Nie wieder Alkohol!
Der Sonntagmorgen schien sonnig warm durch mein geöffnetes Fenster hinein.
Eigentlich war es schon fast der Sonntagmittag.
Das Fenster stand offen und es wehte warme Frühlingsluft herein, vermischt mit merkwürdigen weißen Flocken. Vermutlich blühte gerade irgendein Strauch. Gott sei Dank war ich nicht allergisch auf so einen Scheiß.
Zwar lag ich auf meinem Bett und sah mir auf meinem kleinen Fernseher gerade Die Charly Brown (und Snoopy) Show an, so dass ich nichts von dem sehen konnte, was draußen vor sich ging, aber vor meinem geistigen Auge konnte ich Familien sehen, die im Park picknickten, Kinder, die auf dem Spielplatz herumtobten, Teenager auf der Skaterbahn und Spaziergänger in der Fußgängerzone, die den verkaufsoffenen Sonntag ausnutzten.
Nach so einem Schnickschnack war mir heute aber noch weniger zumute als sonst.
Nicht, dass es mir sonderlich schlecht ging; überraschenderweise hatte ich nur ein leichtes Pochen im Kopf. Hauptsächlich wollte ich nie wieder bei Tageslicht die Straße betreten, weil ich leider nicht durch ein gnädiges Blackout vergessen hatte, was gestern Nacht noch passiert war.
Maries Bett.
So eine Kacke, Mann!
Nie wieder würde ich dieses Zimmer verlassen. Nie wieder dieses Bett!
Nie wieder Alkohol!
Na ja, dieses Bett musste ich jetzt doch verlassen, denn was man abends trank, musste morgens wieder raus. Auf diese Weise hat Gott nämlich sichergestellt, dass sich die faulen Säcke wenigstens ein bisschen bewegen.
Außerdem wollte ich etwas essen. Und den Rest des Tages nur noch meine Ruhe. Am besten auf der Couch liegen, Filme gucken und allen anderen Scheiß ausblenden.
Das Gisela-Problem, das ja immer noch nicht ganz geklärt war. Dank Hinnaak, den ich stark in Verdacht hatte, ihr Hoffnungen gemacht zu haben. Und wenn erst mal Titten-Jenny ihr erzählte, dass sie mit mir getanzt hatte, dann konnte ich mich wieder auf Arschloch-Anschuldigungen gefasst machen, dass es nur so rauchte.
Ächzend ließ ich mich aufs Klo fallen und lehnte mich seitlich an die Waschmaschine, vor der ein Stapel Wäsche lag.
Auf der Waschmaschine lag ein Schreibblock und ein Kugelschreiber. Keine Ahnung, wem das gehörte. Es war jedenfalls nichts draufgeschrieben.
In der Küche überlegte ich, was ich essen sollte. Hinnaak war wahrscheinlich nicht da, und so wie der Dritte Mann gestern gebechert hatte, ging ich nicht davon aus, ihn heute noch zu sehen.
Aber wie in einer absurden Sitcom ging in dem Moment die Tür auf und der Dritte Mann kam herein.
Putzmunter, frisch gewaschen und bereits angezogen, als wollte er heute zur Arbeit gehen. Er schien überhaupt keinen Kater zu haben.
“Moin, Mick.” sagte er fröhlich und ging an den Kühlschrank.
“Moin, Peter. Wie geht’s?”
“Ganz gut.” meinte er nur und mir ging es zu schlecht, um mich genauer nach seinem Amüsement zu erkundigen.
“Wann bist Du nach Hause gekommen?” fragte ich nur.
“Weiß nicht genau. Gegen zwei Uhr oder so. Was lief denn noch mit Dir und dieser Barkeeperin?”
“Titten-Jenny? Wir haben nur getanzt, das war alles.”
Den Rest hatte ich vor, zu verschweigen. Das mit meinem Fehltritt würde er von irgendwem noch früh genug erfahren.
Der Dritte Mann drückte sich in der Küche herum, als würde er mir was sagen wollen, sich aber nicht trauen, damit rauszurücken. Irgendwann öffnete er den Kühlschrank und sah hinein.
“Hier ist ja gar nichts zu essen drin.” meinte er und sah mich enttäuscht an.
“Scheiße ja, Du musst Brot auftauen, das haben wir vergessen.” sagte ich zu ihm.
Er holte ein Paket Brot aus dem Gefrierfach und legte es auf das Abtropfgitter beim Spülbecken.
“Aber das dauert ja jetzt Stunden, bis ich was essen kann.”
“Du kannst es in der Mikrowelle auftauen, das geht ganz einfach.” schlug ich ihm vor.
“Eigentlich hätte ich eher Appetit auf eine Pizza. Haben wir eine da oder wollen wir bestellen?
