“Warum können wir nicht zu Fuß gehen?” fragte ich Hinnaak entnervt.
“Denkst Du im Ernst, ich latsch kilometerweit durch die Stadt und schlepp tütenweise Einkäufe, nur weil Du beim Autofahren Angst hast wie ein kleiner Hund?”
“Ich hab keine Angst beim Autofahren, ich hasse nur Deine bekackte Karre, Mann!”
“Jetzt bleib mal cool. Meine Karre bringt mich immer zuverlässig überall hin und von da auch wieder zurück.”
“Ja, obwohl Du sie nicht mal anlassen dürftest. Wenn Du damit in einer Straße fährst, an der Menschen entlang gehen, ist das ein einziges Russisches Roulette.”
“Übertreib mal nicht, mein Auto ist nicht lebensgefährlich.” erwiderte Hinnaak entrüstet.
“Nein, nur zu laut. Und die besagte Straße ist hinterher verseuchter als das verdammte Mururoa Atoll.”
“Also Du kannst es Dir aussuchen.” schloss Hinnaak die Diskussion. “Entweder wir fahren mit dem Auto und ich helfe Dir beim Einkaufen oder Du kannst alleine loslaufen, die Betonung liegt hierbei auf laufen.”
Wie mich meine Erfahrung schon früh gelehrt hatte, konnte man mit Diskussionen bei Hinnaak keinen Blumentopf gewinnen. Wenn er auf irgendwas keinen Bock hatte, dann wurde das einfach nicht gemacht. Das war schon immer so gewesen.
Also ergab ich mich seufzend in mein Schicksal. Seit zwei Wochen hatten wir nichts mehr eingekauft und hatten bereits Schulden bei unserem Kühlschrank, deshalb war ich auf Hilfe angewiesen, um die Einkäufe, die heute dringend nötig waren, nach Hause zu kriegen.
Auf dem Weg durch den Flur grinste Hinnaak breit hinter meinem Rücken, weil er mich schon wieder besiegt hatte. Vor der Haustür sagte er noch herausfordernd:
“Warum müssen wir heute auch den halben Laden mit nach Hause schleppen, erwartest Du vielleicht noch Ramazotti zum Essen?”
Mit leidvollem Gesichtsausdruck drehte ich mich zu ihm um und erwiderte seufzend:
“Erstens: Wenn ich die Einkäufe nicht managen würde, hätten wir nichts weiter im Kühlschrank als Bier und Bifi und zweitens brauchen wir mehr, seit der Dritte Mann da ist, falls Dir das noch nicht aufgefallen ist.”
Hinnaak ging gar nicht weiter darauf ein, sondern signalisierte mir mit fuchtelnden Handbewegungen, endlich weiterzugehen.
“Wann kommt der heute überhaupt nach Hause?” fragte er.
“Heute ist Dienstag, da arbeitet er bei Albrechts im Lager und kommt erst gegen halb sieben Uhr.”
“Was Du nicht so alles weißt.” meinte Hinnaak kopfschüttelnd.
“Ich merk mir eben auch Dinge über Leute, die keine dicken Titten haben.” merkte ich an und fügte auf dem Weg zum Parkplatz hinzu: “Ach ja, und drittens: Der Mann heißt Pavarotti, nicht Ramazotti. Wenn Du schon Dicken-Witze reißt, dann benutz wenigstens den richtigen Namen.”
“Ich hätte wohl lieber Calmund sagen sollen.” meinte er nachdenklich und schloss die Autotür auf.
“Ja, bei dem kauft man Dir wenigstens auch ab, dass Du den kennst.” warf ich über das Autodach zurück, stieg ein und erlebte eine nervenaufreibende Fahrt zum Supermarkt.
Seit der Dritte Mann bei uns eingezogen war, kamen wir mit dem Geld wenigstens etwas besser aus, selbst nach der drastischen Kürzung meines staatlichen Einkommens.
Wie viele Wochen der aufregende Einzug des Dritten Mannes jetzt schon her war, vermochte ich nicht mehr zu sagen. Hinnaak hatte, ohne weitere Schwierigkeiten zu machen, seine sämtlichen Kartons aus dem Zimmer entfernt. Feixend, weil er sich gar nicht mehr darüber einkriegen konnte, dass sein Kandidat gewonnen hatte, während ich meine Zeit mit lauter Perverslingen vergeudet und am Ende noch beinahe einer der größten Perversen das Zimmer zugesprochen hatte. Das war mir selber auch immer noch ungeheuer unangenehm.
An einem sonnigen Samstagmorgen war dann der Dritte Mann mit ein paar Kumpels und einem Lieferwagen gekommen, in dem seine Habseligkeiten und einige IKEA-Möbel transportiert wurden und hatte alles in das leere Zimmer verfrachtet.
Allzu viel änderte sich das Leben bei uns dadurch aber nicht. Der Dritte Mann war sehr zurückhaltend und unauffällig. Tagsüber studierte er an einer Uni in der Nähe, da war es sein Vorteil, dass wir es nicht besonders weit zum Bahnhof hatten, abends arbeitete er oft als Lagerkraft in einem Geschäft hier in der Stadt. Er war für uns nahezu unsichtbar. Wenn auch nicht unhörbar. War er nämlich mal zu Hause, konnte man ihn auf seiner Gitarre spielen hören und das hörte sich gar nicht mal übel an. Für mich klang es so, als probierte er mit Akkorden herum, entwickelte Songs oder veränderte sie.
Jedenfalls war er in keinster Weise eine Belastung. Er war nett, machte nichts dreckig und war nicht laut.
Drei Vorteile, die der Dritte Mann gegenüber Hinnaak innehat. dachte ich, während ich Hinnaak erbost von der Seite betrachtete, nachdem ich auf dem Beifahrersitz seiner Höllenmaschine Platz genommen hatte. Im Fußraum musste ich erstmal ein bisschen Platz schaffen, denn dort stapelten sich leere Flaschen, Dosen und Zeitschriften mit nackten Frauen auf dem Titelbild.
Hinnaak schlug scheppernd die Fahrertür zu. Natürlich schnallte er sich auch nie an. Natürlich nicht. War ihm ja auch noch nie was passiert. Ich für meinen Teil schnallte mich immer an. Einmal vor ein paar Jahren, ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit das gewesen war, hatte ich aus irgendeinem Grund vergessen, mich anzuschnallen. Das hatte ich erst am Ende der Fahrt bemerkt und beinahe eine Panikattacke deswegen bekommen, was, wie ich finde, eine ziemlich heftige Reaktion war.
Hinnaak dachte über so etwas nicht nach. Er drehte den Zündschlüssel herum und der Wagen schüttelte mir die Plomben raus.

Das Schütteln und Rütteln, versetzt mit mal lauterem, mal leiserem Motorengedröhne, hielt an, bis Hinnaak beim Supermarkt auf einen Parkplatz gefahren war.
Er stellte den Motor ab und sagte:
“Guck, lief doch alles prima!”
Angestrengt quälte ich mich aus dem Auto heraus und nahm sämtliche Einkaufstaschen und den Korb, in dem sich unsere leeren Pfandflaschen befanden, mit, drückte den Knopf der Beifahrertür herunter und schlug die Tür zu.
“Stimmt, wenn man davon absieht, dass Du keinen Führerschein besitzt und Dein Auto sich anhört wie ein Jumbo Jet, lief alles prima.” brummte ich und machte mich auf den Weg zum Haupteingang.
