“Verdammte Kacke!” entfuhr es mir, als ich den Brief las. Gerade hatte ich einen Topf Wasser für Spaghetti auf den Herd gestellt und wollte in der Zeitung lesen, als mir dieser Brief entgegenfiel. Und der kam einem Faustschlag ins Gesicht gleich. Ein Brief von der Bundesagentur für Arbeit. Darin, wie in offiziellen Briefen üblich in kühlem, sachlichem Amtsdeutsch, wurde mir verklickert, dass ich ab nächstem Monat nur noch Arbeitslosengeld II beziehen würde. Und zwar weil ich mich bereits seit zwölf Monaten einen Scheiß darum scherte, irgendwann mal wieder eine Anstellung zu finden. Das auch zum Leidwesen meiner eigenen Mutter, die ihren zahlreichen Freundinnen ständig erklären musste, dass ihr Mick ja eigentlich gar kein fauler Hund war. Dass ich erst 21 Jahre alt war und in einer, wie ich es zu bezeichnen pflegte, Orientierungsphase steckte, zudem mit einem Mitbewohner zusammenlebte, der mich mit seiner Unordnung und Lebensart schier wahnsinnig machte, konnten die Jungs und Mädels von der Agentur Für Arbeit natürlich nicht wissen. Zwar war unsere Vierzimmerwohnung relativ günstig, aber für einen Arbeitslosen und einen Zivildienstleistenden natürlich trotzdem zu teuer und mein Mitbewohner Erik, den ich immer nur Hinnaak nannte, weil dieser Name so beknackt klang, wie er sich immer verhielt, verdiente als Zivi im städtischen Krankenhaus auch nicht gerade viel Knete.

Ich hatte eine Ausbildung zum Werbekaufmann mit Bravour absolviert und war dafür drei Jahre lang zu einer ziemlich weit entfernten Berufsschule mit dem Zug gefahren, was sehr früh aufzustehen bedeutet hatte, aber trotzdem versäumte ich in den ganzen drei Jahren nicht eine einzige Schulstunde. Darauf durfte ich stolz sein. Meine Firma hatte mich auch nur sehr ungern gehen lassen und mir wirklich außergewöhnlich lukrative Übernahmeangebote für eine Festanstellung im Marketingvertrieb gemacht, aber ich hatte nach den drei Jahren vom psychischen Beeinflussen potentieller Käufer die Nase voll gehabt. Vor allem durch eine Begebenheit, die sich zum Ende meiner Ausbildungszeit zugetragen hatte. Da war ich in einem Team eingesetzt gewesen, das beauftragt war, mit einem maßgeschneiderten Werbefeldzug den Käufermarkt für Wasaki, einer neuen, revolutionären Spielzeugentwicklung aus Japan zu ebnen. Der Auftrag war direkt aus Tokio gekommen, von einem der größten Spielwarenhersteller der Welt, der dort seinen Hauptsitz hatte. Die festangestellten sogenannten Kreativköpfe seiner Firma hatten wochenlang gegrübelt und dem Auftraggeber mehrere Konzepte vorgeschlagen, die diesem allesamt nicht gefallen hatten. Dann war mir eines Abends auf dem Lokus eine Idee gekommen, die ich gleich am nächsten Morgen meinem Chef vorgelegt hatte und weil alle anderen Kollegen gerade unter einer Einfallsblockade litten, ordnete er an, meinen Vorschlag zu bearbeiten. Bei der detaillierten Ausarbeitung hatte ich vehement auf meinen Ideen bestanden und schließlich war der Chef mit diesem Konzept zu den Japanern gegangen. Ein halbes Jahr später war der Werbefeldzug bereits ein voller Erfolg, der Fernsehspot lief am Wochenende morgens auf den privaten Sendern zwischen den Zeichentrickserien, die Kleinanzeigen in den Comicheften kamen gut an und die Verbraucherumfragen erfanden beinahe neue Prädikate für Wasaki. Selbst die großen Spielzeuggeschäfte konnten, gerade zu der damals anstehenden Weihnachtszeit, die gewaltige Nachfrage kaum befriedigen. Von meinem Chef erhielt ich eine besondere Belobigung, die auch in meinem Ausbildungszeugnis stand. Die Japaner waren schwer beeindruckt gewesen, dass ein junger Auszubildender dieses geniale Marketingkonzept entwickelt hatte und überreichten mir als Auszeichnung das Prototyp-Exemplar von Wasaki als Geschenk, handsigniert vom Erfinder. Der hieß Sakumoto oder so. Trotzdem konnte ich auf diese ganzen Ehrungen nicht stolz sein, denn der Gedanke, dass dieser überreiche japanische Konzern jetzt noch reicher wurde, weil er den Kindern mit meiner Hilfe das Geld aus der Tasche ziehen konnte, kotzte mich regelrecht an. Außerdem war mir bei dieser Gelegenheit die Spielzeugvermarktung meiner eigenen Kindheit in den Sinn gekommen und dass schon früher die He-Man-Figuren viel teurer gewesen waren, als sie hätten sein müssen, was mir noch heute den Besitz meiner fast vollständigen Sammlung von He-Man-Figuren ein bisschen vergällte. So schmiss ich nach bestandener Prüfung meinen Beruf hin, obwohl mir bescheinigt wurde, mit diesem Zeugnis sehr gute Zukunftschancen zu haben. Da ich die Verkaufszahlen dieses neuen Renners auf dem Spielzeugmarkt durch bundesweit erstellte Statistiken genau kannte, rechnete ich noch am selben Tag nach meiner bestandenen Abschlussprüfung in einer sehr feuchten und hochprozentigen Nacht in einer Schnapslaune aus, wie viel die Staatskasse durch dieses Produkt an Einfuhr- und Mehrwertsteuer verdienen würde und das hochgerechnet auf mehrere Jahre. Als ich diese Summe sah, kam ich nach kurzer Bedenkzeit zu dem Entschluss, eine berufliche Atempause einzulegen und mich vom Staat ein bisschen aus diesem Topf bezahlen zu lassen. Noch in derselben Nacht fing Hinnaak, der natürlich sehr gern mitgefeiert hatte, an, mit dem Prototyp-Wasaki zu spielen. Und nach fünf Minuten war er kaputt.

Mit Hinnaak war ich schon vor geraumer Zeit zusammengezogen. Aus jugendlichem Leichtsinn heraus war später ein regelrechter Freiheitswahn geworden, der uns aus den elterlichen Häusern in eine gemeinsame Wohnung getrieben hatte. Viel Geld hatten wir zwar nie gehabt und mit meinem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben war das Budget noch kleiner geworden, aber zusammen konnten wir uns bis jetzt immer über Wasser zu halten, da wir unser Geld zusammenschmissen und gemeinsam haushalteten, bzw. weil ich den Haushalt managte. Aber jetzt sah es durch die plötzliche Kürzung meines Einkommens für alle Beteiligten sehr düster aus. Meine Mutter anzubetteln, kam für mich nicht in Frage, obwohl sie es sich durchaus hätte leisten können.

