Was soll ich ihr bloß schenken? fragte ich mich und dachte dabei an ein Lied der Prinzen, in dem sie diese vertrackte Problematik ziemlich gut verarbeitet hatten.
Für Hinnaak stellte es kein Problem dar. Er würde wie immer eine Magnumbuddel Sekt mitbringen.
Etwas Originelleres wollte ich schon haben, auch wenn mir Gisela und die Party im Grunde scheißegal waren, aber im Moment fiel mir rein gar nichts ein.
Und weil die Party heute Abend sein würde und ich es die ganze letzte Woche vermieden hatte, mir über ein Geschenk Gedanken zu machen, beschloss ich an diesem Vormittag, durch die Fußgängerzone meiner kleinen Stadt zu marschieren und nach etwas passendem Ausschau zu halten.
Es sollte nichts allzu teures sein, denn bei meinem Budget war nicht viel zu holen. Außerdem wollte ich für Gisela nun wirklich nicht viel Geld ausgeben.
Als ich an Dieters Laden, der Mattscheibe, vorbeikam, verlangsamte ich mein Tempo und sah mir die ausgelegten Verkaufsfilme an. Nur Kinder- oder Frauenfilme, nichts für mich dabei und Gisela wollte ich keinen Film schenken. Ich überlegte noch, ob ich auf eine Dr. Pepper und einen Klönschnack reingehen sollte, entschied mich aber dagegen.
Jetzt sollte ich mich lieber auf die Geschenksuche konzentrieren.
Irgendwas zum Anziehen vielleicht? Fand ich blöd und von Frauengrößen hatte ich noch weniger Ahnung als von den Frauen selbst. Und das mag was heißen.
Oder ein Buch? Nee. Dass sie je was anderes als den Beipackzettel der Pille gelesen hatte, konnte ich mir nicht vorstellen. Und ich wollte mich nicht dazu erniedrigen, irgendwas wie Titanic – Das Buch zu dem scheiß Film zu kaufen. Alles Kacke!
Nun blieb ich vor einem Spielzeuggeschäft stehen und erblickte im Schaufenster eine von diesen Mutantenmäusen mit den rosa Ohren und den riesigen Füßen, auf die alle Mädchen scheinbar so stehen.
Wie hießen die noch? Daddel oder so. Davon gab es Hefte, Federmäppchen, Stifte, Puppen, Bücher und was weiß ich noch alles. Wahrscheinlich auch Kondome.
Vielleicht war so eine Puppe eine Möglichkeit.
Im Laden dann wurde mir aber fast schlecht, als ich das Preisschild sah. 50 Eier wollten die für so ein verwachsenes Monstervieh haben.
Allerdings erspähten meine geübten Adleraugen bei dem Teil einen kleinen Verarbeitungsfehler: Am Arsch der Maus war eine Naht nicht korrekt vernäht worden. Fiel nicht stark ins Gewicht, war aber da.
Nach langen Verhandlungen mit der Verkäuferin und dessen Chef bekam ich das Vieh für fünfundzwanzig Euro.
Zufrieden trug ich die Maus nach Hause. Inzwischen glaubte ich auch fest daran, dass sie ein angemessenes Geschenk darstellte.
Mädchen fanden doch schließlich alles niedlich, was süß aussah und Platz wegnahm.

Auf dem Weg nach Hause machte ich noch bei einem Türken Halt und nahm eine Currywurst mit. Ein bisschen blöd kam ich mir manchmal schon vor, dass ich bei einem Türken nur Currywurst und nicht mal einen Döner bestellte, aber ich war eben immer der Meinung, dass es keinen besseren Zwischensnack gab, als eine Currywurst.
Die Maus unter den Arm geklemmt und das warme Paket mit der Currywurst in der Hand stiefelte ich wieder nach Hause, schmiss die Maus auf mein Bett und trug die Wurst in die Küche.
Dort saßen der Dritte Mann und Hinnaak beieinander, jeder ein Glas vor sich auf dem Tisch. Hinnaak hatte sein Bierreservoir angegriffen, der Dritte Mann trank Milch.
Ohne dass die beiden von mir Notiz nahmen, setzte ich mich an eine Ecke und wollte zu essen anfangen, als Hinnaak zu dem Dritten Mann sagte:
“Ich glaub, Du hast überhaupt gar keine Ahnung, wovon Du da redest.”
“Doch wirklich, das hab ich mal gelesen.” antwortete der Dritte Mann. “Die meisten Nerven befinden sich am Scheideneingang, deshalb ist es im Grunde nur ein Gerücht, dass ein Mann mit einem großen Geschlecht besser im Bett sein soll.”
“Tja, also ich kann nur meine Erfahrungen weitergeben und was das betrifft, hab ich nie Beschwerden gehört.”
“Und was ist mit dieser Tina von vor zwei Jahren?” warf ich ein, während ich die Currywurst auspackte und den köstlichen Duft einweichen ließ. “Dass Du mittendrin eingepennt bist, ist inzwischen eine Legende geworden bei ihren Stechern, die sich alle zur Jahreshauptversammlung im Volksparkstadion treffen.”
“Du weißt doch, ich war besoffen wie ein Franzose.” erwiderte Hinnaak. “Und überhaupt, Dörte! Lass gefälligst die alten Kamellen ruhen.”
Der Dritte Mann fing an zu lachen.
“Wieso nennst Du ihn denn Dörte?” fragte er Hinnaak.
“Das erzähl ich Dir irgendwann mal.” antwortete ich, bevor Hinnaak etwas sagen konnte und begann, meine Currywurst zu essen.
“Du weißt schon, dass diese Wurst nur aus Schlachtabfällen besteht?” fragte der Dritte Mann. “Darin wird verarbeitet, was man nirgendwo sonst verwenden kann. Innereien, Weichteile, Augen…”
“Ja, das weiß ich, Mann.”
“Dann wird die Pampe mit einer Geschmackschemie vermengt…”
“Ja ja.”
“…und in einen Schweinedarm gequetscht.”
“Willst Du was abhaben?”
“Ja, gern.”
Der Dritte Mann sprang auf und holte eine Gabel aus der Schublade. Zusammen futterten wir die Currywurst auf, während Hinnaak Bier trank und zwischendurch Kommentare der folgenden Kategorie einwarf:
“Ich hoffe, Du hast schon was schönes für Gisi besorgt, sie freut sich auch sicher irrsinnig, dass Du sie mal besuchen kommst.”
“Halt die Klappe.” sagte ich zwischen zwei Bissen.
“Schließlich hast Du eine Nacht mit ihr verbracht, so was ist in manchen Ländern ein Grund, zu heiraten, weißt Du das eigentlich?”
“Red’ nicht so einen Scheiß.”
“Wieso Scheiß? Du kannst froh sein, wenn nicht ihr Vater, ihre Brüder und Onkel ankommen, und Dich vor den nächsten Altar zerren, Mann. Du hast sie entehrt, das ist ein grobes sittliches Vergehen.”
“Halt Deine bekackte Klappe.” sagte ich etwas lauter und sah Hinnaak scharf an.
“Ich finde, sie hat ein Recht, mit etwas mehr Respekt behandelt zu werden.” fuhr Hinnaak fort. “Aber Du hast sie nur benutzt wie diese Currywurst hier eben.”
Der Pappteller war inzwischen leer, es befand sich nur noch ein großer Klecks Ketchup darauf.
“Halt die Fresse!”
“Die arme Gisi muss sich ja fühlen wie ein weggeworfenes Taschentuch, in das einer reingewichst hat.”
Der Teller mit Ketchup stand so griffbereit vor mir, dass ich ihn einfach schnappte und ihn Hinnaak mitten ins Gesicht drückte.
Erschrocken drehte Hinnaak sich weg und riss sich angewidert den Teller vom Gesicht, der dort für den Bruchteil einer Sekunde kleben blieb.
“Mann, hast Du einen Knall oder was?!” rief er zornig, während er sich den Ketchup vom Gesicht wischte. Wütend war ich aufgesprungen und brüllte:
Wieso denn ich? Du bist hier derjenige mit dem losen Mundwerk, Du Spinner!
Das sollte doch nur ein Scherz sein, Du hirnloser Vollidiot!” brüllte Hinnaak zurück.
Du hast gar keine Ahnung, was ein Scherz ist. Wenn ich die Treppe runterknallen und mir den Hals brechen würde, lachst Du Dich auch noch drüber tot. Du hast keine Ahnung von einem Scherz!
“Mein Gott, krieg hier mal kein Kind, Du Weichei.” meinte Hinnaak beruhigend.
“Halt die Schnauze, du Möchtegern-Porno-Held. Irgendwann ist auch bei mir der Punkt erreicht, an dem ich Dein hirnloses Geschwafel nicht mehr ertragen kann!”
“Du meine Güte, bist Du angespannt. Ich weiß zwar nicht, was mit dir los ist, aber Gisi kannst Du gar nicht gefickt haben, sonst wärst Du ausgeglichener!”
Ich scheiß auf Gisi, lass mich bloß mit dieser Schlampe in Ruhe! Die kannst Du von mir aus haben. Und ihre bescheuerte Schwester noch dazu!
Wütend verließ ich die Küche, registrierte am Rande meines Zorns, dass der Dritte Mann nicht mehr da war und stapfte sauer und angepisst in mein Zimmer, wo ich eine Weile auf meinem Super Nintendo einigen Pixel-Männchen die Fresse einhaute.

