders-Schrei ausstoßen, dass die Fenster im Rahmen klirrten.
Da Hinnaak das letzte Mal so geschrieen hatte, als ihm seine Zahnbürste ins Klo gefallen war, nahm ich richtigerweise sofort an, dass etwas sehr Ernstes passiert sein musste.
Auf der Stelle kam ich auf die Beine und rannte in den Flur, wo ich um ein Haar auf seifigem Wasser ausgerutscht und mir alle Knochen gebrochen hätte.
Hinnaak stand entsetzt vor der Waschmaschine, die auf vollen Touren lief, dabei aber Wasser verlor wie ein angestochener Mozzarella-Käse, und wedelte wild mit den Armen.
“Was zum Geier ist mit dem Ding los, ist die vom Teufel besessen?” schrie er verzweifelt.
“Keine Ahnung, Mann!” rief ich. “Was hast Du damit gemacht?”
“Das, was Du mir gesagt hast.”
“Kann ja nicht sein, bei mir hat sie noch nie Seifenwasser gekotzt. Du kriegst aber auch alles kaputt! Wie so ein Neandertaler vorm Fahrkartenautomaten!” rief ich, drückte den Notstopp und drehte die Wasserzufuhr ab. Langsam verlor die Trommel an Fahrt. Entgeistert betrachtete ich die Sauerei aus Seifenlauge auf dem Flurteppich.
“Das wird eine Heidenarbeit, weißt Du das?” sagte ich.
“Jetzt gib mir bloß nicht die Schuld an dieser Scheiße. Ich hab alles genau so gemacht, wie Du mir gesagt hast. Hättest es mir eben besser erklären sollen.”
“Ich hab ja nicht gewusst, dass ich eine Bedienungsanleitung für Fünfjährige entwerfen muss.” fuhr ich ihn an.
Ich bin nun mal keine bekackte Hausfrau, das weißt Du ganz genau!” schrie er.
Wieso willst Du auch auf einmal waschen? Hast Du vielleicht noch vor, den Kühlschrank auszuwischen und den Backofen sauber zu machen?
“Mein Supermankostüm war schmutzig, das musste gewaschen werden.”
“Wie kriegst Du eigentlich ständig ein Supermankostüm schmutzig, das man höchstens zum Faslam mal anzieht?!”
Das geht Dich einen Scheißdreck an!
Der Dritte Mann kam, durch unser Geschrei verstört, angelaufen, wobei er beinahe auf dem seifigen Wasser ausgerutscht wäre und sich alle Knochen gebrochen hätte.
“Was ist denn hier passiert?” fragte er fassungslos und stützte sich an der Wand ab.
“Hinnaak hat die Waschmaschine gekillt.” sagte ich.
“Weil man da scheinbar ein Diplom für braucht.” schoss Hinnaak zurück.
“Kein Diplom. Selbst ein Affe mit ´ner Augenbinde kriegt das Ding schadenfrei zum Laufen.”
“Offensichtlich nicht.” antwortete Hinnaak.
“Eigentor, Dicker.” sagte ich.
“Was zum Geier soll das denn heißen?” fragte er. Der Dritte Mann grinste.
“Jetzt müssen wir erst mal diese Sauerei hier beseitigen, bevor es in die Wohnung unter uns läuft und uns Frau Weselmann aufs Dach steigt.” sagte ich und holte ein paar Putzlumpen, die wir in einem Eimer neben dem Staubsauger in der Besenkammer aufbewahrten.

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