“Stimmt ja gar nicht!” rief Hinnaak und kam hinter mir her. “Ich hab einen Führerschein, ich weiß eben nur nicht, wo!”
“Und wenn die Staatsmacht Dich erwischt, musst Du gehörig blechen, sowohl für Dein Auto als auch für Deinen Führerschein. Und dass Du den nicht finden kannst, werden sie nicht gelten lassen, mein Freund.”
“Na egal, die erwischen mich eh nicht. Jetzt hör auf zu labern, lass uns lieber reingehen.”
Um diese Zeit, zudem mitten in der Woche, war im Laden nicht viel los. Auch wenn ich die Erfahrung gemacht hatte, dass meine kleine Stadt nahezu als Rentnerstadt bezeichnet werden konnte. Manchmal waren hier am Vormittag mehr alte Leute zu sehen als an Weihnachten in der Kirche.
Heute allerdings waren die Gänge teilweise wie ausgestorben.
Wie bei den meisten Sachen hatten Hinnaak und ich auch beim Einkaufen nicht unbedingt viel gemeinsam. Wenn Hinnaak mal dran war mit Kochen, konnte man schon von vornherein davon ausgehen, dass es Dosenwurst mit Brötchen, Ravioli oder Tiefkühlpizza geben würde, wobei er sich bei der Zubereitung nicht unbedingt an die Anleitung auf der Packung hielt.
< Ey, Mann. Zehn Minuten bei 250 Grad im Ofen und die Pizza wird schon gut sein, Du pingeliger Spießer. >
Meine Politik sah da etwas anders aus. Wenn auf der Packung stand, 20 Minuten bei 120 Grad, dann hatte man sich daran zu halten, verdammt noch mal.
Hinnaak war ein Anarchist, aber ich glaubte nicht an die Anarchie, sie war einfach zu spontan für mich.

Einkaufen mit Hinnaak war wie mit einem kleinen Kind. Zwar wollte er nicht im Kindersitz Platz nehmen, aber er wollte einfach alles haben, was bunt und nach Süßigkeiten aussah.
Einmal hatte er sogar Süßigkeiten geklaut, weil er das Geld dafür nicht ausgeben wollte. Es war eine Packung ziemlich edler Pralinen, die er einem Mädchen hatte mitbringen wollen. Es musste deshalb etwas Teureres sein, weil er vorher einmal mit ‘ner Schachtel Edle Tropfen und ein paar Heckenrosen fürchterlich auf die Schnauze gefallen war.

Der Leergutautomat spuckte einen Bon aus, den ich behutsam in den Einkaufskorb legte. Nur nicht vergessen, nachher an der Kasse den Betrag abziehen zu lassen!
Das Einkaufen an sich war eine einfache und leichte Sache, die schnell erledigt sein konnte, wenn man organisiert und systematisch vorging. Nur hatte Hinnaak von diesen beiden Begriffen in seinem ganzen Leben noch nichts gehört. Als erstes stürzte er sich auf die Obstauslage und zog sich Weintrauben rein wie Freibier. Ich tat so, als würde ich ihn nicht kennen und legte ein paar Packungen Brot in den Wagen.
Da der Mensch von Brot alleine auch nicht leben konnte, zog es mich noch zur Aufschnittecke hin, weil ich ja nicht gerne an der Fleischtheke anstand. Doch genau da schritt Hinnaak fasziniert drauf zu. Er entdeckte Wurstscheiben, auf denen ein Gesicht zu sehen war und fand die total geil.
“Wieso hier groß anstehen, Mann, die Salami aus der Packung ist viel besser.” versuchte ich ihn zu belehren.
“Mir egal, ich will die hier, die mit dem Gesicht, die find ich total geil.”
Damit war sein Wort gesprochen und wir standen an, um seine Gesichts-Wurst zu kaufen, natürlich gleich fünfundzwanzig Scheiben, warum auch nicht?
Auch wenn große Sprünge noch immer nicht zu machen waren, mit dem Mietzuschuss vom Dritten Mann konnten wir zumindest überleben, ohne krampfhaft sparen zu müssen.
Der Dritte Mann stand auf Cornflakes, also sah ich mir im Cornflakesregal die verschiedenen Sorten an. Hier hätte Jerry Seinfeld seine wahre Freude gehabt und ich hatte keine Ahnung, welche Sorte der Dritte Mann bevorzugte. Aber umso besser, so mußte ich ja keine von den ganz teuren Sorten nehmen, die Hinnaak so interessiert beäugte.
“Guck mal, die hier haben Plüschfingerpuppen in der Packung.” rief er begeistert. “Ich will die blaue.”
“Vergiss es, die kaufen wir nicht. Die hier sind billiger.” antwortete ich und nahm eine No-name-Sorte.
“Oh Mann, ich will aber so eine Fingerpuppe haben.” sagte Hinnaak beleidigt.
“Dann kauf Dir die Cornflakes halt.” erwiderte ich und schob den Wagen weiter.
Soweit ich der Meinung bin, waren sie ihm wahrscheinlich auch zu teuer, was ihn aber nicht davon abhielt, sich seine Figur zu holen. Zwar bin ich mir nicht zu hundert Prozent sicher, weil ich es vermied, mich noch mal umzusehen, aber ich hörte hinter meinem Rücken sehr deutlich ein Geräusch, das entsteht, wenn jemand versucht, möglichst leise einen Pappkarton zu öffnen.
Bei den Zeitschriften blätterte Hinnaak interessiert im Playboy, während ich nach meiner Lieblingsfernsehzeitung suchte.
Getränke gab es in einem Extragebäude nebenan, das würde ich hinterher erledigen.
Im Augenblick musste ich ein paar tiefgefrorene Sachen holen und das Tiefkühlregal lag genau auf dem Weg zu den Knabbersachen, auf die Hinnaak jetzt zustürmte, nachdem er im Vorbeilaufen den Playboy in den Wagen geworfen hatte. Kurz darauf kam er mit einer Packung Salzstangen zurück, während ich Fischstäbchen in der Kühltasche verstaute.
“Oh, Fischstäbchen?” fragte er interessiert.
“Ja, und jetzt sag nicht, Du willst lieber die von Iglu, weil Du die Werbung so toll findest.”
“Machst Du wieder Deine Remouladensauce dazu?”
“Na klar, was denn sonst? Das Rezept habe ich von meiner Oma und die wusste schon immer, was schmeckt.”
Wir schoben zur Seifenabteilung und ich packte Shampooflaschen in den Wagen, während Hinnaak gelangweilt ein paar Feuchtigkeitscremes in die Hand nahm und versuchte, Qualitätsunterschiede anhand der Verpackungsfarbe auszumachen.
Im Kopf überschlug ich den Gesamtwert unserer Einkäufe und war zufrieden damit.
Kartoffeln hatten wir noch. Die mussten allerdings langsam auch weg, weil sie schon Triebe auswarfen und weich wurden.
Langsam schob ich den Wagen weiter und studierte dabei den Einkaufszettel, als aus dem Gang rechts jemand mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren kam, mir die Vorfahrt nahm und mit meinem Einkaufswagen zusammenstieß.
Erschrocken sah ich auf und blickte in das Gesicht von Marie, dessentwegen ich ja schon einmal einen Unfall gehabt hatte. Allerdings erinnerte ich mich im Moment vielmehr an ihren Auftritt vor der Stadthalle. Gereizt wie Godzilla war sie gewesen. Nur besser ausgesehen hatte sie.
