Dörte

Von der Sonne wachgeküsst und meinen vormittäglichen Tagesablauf absolviert, machte ich mich um ungefähr viertel vor zehn auf den Weg zur Mattscheibe, meinem neuen Arbeitsplatz. Heute würde mein erster richtiger Arbeitstag werden und wenn auch inoffiziell und in der Grauzone der Legalität, musste ich in der Tat zugeben, dass mir die Arbeit durchaus Spaß machte. Und das erstaunte mich.
Zwar interessierte ich mich sehr für Filme und das Aushelfen bei Dieter damals hatte mir auch gefallen, aber ich hatte erwartet, dass dieser Spaß vergehen würde, sobald die Arbeit eine Pflicht bedeuten würde. Doch langsam beschlich mich der Verdacht, dass tägliches Arbeiten auch für mich im Bereich des Möglichen liegen könnte, wenn mir nur die Arbeit gefiele.
Abgesehen davon würde ich heute meinen Arbeitskollegen kennen lernen und ich freute mich auf Diskussionen über Filme mit einem ebenbürtigen Gesprächspartner.

Gestern war ich fast den ganzen Tag bis spät Abends bei Dieter gewesen, weil er ja alleine gewesen war. Da hatte er wenigstens auch genügend Zeit gehabt, mich ausreichend einzuarbeiten und ich durfte schon mein Regal in der Angestellten Auswahl-Ecke mit fünf Filmen füllen.
Über meine Auswahl hatte ich natürlich gründlich nachgedacht. Direkt unter dem Regal Dieter hatte ich das Regal Mick mit The big Lebowski, Sin City, Rocky, Zurück in die Zukunft und Das Boot vollgestellt.
Das waren die Filme, die ich jedem Kunden nur empfehlen konnte, und es war für jeden was dabei: Subtiler Humor, leichte Unterhaltung, Sport, eine Mischung aus Science Fiction und Komödie mit cooler Dramatik und einen düsteren Kriegsfilm.
Zuerst wollte ich what the mastermind wants an mein Regal schreiben, aber Dieter hatte auf meinen Namen bestanden.
Dieters Auswahl war übrigens Hinter dem Horizont, An Deiner Seite, Erklärt Perreira, Meschugge und Endstation Schafott.
Als ich Hinnaak grinsend von den unterschiedlichen Lieblingsfilmen Dieters und mir erzählte, hatte er lauthals skandiert, dass ja wohl alle zehn Filme an die Wand geschissen wären und am besten die Conny Lingus-Collection 1,2,3,5,6 und 7-11 dort stehen sollten. Auf meine Frage, was ihm denn an Teil 4 missfallen würde, hatte er geantwortet, dass die Rahmenhandlung und die Beziehungen der Charaktere zueinander einfach nicht glaubwürdig gewesen wären, was auch immer er damit meinte.
Die anderen zwei Regale für die übrigen Aushilfen standen noch leer. Auch deren Namensschilder fehlten noch.

Überdeutlich war an diesem Morgen der bevorstehende Herbst zu spüren. Die Sonne stand tiefer, der Wind war kühler als noch vor ein paar Wochen und vor einigen Hauseingängen hatten sich tote Blätter angesammelt, sofern sie bei Ladenöffnung oder durch die Stadtreinigung nicht bereits fortgefegt worden waren.
Von meiner Wohnung aus musste ich durch die halbe Stadt laufen, um zur Mattscheibe zu kommen und wie ich am Vortag bereits bemerkt hatte, lag in der engen Gasse auf dem Weg dorthin das neue Geschäft needful things.
Gestern hatte ich im Vorbeigehen nicht mal Gelegenheit gehabt, ins Schaufenster zu sehen. Spontan hielt ich an und sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten Zeit und die Mattscheibe lag gleich um die Ecke. Also entschied ich, mir ein bisschen Zeit zu nehmen und hineinzugehen. Das würde doch niemanden umbringen, oder?

Stille umfing mich, als ich die Ladentür mit einem leisen Klingeln hinter mir geschlossen und die Straßengeräusche ausgesperrt hatte.