“Na ja. Vielleicht geht es mir besser, wenn ich was im Magen habe.” meinte ich. “Bestellt mal bei denen hier.” Ich reichte ihm einen Prospekt von meiner Lieblingspizzeria. “Unsere Adresse ist bei denen unter dem Namen Petersen gespeichert.”
“Ach ja, Du heißt ja Petersen. Woher kommt eigentlich das “Dörte”, sag mal?”
“Ist eine lange Geschichte. Erzähl ich Dir irgendwann mal.”
“Na gut. Wollen mal sehen.” meinte der Dritte Mann und betrachtete nachdenklich den Prospekt.
“Bestell mir eine kleine Funghi. Ich hab Bock auf Champignons.” sagte ich, stand auf und ging ins Wohnzimmer. Im Bademantel fläzte ich mich aufs Sofa und guckte zur Abwechslung mal hier fern. Vom Sofa aus konnte ich wenigstens meine He-Man-Sammlung sehen. Meine fast vollständige. Eigentlich schade, dass ich sie nie würde vervollständigen können. Der Laser Light He-Man war unmöglich zu kriegen. Unter Sammlern ein bekacktes Vermögen wert.
Im Flur konnte ich den Dritten Mann bestellen hören. Da musste ich fast lachen, weil er erst freundlich Guten Tag sagte, fragte, ob er mit der Pizzeria Barca verbunden sei und sich nach dem Wohlbefinden des Gesprächspartners erkundigte, bevor er zum Bestellen kam.
Hinnaak zum Beispiel sabbelte als erstes seine Telefonnummer durch den Hörer, sobald am anderen Ende jemand abgenommen hatte.
Im Fernsehen lief gerade das A-Team, und zwar die Folge, in der Boy George mitgespielt hatte. Eine meiner Lieblingsfolgen. Eine Weile verfolgte ich, wie eine Horde Cowboys im Saloon zu Karma Chamäleon abgingen, bis der Dritte Mann hereinkam und sich zu mir setzte.
“Was ist denn mit Dir und dieser Elfie?” fragte ich.
“Na ja, sie ist ganz nett.” meinte der Dritte Mann nur.
Weiter unterhielten wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht darüber, sondern sahen uns zusammen das obligatorische fliegende Auto an, das es bei jeder A-Team-Verfolgungsjagd gab. Außerdem ging mir das Gisela-Problem nicht aus dem Kopf. Jetzt war ich zwar auf ihrer Party gewesen, aber geholfen hatte mir das nicht. Eher im Gegenteil, wenn man den Rest des Abends betrachtete. Zuerst hatte ich mit einer anderen getanzt (was ich sonst sowieso nie tat) und dann war ich noch… …na ja, das hatten wir ja nun schon.
Was zum Geier sollte ich jetzt noch tun?
Später, mitten in einer schönen Kneipenhauerei, klingelte es an der Tür.
“Der Pizza-Mann.” sagte ich. “Natürlich wenn es am spannendsten ist. Das nächste Mal sag ich ihm, er soll die Pizza unter die große Eiche hinten im Garten legen.”
Das sollte ein Witz sein, der Dritte Mann reagierte aber nicht darauf.
“Die Pizza zahlen wir aus der Haushaltskasse.” sagte ich noch und stand auf, um zur Tür zu gehen und den Summer zu drücken.
Der Pizza-Mann, der schnaufend die Treppe hochgelaufen kam, war derselbe, den ich gestern auf der Party getroffen hatte. Er sah allerdings nicht sehr fit aus.
“Moin, schon wieder im Dienst?” begrüßte ich ihn. “Nicht mehr so lange gefeiert gestern?”
“Moin, Mick!” brachte er ein wenig krächzend hervor. “Doch, schon. Fühl mich auch nicht so gut, aber ohne Moos leider nix los.”
“Stimmt. So ist es nun mal.” sagte ich, auch wenn ich es bis jetzt geschafft hatte, mich um eine neue Arbeit zu drücken. Er holte die Pizzas aus der Styroporbox und ich zählte das Geld ab.
“Was ging denn gestern noch?” fragte ich. “Noch eine von den vielen netten Damen mit nach Hause genommen?”
Er steckte den Schein ein, gab mir Wechselgeld zurück und sagte, während er die Styroporbox wieder verschloss:
“Nö. Ich hab zwar mein Glück beim Geburtstagskind versucht, aber die hatte schon einen anderen gefunden. Jedenfalls war sie da irgendwann mit irgend so einem Kerl am rumlecken. Wir sehen uns.”
Mit diesen Worten drehte er sich um und galoppierte die Stufen hinab.
Ich stand noch da, mit den Pizzen in der Hand, als der Dritte Mann nachgucken kam, wo ich denn so lange blieb.

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