Es ging auf 17:00 Uhr zu, Essenszeit.
Eine Lösung musste her. Wie könnte man bequem sein Einkommen erhöhen?
Irgendwen anpumpen kam nicht in Frage, Lottogewinn eher unwahrscheinlich, irgendwas zu verkaufen wäre nur eine kurzfristige Lösung und mir einen Job zu suchen, kam nicht in Frage.
Mal sehen, was Hinnaak dazu sagen würde.
Ich nahm den Topf vom Herd. Die Spaghetti waren fertig.Hinnaak war wie immer zu spät dran aber ohne ihn anfangen durfte ich nicht. Alleine zu essen fand er scheiße.
Trotzdem würde ich nur noch Teller und Besteck aus dem Schrank holen und dann alleine anfangen zu essen. Hinnaaks ewige Unpünktlichkeit ging mir auf die Nerven, wie so vieles andere auch.
Wenigstens hatte jeder von uns sein separates Zimmer, dafür war die Wohnung groß genug. Außerdem hatten wir ein Wohnzimmer, das wir beide gemeinsam nutzten.
Das war mir von Anfang an wichtig gewesen, dass jeder die Möglichkeit haben würde, dem anderen aus dem Weg gehen zu können. Hinnaak wärs wohl egal gewesen, mir aber nicht. Schließlich kannte ich ihn schon ein paar Jahre.
Gerade wollte ich anfangen, meinen Teller mit dampfenden Spaghetti zu füllen, da hörte ich den Schlüssel in der Tür. Kurz darauf betrat Hinnaak die Küche, ein breites Grinsen im Gesicht.
“Was gibt’s zu grinsen, Hinnaak?” fragte ich unwirsch.
Er lachte.
“Rate mal, wieso ich so spät dran bin, Dörte.”
“Weil diese Zeitbombe von Auto, die Du fährst, endgültig abgekackt hat, hoffe ich. Das würde mir den Nachmittag ein bisschen versüßen.”
“Knapp daneben.” antwortete er und übersah gnädig meinen Seitenhieb auf sein Auto. “Weil zwei fickende Hunde den Verkehr auf der Kreuzung zum Erliegen gebracht haben.”
“Warst Du vielleicht selber einer der fickenden Hunde?”
“Was Du immer von mir denkst!” sagte er mit gespieltem Entsetzen, holte eine Bierdose aus dem Kühlschrank und ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen.
Mit geübter Handbewegung öffnete er die Büchse und nahm einen ordentlichen Schluck.
Dann griff er Gabel und Löffel mit beiden Händen und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch.
“Wir haben Hunger Hunger Hunger, haben Hunger Hunger Hunger, haben Hunger Hunger Hunger, haben Durst…” sang er laut und unmelodisch mit überschlagender Stimme.
“Halt den Rand! Wenn Du schon zu spät kommst, weil Du unbedingt zwei fickende Hunde begaffen musstest, geh mir wenigstens nicht schon in den ersten fünf Minuten auf die Eier!”
“Mann, haben wir ‘ne Laune. Was hat Dir denn den Tag verhagelt?”
“Dieser Brief hier. Lies und lebe in Furcht.”
Hinnaak las den Brief schweigend durch.
“So wie es aussieht, müssen wir mal über finanzielle Angelegenheiten reden.” meinte er nach ein paar Minuten. “Unser Geld scheint knapp zu werden.”
“Bravo, mein lieber Watson.”
“Wir müssen sparen, was?”
“Richtig. Also Schluss mit dem Saufen und alle zwei Minuten ‘ne Fluppe anzünden. Und vor allem Schluss mit den Pornos!”
Hinnaak wurde bleich im Gesicht.
“Hey, wir haben unser gemeinsames Haushaltsgeld und jeder auch noch seinen eigenen Teil, das hatten wir so ausgemacht, Dörte.” sagte er aufgebracht. “Von unserer Haushaltskohle verballer ich bestimmt nichts. Haben wir noch ein bisschen was auf der Bank?”
“Ja, noch ja. Aber unseren Plan, einen Van Gogh ins Klo zu hängen, müssen wir erst mal verschieben, fürchte ich.”
“Also? <Was tun?> sprach Zeus.”
Ich griff nach dem Brief.
“Ich werde auf jeden Fall etwas dagegen unternehmen.”
“Was meinst Du?” fragte Hinnaak.
“Ich werde am Montag zur Arbeitsagentur gehen und Widerspruch einlegen.”
“Und Du meinst, das funktioniert?”
“Klar. Ich kenn doch meine Rechte, Mann.”
“Zur Arbeitsagentur kann ich Dich Montag mitnehmen, wenn Du willst.” bot Hinnaak an und füllte seinen Teller mit Nudeln.
“Erstens machen die, soweit ich weiß, erst um neun Uhr oder so auf und Du musst schon um halb acht im Krankenhaus sein, wenn ich mich nicht irre und zweitens würde ich lieber hinhinken, als mit Dir im Auto hinzufahren, Hinnaak.”
Eine Weile aßen wir schweigend, außer Hinnaaks Schlürfen, wenn er aus seiner Bierdose trank und dem Ticken der Küchenuhr, war nichts zu hören.
“Wie wär’s mit einem dritten Mann?” fragte er plötzlich.
“Wa?”
“Für den Fall, dass das mit Deinem Widerspruch nicht funktioniert und meine Bewerbung bei Wer wird Millionär? weiterhin ignoriert wird, könnten wir unsere Miete mit einem weiteren Mitbewohner durch drei teilen.”
“Eigentlich will ich keinen Wildfremden in meiner Wohnung haben.” sagte ich. Bei dem Gedanken bekam ich ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend.
“Die Bude ist nun wirklich groß genug. Wovor hast Du denn Angst?”
“Ich hab vor gar nichts Angst, aber Deine Pornosammlung wirst Du dann wohl woanders unterbringen müssen.”
“Verdammt, das hab ich ja ganz vergessen!” fluchte Hinnaak und schlug mit der Faust auf den Tisch.
“Deine ganzen bekackten Kartons müssen dann aus dem Zimmer raus.” sagte ich schadenfroh.
“Dein bekackter Staubsauger aber auch!” erwiderte Hinnaak gehässig.
“Zuerst wollen wir mal sehen, ob wir das überhaupt machen müssen. Erst mal werde ich den Widerspruch einlegen und Montagnachmittag lachen wir darüber und tanzen Mambo.”
“Das mit dem dritten Mann sollten wir trotzdem so schnell wie möglich anleiern.” meinte Hinnaak. “Weil es nämlich ganz schön lange dauern kann, einen brauchbaren Mitbewohner zu finden.”
“Wem sagst Du das? Ich hab bis heute keinen gefunden. Aber den Widerspruch mach ich doch schon Montag. Was sollen die paar Tage schon ausmachen?”
“Nein nein.” sagte Hinnaak vehement. “Zeit ist goldgepresstes Latinum.”
“Na gut. Wir können ja vorsichtshalber mal eine Anzeige im Blatt schalten.”
“Du mit Deinem Blatt, das liest doch keiner außer Dir! Wenn, dann müssen wir das im größeren Stil aufziehen.”
“Ja genau! Am besten einen Werbespot in der Halbzeit vom Championsleagefinale oder was stellst Du Dir vor?”
Hinnaak schwieg.
“Oder willst Du eine Anzeigetafel mieten?” fuhr ich fort. Es nervte mich schon genug, mir überhaupt über einen dritten Mitbewohner Gedanken machen zu müssen. “Ich meine, das Blatt ist eine regionale Zeitung, da erreichen wir unsere relevante Zielgruppe viel eher. Wenn das schon sein muss.”
“Okay, machen wir es halt im Blatt, wenn Du das meinst, Herr Propagandaminister.” sagte Hinnaak, fuhr sich eine Riesenladung Nudeln in den Schlund und spülte mit Bier nach. Ein Gourmet war er übrigens auch nicht gerade.
“Dann kannst Du das ja morgen machen, Du hast ja ein Auto.” sagte ich.
“Ach, jetzt ist es plötzlich wieder ein <Auto>, ja?” meinte Hinnaak interessiert und legte sein Besteck zu Seite. “Keine <todbringende Rußschleuder> mehr?”
“So was würde ich doch nie sagen!” wehrte ich ab.
“Was ist mit der <tödlichsten nicht-militärischen Waffe außerhalb der Vereinigten Staaten> passiert?”
“Hör doch auf, Mann…” grinste ich.
“Und die <erste mobile Geister- und Achterbahn-Kombination der Welt>?”
“Das war doch nur Spaß…”
“<Der mechanische Höllenhund>?!”
“Okay, okay! Beruhig Dich. Wer sollte es denn sonst machen?”
“Nimm doch Dein Fahrrad.”
“Aber die Redaktion ist am anderen Ende der Stadt…”
“Weißt Du, dass Du unter den faulen Säcken weltweit einen der vordersten Plätze belegen würdest?
“Na ja, weißt Du, das ist vielleicht Deine Meinung, Mann.”
“Von mir aus. Dann gebe ich morgen die Anzeige halt selber auf.” seufzte Hinnaak, kratzte den Rest Nudeln vom Teller und stand auf. “Die Sauce war heute übrigens wirklich sehr exquisit, mein Schatz.” meinte er und verließ die Küche.
Ich saß noch eine Weile da und überlegte, ob ich den Abwasch stehen lassen sollte, schließlich war Hinnaak heute dran. Aber mir war klar, dass die eingetrockneten Töpfe dann morgen noch da stehen würden, und morgen früh neben vertrockneten Töpfen frühstücken zu müssen, hatte ich nicht vor.
Nicht schon wieder!
Hinnaak war zwar ab und zu lästig, mit leichter Tendenz zur Unerträglichkeit, vor allem, was die Sauberkeit und die Ordnung in der gemeinsamen Wohnung betraf, aber wenn er mir schon die Fahrt zur Redaktion abnehmen würde, dann konnte ich auch mal den Abwasch für ihn machen.
Also erhob ich mich und machte mich ans Werk, nachdem ich hören musste, wie Hinnaak im Flur rülpste, dass die Wände wackelten und die Gläser im Schrank klirrten.