Ein hell erleuchtetes Geschäft mit zahllosen Regalen lag vor mir und es war viel zuviel zu sehen, als dass ich sofort einen Überblick hätte bekommen können.
Vom Klingeln angelockt kam eine nett aussehende, rundliche Frau auf mich zugeeilt und empfing mich mit einem freundlichen Lächeln.
Kein älterer, weißhaariger Herr im feinen Anzug. Irgendwie war es mir peinlich, so was erwartet zu haben.
“Guten Tag.” empfing mich die Frau, die laut Namensschildchen Madeleine hieß. “Kann ich Ihnen helfen?”
“Danke, aber ich wollte mich nur mal umsehen.” sagte ich und wendete mich ab.
“Ja, sehr gern.” sagte Madeleine und folgte mir, während ich an ein paar Regalen entlangschritt.
Vielleicht hatte ich den Eindruck erweckt, unterhalten oder informiert werden zu wollen, denn als ich an einem Regal merkwürdig aussehender zylindrischer Behälter stehen geblieben war, erzählte sie mir die Geschichte dieser Ansammlung ungewöhnlicher Pfeffermühlen und warum sie so einzigartig war.
Ohne einen Kommentar dazu ging ich weiter und sah in den folgenden Regalen seltene Schmuckstücke, skurrile Schnitzereien, bunte Wandteller, kleine kitschige Statuen, Bilder bis hin zu Gemälden, die sehr teuer aussahen und auch im vierstelligen Bereich ausgeschrieben waren.
Die hier angehäuften Waren schwankten zwischen billigem Kitsch und teuren Stücken, die sehr selten waren. Sollte jemand also eine maßstabgetreue Miniatur von Michelangelos David aus bestem Silber haben wollen, sollte er hier suchen. Oder eine Göttin von Milow aus massivem Bronze. Sogar mit Armen.
Es gab ausgestopfte Phantasietiere wie Wolperdinger, Hasenböcke und Karawankenbären, die unmöglichsten Tabakpfeifen, komisch geformte Zierpflanzen, phantasievoll bestickte Kuschelkissen, fünfzinkige Gabeln und zweischneidige Brotmesser. Nagelneue Schuhe, die vom Stil her an die hundert Jahre alt sein mussten, bunte Flaschen, dünnwandige Lampenschirme, scheinbar tausende verschiedene Füllfederhalter, gewaltige Kupferbratpfannen, Kreuzworträtselhefte auf Esperanto, ungespielte Schellackplatten, Sonnenbrillengestelle ohne Gläser, getrocknete, mit Klarlack überzogene Laubblätter, gesprungene Bierkrüge, unzählige Briefmarken, Emailleschüsseln mit angeschlagenem Rand und voll funktionsfähige Modellautos.
Schick schick.
Wirklich.
Nur für mich alles nichts von Wert.
Gott sei dank, denn ich hätte nur ungern erlebt, hier irgendetwas megageiles zu finden, ohne einen Tropfen Geld in der Satteltasche zu haben.
Als ich nach einem Regal voll antiker Münzen mit Polierten-Platte-Glanz abbog, um in einen Nebenraum zu kommen, hörte ich Madeleine hinter mir sagen:
“Wir beziehen unsere Waren von Händlern auf der ganzen Welt, oft auch aus Privatverkäufen.”
Dazu nickte ich beiläufig und betrat den Nebenraum, der sehr viel kleiner, dafür nicht minder vollgestellt war mit…
…Spielzeug!
Mit Telleraugen erblickte ich antike Puppen, Teddies, Autos, Murmeln, Eisenbahnen und Brettspiele. Hier gab es unglaublich viele Sachen, die ich von früher noch kannte. Zauberkästen, Spielzeugautos, Malen nach Zahlen, antike Playmobilsachen, ein alter Fisher Price Plattenspieler, und längst vergessene Lego-Modelle.