Auch jetzt sah sie aus wie eine lebendige Unterwäschereklame. Nur nicht in Unterwäsche.
Aber das alles war mir gerade ziemlich egal, denn hinter ihr erschien ihre Schwester Gisela, die ich eigentlich in meinem ganzen Leben nicht wiedersehen wollte. Ich war angewidert von dem Gedanken, mich mit ihr auf meinem Laken gewälzt zu haben.
Am liebsten hätte ich mich umgedreht und mit gestrecktem Galopp verpisst, nur wäre das erstens ziemlich unhöflich gewesen und zweitens hätte das komisch ausgesehen, zumal Hinnaak sie auch gerade entdeckt hatte. Bevor ich reagieren konnte, hatte er bereits eine Hand gehoben und ein lautes
“Öy!” durch den Laden gerufen, bevor er breit grinsend auf sie zuging.
Was sollte ich da machen?
Nichts auf der Welt wollte ich weniger, als mich zu zwei Frauen stellen, von denen ich mit der einen ungewollt mein heiliges Bett entweiht hatte und von dem Anblick der anderen, die auch noch die Schwester der ersten war, jeder Gedanke in meinem Kopf eliminiert wurde.
Hinnaak drückte Gisela einen auf und Marie schüttelte er wie sonst nicht unbedingt üblich einfach die Hand.
Mir entglitt ein neutral gemeintes: “Hi.” und ich hoffte, dass es sich nicht zu nervös angehört hatte.
Hinnaak schöpfte aus seinem scheinbar unerschöpflichem Repervoir der schmierigen Laberkunst und brachte Gisela schleunigst zu einer kieksigen Lachsalve, während ich mich da raushielt, meine Beteiligung auf körperliche Anwesenheit beschränkte und in der Gegend rumguckte. Dabei fiel mir auf, dass das Waschmittel neben mir diese Woche fünfundsiebzig Cent weniger kostete als sonst.
“Was ist los, Du Offizier und Gentleman, hast Du nichts zu sagen?” fragte Marie mich nach einer Weile.
Nun bin ich ja nicht grade der Meinung, dass ich zu irgendeinem hohlen Blabla auch noch meinen Senf zugeben muss und vor allem hatte ich keinen Bock auf Maries zickige Seitenhiebe und wollte ihr auf keinen Fall noch irgendwelches Material dazu liefern, also sagte ich nur “Nö.” und zuckte mit den Schultern.
Sie verzog verächtlich das Gesicht und meinte:
“Wohl doch eher nur Forrest Gump.”
Mit einem steinreichen Tischtennisass, Vietnamveteranen und Dr. Pepper-Fan scheute ich nun keinen Vergleich.
“Danke, Lisa Simpson.” sagte ich.
“Was meinst Du denn damit?” fragte sie zurück.
“Die hat auch immer ungefragte Kommentare parat.”
Ein zynisches Grinsen, kaum zu sehen, huschte über ihr Gesicht. Aber sie verscheuchte es schneller als eine lästige Fliege.
Entweder stank es ihr, dass ihre Schwester in brandrote, unerwiderte Liebe in mich verfallen war oder sie konnte es nicht leiden, wenn ihr einer verbal Kontra gab.
“Jedenfalls ist die klüger als jeder andere.” schoss sie zurück und wandte sich ab, womit das Gespräch scheinbar beendet war.
“Und hat Gelbsucht.” murmelte ich leise, was aber keiner mitbekam.
“Nächsten Samstag feiere ich meinen achtzehnten.” hörte ich Gisela sagen. “Wollt ihr kommen?”
Oh, mein Gott, sie war noch nicht einmal achtzehn! Kein Wunder, dass sie etwas von mir wollte. Junge Mädels stehen doch immer auf ältere Typen mit Auto. Gut, ein Auto hatte ich zwar nicht, aber älter war ich.
Bevor ich kapieren konnte, dass auch ich angesprochen worden war, platzte Hinnaak mit “Ja klar kommen wir, was denkst denn Du?!” heraus und machte es mir unmöglich, mit einer Ausrede drumherum zu kommen, was sowieso schon schwer genug gewesen wäre, schließlich hatte ich Gisela nach unserem One-night-stand, so schlimm ich das auch immer fand, nicht angerufen und jede Nachricht von ihr, die Hinnaak mir überbrachte, in den Müll geschmissen. Jetzt stand ich da wie ein Schweinehund, ein Arschloch. Ich stand da wie Hinnaak! Nur machte er solche Verfehlungen immer durch seinen tölpelhaften Charme wieder wett, was ich leider nicht konnte.
Also sah ich keine andere Wahl, als für Giselas beschissene Geburtstagsfeier zuzusagen!
“Und was, äh, wünschst Du Dir denn?” fragte ich gequält.
“Dass Du kommst, ist schon Geschenk genug, Mick.” sagte Gisela fröhlich.
“Oh.” meinte ich nur.
“Super, ich freu mich drauf! Bis Samstag denn, Tschüss”. flötete Gisela, packte Marie bei der Hand und zog sie schnell weg, wahrscheinlich, damit ich es mir nicht mehr anders überlegen konnte. Oder damit Marie nichts mehr sagen konnte.
“Warte mal!” schrie Hinnaak hinter ihr her. “Kann unser Dritter Mann auch mitkommen?”
“Ja klar!” schrie Gisela zurück und verschwand mit Marie und ihrem Wagen hinter dem nächsten Regal.
Im Grunde hatte ich auch keine Lust, die beiden länger zu sehen. Bei Gisela wäre das, als würde man sich einen Zahn ziehen lassen und bei Marie wäre das, als würde man zu lange in die Sonne gucken. Abgesehen davon, dass Marie scheinbar zu niemandem ein nettes Wort zu sagen hatte. Ihre spitzfindigen Bemerkungen hatte sie stets so parat wie He-Man einen Felsklotz.
“Is’ doch nett, was hast Du denn gegen die?” hörte ich Hinnaak vorwurfsvoll fragen, als die beiden außer Sichtweite waren.
“Sie ist eine tierisch arrogante und eingebildete Ziege, das musst Du doch gemerkt haben. Noch nie hab ich irgendein nettes Wort von ihr gehört, sie zickt nur rum und gibt dumme Kommentare von sich und weiß auf alles einen schlagfertigen Kommentar. Sie hält sich für den bekackten Schwertmeister von Monkey Island.”
“Den Schwertmeister von Monkey Island? Gisi?” fragte Hinnaak verblüfft.
“Wieso Gisi? Ich rede von Marie.”
“Wieso redest Du von Marie, es geht doch hier um Gisi und Dich!”
“Es gibt kein Gisi und mich, dass das klar ist!” fuhr ich ihn an und schob unseren Wagen weiter.
“Hör mal, Du warst im Bett mit ihr, also ist es ja wohl nicht zu viel verlangt, wenn Du Dich ein bisschen um sie kümmerst, zumal sie Dich ja scheinbar mag.” redete Hinnaak, während er hinter mir her eilte.
“Wer bist Du? Der Papst?” fragte ich zornig. Nicht zu fassen, was er mir wieder aufgebürdet hatte. “Solche Worte von Dir, damit könntest Du im Quatsch Comedy Club auftreten. Außerdem will ich nicht darüber reden.”