Bereits vor einigen Jahren hatte ich begriffen, dass das Verdreschen von Pixel-Männchen ein 1a Stressabsorbierer war. Schon früher hatte ich Videospiele dazu benutzt, um Dampf abzulassen. Sei es jetzt wegen Stress in der Schule oder mit meiner Mutter, Hauerei mit einem Mitschüler, Leistungsdruck wegen Zensuren oder eben wegen Streit mit Hinnaak.
Das Spielen versetzte mich in eine andere Realität. Es half mir, meine Situation von einem anderen Standpunkt aus, von außen zu betrachten. Wie jemand, der mein Leben im Fernsehen verfolgt und nicht wirklich von dem betroffen ist, was mir wiederfährt.
Auch jetzt merkte ich schon die Wirkung, die das Spielen immer auf mich ausgeübt hatte. Der Ärger flaute ab und es tat mir fast schon wieder leid, Hinnaak angeschrieen zu haben.
Vielleicht hatte ich wirklich überreagiert?
Aber andererseits wusste Hinnaak ganz genau, wie allergisch ich auf dieses Thema reagierte. Das hatte ich ihm oft genug deutlich gemacht. Sogar der Dritte Mann kapierte das und bohrte nicht dauernd nach. Nur Hinnaak konnte das nicht lassen.
Also ich würde mich nicht als erstes entschuldigen, soviel war mal sicher!

Durch die geschlossene Zimmertür konnte ich Hinnaak im Wohnzimmer Glotze gucken und den Dritten Mann auf seiner Klampfe spielen hören.
Wenn ich den Dritten Mann so spielen hörte, kam ich mir vor wie bei einem Easy-Listening-Unplugged-Live-Konzert. Wenn es so was überhaupt gab.
Nachdem ich zweimal Mortadella Kompott 2 durchgespielt hatte, bekam ich Durst und zu meinem Bedauern musste ich feststellen, dass sämtliche Flaschen, die ich in meinem Zimmer rumstehen hatte, leider leer waren.
Aber ich erinnerte mich, noch eine Flasche Bananensaft im Kühlschrank zu haben und die würde ich mir jetzt holen! Ich fand es einfach zu geil, wenn ich auf was Bock bekam und gerade das in kluger Voraussicht gelagert hatte. Meisterhafte Logistik!
Allerdings befand sich im Kühlschrank nur leider kein Bananensaft, sondern, wie ich feststellte, nur der Früchtetee vom Dritten Mann, eine Afri, Milch und Dosenbier.
Es brodelte in mir. Wenn Hinnaak meinen Saft geköpft hat, köpf ich ihn auch!
Langsam ging ich ins Wohnzimmer, tief durchatmend.
Hinnaak lag auf der Couch in einer für den Rücken äußerst ungesunden Haltung, wie meine Mutter das ausgedrückt hätte.
“Hallo Prinz Adam. Hat Orko Deine gute Laune wieder herbeigezaubert?” gab Hinnaak von sich, als er mich hereinkommen sah.
“Halts Maul! Hast Du meinen Saft ausgesoffen?”
“Welchen Saft?”
“Meinen Bananensaft, Du Primat!”
“Ja, aber nicht privat, sondern beruflich. Ich hab ihn mit ins Krankenhaus genommen. Monika steht auf Bananensaft.”
“Ich steh zufällig auch auf Bananensaft und soweit ich weiß, habe ich den bezahlt!”
Allmählich wurde mir wieder der Kragen eng. Nicht zu fassen, aber er schaffte es tatsächlich, mich an einem Abend gleich zweimal zur Weißglut zu treiben.
“Ich dachte, den trinkst du nicht mehr, immerhin stand er schon eine ganze Woche da drin und Du hast ihn nicht angefasst.”
“Wozu denn auch, der hält sich schließlich zwanzig Jahre lang.”
“Okay, tut mir leid, mein Fehler!” meinte Hinnaak genervt und drehte sich wieder dem Fernseher zu. Für eine Weile bot sein Hinterkopf ein passables Ziel für den schweren Bowlingpin, den wir auf dem Sideboard stehen hatten, oder für eines der Messer aus der Schublade in der Küche. Oder für den Ausgang von Karlssons Müllschacht.
Aber ich tat nichts dergleichen, drehte mich einfach nur um und ging in mein Zimmer zurück, wo ich mich ans Fußende meines Bettes lehnte, Top Gear 3000 spielte und den Dritten Mann beim Klampfen zuhörte.
Was sollte ich schon anderes tun? Die nächste Stufe in einem Streit wäre körperliche Auseinandersetzung gewesen und danach stand mir niemals der Sinn. Schon gar nicht mit Hinnaak. Das war mir eine bekackte Flasche Saft auch nicht wert.
So saß ich da und spielte, hörte entfernt die Fischkiste im Wohnzimmer und den Dritten Mann, spielte und grollte vor mich hin, während der Zeitpunkt der Party immer näher rückte.
Wenn ich vorher schon null Bock gehabt hatte, auf diese bekackte Party zu gehen, dann war ich jetzt im Minusbereich.