Blaues Sonnenlicht erfüllte den Raum und ein einzelner Strahl fiel durch eine Ritze im Vorhang meines Himmelbettes und nahm sich die Frechheit heraus, mich zu blenden. Solange ich mich zurückerinnern kann, hat das Morgenlicht, eingefärbt durch die blauen Vorhänge, in mir die Vorstellung geweckt, unter Wasser zu schlafen.
Kaum dass ich an diesem Morgen wach war, holten mich die Sorgen wieder ein.
Das scheiß Geld immer! Wie hieß es doch so schön: Kein Geld ist schlecht, aber gar kein Geld?
Auch wenn ich mich um eine bezahlte Arbeit die letzte Zeit erfolgreich herumgedrückt hatte, als faul würde ich mich nicht bezeichnen lassen. Unsere Bude nach Hinnaaks Lebensart sauber zu halten, war nämlich ein Job für drei Hausfrauen.
Hinnaak war erfolgreicher darin, Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Frauen nachzurennen. Außerdem spielte er hin und wieder Fußball. Gar nicht schlecht übrigens. Ich habe ihn schon einige Male spielen und Flanken schlagen sehen, dass sogar Manfred Kaltz ins Staunen gekommen wäre. Aus diesem Talent hätte man was machen können. Daran hatte Hinnaak nur leider kein Interesse. Er sammelte lieber leere Bierdosen und Pornofilme als geschossene Tore. Sein Traumberuf war im Übrigen auch Pornostar, was ich gut verstehen konnte. Es ist immer erstrebenswert, sein Hobby zum Beruf zu machen.
Er konnte auch gut irgendwelche Sachen organisieren, wo andere Leute gescheitert wären. Das war manchmal zum Haareraufen, aber er sprach nie darüber. Wahrscheinlich würde er unsere Wohnungsanzeige für umsonst organisieren. Na ja. Das war wohl doch etwas übertrieben.
Vielleicht würde unsere Wohnungsanzeige heute schon im Blatt stehen! fiel mir dabei ein und ich setzte mich auf die Bettkante, nachdem ich die Vorhänge beiseitegeschoben hatte.
Im Grunde wollte ich natürlich keinen weiteren Mitbewohner in meiner Wohnung haben, aber besser als arbeiten war das allemal. Einen dritten Mann zog ich als letzten Notnagel in Betracht.
Falls es trotz meines Einspruchs bei der Arbeitsagentur wider Erwarten doch nötig sein sollte, stellte ich mir als dritten Mann einen ruhigen, ausgeglichenen und ordentlichen Typen vor, der auch in der Lage war, die Bude sauber zu halten, ohne dass nur ich ständig den Wischer würden schwingen müssen. So lief es nämlich im Moment.
Ein bisschen sah ich diese finanzielle Krise wie eine Herausforderung. Arbeiten würde ich nur, wenn sich ein wirklich triftiger Grund für mich finden würde. Ohne Zwang.
Mein Blick suchte meinen Wecker:
8:37 Uhr stand auf der roten LED-Anzeige.
Mein T-Shirt hing mir verdreht um die Schultern, als ich aufstand, aber das war mir egal.
Kopfkratzend, meine Haare lagen schon wieder so wirr wie bei einem Wahnsinnigen, wankte ich über den Flur zur Haustür und holte mir die Zeitung, die wie immer zu dieser Tageszeit vor der Wohnungstür lag.
Mein Rücken knackte, als ich mich nach dem Blatt bückte. Ächzend richtete ich mich wieder auf, schloss die Tür und steuerte langsam die Küche an.
Auf dem Weg dorthin kam ich am Badezimmer vorbei und durch die geöffnete Tür fiel mein Blick auf ein Chaos aus Klopapier, Handtüchern und Waschlappen, die am Boden lagen, Wattestäbchen verteilt im Waschbecken und Pissflecken neben der Toilette. Klare Anzeichen dafür, dass Hinnaak ein bisschen verpennt hatte.
Angewidert verdrehte ich die Augen. Um dieses Pompeji würde ich mich später kümmern. Und um Hinnaak würde ich mich auch kümmern. Für ihn wäre es nicht mal ein Problem, das bekackte Bernsteinzimmer zu verwüsten.
In der Küche mixte mir erst mal einen schönen Kakao, nachdem ich im Badezimmer das seit Stunden brennende Licht ausgeknipst hatte.
Entspannt setzte ich mich an den Tisch, auf dem Gott sei Dank noch etwas Ordnung war.
Hinnaak hatte scheinbar keine Zeit mehr gehabt, sich sein morgendliches Nutellabrot reinzustopfen und auch noch in der Küche Chaos zu verbreiten.
Bei meinem stressigen Leben musste man sich manchmal auch etwas Ruhe gönnen und deswegen ließ ich den Tag langsam angehen. Mit meiner Tasse Kakao und meinem Blatt, das ich stets von vorne bis hinten komplett durchsah, saß ich am Tisch und genoss die Ruhe der leeren Wohnung.
Auf dem Titelblatt wurde groß und breit über den geplanten Neubau eines Erlebnisbades in der Nähe meiner kleinen Stadt berichtet. Darüber wurde aber schon seit Jahren verhandelt. Ebenso wie über neue Parkplätze bei der Berufsschule. Das interessierte mich also nicht so.
Darunter standen ein paar lokale Sportmeldungen. Unter anderem konnte ich den kleineren Schlagzeilen entnehmen, dass Hinnaaks Team von einem Aufsteiger mit 7:0 vom Platz gefegt worden war. Daneben war ein kleines unscharfes Foto von einem Typen, der gerade den Titel des Kickbox-Bezirksmeisters erlangt hatte. Interessierte mich nicht.
Die Immobilienanzeigen standen immer weiter hinten. Die wollte ich mir heute als erstes ansehen.
Beim schnellen Überblättern überflog ich die Witze- und Rätselseite und blätterte sofort weiter. Die Witze waren sowieso immer uralt und das Kreuzworträtsel beleidigte meine Intelligenz. Dann blieb mein Blick auf der Seite der kulturellen Veranstaltungen hängen.
Neben dem Spielplan des Stadttheaters und der Filmauskunft des Kinos wurde auf ein rhythmisches Ritual hingewiesen, das demnächst in der Stadthalle zelebriert werden würde: Eine 80er-Jahre Party. Dabei wurde sogar darum gebeten, dass die Besucher sich Retromäßig kleiden sollten! Da kannte ich ja einen, der hingehen würde. Hinnaak fuhr auf so einen Blödsinn total ab.
Auf der nächsten Seite stand noch ein weiterer Hinweis auf die Stadthalle. <Talentwettbewerb in der Stadthalle> stand da. <Ob Solokünstler oder Band: Beim Talentwettbewerb in der Stadthalle könnt Ihr zeigen, was Ihr draufhabt. Dem Gewinner winkt ein Auftritt bei Rock am Ring!!!>
Dabei stand ein Datum, das noch Monate weit weg war. Die fingen ja früh an, die Werbetrommel zu rühren. Wahrscheinlich wollten sie den Amateurbands genügend Zeit geben, sich vorzubereiten.
Dann kam endlich die Anzeigenseite. Unter Suche, Biete, Tausche, du fehlst mir so und wehe, du meldest dich stand die Wohnungsrubrik, die heute mal so außergewöhnlich klein ausfiel, dass mir Hinnaaks Annonce sofort ins Auge sprang:

dritter mann gesucht f. WG. 4-zi.-wng, citynähe, alle sexuellen neigungen willkommen

Einen Moment glaubte ich an einen Scherz, einen verspäteten Aprilstreich. Die Realität jedoch lag unerbittlich schwarz auf weiß vor mir: Unsere Anschrift, unsere Telefonnummer und eine Einladung an alle Perversen der Stadt, doch mal auf Kaffee und Kuchen und ‘ne schnelle Orgie vorbeizukommen!
Hinnaak war echt ein Genie! Wie konnte dieser Hornochse nur so eine Kacke in unsere Anzeige setzen lassen?!
Erstens zahlte man pro Wort ja wohl ein Vermögen und darüber hinaus hatte er sie auch noch fett drucken lassen!
Ich war platt. Mir schwanden die Sinne. Die Zeitung in meinen Händen fing an zu zittern.
Das war ja wohl so was von nicht auszuhalten, mir krampfte sich vor Zorn der Magen zusammen. Wie war er bloß auf so eine beschissene Idee gekommen?!
Mit einem Ruck, dass der Stuhl an die Wand hinter mir schlug, stand ich auf und warf die Zeitung wütend auf den Boden. Dann trat ich sie mit Schwung in die Ecke.
Scheiß Hinnaak!

*

Ursula Petersen, die von ihren Freundinnen Uschi genannt wurde, saß in ihrem Wohnzimmer auf dem Lesesessel und starrte schockiert auf die Anzeige, die sie in den Händen hielt. Durch puren Zufall war sie heute beim Durchblättern der Zeitung bei den Wohnungsannoncen hängengeblieben, wo ihr sofort diese fettgedruckte Anzeige mit dem Zusatz <alle sexuellen neigungen willkommen> ins Auge gesprungen war.
Sie hatte zuerst amüsiert darüber gelächelt, auf welche Art und Weise manche Leute sich Gleichgesinnte suchten, bis ihr die Telefonnummer darunter aufgefallen war.
Zuerst glaubte sie an einen Irrtum ihrerseits, aber nachdem sie ihr Telefonverzeichnis geholt und die Nummern verglichen hatte, gab es keinen Zweifel mehr.
Da stand der Privatanschluss ihres Sohnes Mick. Und daneben sogar seine Adresse!
Wie konnte das bloß sein? Ein Versehen? Ein übler Scherz?
Das musste sie sogleich überprüfen!
So flink sie konnte, marschierte sie zum Telefon und wählte mit zitternden Händen Micks Nummer aus dem Notizbuch.
Hatte er etwa eine solche Anzeige aufgegeben? überlegte sie. Warum sollte er so was tun?
Suchte er so dringend eine Freundin?
Sie hörte das träge Rattern in der Leitung. Dann, nach einer halben Ewigkeit, kam das Freizeichen.
Ob das Zusammenleben mit diesem komischen Burschen Erik, den Uschi nie sonderlich gemocht hatte, eine solche Auswirkung auf ihren Sohn haben könnte?
Sie musste unbedingt mit ihm sprechen!
Das Freizeichen nahm kein Ende.
Wo war der Junge bloß?
Manchmal hatte sie keine Ahnung, was in Mick so vorging.