“Ja, schon gut. Musst Du selber wissen. Brauchen wir noch was oder können wir wieder verschwinden? Ich würde ganz gern heute noch zu Monika kommen, ihre Eltern sind nicht da.”
Nach einem kurzen Blick auf den Einkaufszettel merkte ich an:
“Der Dritte Mann will noch Wattebäusche, dann können wir los.”
“Wattebäusche? Die hab ich immer nur in Badezimmern von Mädchen gesehen.”
“Ja, zuhauf.”
“Was will der Dritte Mann mit Wattebäuschen?” rätselte Hinnaak.
“Ich hab keine Ahnung.” sagte ich und suchte die Abteilung mit Hygieneartikeln.
“Ehrlich gesagt will ich nicht, dass irgendein Mädel in meinem Badezimmer ein Beutelchen mit Wattebäuschen sieht.” meinte Hinnaak. “Was soll die denn von mir denken?”
“Dass Du entweder sehr reinlich bist, sehr ordentlich bist oder die Bedürfnisse einer Frau gut kennst. Im Grunde vermittelt ihr das natürlich nur falsche Eindrücke, aber was anderes machst Du ja selber nicht.” antwortete ich ihm weitersuchend. Schließlich fand ich ganze Golfsäcke von Wattebäuschen neben Taschentüchern, Wattestäbchen und einer großen Auswahl von Kondomen, die Hinnaak sofort neugierig beäugte.
“Guck mal, hier steht: < Stimuliert Sie an acht Stellen >. Mann, das kann ich ja nicht mal selber!”

Der Rest des Tages verlief, bis auf die Rückfahrt in Hinnaaks Schiffsschaukel, langweilig.
Abends hatte ich dann spontan Bock auf einen Kinobesuch, denn im Blatt machte unser ortsansässiges Kino Werbung, welche Filme gerade liefen.
Ich las etwas über den Film Hurricane, der als Wiederholung an dem heutigen Filmkunsttag lief. In dem Film wird ein Schwarzer zusammen mit einem Freund wegen dreifachen Mordes zu dreifach lebenslanger Haft verurteilt. Und zwar unschuldig, weil Polizei und Staatsanwaltschaft nichts Besseres zu tun zu haben, als Beweismittel, Protokolle und sogar Lügendetektortests zu fälschen. Von dem Buch, auf das der Film basiert, wurde auch gesprochen. Es heißt Lazarus und der Hurricane. Das nahm ich mir vor, mal zu lesen. Den Film wollte ich natürlich auch sehen, denn das Schreckliche an der ganzen Sache ist, dass Film und Buch auf einer Geschichte basieren, die wirklich passiert ist.
Von der Story versprach ich mir viel.
Das erwähnte ich nebenbei, während ich das Blatt las. Der Dritte Mann, der sich auch gerade in der Küche befand, sagte:
“Hurricane? Da gibt’s einen Song von Bob Dylan, den finde ich total stark. Den Film will ich auch sehen.”
“Kannst ja mitkommen!”
“Hast Du nichts dagegen?”
“Wieso sollte ich was dagegen haben?”
“Na ja, Du gehst öfter allein ins Kino. Da dachte ich, dass Du eben immer allein ins Kino gehst. Da wollte ich mich nicht aufdrängen.”
“Ach quatsch. Natürlich kannst Du mitkommen. Hinnaak ist bei seiner Pflaume und spielt Schiffeversenken.”
“Schiffeversenken?” fragte er irritiert.
“Äh, sagen wir einfach, er ist nicht da. Was gar nicht so übel ist. Er würde nämlich mit dem Auto fahren wollen und noch so eine Ochsentour durch die Stadt ertrage ich heute nicht.”
“Ach so.” meinte der Dritte Mann, immer noch irritiert. “Und wann geht’s los?”
“Um halb acht. Wir müssen dann hier so um viertel nach sieben los. Ist zu Fuß ja nicht weit.”
“Also in zehn Minuten. Ich zieh mich noch schnell um.” sagte er und rannte in sein Zimmer.
Was an seinen Klamotten nicht in Ordnung sein sollte, verstand ich nicht. Ich bleib so, wie ich bin! würde Tony Clifton dazu sagen.
Bevor ich die Zeitung durchhatte, stand der Dritte Mann wieder in der Küche, hatte eine andere Hose an und einen anderen Pullover, sah aber im Grunde aus wie vorher.
Wir hatten noch ein paar Minuten und er wollte sich gerade setzen, als das Killerphon ertönte und er so zusammenzuckte, dass er sich fast neben den Stuhl gesetzt hätte.
Dann stand er sogleich wieder auf und eilte schleunigst auf die Lärmquelle zu, um dem ein Ende zu bereiten.
Was er sprach, konnte ich von meinem Platz aus nicht hören, weil der Dritte Mann im Allgemeinen und am Telefon im Besonderen sehr leise sprach. Jedenfalls stand er zehn Sekunden später wieder in der Küche.
“Ist für Dich, Mick.” sagte er, setzte sich wieder an den Tisch und griff nach einem Apfel, die er regelmäßig mitbrachte und für uns eine Schale füllte. Allerdings war er auch der einzige, der sie aß.
“Wer is’n dran?” fragte ich.
“Irgendeine Angelika.” sagte er mit vollem Mund und spuckte dabei ein Apfelstückchen auf seinen Pulli, welches er hektisch entfernte, damit es keine Zeit hatte, einen nassen Fleck auf seiner Ausgehgarderobe zu hinterlassen.
Angelika? Welche bekackte Angelika?
Etwa Kindergarten-Angelika? Schubser-Axels Angelika?
Woher hatte die meine Nummer? Bei meiner Mutter hatte ich ihr extra eine falsche gegeben.
Scheiße!
Der Hörer lag neben dem Telefon, genau parallel zur Tischkante.
“Hier spricht der Captain!” sagte ich in den Hörer, woraufhin ein paar Sekunden Stille folgten.
“Äh, ist da Mick?” fragte eine Frauenstimme.
“Ja, stellvertretend.”
“Hi, hier ist Angelika. Wir haben uns vor ein paar Wochen bei Deiner Mutter unterhalten.”
“Stimmt, ich erinnere mich. Wie geht’s denn?”
“Es geht. Hör mal, ich dachte eigentlich, Du rufst mich mal an, nachdem wir uns so gut unterhalten hatten.”
“Hätte ich auch.” log ich sie an. “Aber leider habe ich den Zettel mit Deiner Telefonnummer in der Waschmaschine mitgewaschen, der war hinüber.” Was wiederum der Wahrheit entsprach.
“Ach so.” sagte sie in einem beiläufigen Tonfall. “Aber die Nummer, die Du mir gegeben hast, schien nicht zu stimmen. Ich hab im Telefonbuch nachgeguckt und da ist Deine Nummer völlig anders.”
Das scheiß Telefonbuch! Von Anfang an hatte ich zu Hinnaak gesagt, dass ich meine Nummer nicht in diesem bekackten Telefonbuch haben wollte, aber er meinte, da könnten ja Weiber anrufen!
Jetzt musste ich mir wegen Hinnaak auch noch eine Lügengeschichte einfallen lassen. Ich hasse es, lügen zu müssen.
“Ach ja, das hatte ich vergessen,” dachte ich mir schell aus, “wir haben vor kurzem unsere Nummer ändern lassen müssen und ich hab Dir unsere alte aus Versehen gegeben.”