Außerdem konnte man hier mit Sicherheit alles wiederfinden, was je an Blech- oder Holzspielzeug hergestellt worden war. Dann entdeckte ich noch ALF-Puppen, E.T.-Puppen, Batman, Die Schlümpfe, Mask, Knight Rider, Transformers (Optimus Prime hatte ich schon im Schaufenster gesehen) und Star Wars. Sogar neue Star Trek-Figuren und -Schiffe standen hier im Regal. Alle Enterprises von der NX 01, über die NCC 1701 bis zur 1701-E konnte man hier finden.
Und das alles war nur ein Bruchteil dessen, was wirklich alles da war.
Das war alles schon sehr interessant, aber wegen meines akuten Geldmangels nicht interessant genug.
“Viele dieser Waren beziehen wir von Offshorehändlern.” sagte Madeleine fröhlich, als ich mich umdrehte.
“Gefällt mir.” sagte ich knapp und fügte bedauernd hinzu: “Leider muss ich jetzt zur Arbeit. Ich komm ein anderes Mal wieder.”
“Aber gern.” sagte Madeleine und lotste mich über einen anderen Weg, auf dem ich noch einen Blick auf eine riesige Eulensammlung werfen konnte, nach draußen.

Als ich wieder vor dem Laden auf der Straße stand und die frische Luft spürte, kam es mir vor, als wäre ich aus einem tiefen Traum erwacht oder von einer langen Reise in eine andere Welt heimgekehrt. Beinahe benommen nahm ich von meiner Umgebung Notiz und nur langsam fing ich an, die kalte Herbstluft und den Geruch nach Holzrauch, den jemand in der Nähe erzeugte, wahrzunehmen.
Nachdem ich ein paar Sekunden meine Gedanken gesammelt hatte, besann ich mich und setzte meinen Weg zur Mattscheibe fort, der von hier aus nicht mehr weit war.
“Mick, da bist Du ja. Zehn Minuten zu spät.” empfing mich Dieter, als ich durch die Ladentür trat. Erschrocken sah ich auf die Uhr. Tatsächlich zehn nach zehn. Ich war zwanzig Minuten lang in needful things gewesen. Zwanzig Minuten, die mir wie wenige Augenblicke vorgekommen waren. Unglaublich.
“Tut mir leid, Dieter. Irgendwie hab ich die Zeit verpennt.” versuchte ich mich zu rechtfertigen und merkte sofort, dass das keine sehr gute Entschuldigung war.
“Ich muss mich schon auf Dich verlassen könnten, Mick.” sagte Dieter vorwurfsvoll und ich zog schuldbewusst den Kopf ein.
“Kommt wirklich nie wieder vor, Dieter, ehrlich.”
Ein versöhnliches Lächeln erschien um Dieters Mundwinkel.
“Na, dann ist ja gut. Du kannst gleich mit nach hinten kommen und mir mit der neuen Lieferung helfen. Die müssen wir mit der beigefügten Liste abgleichen.”
“Ist gut.”

Damit waren wir auch eine Weile beschäftigt und weil, wie sich herausstellte, die Lieferung nicht in Ordnung war, musste eine Retoursendung fertig gemacht werden, was ich übernahm.
“So ein Mist.” schimpfte Dieter. “Da wartet man zwei Monate auf eine Lieferung, und dann ist die falsch zusammengestellt.”
Emsig lief Dieter auf seinen Birkenstocksandalen umher und delegierte mich beim Einsortieren der Filme und Dekorieren des Schaufensters.
Damit war ich dann vollauf zugange, weil ich mich mit dem Schaufenster in der Verantwortung sah, nicht nur die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen, sondern auch Interesse zu wecken, den Wunsch nach einer DVD oder einem Videofilm zu entfachen und eine Kauf-, bzw. Leihhandlung auszulösen.
Zwischenzeitlich ertappte ich mich sogar dabei, über einen anständigen Werbespot für die Mattscheibe nachzudenken.