Genug von der Daddelei, lehnte ich den Kopf zurück, bis er auf der Tagesdecke meines Bettes lag. Seufzend legte ich das Pad zur Seite und sah mich um. Manchmal hatte ich das Zusammenleben mit Hinnaak satt und hätte gerne meine Ruhe.
Aber eine eigene Wohnung stand vollkommen außer Frage, weil man dazu mehr Geld brauchte, als einem die Arbeitsagentur geben wollte.
Mein Blick glitt über die wenigen Poster, die an er Wand hingen. Leider hatten nicht sehr viele in meinem Zimmer Platz. Ein paar hingen auch im Wohnzimmer, aber Hinnaak hatte nicht zu viele an den Wänden haben wollen, es sei denn, er dürfte auch Pornoposter aufhängen.
Wir hatten uns dann darauf geeinigt, nur ein paar Kinoposter aufzuhängen, wo zu viel weiße Wand gewesen wäre.
Die auserlesensten Poster waren also in meinem Zimmer zu Hause. Da waren The big Lebowski, obwohl das Poster selbst nicht so toll aussah, da hätte ich mir ein besseres Motiv gewünscht, Zurück in die Zukunft (wollte ich nicht mal einen Marathon machen?), Blues Brothers, Das Boot, Die Sopranos, ein Originalkinoplakat von Star Trek – Der Film, Rocky und, seit kurzem, Die Feuerzangenbowle, wahrlich ein Goldstück. Keine Ahnung, wo der Penner im Wohnzimmer das aufgegabelt hatte.
Mein Blick fiel auf meinen Wecker und machte mir klar, dass nur noch eine knappe Stunde Zeit war, sich für die Party fertig zu machen. Und da ich es tunlichst vermeiden wollte, nach Hinnaak ins Badezimmer zu gehen, machte ich mich lieber jetzt auf den Weg.