*

“Verdammte Kacke!” entfuhr es mir, als ich den Brief las. Gerade hatte ich einen Topf Wasser für Spaghetti auf den Herd gestellt und wollte in der Zeitung lesen, als mir dieser Brief entgegenfiel. Und der kam einem Faustschlag ins Gesicht gleich. Ein Brief von der Bundesagentur für Arbeit. Darin, wie in offiziellen Briefen üblich in kühlem, sachlichem Amtsdeutsch, wurde mir verklickert, dass ich ab nächstem Monat nur noch Arbeitslosengeld II beziehen würde. Und zwar weil ich mich bereits seit zwölf Monaten einen Scheiß darum scherte, irgendwann mal wieder eine Anstellung zu finden. Das auch zum Leidwesen meiner eigenen Mutter, die ihren zahlreichen Freundinnen ständig erklären musste, dass ihr Mick ja eigentlich gar kein fauler Hund war. Dass ich erst 21 Jahre alt war und in einer, wie ich es zu bezeichnen pflegte, Orientierungsphase steckte, zudem mit einem Mitbewohner zusammenlebte, der mich mit seiner Unordnung und Lebensart schier wahnsinnig machte, konnten die Jungs und Mädels von der Agentur Für Arbeit natürlich nicht wissen. Zwar war unsere Vierzimmerwohnung relativ günstig, aber für einen Arbeitslosen und einen Zivildienstleistenden natürlich trotzdem zu teuer und mein Mitbewohner Erik, den ich immer nur Hinnaak nannte, weil dieser Name so beknackt klang, wie er sich immer verhielt, verdiente als Zivi im städtischen Krankenhaus auch nicht gerade viel Knete.

Ich hatte eine Ausbildung zum Werbekaufmann mit Bravour absolviert und war dafür drei Jahre lang zu einer ziemlich weit entfernten Berufsschule mit dem Zug gefahren, was sehr früh aufzustehen bedeutet hatte, aber trotzdem versäumte ich in den ganzen drei Jahren nicht eine einzige Schulstunde. Darauf durfte ich stolz sein. Meine Firma hatte mich auch nur sehr ungern gehen lassen und mir wirklich außergewöhnlich lukrative Übernahmeangebote für eine Festanstellung im Marketingvertrieb gemacht, aber ich hatte nach den drei Jahren vom psychischen Beeinflussen potentieller Käufer die Nase voll gehabt. Vor allem durch eine Begebenheit, die sich zum Ende meiner Ausbildungszeit zugetragen hatte. Da war ich in einem Team eingesetzt gewesen, das beauftragt war, mit einem maßgeschneiderten Werbefeldzug den Käufermarkt für Wasaki, einer neuen, revolutionären Spielzeugentwicklung aus Japan zu ebnen. Der Auftrag war direkt aus Tokio gekommen, von einem der größten Spielwarenhersteller der Welt, der dort seinen Hauptsitz hatte. Die festangestellten sogenannten Kreativköpfe seiner Firma hatten wochenlang gegrübelt und dem Auftraggeber mehrere Konzepte vorgeschlagen, die diesem allesamt nicht gefallen hatten. Dann war mir eines Abends auf dem Lokus eine Idee gekommen, die ich gleich am nächsten Morgen meinem Chef vorgelegt hatte und weil alle anderen Kollegen gerade unter einer Einfallsblockade litten, ordnete er an, meinen Vorschlag zu bearbeiten. Bei der detaillierten Ausarbeitung hatte ich vehement auf meinen Ideen bestanden und schließlich war der Chef mit diesem Konzept zu den Japanern gegangen. Ein halbes Jahr später war der Werbefeldzug bereits ein voller Erfolg, der Fernsehspot lief am Wochenende morgens auf den privaten Sendern zwischen den Zeichentrickserien, die Kleinanzeigen in den Comicheften kamen gut an und die Verbraucherumfragen erfanden beinahe neue Prädikate für Wasaki. Selbst die großen Spielzeuggeschäfte konnten, gerade zu der damals anstehenden Weihnachtszeit, die gewaltige Nachfrage kaum befriedigen. Von meinem Chef erhielt ich eine besondere Belobigung, die auch in meinem Ausbildungszeugnis stand. Die Japaner waren schwer beeindruckt gewesen, dass ein junger Auszubildender dieses geniale Marketingkonzept entwickelt hatte und überreichten mir als Auszeichnung das Prototyp-Exemplar von Wasaki als Geschenk, handsigniert vom Erfinder. Der hieß Sakumoto oder so. Trotzdem konnte ich auf diese ganzen Ehrungen nicht stolz sein, denn der Gedanke, dass dieser überreiche japanische Konzern jetzt noch reicher wurde, weil er den Kindern mit meiner Hilfe das Geld aus der Tasche ziehen konnte, kotzte mich regelrecht an. Außerdem war mir bei dieser Gelegenheit die Spielzeugvermarktung meiner eigenen Kindheit in den Sinn gekommen und dass schon früher die He-Man-Figuren viel teurer gewesen waren, als sie hätten sein müssen, was mir noch heute den Besitz meiner fast vollständigen Sammlung von He-Man-Figuren ein bisschen vergällte. So schmiss ich nach bestandener Prüfung meinen Beruf hin, obwohl mir bescheinigt wurde, mit diesem Zeugnis sehr gute Zukunftschancen zu haben. Da ich die Verkaufszahlen dieses neuen Renners auf dem Spielzeugmarkt durch bundesweit erstellte Statistiken genau kannte, rechnete ich noch am selben Tag nach meiner bestandenen Abschlussprüfung in einer sehr feuchten und hochprozentigen Nacht in einer Schnapslaune aus, wie viel die Staatskasse durch dieses Produkt an Einfuhr- und Mehrwertsteuer verdienen würde und das hochgerechnet auf mehrere Jahre. Als ich diese Summe sah, kam ich nach kurzer Bedenkzeit zu dem Entschluss, eine berufliche Atempause einzulegen und mich vom Staat ein bisschen aus diesem Topf bezahlen zu lassen. Noch in derselben Nacht fing Hinnaak, der natürlich sehr gern mitgefeiert hatte, an, mit dem Prototyp-Wasaki zu spielen. Und nach fünf Minuten war er kaputt.

Mit Hinnaak war ich schon vor geraumer Zeit zusammengezogen. Aus jugendlichem Leichtsinn heraus war später ein regelrechter Freiheitswahn geworden, der uns aus den elterlichen Häusern in eine gemeinsame Wohnung getrieben hatte. Viel Geld hatten wir zwar nie gehabt und mit meinem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben war das Budget noch kleiner geworden, aber zusammen konnten wir uns bis jetzt immer über Wasser zu halten, da wir unser Geld zusammenschmissen und gemeinsam haushalteten, bzw. weil ich den Haushalt managte. Aber jetzt sah es durch die plötzliche Kürzung meines Einkommens für alle Beteiligten sehr düster aus. Meine Mutter anzubetteln, kam für mich nicht in Frage, obwohl sie es sich durchaus hätte leisten können.