“Wieso habt Ihr Eure Nummer ändern lassen?” fragte sie weiter.
Da hatten wir es!
Lügen ziehen Lügen nach sich. Das hatte ich von Doug Heffernan, dem King of Queens gelernt. Immer wenn er seine Frau angelogen hatte, war er in die schlimmsten Verwicklungen geraten.
“Weil mein Mitbewohner bei einem Service Speisekarten von Lieferanten bestellt hat und die unsere Telefonnummer als Faxnummer angesehen haben. Deshalb hat alle paar Sekunden das Telefon geklingelt und das konnte ich irgendwann nicht mehr aushalten.” log ich weiter. Das hatte ich ebenfalls aus dem Fernsehen.
“Oh ja, das kann ich völlig verstehen.” meinte Angelika, die mir die Geschichte offenbar rückhaltlos abkaufte.
Gott sei Dank kannte sie sich offenbar nicht mit Seinfeld aus.
“Hast Du eigentlich heute Abend schon was vor?” fragte sie.
“Tja, ich wollte grade aufbrechen und mit einem Kumpel ins Kino gehen.”
“Jetzt gleich?”
“Japp!”
“Kann ich da mitkommen?”
Bloß nicht!
“Klar.”
“Cool, dann treffen wir uns gleich vorm Kino. Ich bring eine Freundin mit. Ist das okay?”
Wenn schon, denn schon!
“Aber sicher.” antworte ich.
“Supi. Bis gleich. Tschüssi!”
“Tschö.”
Kacke. Jetzt hatte ich die am Hals!
“Also.” sagte ich zum Dritten Mann, der inzwischen aus der Küche herausgekommen war. “Wir kriegen noch Begleitschutz.”
“Hä?” fragte er. Von seinem Apfel war nichts mehr zu sehen. Den hatte er sich bestimmt mit Stumpf und Stiel einverleibt.
“Eine alte Bekannte von mir und ihre Freundin wollen unbedingt mitkommen. Ich war leider nicht unhöflich genug, abzulehnen.”
Der Dritte Mann sah mich mit offenem Mund und einem Was,-echte-Mädchen?-Blick erstaunt an, bevor er stotternd antwortete:
“Na ja, okay. Macht doch nichts.”
“Alrighty then. Let’s rock!” sagte ich und wandte mich zur Tür.
“Let’s rock?” fragte er verwirrt.
“Ja. Ab geht die Post, Mann!”
“Ah.”
Damit schloss ich die Wohnungstür hinter uns.

Der Weg zum Kino führte durch die Fußgängerzone, die jetzt in den Abendstunden ruhig dalag.
Der Dritte Mann schritt neben mir her und wenn ich nicht gewußt hätte, dass er da war, hätte ich ihn kaum bemerkt, weil er so unauffällig war wie die U96 auf Schleichfahrt.
Wir sprachen kein Wort.
Nicht, dass wir uns nicht verstanden hätten, aber der Dritte Mann sprach nicht viel. Vor allem nicht in so unklaren Situationen, wie dieser hier. Ich nahm an, dass er ein bisschen nervös war, weil er gleich neue Leute kennenlernen würde. Und damit hatte er Schwierigkeiten.
In der Zeit, in der bei uns wohnte, hatte er sich angewöhnt, eher mich anzusprechen, als Hinnaak. Vielleicht, weil Hinnaak so selten zu Hause war. Und wenn er zu Hause war, war er mit seiner Monika in seinem Zimmer, wo man sie schreien hören konnte. Ich hatte gelernt, das zu ignorieren. Der Dritte Mann saß dann in seinem Zimmer und spielte auf seiner Gitarre.
Wir trafen beim Kino ein, stellten uns unter die leuchtende Reklame, die in großen Neonlettern die aktuellen Filme anpries und warteten darauf, dass unsere Verabredungen, die wir nie haben wollten, eintrafen.
Neben uns stand eine Horde kleiner Gören, die wahrscheinlich darauf warteten, dass Der kleine Vampir anfing. Und solange rauchten sie alle noch eine.
Es vergingen zehn Minuten und ich wurde ungeduldig, denn es wurde langsam Zeit, hinein zu gehen. Die Werbung und die Vorschau gehörten für mich zum Kinobesuch wie Popcorn und der Film selbst.
“Hi Ihr beiden!” sagte eine Stimme hinter mir. Ich fuhr herum und erblickte Angelika, die sich recht hübsch zurechtgemacht hatte und viel besser aussah, als neulich bei meiner Mutter. Neben ihr stand ein Kaventsmann von Frau, wahrscheinlich nicht viel älter als Angelika, aber ihre enormen Ausmaße ließen sie älter wirken.
Der Dritte Mann machte Telleraugen und begrüßte sie schüchtern.
“Ich bin Elfie.” sagte die Dicke und gab uns die Hand.
“Hallo. Ich bin Peter.” sagte der Dritte Mann.
“Tut mir leid, dass wir ein bisschen spät dran sind.” sagte Angelika.
“Frauen dürfen das.” antwortete der Dritte Mann und überraschte mich mit dieser Reaktion total. Ich hätte eher erwartet, dass er den ganzen Abend keinen Ton von sich geben würde. Stattdessen plauderte er ungewöhnlich locker mit der dicken Elfie, die sich direkt neben ihn in die Schlange stellte.
Obwohl wir so spät dran waren, bekamen wir glücklicherweise noch recht gute Plätze und ich kam auch nicht in die Verlegenheit, für die Mädels die Karten mitzahlen zu müssen, ein Hoch auf die Emanzipation!
Nachdem wir den Kartenabreißer passiert hatten, musste ich noch einer persönlichen Tradition nachgehen: Beim Süßigkeitenstand kaufte ich mir ein Capri-Eis.
Diese Tradition war entstanden, als ich vor Jahren im Sommer einmal allein ins Kino gegangen war und unheimlich Bock auf ein Eis gehabt gehabt hatte. Und da meine Finanzmittel seit jeher knapp bemessen waren, hatte ich mir das billigste Eis gekauft, das sie da hatten und das war ein Capri gewesen. Zu dem kam damals noch ein sehr guter Film und auf dem Nachhauseweg hatte ich ein Fünfmarkstück gefunden. Alles in allem war das ein fantastischer Kinobesuch gewesen und deshalb hatte ich die Angewohnheit, bei einem Kinobesuch ein Capri zu essen, bis heute beibehalten.
Dem Dritten Mann gelüstete nach Popcorn oder sowas, jedenfalls stellte er sich hinter mir in die Schlange, während die Mädchen etwas abseits auf uns warteten. Wir standen in der Schlange, ich philosophierte über das Naturphänomen, das es Mädchen anscheinend unmöglich macht, schon einmal alleine zu ihrem Sitzplatz zu gehen und als ich mich mitten in einem Satz zu dem Dritten Mann umdrehte, sah ich an ihm vorbei und direkt in Maries Gesicht.
Marie hatte zwar die Erscheinung eines personifizierten Engels, trotzdem hatte ich nicht vorgehabt, ihr gleich zweimal an einem Tag zu begegnen.
Zumal sie so sympathisch war wie eine Steuererhöhung.
“Sieh an, der Stolpervogel.” sagte Marie. Der Dritte Mann drehte sich halb um, um zu sehen, wer da gesprochen hatte.
“Sieh an, die Gewitterhexe.” antwortete ich und der Dritte Mann fuhr erneut herum und starrte mich an, als könnte er nicht fassen, dass eine Frau, die schöner war als das Firmament, mich ansprach.