Frisch und geschniegelt waren ich und der Dritte Mann um Punkt sieben Uhr fertig und standen auf dem Flur.
Die Diva aus dem Wohnzimmer musste sich scheinbar noch die Nase pudern und da ich wusste, wo Gisela wohnte, verabschiedete ich mich vom Dritten Mann, der auf Hinnaak warten wollte und marschierte in den Keller, um meinen Panzer zu satteln.
Mit der Geisterbahn von Auto wollte ich sowieso nicht fahren, vor allem nicht mit dem fliegenden Holländer am Steuer.
Es war sehr angenehm heute Abend und so machte es auch nichts aus, nur im dünnen Rolli und Lederjacke auf dem Rad unterwegs zu sein.
Es war wirklich herrlich, richtig schöne angenehme Luft, sternenklarer Himmel und nicht zu kalt und nicht zu warm.
Schon ein paar Straßen vor Giselas Haus konnte ich wummernde Bässe vernehmen.
Hoffentlich keine Techno-Kacke.
Die Straße fand ich ohne Probleme wieder und nachdem ich sie ein Stück hinuntergefahren war, konnte ich auch das Haus sehen, vor dem ich Gisela damals abgesetzt hatte.
Es war natürlich im Dunkeln gewesen, daher konnte ich erst jetzt sehen, was für ein großes Haus ihre Eltern hatten. Eigentlich hätte ich es mir denken können, weil es etwas außerhalb meiner kleinen Stadt lag und da gab es viele große Grundstücke.
Das Haus glich einem zweistöckigen Palast aus rotem Naturstein. Von der Straße aus war die volle Größe nicht zu erkennen, da es mehrere Verwinkelungen nach hinten gab, wo sich außerdem ein gewaltiger Garten befand.
Alles in allem das perfekte Anwesen für eine Bausparkassen-Werbung.
Unbedingt viel war hier noch nicht los, es standen nur eine Handvoll Autos herum und ein paar Räder standen am Gartenzaun.
Meinen Panzer stellte ich dazu und sicherte es an einem Pfahl mit dem angeblich sichersten Schloss der Welt, was aber noch nie geprüft worden war. Wahrscheinlich würde ich es mit einem nassen Lappen aufkriegen.
Die schwere Haustür aus dunklem Mahagoni war weit geöffnet und im Hausflur befanden sich ein paar Leute. Die hübsch verpackte Mutanten-Maus in der Hand trat ich ein und noch ehe ich einen ersten Eindruck vom Innenraum gewinnen konnte, sprang mich etwas von der Seite an, das bereits jetzt verdächtig nach Baileys roch. Es hing mir am Hals und kreischte hysterisch:
“Hey Mick, toll, dass Du da bist!!”
Etwas eingeschüchtert, weil diese Begrüßung die Blicke von einigen fremden Leuten auf mich zog und ich mir vorkam wie Paddy Kelly bei einer Autogrammstunde, gab ich erst mal ein verstörtes Lachen von mir.
“Ja, ist doch selbstverständlich. Happy Birthday.” sagte ich, obwohl ich diese englischen Begriffe hasste und reichte ich ihr das Paket. “Hier, das ist für Dich, alles Gute.”
Überglücklich öffnete sie das Papier und hielt die Maus jauchzend in die Höhe, als wäre es eine Unterhose vom bekackten Leonardo DiCaprio.
“Danke Mick, das ist ja süß von Dir. Die kriegt einen besonderen Platz in meinem Bett.”
Das war für meinen Geschmack eine Information zuviel.
Sie nahm mich bei der Hand und bestand darauf, mich allen Leuten vorzustellen, die sich bereits auf mehrere Räume verteilt hatten. Das waren irgendwelche Freunde und Bekannte, Kolleginnen aus dem Krankenhaus, die das Gerücht, Schwesternschülerinnen wären ausnahmslos langbeinige Sexgöttinnen, zu Staub zerfallen ließen, Mitschüler aus der Berufsschule und Leute aus ihrem Bundeswehr-Tanzverein.
Sie zerrte mich durch die Räume, in denen Musikanlagen mit jeweils verschiedenen Musikrichtungen, von Rock und Pop, über Techno-Kacke und Manowar liefen und stellte mich den Leuten vor, als wäre ich ihr Verlobter und von nun an in Zukunft des öfteren an ihrer Seite anzutreffen, zum Beispiel beim Tapeten kaufen.
Und alle begrüßten mich herzlich, als wären sie alle eine große Familie und ich ab sofort neues Mitglied. Mir lief es kalt den Rücken runter. Das machte es mir nämlich nicht gerade leichter, mit Gisela reinen Tisch zu machen. Und es würde schon vornherein schwierig genug werden, ihr klarzumachen, dass das Sex-Ding mir nur im Suff und aus Versehen passiert war, ohne verletzend zu wirken (die Tatsache, dass ich mich an die schnelle Nummer nicht einmal erinnern konnte, wäre schon verletzend genug, nahm ich an).
Nach meinem Spießrutenlauf durch ihren Freundeskreis ging sie mit mir in die Küche und stellte mir ein kühles Bier vor die Nase, welches sogleich mit einem Flaschenöffner und einer gekonnten Bewegung öffnete.
Als ich Gisela so von der Seite betrachtete, verstand ich Hinnaak ein wenig und warum er meistens nur auf Äußerlichkeiten achtete.
Gisela hatte ein hübsches Gesicht einen sehr schlanken Körper. Und bei ihrer Erscheinung in dem roten Top mit der Aufschrift Sexy Beast und der engen Caprihose würde ich jeden anderen Typen verstehen, der ihr bei gegebener Gelegenheit sofort die Kleider vom Leib reißen würde.
Na ja. Jedenfalls war ich da nicht drauf aus.
Sie drehte sich zu mir um, reichte mir die Flasche, lächelte mich an und sagte:
“Stößchen!”
Sie stieß mit einem leisen klirrenden Geräusch ein Sektglas gegen meine Flasche und wir tranken einen Schluck.
Zum Glück kam es nicht zu peinlichen Schweigeminuten zu zweit in der Küche, weil kurz darauf Hinnaak und der Dritte Mann hereinkamen, auf der Suche nach dem goldenen Geburtstagskind.
Hinnaaks Blick wechselte von Gisela zu mir und dann zu Gisela zurück und ein gewaltiges Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er auf Gisela zuschritt.
Laut und ungehobelt (wie er nun mal war) fing er an Happy Birthday zu singen. Der Dritte Mann, der hinter ihm stand, stieg nach einer Zeile mit ein und ich konnte deutlich heraushören, wie sich sein Gesang sehr viel besser anhörte, als der von Hinnaak.
Gisela freute sich anscheinend sehr, da sie mir fast ihren Sekt über die Hose goss und es nicht mal bemerkte.
Hinnaak nahm sie in die Arme und drückte ihr einen auf.
“Allet Jute zum Achtzehnten, meine Püppi!” sagte Hinnaak und überreichte ihr eine Magnumflasche Sekt, um deren Hals ein buntes Bändchen gewickelt war, welches mich stark an das Band erinnerte, das heute morgen noch unsere Rolle Müllsäcke zusammengehalten hatte.
“Die hab ich Dir mitgebracht, damit sie mit Deinem Liebsten zusammen leeren kannst.” meinte Hinnaak, nachdem Gisela ihm die Flasche mit strahlenden Augen abgenommen hatte, und sah ganz kurz aus den Augenwinkeln zu mir rüber.
Gisela kicherte und sah in meine Richtung.
Der Dritte Mann schüttelte Gisela schüchtern die Hand, stellte sich vor und überreichte ihr ein hübsch eingewickeltes Päckchen. Gisela entfernte das Papier auf mädchenhafte, vorsichtige Art und es kam das Buch Solange Du da bist von Marc Levy zum Vorschein.
Eine gute Idee vom Dritten Mann und Gisela bedankte sich überschwänglich, auch wenn ich davon ausging, dass sie es nie lesen würde.
Monika kam herein und umschlang Hinnaak förmlich zur Begrüßung, als hätte er sie eben in letzter Minute vor einem hungrigen Monster aus einer finsteren Höhle gerettet.
Zu meiner Überraschung, wenn schon nicht zu meiner Erheiterung, umarmte sie auch mich, obwohl sie seit meiner Nacht mit Gisela nur schlecht auf mich zu sprechen gewesen war.