Es ging auf 17:00 Uhr zu, Essenszeit.
Eine Lösung musste her. Wie könnte man bequem sein Einkommen erhöhen?
Irgendwen anpumpen kam nicht in Frage, Lottogewinn eher unwahrscheinlich, irgendwas zu verkaufen wäre nur eine kurzfristige Lösung und mir einen Job zu suchen, kam nicht in Frage.
Mal sehen, was Hinnaak dazu sagen würde.
Ich nahm den Topf vom Herd. Die Spaghetti waren fertig.Hinnaak war wie immer zu spät dran aber ohne ihn anfangen durfte ich nicht. Alleine zu essen fand er scheiße.
Trotzdem würde ich nur noch Teller und Besteck aus dem Schrank holen und dann alleine anfangen zu essen. Hinnaaks ewige Unpünktlichkeit ging mir auf die Nerven, wie so vieles andere auch.
Wenigstens hatte jeder von uns sein separates Zimmer, dafür war die Wohnung groß genug. Außerdem hatten wir ein Wohnzimmer, das wir beide gemeinsam nutzten.
Das war mir von Anfang an wichtig gewesen, dass jeder die Möglichkeit haben würde, dem anderen aus dem Weg gehen zu können. Hinnaak wärs wohl egal gewesen, mir aber nicht. Schließlich kannte ich ihn schon ein paar Jahre.
Gerade wollte ich anfangen, meinen Teller mit dampfenden Spaghetti zu füllen, da hörte ich den Schlüssel in der Tür. Kurz darauf betrat Hinnaak die Küche, ein breites Grinsen im Gesicht.
“Was gibt’s zu grinsen, Hinnaak?” fragte ich unwirsch.
Er lachte.
“Rate mal, wieso ich so spät dran bin, Dörte.”
“Weil diese Zeitbombe von Auto, die Du fährst, endgültig abgekackt hat, hoffe ich. Das würde mir den Nachmittag ein bisschen versüßen.”
“Knapp daneben.” antwortete er und übersah gnädig meinen Seitenhieb auf sein Auto. “Weil zwei fickende Hunde den Verkehr auf der Kreuzung zum Erliegen gebracht haben.”
“Warst Du vielleicht selber einer der fickenden Hunde?”
“Was Du immer von mir denkst!” sagte er mit gespieltem Entsetzen, holte eine Bierdose aus dem Kühlschrank und ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen.
Mit geübter Handbewegung öffnete er die Büchse und nahm einen ordentlichen Schluck.
Dann griff er Gabel und Löffel mit beiden Händen und schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch.
“Wir haben Hunger Hunger Hunger, haben Hunger Hunger Hunger, haben Hunger Hunger Hunger, haben Durst…” sang er laut und unmelodisch mit überschlagender Stimme.
“Halt den Rand! Wenn Du schon zu spät kommst, weil Du unbedingt zwei fickende Hunde begaffen musstest, geh mir wenigstens nicht schon in den ersten fünf Minuten auf die Eier!”
“Mann, haben wir ‘ne Laune. Was hat Dir denn den Tag verhagelt?”
“Dieser Brief hier. Lies und lebe in Furcht.”
Hinnaak las den Brief schweigend durch.
“So wie es aussieht, müssen wir mal über finanzielle Angelegenheiten reden.” meinte er nach ein paar Minuten. “Unser Geld scheint knapp zu werden.”
“Bravo, mein lieber Watson.”
“Wir müssen sparen, was?”
“Richtig. Also Schluss mit dem Saufen und alle zwei Minuten ‘ne Fluppe anzünden. Und vor allem Schluss mit den Pornos!”
Hinnaak wurde bleich im Gesicht.
“Hey, wir haben unser gemeinsames Haushaltsgeld und jeder auch noch seinen eigenen Teil, das hatten wir so ausgemacht, Dörte.” sagte er aufgebracht. “Von unserer Haushaltskohle verballer ich bestimmt nichts. Haben wir noch ein bisschen was auf der Bank?”
“Ja, noch ja. Aber unseren Plan, einen Van Gogh ins Klo zu hängen, müssen wir erst mal verschieben, fürchte ich.”
“Also? <Was tun?> sprach Zeus.”
Ich griff nach dem Brief.
“Ich werde auf jeden Fall etwas dagegen unternehmen.”
“Was meinst Du?” fragte Hinnaak.
“Ich werde am Montag zur Arbeitsagentur gehen und Widerspruch einlegen.”
“Und Du meinst, das funktioniert?”
“Klar. Ich kenn doch meine Rechte, Mann.”
“Zur Arbeitsagentur kann ich Dich Montag mitnehmen, wenn Du willst.” bot Hinnaak an und füllte seinen Teller mit Nudeln.
“Erstens machen die, soweit ich weiß, erst um neun Uhr oder so auf und Du musst schon um halb acht im Krankenhaus sein, wenn ich mich nicht irre und zweitens würde ich lieber hinhinken, als mit Dir im Auto hinzufahren, Hinnaak.”
Eine Weile aßen wir schweigend, außer Hinnaaks Schlürfen, wenn er aus seiner Bierdose trank und dem Ticken der Küchenuhr, war nichts zu hören.
“Wie wär’s mit einem dritten Mann?” fragte er plötzlich.
“Wa?”
“Für den Fall, dass das mit Deinem Widerspruch nicht funktioniert und meine Bewerbung bei Wer wird Millionär? weiterhin ignoriert wird, könnten wir unsere Miete mit einem weiteren Mitbewohner durch drei teilen.”
“Eigentlich will ich keinen Wildfremden in meiner Wohnung haben.” sagte ich. Bei dem Gedanken bekam ich ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend.
“Die Bude ist nun wirklich groß genug. Wovor hast Du denn Angst?”
“Ich hab vor gar nichts Angst, aber Deine Pornosammlung wirst Du dann wohl woanders unterbringen müssen.”
“Verdammt, das hab ich ja ganz vergessen!” fluchte Hinnaak und schlug mit der Faust auf den Tisch.
“Deine ganzen bekackten Kartons müssen dann aus dem Zimmer raus.” sagte ich schadenfroh.
“Dein bekackter Staubsauger aber auch!” erwiderte Hinnaak gehässig.
“Zuerst wollen wir mal sehen, ob wir das überhaupt machen müssen. Erst mal werde ich den Widerspruch einlegen und Montagnachmittag lachen wir darüber und tanzen Mambo.”
“Das mit dem dritten Mann sollten wir trotzdem so schnell wie möglich anleiern.” meinte Hinnaak. “Weil es nämlich ganz schön lange dauern kann, einen brauchbaren Mitbewohner zu finden.”
“Wem sagst Du das? Ich hab bis heute keinen gefunden. Aber den Widerspruch mach ich doch schon Montag. Was sollen die paar Tage schon ausmachen?”
“Nein nein.” sagte Hinnaak vehement. “Zeit ist goldgepresstes Latinum.”
“Na gut. Wir können ja vorsichtshalber mal eine Anzeige im Blatt schalten.”
“Du mit Deinem Blatt, das liest doch keiner außer Dir! Wenn, dann müssen wir das im größeren Stil aufziehen.”
“Ja genau! Am besten einen Werbespot in der Halbzeit vom Championsleagefinale oder was stellst Du Dir vor?”
Hinnaak schwieg.
“Oder willst Du eine Anzeigetafel mieten?” fuhr ich fort. Es nervte mich schon genug, mir überhaupt über einen dritten Mitbewohner Gedanken machen zu müssen. “Ich meine, das Blatt ist eine regionale Zeitung, da erreichen wir unsere relevante Zielgruppe viel eher. Wenn das schon sein muss.”
“Okay, machen wir es halt im Blatt, wenn Du das meinst, Herr Propagandaminister.” sagte Hinnaak, fuhr sich eine Riesenladung Nudeln in den Schlund und spülte mit Bier nach. Ein Gourmet war er übrigens auch nicht gerade.
“Dann kannst Du das ja morgen machen, Du hast ja ein Auto.” sagte ich.
“Ach, jetzt ist es plötzlich wieder ein <Auto>, ja?” meinte Hinnaak interessiert und legte sein Besteck zu Seite. “Keine <todbringende Rußschleuder> mehr?”
“So was würde ich doch nie sagen!” wehrte ich ab.
“Was ist mit der <tödlichsten nicht-militärischen Waffe außerhalb der Vereinigten Staaten> passiert?”
“Hör doch auf, Mann…” grinste ich.
“Und die <erste mobile Geister- und Achterbahn-Kombination der Welt>?”
“Das war doch nur Spaß…”
“<Der mechanische Höllenhund>?!”
“Okay, okay! Beruhig Dich. Wer sollte es denn sonst machen?”
“Nimm doch Dein Fahrrad.”
“Aber die Redaktion ist am anderen Ende der Stadt…”
“Weißt Du, dass Du unter den faulen Säcken weltweit einen der vordersten Plätze belegen würdest?
“Na ja, weißt Du, das ist vielleicht Deine Meinung, Mann.”
“Von mir aus. Dann gebe ich morgen die Anzeige halt selber auf.” seufzte Hinnaak, kratzte den Rest Nudeln vom Teller und stand auf. “Die Sauce war heute übrigens wirklich sehr exquisit, mein Schatz.” meinte er und verließ die Küche.
Ich saß noch eine Weile da und überlegte, ob ich den Abwasch stehen lassen sollte, schließlich war Hinnaak heute dran. Aber mir war klar, dass die eingetrockneten Töpfe dann morgen noch da stehen würden, und morgen früh neben vertrockneten Töpfen frühstücken zu müssen, hatte ich nicht vor.
Nicht schon wieder!
Hinnaak war zwar ab und zu lästig, mit leichter Tendenz zur Unerträglichkeit, vor allem, was die Sauberkeit und die Ordnung in der gemeinsamen Wohnung betraf, aber wenn er mir schon die Fahrt zur Redaktion abnehmen würde, dann konnte ich auch mal den Abwasch für ihn machen.
Also erhob ich mich und machte mich ans Werk, nachdem ich hören musste, wie Hinnaak im Flur rülpste, dass die Wände wackelten und die Gläser im Schrank klirrten.