“Ich hab noch kein Gewitter verursacht,” sagte sie, “aber Du bist schon gestolpert.”
“Das war nicht meine Schuld, da lagen drei Müllsäcke.”
“Vier. Du lagst da ja auch.”
“Ich hatte mich schon mitgezählt.” sagte ich giftig. Am Rande registrierte ich, wie die Augen vom Dritten Mann zwischen Marie und mir hin und her huschten wie ein Tennisball.
“Was, Du kannst zählen?” schoss Marie zurück.
“Ja bitte?” fragte der Popcornverkäufer hinter mir, bevor ich Marie antworten konnte. Darum war unsere Konversation für diesen Abend auch erledigt. Ein bisschen ärgerlich war ich schon, weil ich nicht mehr dazu kommen konnte, Marie kontra zu geben. Dafür nahm ich mir vor, sie mit Popcorn zu bewerfen, sollte sie im selben Film wie wir und in meiner Reichweite sitzen.
Als ich mit dem Dritten Mann zu den beiden Mädels zurückkehrte und wir zu viert in den Vorführraum hineingingen, spürte ich direkt Maries giftige Blicke, die sich in meinen Rücken bohrten.

Der Dritte Mann war ganz aufgekratzt nach dem Kinobesuch. Allmählich keimte in mir der Verdacht, dass er im Kino zum ersten Mal neben einem Mädchen gesessen hatte, das seinen Namen kannte.
Angelika hatte sich zwischendurch recht nett mit mir unterhalten. Hauptsächlich während der Vorschau und der Werbung (bei der ich festgestellt hatte, dass jede neue Version von Like ice in the sunshine immer beschissener wurde) und erzählte mir von ihrer Schulzeit und allem, was ihr in der Zwischenzeit zugestoßen war. Als ich nach Axel dem Schubser fragte, konnte sie sich gar nicht mehr an ihn erinnern.
Marie hatte ich an dem Abend nicht mehr gesehen, ich hatte auch keine Ahnung, in welchem Film sie gewesen war. Vermisst hatte ich sie nicht.
Als Angelika nichts mehr zu erzählen gewusst hatte, fing sie an, mich auszuquetschen und es bereitete mir weniger Probleme, mich ihr mitzuteilen, als ich vorher angenommen hatte und als der Film dann anfing, fühlte es sich nicht mehr komisch an, neben ihr zu sitzen.
Bevor wir uns dann nach dem Kino trennten, um in verschiedene Richtungen nach Hause zu gehen, hatte sie mir ihre Telefonnummer noch einmal gegeben, die sie bereits fertig aufgeschrieben in der Tasche mit sich herumgetragen hatte.

“Jetzt muss ich aber erstmal was essen.” sprach der Dritte Mann, als wir die Treppen zu unserer Wohnung hochstiegen.
“Mir knurrt auch der Magen.” sagte ich. “Eis und Popcorn im Kino zu essen zählt ja nicht wie richtiges Essen.”
Mit diesen Worten schloss ich die Wohnungstür auf, hinter der ein entrüsteter Hinnaak beide Fäuste in die Hüfte stemmte.
“Wo seid Ihr so lange gewesen, Kinder?” fragte er gespielt hysterisch. “Ich hab mir Sorgen gemacht. Ihr hättet mir wenigstens einen Zettel hinlegen können.”
“So einen von Deiner Sorte?” fragte ich. “Bin weg. H.
“Ist doch wenigstens etwas oder nicht?” verteidigte sich Hinnaak.
“Was macht Du überhaupt hier? Hat Deine Schnalle die Schnauze voll von Dir?”
“Nein, leider steht sie nicht so auf blasen.” sagte er und verzog sich ins Wohnzimmer zurück, um weiter fernzusehen.
Der Dritte Mann hatte inzwischen seine Schuhe ausgezogen und war in die Küche gerannt, wo man ihn rumoren hören konnte. Meine Lederjacke kam an ihren Platz am Kleiderständer, nachdem ich meine Kinokarte herausgeholt hatte. Die Karten klebte ich immer an meine Zimmertür. Inzwischen hingen da bereits Karten im Wert von einigen hundert Euro.
“Wem gehört diese Gesichtswurst?” hörte ich den Dritten Mann in der Küche rufen.
“Die kannst Du haben. Ich find, die schmeckt beschissen!” brüllte Hinnaak und drehte den Fernseher wieder lauter.
Dem Sprecher nach zu urteilen, lief gerade eine Tierdokumentation. Die sah Hinnaak sich gerne an und in all den Jahren wurde ich den Verdacht nicht los, dass er nur darauf wartete, die Tiere in den Wildreservaten ficken zu sehen.
Mein Blick wanderte über meine Poster an der Wand und ich überlegte, wo das Hurricane-Poster hinpassen könnte, falls ich mal eins kriegen sollte. Heute war ich leider nicht dazu gekommen, den Kinobesitzer wegen ein paar Poster anzuschnacken.
Nachdem ich mir mit dem Dritten Mann ein schnelles Wurstbrot mit Milch reingepfiffen hatte, beschloss ich, ins Bett zu gehen und dann sanft ins Land der Träume zu entschwinden, nachdem ich noch ein paar Seiten lang mit einer fliegenden Tonne oder was durchs Vasa-Viertel gesaust war.

Am Mittwoch kam meine Mutter auf die grandiose Idee, wie jedes Jahr die Äpfel von den Bäumen auf dem Hof meiner Oma dem nahegelegenen Gutshof zu schenken, auf dem alte Klepper ihr Gnadenbrot erhielten. Das hatte sie sich zur Tradition gemacht und bis zum heutigen Tag hatte ich auch nie was dagegen gehabt, da ich mir sowohl aus den Äpfeln als auch aus dem Apfelmost, den meine Mutter früher immer daraus hatte pressen lassen, nie etwas gemacht hatte.
Das Grandiose an der diesjährigen Idee war, dass meine Mutter nicht wie sonst immer jemandem zum Äpfelaufsammeln bestellt hatte, sondern dass sie, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich meinte, dass ich das ja machen könnte.
Nachdem sie mich deswegen eine halbe Stunde lang besabbelt und mir praktischerweise auch gleich entsprechende Arbeitsklamotten mitgebracht hatte, blieb mir nichts anderes übrig, als mein Monkey Island Spiel abzuspeichern, was ärgerlich war, weil ich in Kürze den Schwertmeister erreicht hätte, mir den alten Hochwasseroverall anzuziehen und meiner Mutter ergeben zum Auto zu folgen.
Das alte Haus meiner Oma lag stadtauswärts, weswegen ich meinem Vorhaben, hier mal wieder herzukommen, bis jetzt noch nicht nachgekommen war. Mit dem Panzer war diese Strecke nämlich nicht zu missachten.
Der Wollpullover, den ich auf Befehl meiner Mutter angezogen hatte, kratzte unangenehm und beim Umklappen der Rückbank, was wegen der Säcke mit den Äpfeln, die da hin sollten, notwendig war, hatte ich mir den Kopf gestoßen. Kein guter Tag heute.
Trotzdem war ich etwas aufgeregt, als der Wagen meiner Mutter an dem verfallenden Haus meiner Oma vorbeirollte und bei den Apfelbäumen auf dem hinteren Teil des großen Grundstücks anhielt.