Deshalb war wohl Hinnaak öfter bei ihr gewesen, als sie bei uns. Um so besser, dann hatte ich wenigstens ihr Geschrei nicht ertragen müssen.
Mann, jetzt war ich gerade mal fünf Minuten hier und schon hatte ich die Schnauze voll und würde lieber zu Hause auf dem Sofa liegen und mir He-Man-Videos reinziehen. Aber jetzt schon einfach so abzuhauen, war sicherlich nicht die feine hanseatische Art.
Eine Weile standen wir in der Küche herum und unterhielten uns, aber irgendwann kamen ein paar Mädels herein und schleiften Gisela weg. Sie wollte mich zwar gern mitnehmen und fuchtelte mit einer Hand nach mir, doch ich fing mit Hinnaak schnell ein Gespräch über Fußball an und tat so, als hätte ich es nicht bemerkt. Monika ging mit und so waren Hinnaak, der Dritte Mann und ich alleine in der Küche, wenn man die fünf anderen Typen auf der anderen Seite der Kochzeile nicht mitzählte.
Als aber Hinnaak versuchte, die Vagina-Diskussion mit dem Dritten Mann zu wiederholen, hatte ich genug und trug meine Bierflasche hinaus.
Im Flur standen einige Leute herum und die Luft war schwer vom Zigarettenrauch. Die Musik war laut, daher konnte ich nichts von eventuellen Gesprächen verstehen.
In dem großen Wust aus Leuten, die im Wohnzimmer, das groß genug war, um als Salon durchzugehen, herumhingen, suchte ich nach einem bekannten Gesicht, fand aber keins. Die meisten Leute kamen wohl nicht aus meiner kleinen Stadt und selbst innerhalb der Stadtmauern kannte ich nicht jeden, weil ich nicht unbedingt ein Partytiger war. So wie zum Beispiel Hinnaak. Der kannte jeden und jeder kannte ihn.
Etwas später, ich war gerade in einer Ecke des Wohnzimmers auf einer Couch in ein Gespräch mit einem zwanzigjährigen Studenten vertieft, den ich als meinen Pizzalieferanten erkannt hatte, kam Hinnaak aus irgendeiner dunklen Ecke gestürzt, in der er mit Monika eine ganze Weile zugebracht hatte. Er setzte sich mit einer Bierflasche in der Faust neben mich und fing an mich anzuschreien, was bei der Lautstärke von Limp Bizcuit aus der Anlage nebenan aber als normales Gespräch zu werten war.
Hinnaak war schon reichlich angeheitert.
Wir waren zwar erst eine Stunde hier, aber Hinnaak war eben, wie in den meisten Sachen, kein Kostverächter und wenn es irgendwo was umsonst zu saufen gab, nahm man das eben voll mit.
“Öy Klopfer, wo hast Du denn Dein Bambi gelassen?!” schrie Hinnaak.
“Was fürn Bambi?”
“Jetzt stell dich mal nicht doof!”
Nachdem ich ihn immer noch verstört anguckte meinte er:
“Mein Gott noch mal! Gisi! Wo hast Du die gelassen?”
“Ach so, woher soll ich das wissen? Die ist vorhin in der Küche mit ein paar Mädels abgezogen, das hast Du doch selbst gesehen.”
Hinnaak guckte mich kopfschüttelnd an.
“Du musst Dich da mal mehr rein hängen, Mann! Die steht auf Dich!”
“Und ich scheiß auf sie!”
“Nun zeig doch mal was Du drauf hast. Mach sie an!”
Wie der mir mit seinem Scheiß auf die Eier ging! Wortlos stand ich auf, liess ihn da sitzen und haute ab. Mir mal das Haus ansehen. Wie ich richtig vermutet hatte, hatte es Ausmaße, die jemanden wie mich, der an die Dimensionen einer Mietwohnung gewöhnt ist, wie einen Containerbewohner dastehen lässt. Die Räume waren alle in alt gehalten, aber jeweils unterschiedlich eingerichtet und durch große, altmodisch verzierte Türen aus dunklem Holz voneinander abgetrennt. Allerdings waren diese Türen heute alle weit geöffnet, so dass sich die Menge der Partygäste auf alle Räume möglichst gleichmäßig verteilen konnte. Das wurde auch dadurch bestärkt, dass in jedem Raum ein Buffet aufgebaut war, wo man sich mit ziemlich feinen Sachen versorgen konnte. Hier und da schwirrten auch Leute in Uniformjacken herum, die nach einem Partyservice aussahen und leergefutterte Platten gegen neue austauschten. Irgendwie kam es mir hier mehr wie die Geburtstagsparty des Bundeskanzlers vor, als eine einfache Endlich-Achtzehn-Party einer Vorstadttussi und mir war weder nach Essen noch nach Amüsieren zumute, also machte ich mich auf den Weg zur Kellertreppe. Im Keller sollte nämlich, laut meinem Pizzaboten, ein Partyraum samt Bar sein. Dort würde ich mich irgendwo hinsetzen und in Ruhe was trinken.
Die Begriffe Partyraum und Bar waren untertrieben wie ich feststellte, als ich den gewaltigen Raum betrat, der mit mehreren Lautsprechern an Decke und Wänden und vielen Sitzgelegenheiten in hinteren, dunkleren Ecken, in die ich mich zurückziehen wollte, ausgestattet war.
Die Musik wummerte, war aber nicht zu laut und diverse Strahler verbreiteten buntes Licht.
Ein breiter glänzender Tresen aus poliertem Holz nahm die ganze Stirnseite des Raums ein.
Hinter der Theke, vor der sich einige freie Barhocker befanden, arbeitete eine hübsches junges Fräulein mit strammer Oberweite, die unter der knappen weißen Bluse ein ansehnliches Dekolleté zur Geltung brachte.
Da ich mir zuerst was zu trinken organisieren wollte, denn schließlich wollte ich wenigstens etwas von den kostenlosen Angeboten wahrnehmen, setzte ich mich auf einen der freien Hocker an den Tresen. Dass ich das auch wegen dem jungen Fräulein tat, würde ich unter Eid nicht dementieren.
Der Barhocker war unbequem und ich spürte in der Sitzhaltung meine neuen Boxershorts, die unangenehm beengend waren.
Mir war mehr nach nachdenken und sinnieren und schlechte Laune haben, was ohne Alkohol mit Sicherheit einfacher war; zudem waren mir die Folgen meines letzten Vollrausches noch unangenehm in Erinnerung, aber da ich sowieso schon ein Bier intus hatte, hatte ich kein Problem damit, auch noch das zweite Bier zu trinken, dass mir die Hübsche mit den dicken Titten vor die Nase stellte. Und als sie mich auch noch nett anlächelte, war mir alles um mich herum egal. Ich überlegte, ob ich White Russian sagen sollte, aber mir war nicht nach witzemachen, außerdem hätte das doch sowieso wieder niemand verstanden. Und als wäre es das einzige vorrätige Getränk, hatte die Hübsche bereits ein kleines Gläschen mit einer klaren Flüssigkeit darin vor meine Nase gestellt und wenn ich vorgehabt hatte, nichts hartes trinken zu wollen, war dieser Vorsatz in diesem Moment dahin. Schließlich war ich auch nicht fünfzig und vernünftig. So wie die Siebzehnjährigen in Dawson’s Creek. Lächerlich.
Der Inhalt des Glases kratzte noch ganz schön im Hals und schmeckte wie Farbverdünner, aber mit Bier nachgespült, ging es einigermaßen.
Hier unten lief jetzt etwas ruhige Musik. Im Moment I can’t help falling in love with you von UB40. Wie passend, würde Hinnaak jetzt denken. Und sagen, während er mir seinen Ellenbogen in die Rippen stieß.
“Du siehst ja nicht gerade aus, als hättest Du viel Spaß.” sagte die Hübsche hinter dem Tresen. Auf meiner Richter-Skala von eins bis zehn bekam sie mindestens eine acht, aber wahrscheinlich wurde diese Einstufung von ihren Titten beeinflusst.
“Da hast Du völlig recht. Hierher zu kommen, war ein Fehler.” antwortete ich.
“Wie heißt Du?” fragte sie.
“Mick.”
“Oh, Du bist Mick!” sagte sie und strahlte. “Von Dir hab ich schon gehört. Ich heiße Jenny und bin eine Freundin von Gisela.”
Wohlwollend lächelte ich sie an.
“Und Du bist also ihr neuer Freund.” sagte Jenny und ich kippte wortlos noch einen Schnaps in mich hinein.