Die Zeit vergeht ziemlich schnell, wenn man beschäftigt ist. Das hatte ich schon ganz und gar vergessen, denn ehe ich mich versah, war über das Einsortieren, Aussortieren, Bestand aktualisieren, Dekoration ändern und zwischenzeitliches Kundenbedienen die Mittagszeit vorübergegangen und es war dreizehn Uhr. Schichtbeginn der zweiten Aushilfe, die von Dreizehn bis neunzehn Uhr arbeiten sollte.
Sie war im Gegensatz zu mir sogar pünktlich und kam zur Tür hereingeschneit, wie jemand, der es beinahe jeden Tag tut.
Als ich sie sah, wurde mir heiß und kalt. Am liebsten hätte ich mich hinter dem Tresen versteckt, was aber albern und nicht sehr nützlich gewesen wäre.
Sie blieb vor den Angestellten Auswahl-Regalen stehen und besah sich die Filme, ohne mich vorher zu sehen. Wie versteinert blieb ich stehen und wagte kein Geräusch zu machen.
“The big Lebowski?” fragte sie erstaunt. “Wer hat denn den Film in seine…” sie verstummte, als sie das Namensschild an dem Regal sah. “Mick?” fragte sie und drehte sich, halb erstaunt, halb geschockt zur mir um.
Unsere Blicke trafen sich und ich hielt Maries Anblick tapferer stand, als es ein unter Drogen stehender Einzelkämpfer im Dschungel gekonnt hätte.
“Du also.” sagte sie erschüttert. “Der mit meiner Schwester zusammen war, sie auf ihrer Geburtstagsparty versetzt und sich völlig besoffen in mein Bett zum Pennen gelegt hat.”
Sie blieb noch immer beim Eingang. “Nackt.” fügte sie hinzu und schüttelte sich fast.
Dass sie mir wenigstens nicht zu nah auf die Pelle rückte, kam mir sehr gelegen, weil ich so schon alle Hände voll zu tun hatte, mir nicht anmerken zu lassen, wie peinlich es mir, sie hier wieder zu sehen.
“Ich war nicht mit Deiner Schwester zusammen.” versuchte ich wenigstens das klarzustellen. “Und das mit Deinem Bett tut mir irgendwie leid. Es war ein Missverständnis.”
“Ein Missverständnis?” rief sie und kam ein paar Schritte näher. “Du pennst nackt in meinem Bett und sagst, das war ein Missverständnis?”
“Ist ja schon gut. Dann sag ich eben, ich hab mich geirrt.”
“Ich will ehrlich gesagt nicht darüber reden.” meinte sie, winkte ab und ging nach nebenan, um ihre Jacke aufzuhängen.
“Und Du warst doch mit meiner Schwester zusammen.” meinte sie, nachdem sie zurückgekommen war. “Hat Gisela nämlich gesagt.”
“Na und? Der Papst hat gesagt, die Erde ist eine Scheibe, aber das stimmte auch nicht.”
“Das hast Du also schon selbst überprüft?”
Das konnte ja heiter werden!

Dieter kam aus der Pornoecke hervor und ich überlegte, wie komisch es war, dass mir Marie vorher nie aufgefallen war, wenn ich als Kunde hergekommen und manchmal eine oder zwei Stunden bei Dieter rumgesessen, Dr. Pepper getrunken und Cinema gelesen hatte.
“Hallo Marie, das ist Mick. Er arbeitet für ‘ne Weile bei uns.” begrüßte Dieter sie.
“Den kenn ich schon, er war mal mit meiner Schwester zusammen.”
“War ich nicht!” warf ich ein.
“Das ist ja schön, dass Ihr Euch kennt. Da kann ja nichts passieren.”
“Dein Wort in Gott Ihr Ohr.” sagte Marie
“Wenn Du willst, Marie, kannst Du Deine Filme bei der Mitarbeiterauswahl aufstellen.” sagte Dieter.
“Ja toll. Ich weiß auch schon, welche.” meinte sie.
“Ist noch eine Flasche Sekt für heute Abend da?” fragte Marie an Dieter gewandt.
“Flasche Sekt?” wiederholte ich.
“Ja, es war Maries Idee, den Gästen Sekt anzubieten.” erklärte Dieter. “Sie meinte, das würde den Laden freundlicher machen.”