Mit großen Augen sah ich mich um. Eigentlich hatte sich hier nicht sehr viel verändert. Zwar war das Gras hochgewachsen und zusammen mit dem restlichen Garten verwildert und das alte Haus meiner Oma sah aus dieser Entfernung alles andere als modern und gepflegt aus, aber trotzdem kehrten bei dem Anblick die Erinnerungen an die Zeit zurück, in der ich mit meinen Eltern oft hergekommen war. Am liebsten wäre ich zum Haus rübergelaufen und hätte alles in Augenschein genommen, aber erstens würde meine Mutter mir dafür unter Gezeter nur ein paar Minuten gönnen und zweitens fürchtete ich mich davor, ein anderes Bild zu sehen zu bekommen, als ich mir vor meinem geistigen Auge vorstellte.
Trotzdem überkam mich eine überwältigende Lust dazu und Sehnsucht nach den alten Räumlichkeiten meiner Großmutter. Außerdem empfand ich ein tiefes Bedauern darüber, dass wir hier nie eingezogen waren. Das Haus und das Grundstück verfallen und verwildern zu lassen kam mir wie eine frevelhafte Verschwendung vor.
“Hier.” sagte meine Mutter von der Umgebung unbeeindruckt und reichte mir einen armvoll leerer Leinensäcke. “Dann fangen wir mal an.”

Nun saß ich mit durchgeschwitztem, kratzigen Pullover unter der viel zu dicken Jacke, die mir meine Mutter wegen des kühlen Windes noch aufgezwungen hatte, wieder auf dem Beifahrersitz ihres Wagens und konnte die zusammengepuckelten Äpfel im ganzen Auto riechen.
“Wird Dir auch gut tun, mal mit zum Gutshof zu kommen.” hörte ich meine Mutter sagen, während sie mit konstantem Tempo 60 auf der ortsexternen Landstraße in Richtung der Pferdeställe fuhr, die ein paar Kilometer weiter außerhalb meiner kleiner Stadt lagen.
“…gut tun, zum Gutshof zu kommen..>” wiederholte ich sinnend. “Was soll mir denn heute noch alles gut tun?”
“Das mit dem Reiterhof ist aber was Besonderes.” sagte meine Mutter beharrlich geheimnisvoll, was mich stutzen ließ.
“Wieso ist dieser bekackte Reiterhof was Besonderes?” fragte ich misstrauisch.
“Rede nicht so ordinär!” lenkte meine Mutter vom Thema ab. “Ich meine natürlich die Anlage und so. Und dass wir die Äpfel da hinbringen. Sonst sitzt Du doch bestimmt nur rum.”
Stimmt! dachte ich grimmig.
“Wann ist Erik eigentlich fertig mit Zivildienst?” fragte sie.
“Irgendwann am Ende des Jahres.”
“Warum willst Du nicht Zivildienst machen?”
“Warum sollte ich, wenn man mich nicht dazu zwingt?”
“Es muss doch nicht immer alles ein Zwang sein. Die Arbeit kann doch auch Spaß machen.”
“Mir nicht.”
“Du musst nicht so faul sein. Sonst findest Du gar keine Arbeit mehr.”
“Arbeiten ist was für Ackergäule, aber nicht grade das Gebiet eines Topmanagers.”
“Was redest Du denn da für einen Unsinn?”
Sie lenkte ihren Wagen vorsichtig durch die sechs Meter breite Einfahrt auf den Hof und zur Rückseite der Pferdeställe, wo sie in Zeitlupe vorfuhr und mit fünfzehn Metern Entfernung zur Stalltür anhielt.
“Da müssen die Äpfel hin.” meinte sie und zeigte auf die Stalltür.
“Du kannst ruhig näher ranfahren.” sagte ich. “Hier wird heute keine Boeing 747 mehr langmüssen.”
“Nein, vielleicht müssen hier ja Pferde durch.”
“Warum hab ich die Säcke nicht direkt von den Bäumen aus hergetragen?” murmelte ich, während ich ausstieg. “Das wäre kürzer gewesen.”
“Was war das?” fragte meiner Mutter.
“Nix!” rief ich, schlug die Tür zu und öffnete den Kofferraum. Meine Mutter blieb sitzen und überließ mir großzügigerweise die Arbeit, wie Asterix aus reiner Nettigkeit die Römer für Obelix übrigließ.
Die ganze Aktion heute war mir unverständlich. Auch wenn meine Mutter schon des öfteren über meinen Lebensstil rumgejammert hatte, sah es ihr gar nicht ähnlich, mich mit so einer ABM-Aktion beschäftigen zu wollen.
In den vorigen Jahren war sie nicht mal selbst hergefahren, ausser, um mal die Pferdchen zu besuchen, sondern hatte die Äpfel aufsammeln und herbringen lassen. Wieso sie jetzt unbedingt mich für diesen verantwortungsvollen Job wollte…
Keine Ahnung.
Seufzend packte ich die ersten beiden Säcke und wuchtete sie über die Schultern.
Wären Adam und Eva Chinesen gewesen, hätten sie nicht den Apfel gegessen, sondern die Schlange fuhr es mir unsinnigerweise durch den Kopf, als ich die erste Ladung wie ein Muli zum Pferdestall schleppte.
Drinnen schlug mir ein penetranter Geruch nach Stroh und Pferdemist entgegen, den ich mit typischer Landluft assoziierte, die ich von diversen Fahrradfahrten über Landstraßen kannte.
Links und rechts waren Pferdeboxen und vor mir lag ein zweitausend Kilometer langer Gang, der bis zum anderen Ende des gewaltigen Stalls führte.
Dort stand ein breitschultriger Bauer, kramte vornübergebeugt in einer Kiste und zeigte mir seinen Rücken und die gewaltige Kehrseite.
Die Säcke mit den Äpfeln lagen mir bleischwer auf den Schultern, aber hier in den Dreck absetzen wollte ich sie nicht, weil sie danach nur den Kofferraum dreckig machen würden, den ich dann wieder saubermachen dürfte. Also marschierte ich den langen Gang hinunter und auf den Bauern zu, um ihn zu fragen, wo die Äpfel genau hinkommen sollten.
“Moin!” sagte ich laut.
Der Bauer drehte sich um und entpuppte sich als eine junge Dame in meinem Alter, was ich aber nur am Gesicht abschätzen konnte. Sie hatte die Maße eines deutschen Hummel-Panzers und Handflächen wie Bratpfannen. Wo die hinlangte, wuchs nix mehr. Ich betrachtete ihre Erscheinung so verdattert wie ein kleines Kind einen mehrachsigen Sattelschlepper.
“Wo kommen denn die Äpfel hinsollen?” haspelte ich, als ich mich dazu besinnte, etwas zu sagen, bevor mein Starren unhöflich würde.
“Hi.” sagte sie mit einer sanften Engelsstimme, die ihre Erscheinung vollends grotesk werden ließ. “Du musst Mick sein. Deine Mutter hat gesagt, dass Du kommst.”
“Wa?!” entfuhr es mir, während ich unter dem Gewicht der Säcke leicht ins Taumeln geriet.
“Ich bin Yvonne.” sagte sie und streckte mir eine Pranke entgegen, die ich verwirrt betrachtete. Aus meinen Schultern verschwand langsam das Gefühl.
Sie sah mich mit den Säcken auf dem Rücken dastehen und ihre Augen blitzten mich freundlich an.
“Warte, ich helf Dir mal.”