*

“Nu mach Dir ma keinen Kopf, Gisi.” sagte Erik und stützte sich dabei an die Wand. “Der steht schon auf Dich. Ist nur ein bisschen zurückhaltend, der Gute.”
Gisela stand neben der Badezimmertür und wartete, dass die Toilette frei wurde. Erik hatte sie dabei gesehen und eine Unterhaltung angefangen. Dann hatte es nicht mehr lange gedauert, bis Gisela ihm von ihren Zweifeln erzählte. Zweifeln daran, dass Mick an ihr interessiert wäre, so wie sie es gehofft hatte. Erik fühlte sich sogleich verpflichtet, sich für seinen Freund Mick einzusetzen.
Er hatte sich um Mick mittelgroße Sorgen gemacht, weil Mick sich übergroße Sorgen gemacht hatte wegen dieser Nacht mit Gisela und dass daran ethisch oder moralisch irgendwas verwerflich sein könnte. Was nach Eriks Maßstäben gemessen natürlich absoluter Humbug war. Aber als Micks Kumpel sah er sich in der Pflicht, Mick bei seinem Problem behilflich zu sein.
Erik hatte sich bereits tagelang den Kopf zerbrochen und war schließlich auf die rettende Idee gekommen. Das Ei des Kolumbus war, Mick und Gisela fest zusammenzubringen, dann würde sich Mick wegen dieser einen Nacht und der begangenen Todsünde nicht mehr schlecht fühlen müssen.
“Warum sollte er mir gegenüber denn zurückhaltend sein?” fragte Gisela skeptisch.
Erik tat es ein bisschen leid, Gisela an ihrem Geburtstag anschwindeln zu müssen, aber er sagte sich, dass harte Zeiten nun einmal nach harten Mitteln verlangten und es für Mick nur förderlich wäre, hier einen Grund anzubringen, den ein Mädchen wie Gisela in die Kategorien niedlich bis süß einstufen würde. Er fühlte sich wie ein genialer Kuppler. Wenn nicht sogar wie Amor höchstpersönlich.
“Na ja, keine Ahnung.” begann er. “Er ist halt irgendwie schüchtern oder in sich gekehrt oder verklemmt. Oder ein Romantiker. Jedenfalls versteh ich es auch nicht.”

*

Langsam merkte ich das dumpfe Kreisen hinter meinen Augen, welches besagte, dass der Alkohol zu wirken anfing.
Plötzlich klopfte mir jemand auf die Schultern. Benebelt sah ich auf und sah den Dritten Mann in Begleitung der brünetten Wuchtbrumme Elfie, der Freundin von Angelika.
“Hey Dörte, guck mal, wen ich getroffen habe.” sagte der Dritte Mann.
Während ich mich mit der einen Hand am Tresen festhielt, grüßte ich sie mit der anderen Hand.
“Hallo Elfie. Hast Du auch Angie mitgebracht?” fragte ich und grinste.
“Ja, die ist auch hier irgendwo. Sie ist mit ihrem Freund gekommen.” antwortete Elfie, während der Dritte Mann neben mir Platz nahm und sich eine Flasche Coke griff.
“Ihr Freund?” fragte ich. “Hatten die nicht Schluss gemacht?”
“Wenn Du es genau wissen willst,” begann Elfie mit einem giftigen Unterton, “sie hatte versucht, Dich anzurufen. Weil sie Dich nicht erreichen konnte, hat sie eben ihren Ex-Freund angerufen und jetzt ist sie mit ihm hier.”
Warum Angelika mich nicht hatte erreichen können, wusste ich nicht. Sie hatte doch jetzt meine richtige Telefonnummer gehabt. Vielleicht war Hinnaak dran gewesen und hatte sich mit ihr einen Scherz erlaubt. Vielleicht war sie zu blöd gewesen, die richtige Nummer zu wählen. Oder vielleicht hat Gott einmal in meinem Leben Seine schützende Hand über mich gehalten.
“Zum Wohl.” rief ich Ihm zu und stieß mit dem Dritten Mann an.

*

Das Training hatte ihn aufgehalten, aber sein Coach hatte ihn einfach nicht eher gehen lassen wollen. Als er die Straße hinunterlief, konnte er die Musik bereits hören und im Dämmerlicht der untergegangenen Sonne das hell erleuchtete Haus sehen.
Vor dem Haus, im Vorgarten, sah er Marie stehen, wegen der er hergekommen war.
Er war der Meinung, dass sie nun schon lange genug miteinander gingen, dass er ein bisschen mehr von ihr erwarten durfte, als nur Händchen zu halten, was zwar am Anfang sehr schön war, aber wofür sich ein Mann auf lange Sicht gesehen nichts kaufen konnte.
Er hatte zwar nach dem Training noch geduscht, von dem Lauf hierher schwitzte er allerdings wieder. Machte nichts. Männerschweiß enthielt doch Lockstoffe, oder nicht?
Marie erblickte ihn, noch bevor er die Gartentür öffnete und kam ihm entgegen.
“Da bist Du ja endlich.” sagte sie und küsste ihn auf den Mund.