Blaues Sonnenlicht erfüllte den Raum und ein einzelner Strahl fiel durch eine Ritze im Vorhang meines Himmelbettes und nahm sich die Frechheit heraus, mich zu blenden. Solange ich mich zurückerinnern kann, hat das Morgenlicht, eingefärbt durch die blauen Vorhänge, in mir die Vorstellung geweckt, unter Wasser zu schlafen.
Kaum dass ich an diesem Morgen wach war, holten mich die Sorgen wieder ein.
Das scheiß Geld immer! Wie hieß es doch so schön: Kein Geld ist schlecht, aber gar kein Geld?
Auch wenn ich mich um eine bezahlte Arbeit die letzte Zeit erfolgreich herumgedrückt hatte, als faul würde ich mich nicht bezeichnen lassen. Unsere Bude nach Hinnaaks Lebensart sauber zu halten, war nämlich ein Job für drei Hausfrauen.
Hinnaak war erfolgreicher darin, Zigaretten zu rauchen, Bier zu trinken und Frauen nachzurennen. Außerdem spielte er hin und wieder Fußball. Gar nicht schlecht übrigens. Ich habe ihn schon einige Male spielen und Flanken schlagen sehen, dass sogar Manfred Kaltz ins Staunen gekommen wäre. Aus diesem Talent hätte man was machen können. Daran hatte Hinnaak nur leider kein Interesse. Er sammelte lieber leere Bierdosen und Pornofilme als geschossene Tore. Sein Traumberuf war im Übrigen auch Pornostar, was ich gut verstehen konnte. Es ist immer erstrebenswert, sein Hobby zum Beruf zu machen.
Er konnte auch gut irgendwelche Sachen organisieren, wo andere Leute gescheitert wären. Das war manchmal zum Haareraufen, aber er sprach nie darüber. Wahrscheinlich würde er unsere Wohnungsanzeige für umsonst organisieren. Na ja. Das war wohl doch etwas übertrieben.
Vielleicht würde unsere Wohnungsanzeige heute schon im Blatt stehen! fiel mir dabei ein und ich setzte mich auf die Bettkante, nachdem ich die Vorhänge beiseitegeschoben hatte.
Im Grunde wollte ich natürlich keinen weiteren Mitbewohner in meiner Wohnung haben, aber besser als arbeiten war das allemal. Einen dritten Mann zog ich als letzten Notnagel in Betracht.
Falls es trotz meines Einspruchs bei der Arbeitsagentur wider Erwarten doch nötig sein sollte, stellte ich mir als dritten Mann einen ruhigen, ausgeglichenen und ordentlichen Typen vor, der auch in der Lage war, die Bude sauber zu halten, ohne dass nur ich ständig den Wischer würden schwingen müssen. So lief es nämlich im Moment.
Ein bisschen sah ich diese finanzielle Krise wie eine Herausforderung. Arbeiten würde ich nur, wenn sich ein wirklich triftiger Grund für mich finden würde. Ohne Zwang.
Mein Blick suchte meinen Wecker:
8:37 Uhr stand auf der roten LED-Anzeige.
Mein T-Shirt hing mir verdreht um die Schultern, als ich aufstand, aber das war mir egal.
Kopfkratzend, meine Haare lagen schon wieder so wirr wie bei einem Wahnsinnigen, wankte ich über den Flur zur Haustür und holte mir die Zeitung, die wie immer zu dieser Tageszeit vor der Wohnungstür lag.
Mein Rücken knackte, als ich mich nach dem Blatt bückte. Ächzend richtete ich mich wieder auf, schloss die Tür und steuerte langsam die Küche an.
Auf dem Weg dorthin kam ich am Badezimmer vorbei und durch die geöffnete Tür fiel mein Blick auf ein Chaos aus Klopapier, Handtüchern und Waschlappen, die am Boden lagen, Wattestäbchen verteilt im Waschbecken und Pissflecken neben der Toilette. Klare Anzeichen dafür, dass Hinnaak ein bisschen verpennt hatte.
Angewidert verdrehte ich die Augen. Um dieses Pompeji würde ich mich später kümmern. Und um Hinnaak würde ich mich auch kümmern. Für ihn wäre es nicht mal ein Problem, das bekackte Bernsteinzimmer zu verwüsten.
In der Küche mixte mir erst mal einen schönen Kakao, nachdem ich im Badezimmer das seit Stunden brennende Licht ausgeknipst hatte.
Entspannt setzte ich mich an den Tisch, auf dem Gott sei Dank noch etwas Ordnung war.
Hinnaak hatte scheinbar keine Zeit mehr gehabt, sich sein morgendliches Nutellabrot reinzustopfen und auch noch in der Küche Chaos zu verbreiten.
Bei meinem stressigen Leben musste man sich manchmal auch etwas Ruhe gönnen und deswegen ließ ich den Tag langsam angehen. Mit meiner Tasse Kakao und meinem Blatt, das ich stets von vorne bis hinten komplett durchsah, saß ich am Tisch und genoss die Ruhe der leeren Wohnung.
Auf dem Titelblatt wurde groß und breit über den geplanten Neubau eines Erlebnisbades in der Nähe meiner kleinen Stadt berichtet. Darüber wurde aber schon seit Jahren verhandelt. Ebenso wie über neue Parkplätze bei der Berufsschule. Das interessierte mich also nicht so.
Darunter standen ein paar lokale Sportmeldungen. Unter anderem konnte ich den kleineren Schlagzeilen entnehmen, dass Hinnaaks Team von einem Aufsteiger mit 7:0 vom Platz gefegt worden war. Daneben war ein kleines unscharfes Foto von einem Typen, der gerade den Titel des Kickbox-Bezirksmeisters erlangt hatte. Interessierte mich nicht.
Die Immobilienanzeigen standen immer weiter hinten. Die wollte ich mir heute als erstes ansehen.
Beim schnellen Überblättern überflog ich die Witze- und Rätselseite und blätterte sofort weiter. Die Witze waren sowieso immer uralt und das Kreuzworträtsel beleidigte meine Intelligenz. Dann blieb mein Blick auf der Seite der kulturellen Veranstaltungen hängen.
Neben dem Spielplan des Stadttheaters und der Filmauskunft des Kinos wurde auf ein rhythmisches Ritual hingewiesen, das demnächst in der Stadthalle zelebriert werden würde: Eine 80er-Jahre Party. Dabei wurde sogar darum gebeten, dass die Besucher sich Retromäßig kleiden sollten! Da kannte ich ja einen, der hingehen würde. Hinnaak fuhr auf so einen Blödsinn total ab.
Auf der nächsten Seite stand noch ein weiterer Hinweis auf die Stadthalle. <Talentwettbewerb in der Stadthalle> stand da. <Ob Solokünstler oder Band: Beim Talentwettbewerb in der Stadthalle könnt Ihr zeigen, was Ihr draufhabt. Dem Gewinner winkt ein Auftritt bei Rock am Ring!!!>
Dabei stand ein Datum, das noch Monate weit weg war. Die fingen ja früh an, die Werbetrommel zu rühren. Wahrscheinlich wollten sie den Amateurbands genügend Zeit geben, sich vorzubereiten.
Dann kam endlich die Anzeigenseite. Unter Suche, Biete, Tausche, du fehlst mir so und wehe, du meldest dich stand die Wohnungsrubrik, die heute mal so außergewöhnlich klein ausfiel, dass mir Hinnaaks Annonce sofort ins Auge sprang:

dritter mann gesucht f. WG. 4-zi.-wng, citynähe, alle sexuellen neigungen willkommen

Einen Moment glaubte ich an einen Scherz, einen verspäteten Aprilstreich. Die Realität jedoch lag unerbittlich schwarz auf weiß vor mir: Unsere Anschrift, unsere Telefonnummer und eine Einladung an alle Perversen der Stadt, doch mal auf Kaffee und Kuchen und ‘ne schnelle Orgie vorbeizukommen!
Hinnaak war echt ein Genie! Wie konnte dieser Hornochse nur so eine Kacke in unsere Anzeige setzen lassen?!
Erstens zahlte man pro Wort ja wohl ein Vermögen und darüber hinaus hatte er sie auch noch fett drucken lassen!
Ich war platt. Mir schwanden die Sinne. Die Zeitung in meinen Händen fing an zu zittern.
Das war ja wohl so was von nicht auszuhalten, mir krampfte sich vor Zorn der Magen zusammen. Wie war er bloß auf so eine beschissene Idee gekommen?!
Mit einem Ruck, dass der Stuhl an die Wand hinter mir schlug, stand ich auf und warf die Zeitung wütend auf den Boden. Dann trat ich sie mit Schwung in die Ecke.
Scheiß Hinnaak!

*

Ursula Petersen, die von ihren Freundinnen Uschi genannt wurde, saß in ihrem Wohnzimmer auf dem Lesesessel und starrte schockiert auf die Anzeige, die sie in den Händen hielt. Durch puren Zufall war sie heute beim Durchblättern der Zeitung bei den Wohnungsannoncen hängengeblieben, wo ihr sofort diese fettgedruckte Anzeige mit dem Zusatz <alle sexuellen neigungen willkommen> ins Auge gesprungen war.
Sie hatte zuerst amüsiert darüber gelächelt, auf welche Art und Weise manche Leute sich Gleichgesinnte suchten, bis ihr die Telefonnummer darunter aufgefallen war.
Zuerst glaubte sie an einen Irrtum ihrerseits, aber nachdem sie ihr Telefonverzeichnis geholt und die Nummern verglichen hatte, gab es keinen Zweifel mehr.
Da stand der Privatanschluss ihres Sohnes Mick. Und daneben sogar seine Adresse!
Wie konnte das bloß sein? Ein Versehen? Ein übler Scherz?
Das musste sie sogleich überprüfen!
So flink sie konnte, marschierte sie zum Telefon und wählte mit zitternden Händen Micks Nummer aus dem Notizbuch.
Hatte er etwa eine solche Anzeige aufgegeben? überlegte sie. Warum sollte er so was tun?
Suchte er so dringend eine Freundin?
Sie hörte das träge Rattern in der Leitung. Dann, nach einer halben Ewigkeit, kam das Freizeichen.
Ob das Zusammenleben mit diesem komischen Burschen Erik, den Uschi nie sonderlich gemocht hatte, eine solche Auswirkung auf ihren Sohn haben könnte?
Sie musste unbedingt mit ihm sprechen!
Das Freizeichen nahm kein Ende.
Wo war der Junge bloß?
Manchmal hatte sie keine Ahnung, was in Mick so vorging.

*

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