Yvonne schnappte sich die Säcke mit einer Leichtigkeit wie She-Ra, die gerade ihr Schwert gezogen und Für die Ehre von Grayskull in den Abendhimmel gerufen hatte.
“Ich zeig Dir mal, wo die hinkommen.” flötete sie. “Wir haben hinter dem Stall eine Futterkiste.”
Sie stampfte mir voraus, dass ich kaum hinterherkommen konnte.
“Im Auto sind noch ein paar Säcke.” rief ich ihr zu.
“Dann hol die mal.” sagte sie, blieb an der Scheunentür stehen und ihre Augen blitzten mich weiter freundlich an.
Mit Affenarmen latschte ich zum Auto zurück, holte die anderen Säcke aus dem offenen Kofferraum und trug sie mit Yvonne auf die Rückseite des Stalls.
Am Zaun vor den Pferdekoppeln, auf denen ein paar Gäule umhertrabten, stand eine große grüne Kiste, in die ich die Äpfel hineinschütten durfte.
“Wollen wir gleich die Pferde füttern?” fragte sie mich mit strahlenden Augen, als würde sie mit einem kleinen Kind sprechen, langte in die Kiste und griff mit einer Hand fünf Äpfel heraus.
Bevor ich was sagen konnte, führte sie die andere Hand zum Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus. Sofort kam eine wilde Horde Pferde angaloppiert, dass mir Angst und Bange wurde, und versammelte sich vor dem Zaun.
Unruhig wich ein paar Schritte zurück, als ein weiß und schwarz geflecktes Riesenvieh genau auf mich zukam und neugierig in meine Richtung schnupperte.
“Hier, gib ihn ihr.” sagte Yvonne und warf mir einen Apfel zu, den ich zufällig geschickt mit der rechten Hand auffing, was mir allerhöchstens bei einem von fünfundzwanzig Versuchen gelingen würde.
“Was ist, wenn die Kuh mir die Hand abbeißt?” fragte ich scherzhaft.
“Das ist keine Kuh!” rief Yvonne entrüstet. “Sie ist eine sehr hübsche Appaloosa-Stute und die beißt keinem die Hand ab!”
Du meine Güte! Soviel Humor wie eine Klingonin!
Wenn ich allerdings gedacht hatte, der schwarz-weiße Gaul wäre groß, dann nur deshalb, weil ich vorher das Riesenross nicht gesehen hatte, das nun neugierig angetrabt kam. Schwarz wie Fury.
“Was ist das?” fragte ich aus einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht heraus.
“Das ist ein Friese.” sagte Yvonne. “Du weißt gar nichts über Pferde, oder?”
“Doch, ich weiß, wie sie schmecken.” antwortete ich und reichte Fury vorsichtig den Apfel, den er zwischen die riesigen Zähne nahm und genüsslich zermalmte.
“Du isst Pferdefleisch?” rief Yvonne entsetzt. “Das ist doch unmenschlich!”
“Unmenschlich?” fragte ich. “Das sind Schweine auch und trotzdem fressen wir die.”
“Aber Pferde sind doch so hübsche Tiere!” Ihr Stimmchen zitterte vor Aufregung.
“Das sind kleine Lämmchen auch und trotzdem fressen wir die. Und hast Du mal diese kleinen, gelben, flauschigen Küken gesehen?”
In ihre Augen, die vorher noch so freundlich ausgesehen hatten, schlich sich eine stählerne Kälte.
“Ja, schon klar. So ein Sturkopf wie Du kann die Schönheit der Natur nicht mal erkennen, wenn sie direkt vor ihm steht.” sagte sie erbost und ich überlegte, ob sie nun die Pferde oder sich selbst gemeint hatte. “Halt Dich von diesen Pferden hier lieber fern, okay?” fügte sie noch hinzu und sah mich zornig an.
Um ihr keine Gelegenheit zu geben, mit einer Hand meinen Arm zu greifen und ihn wie ein Streichholz zu zerbrechen, begab ich mich zum Auto meiner Mutter zurück und ließ Wagners Walküre am Zaun stehen. Wozu sollte ich mich hier anmachen lassen?
Meine Mutter sah mich erwartungsvoll an, als ich mich neben sie ins Auto setzte. Ungerührt erwiderte ich ihren Blick.
“Giddy up.” sagte ich und bedeutete mit einer Hand, dass sie losfahren sollte.
“Wie ist es denn gelaufen?” fragte sie.
“Ich hab die Äpfel in so eine Kiste getan.”
“Und?”
“Was und?”
“Was ist mit Yvonne?”
“Die füttert jetzt die Pferde.” sagte ich. “Mit Äpfeln.” fügte ich hinzu.
Eine Regung der Enttäuschung fuhr über das Gesicht meiner Mutter, als sie sich abwendete und den Motor startete.
“Ich hätte Yvonne noch fragen sollen, ob Pferde mit Äpfeln gefüllt besser schmecken.” sagte ich nachdenklich.
Mit verbissenem Gesicht lenkte meine Mutter ihre Gurke vom Hof und sagte ein paar Minuten nichts.
“Wenn Du immer so unhöflich bist, kann ich Dich wohl kaum einer Tochter von meinen Freundinnen vorstellen!” platzte sie irgendwann heraus.
Darauf hatte ich gewartet!
“Das sollst Du auch gar nicht!” rief ich. “Ich scheiß auf diese Töchter.”
Mit einer so schnellen Bewegung, dass ich sie kaum sehen konnte, nahm meine Mutter die rechte Hand vom Lenkrad, was sie sonst aus Gründen der Verkehrssicherheit nie tat, und gab mir einen kräftigen Klaps auf den Hinterkopf.
“Du sollst nicht immer so ordinär reden, Mick Petersen!”
“Ja, Mama.” sagte ich beschämt.
“Was musst Du immer so gemein sein? Was hat Yvonne Dir denn getan?”
“Sie sieht aus wie Axel Schulz.”
“Red’ doch keinen Unsinn!”
“Doch! Yvonne ist genauso ein weißer Riese. Ich wette, sie könnte George Foreman auch vermöbeln.”
“Ich weiß zwar nicht, was Du damit meinst,” haspelte sie aufgebracht, “aber sie ist so eine Nutte, äh ich meine, so eine Nette.” schloss sie ihren verkorksten Satz und fuhr sauer darüber schweigend weiter. Das Schweigen dauerte immerhin zehn Sekunden, dann sah sie mich von der Seite an.
“Und hör auf zu grinsen!”
“Guck lieber auf die Straße, Mama.”
“Yvonne hat eine schöne Stimme!” versuchte sie, ihre Argumente zu bekräftigten.
“Und das ist auch irgendwie krank! Lass es einfach bleiben, mich verkuppeln zu wollen.” sagte ich.
Es gelang ihr aber, meinen letzten Satz zu ignorieren, in dem sie bemerkte, dass in diesem Moment Wolfgang Petry im Radio anfing, von der Hölle zu singen.
“Oh, Wolle!” rief sie freudig aus und griff nach dem Lautstärkeregler.
“Nein, Mama! Lass doch!” rief ich entsetzt, aber es war zu spät. Sie drehte den Pegel auf volle Stärke und sang lauthals mit.
Den Rest der Rückfahrt versuchte ich, herauszufinden, welche Autofahrt schlimmer war: Diese hier oder mich von Hinnaak zum Zahnarzt fahren zu lassen.

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