*

Es entstand ein mächtiges Gelage, das zwar nicht geplant gewesen war, aber das dazu führte, dass ich zum ersten mal seit mächtig langer Zeit so richtig abstürzte.
Das in der Stadthalle war gar nichts gewesen im Vergleich dazu.
Sogar der Dritte Mann fing nachher an, etwas Bier zu trinken und wurde ein wenig heiterer, als es sonst seine Art war.
Die Möpse von Titten-Jenny hatten eine hypnotisierende Wirkung auf mich. Die Rundungen ihres Dekolletés passten absolut perfekt zu den Proportionen ihrer Figur und nach jedem weiteren Schluck Martini nahmen auch meine Hemmungen immer mehr ab, nicht gebannt auf sie zu starren. Es schien ihr zwar nichts auszumachen, aber mir war es trotz meines Brausebrandes, in dem ich mich inzwischen befand, unangenehm, eine Frau so direkt und so lüstern zu beobachten. Ich kam mir vor wie ein alter Sack, der im Park junge Mädchen beim Rollschuhlaufen beobachtet. Da suchte ich lieber nach einer Ablenkung, bevor ich Titten-Jenny noch dazu auffordern würde, mit mir zu tanzen.
Die Ablenkung fand ich in der Musik. Nachdem bereits dreimal Niemals FC Bayern von den Toten Hosen gelaufen war, beschloss ich, die musikalische Untermalung mal selbst in die Hand zu nehmen. Neben der Anlage lagen ja auch ganze Stapel CDs herum.
Aber viel Mistkack, wie ich feststellte. Nach ein paar Minuten suchen wurde ich fündig. Helsinki is hell von R.I.P. Uli. Das fand ich gut.
Niemand protestierte.
Wäre mir auch scheißegal gewesen.
Titten-Jenny war ziemlich in Action. Wie sie mir erzählt hatte wechselten sie und Gisela sich immer mit dem Kellnern auf ihren Geburtstagen ab. Auch wenn das nicht ganz gerecht war, weil Gisela auf den Geburtstagspartys von Titten-Jenny nicht einen so gewaltigen Kellerraum zu bewirtschaften hatte. Das machte aber nichts. Titten-Jenny war auch Kellnerin im Schlösschen, deshalb hatte sie Übung und machte diesen Job hier mit links.
“Du bist Kellnerin im Schlösschen?” fragte ich erstaunt.
“Ja. Was haut Dich denn so aus den Latschen dabei?” fragte sie zurück.
“Nichts, ich hab Dich da nur noch nie gesehen.”
“Bist Du denn öfter da?”
“Na ja, eigentlich nicht. Das letzte mal mit Gisela und meinem Mitbewohner.”
“Daran erinnere ich mich. Ich hatte Euch gesehen, allerdings war ich für Euren Tisch nicht zuständig.”
“Hast Du Hinnaak gesehen?” fragte mich der Dritte Mann von der Seite her.
“Nein. Und mir ist auch egal, wo der ist.” antwortete ich. Was störte der mich jetzt?
Titten-Jenny allerdings drehte sich sowieso weg und füllte am anderen Ende des Tresens Gläser nach.
“Habt Ihr Euch immer noch in der Wolle?” fragte der Dritte Mann weiter.
“Nicht immer noch, sondern, schon wieder. Er will mich mit Gisela einfach nicht in Ruhe lassen, obwohl ich ihm bereits mehrfach erklärt habe, dass ich nichts mit ihr anfangen will.”
“Na ja, sie hat doch auch ein recht tolles Fahrgestell, das musst Du zugeben.” sagte er.
Entsetzt sah ich ihn.
“Auch Du, mein Sohn Brutus?”
“Ach, ich will mich da nicht einmischen, Mick. Musst Du selber wissen. Ich meinte nur, ich hätte nichts gegen eine Freundin einzuwenden.”
“Da hast Du ja auch nicht unrecht.” gab ich zu. “Ich will nur nicht irgendeine. Sie ist ganz einfach nicht mein Typ.”
“Sag’s ihr doch.”
Ich lächelte gequält.
“Das ist nicht so einfach. Dazu kommt dann noch, dass wir vor ein paar Monaten nach einer Party zusammen im Bett waren.”
Der Dritte Mann machte große Augen.
“Und das auch noch in meinem Bett!” fügte ich hinzu.
“Ja, hab ich vorhin schon mitbekommen. Wie war es denn?” hörte ich den Dritten Mann fragen.
“Keine Ahnung, Mann, ich erinner’ mich nich’ mehr.”
“Das ist aber schade. Wenn Du es schon bereust, soll es doch wenigstens gut gewesen sein.” sagte er mitfühlend und legte seine Hand auf meine Schulter.
“Hast Du ihre Schwester schon kennen gelernt?” fragte ich.
“Nö.”
“Die ist noch schlimmer. Eine wütende Tarantel. In den besten Momenten.”
“Und in den schlechtesten Momenten?”
“Äh, zwei wütende Taranteln.”
“Was macht die denn so?” fragte der Dritte Mann.
“Na ja, sie ist so…als ob….” Ich fand einfach nicht die passenden Worte, also sagte ich das, was nach meiner Meinung auf Marie am besten traf. “Sie hält sich für den Schwertmeister.”
“Was für ein Schwertmeister?” fragte der Dritte Mann verwirrt.
“Das ist aus einem Computerspiel. Monkey Island. Da gibt es Fechtduelle, bei denen es hauptsächlich auf die richtigen Sprüche ankommt und auf die man immer die passende Antwort haben muss, sonst verliert man. Ziel in dem Spiel ist es, den Schwertmeister, der immer das letzte Wort hat, in einem Duell zu besiegen. Und weil Marie angeblich bei Diskussionen immer das letzte Wort hat, nenn ich sie Schwertmeister.”
“Ich hab nie einen Computer gehabt.” sagte der Dritte Mann.
“Ich hab meinen alten Amiga 500 noch.” antwortete ich nicht ohne Stolz. “Bei Gelegenheit zeig ich Dir das Spiel mal.”
Unruhig rutschte ich auf dem Hocker hin und her.
“Hast Du Hummeln im Hintern?” fragte der Dritte Mann und grinste.
“Nein, meine Unterhose kriecht mir in den Arsch.” antwortete ich. “Ist Dir mal aufgefallen, dass Boxershorts ganz unterschiedliche Charaktermerkmale aufweisen? Ich hab’ welche, da rutscht der Gummizug den Bauch rauf, so dass unten alles eng wird, bei anderen wandert das Bein so hoch, dass die Eier raushängen und andere kriechen Dir in die Kimme. Seit langem bin ich schon auf der Suche nach der perfekten Unterhose.”
“Da kann ich nicht mitreden. Ich trage Slips.” hörte ich den Dritten Mann sagen.
Darauf konnte ich nicht reagieren, weil mich der Hintern von Titten-Jenny ablenkte, den sie mir, sich nach unten zum Bierfass bücken, entgegenstreckte.
“Kennst Du Dich ein bisschen mit Frauen aus, Mick?” lenkte mich der Dritte Mann von diesem grandiosen Anblick ab. “Hast Du schon viele Freundinnen gehabt?” fragte er.
“Bei Frauen ist es wie mit dem Universum. Außer Spekulationen und Schätzungen gibt es da keine genauere Wissenschaft.” philosophierte ich, während Titten-Jenny mit so schwungvollen Bewegungen den Tresen abwischte, dass Big Ben gleich doppelt zur Tea Time läutete.
Der Dritte Mann sagte ab da kein einziges Wort mehr, an das ich mich später noch erinnerte. Ich nahm nur wahr, dass ich nichts mehr zu trinken hatte. Trotzdem wartete ich mit der Nachbestellung, bis Jenny mit dem Wischen fertig war.

*

Bis jetzt amüsierte Erik sich sehr gut. Er hatte eine Menge Bier gekippt, dazu einige Sorten Liköre getrunken, auf Drängen seiner Freundin Monika auch so einen ekligen Mädchenschnaps namens Baileys probiert, danach mit ihr ein paar flotte Runden auf das Parkett gelegt und einen Quicki im Badezimmer gehabt.
Jetzt wanderte er durch das Haus, um mal nach Mick zu sehen, der inzwischen schon längst mit Gisela zusammen sein und mit ihr zu Words don’t come easy tanzen sollte, wenn er sich nicht ganz dumm angestellt hatte.
Zuerst suchte er nach seinem Mitbewohner im Wohnzimmer, wo er ihn schon einmal angetroffen hatte. Das Wohnzimmer lag zum Garten hinaus und weil das Tageslicht inzwischen vollends abhanden gekommen war, wurde der Garten durch kleine Laternchen erhellt, die hier und da auf dem Boden standen.
Erik suchte nach seinem Mitbewohner auch in den dunklen Ecken, in denen sich eine Menge junger Burschen befanden, auf denen größtenteils Mädchen saßen. Klugerweise sah er deshalb auch unter den Mädchen nach, konnte Mick aber nicht entdecken.
Er überlegte, ob er eine von diesen Stewardessen fragen sollte, die hier herumliefen und leere Teller auffüllten oder geschmolzenes Eis gegen frisches austauschten. Sie gehörten scheinbar zu dem Partyservice dessen Wagen er draußen vor dem Haus hatte parken sehen und deren Aufschrift ihn amüsiert hatte. Kaviar und Champagner sind unsere Spezialität hatte sie gelautet. Da kannte er ja noch ganz andere Leute.
Eine kleine Brünette mit einem scharfen Körper unter der Uniform kam vorbeigeilt und er entschloss sich, es mal bei ihr zu versuchen.
“Mick Petersen?” fragte sie reichlich irritiert, nachdem er sie angehalten hatte und schien einen kurzen Moment über diesen Namen nachzudenken. Sie trug ein großes Tablett mit mehreren Tellern darauf, bedacht, es so zu halten, dass es nicht mit ihrer dunkelblauen Uniformjacke mit dem Namensschild Janine in Berührung kam. Ihr Gesicht nahm einen finsteren Ausdruck an. “Nein, den hab ich nicht gesehen.” sagte sie dann und eilte weiter.
Einen kurzen Moment fragte Erik sich, wie sie das hatte wissen können, wo er seinen Mitbewohner noch gar nicht beschrieben hatte, verwarf dann aber den Gedanken und suchte weiter. Es durchzuckte ihn die komische Idee, was wäre, wenn er Mick unter einem anderen Mädchen als Gisela erwischen würde. Aber das konnte schlecht sein. Wieso sollte Mick sich bei einer anderen abmühen, wo Gisela es ihm doch viel leichter machen würde? Das ergab keinen Sinn.
Doch dann traf Erik ein Schlag, als er durch die gewaltige Wohnzimmerscheibe Gisela im Garten entdeckte. Dort stand sie, beleuchtet vom Laternenlicht, mit ein paar Freundinnen, die im Halbkreis um sie herumstanden, und erzählte irgendwas.
In der Nähe standen noch ein paar Typen, die zuhörten und sie bewundernd betrachteten.
Jetzt kam Giselas Schwester dazu, begleitet von einem Kerl in Trainingsklamotten, und fing an, auf Gisela einzureden.
Nur Mick, dieser Idiot, war nicht dabei.
Das musste Erik erst mal abchecken! Konnte doch nicht angehen, dass Mick zu blöd war, einen geschenkten Elfmeter zu verwandeln!
Er wandte sich zu weit offen stehenden Terrassentür und zog Monika mit sich, die darauf achtete, dass Erik nicht über die Stufe stolperte.
“Sach ma, Gisi!” begann Erik lauter als nötig, nachdem er quer über den Rasen gewankt war und Gisela erreicht hatte. “Wo hast Du denn Deinen Dör… …Deinen Mick gelassen?!”
Gisela würdigte Erik keines Blickes, sondern sprach stattdessen gleich Monika an.
“Wusstest Du, dass Mick gestern mit Angelika Westphal im Kino war?”
Erik war perplex.
Mick? Gestern? Mit einem Mädchen?
Konnte nicht sein. Dummes Geschwätz.
“Red kein’ Quatsch.” sagte Erik, bevor Monika reagieren konnte. “Das würde Mick nich machen.” Das glaubte er sogar selber. “Der denkt doch immer nur an Dich.”
“Das glaubst Du doch selber nicht.” mischte sich Marie ein. “Ich hab ihn selber gesehen.”
“Red kein’ Quatsch.” wiederholte Erik, diesmal an Marie gewandt.
“Spiel Dich hier mal nicht auf.” schaltete sich der Typ in Trainingsklamotten ein.
“Spiel Du mich lieber nicht runter.” antwortete Erik und wandte sich wieder an Gisela. Also, wenn Du willst, dann hol ich ihn her. Er muss ja hier irgendwo sein.”
Die Mädels nickten zustimmend und die anderen Mädchen, die Erik nicht kannte, was ihn irgendwie in gespannte Erregung versetzte, schauten interessiert dem kleinen Disput zu.
“Ich geh ihn eben suchen und bringe ihn dann raus zu Euch.” bot Erik an. “Dafür muss es doch eine einfache Erklärung geben.”
“Von mir aus. Ist mir sowieso egal.” schloss Marie das Thema ab und verschränkte die Arme.
Kopfschüttelnd ließ Erik Monika bei ihrer Freundin stehen und ging schnellen Schrittes ins Haus zurück. Die Wirkung des Alkohols war fast vollständig verflogen und dabei hatte es ihn eine solche Mühe gekostet, den Pegel so hoch zu fahren, ohne kotzen zu müssen. Schade drum. Aber egal. Er würde es nicht zulassen, dass irgendwer seinem Kumpel durch falsche Gerüchte schaden könnte.
Er ging davon aus, dass Mick wenigstens an einer richtigen Beziehung mit Gisela interessiert war, wenn er denn schon keinen One-Night-Stand wollte, und dass andere Weiber für ihn sowie nicht mehr in Betracht kamen.
Im Kino! So ein Blödsinn.
Mick war nicht mehr mit einer Frau im Kino gewesen, seit er an seinem zwölften Geburtstag mit seiner Mutter Familie Feuerstein gesehen hatte.
Ausgerechnet jetzt war Mick nirgendwo zu finden!
Wo hatte er noch nicht gesucht?
Der Keller! Da hatte Erik noch nicht nachgesehen.
Entschlossenen Schrittes stapfte er die Kellertreppe hinunter, betrat den Partyraum und blieb wie vom Donner gerührt am Eingang stehen.
Mitten auf der Tanzfläche sah er Mick, wie er mit einer vollbusigen Blondine, die Erik sofort als Giselas Freundin Jenny erkannte, engumschlungen tanzte.
Da wollte sich Erik lieber nicht einmischen.
Jenny war zwar nicht die Person, die Erik für Mick vorgesehen hatte, aber das war Erik erst mal egal. Hauptsache, Mick war über seine Depri-Phase hinweg und hatte seinen guten Geschmack nicht verloren. Außerdem ließ Jenny nicht jeden an sich ran. Das konnte Erik am besten bestätigen.
“Mein Werk ist vollbracht.” sagte Erik, machte eine Kehrtwende und schritt die Stufen wieder nach oben, um den Mädels im Garten vorzulügen, Mick nicht gefunden zu haben und danach noch eine Weile weiterzufeiern.

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