“Ach, wirklich?”
“Ja und es ist auch ihre Idee gewesen, wieder Dr. Pepper zu verkaufen.”
“Na so was.” Und die hatte ich mir immer reingezogen! Regelrecht widerlich!
“Die verkaufen sich ja auch gut.” sagte Marie stolz.
“Das hast Du besser erkannt als ich.” meinte Dieter anerkennend. “Ich hol mal den Prosecco.”
“Bäh!” machte ich leise. Marie hörte es trotzdem.
“Magst Du wahrscheinlich nicht, hab ich Recht?”
“Eklige Schwuchtelbrause.”
“Musst Du ja nicht trinken.” sagte sie. “Dürftest Du auch nicht, nebenbei bemerkt, ist schließlich für die Kunden.”
“Ja, wenn jemand kommt und sich Showgirls ausleiht, nimmt er das Plörrwasser bestimmt auch gern noch mit.”
“Den Zusammenhang hast Du ja 1a erkannt.”
Maries spitze Bemerkungen gingen mir auf die Nüsse. Vor allem, dass sie immer das letzte Wort haben musste. Sie war wirklich wie der bekackte Schwertmeister von Monkey Island.
Glücklicherweise rief mich Dieter nach hinten, weil der Kundenzulauf jetzt zur Nachmittagszeit enorm anstieg und jemand hinten beim Erwachsenenentertainment aushelfen musste. Da hatte ich die nächsten Stunden dick zu tun und sah Marie, die vorne im Hauptladen die Kunden bediente, überhaupt nicht mehr, was mich aber nicht weiter störte.
Auf die Zeit achtete ich während der Arbeit nicht, erst als um viertel nach sieben Dieter nach hinten kam und mir erklärte, meine Schicht wäre zu Ende, bemerkte ich die fortgeschrittene Uhrzeit und griff nach meiner Jacke.
“Jetzt hast Du sogar Deine Fehlzeit abgearbeitet, sehr schön. Du bist halt doch ein Guter, Mick.”
“Morgen bin ich trotzdem pünktlich, versprochen.” sagte ich und ging nach vorne, um durch den Haupteingang den Laden zu verlassen. Marie sah ich nicht mehr. Wo sie gerade war, wusste ich nicht.
Als ich an den Angestellten Auswahl-Regalen vorbeikam, blieb ich verwirrt stehen, weil ich aus den Augenwinkeln sofort sah, dass irgendwas nicht stimmte. Im Regal Mick standen nur vier Filme.
Dafür standen im Regal Marie die folgenden fünf Filme: Notting hill, Mr. Holland’s Opus, Braveheart, Cool Runnings und … The big Lebowski !
Nicht zu fassen, die blöde Zicke hatte mir den Dude geklaut!

Meine Mutter saß mir in unserer Küche gegenüber und sah mich fröhlich an.
Völlig unerwartet hatte sie mich mit ihrem Besuch überrascht.
“Für eine Junggesellenwohnung ist es hier aber erstaunlich sauber.” sagte sie heiter.
“Warum sollte es hier nicht sauber sein?” fragte ich mürrisch, weil ich eigentlich vorgehabt hatte, in der Badewanne Alf im Schaumgebirge zu spielen, bevor meine Mutter anmarschiert gekommen war. “Hältst Du mich für Oskar aus der Mülltonne?”
“Ach was, aber hier werden bestimmt oft wilde Partys gefeiert, was?” fragte sie schelmisch.
Hinnaak kam herein und setzte sich zu uns den Küchentisch, um der Unterhaltung beizuwohnen.
“Nicht mehr, seit Mick nicht mehr auf dem Tisch tanzen will.” sagte Hinnaak und schlug lässig ein Bein über das andere.
Verunsichert sah meine Mutter zu Hinnaak hinüber und sagte nichts dazu.
“Du solltest weniger Kaffee trinken.” sagte ich zu ihm.
“Jetzt ist ja der Sommer auch bald wieder vorbei.” sagte meiner Mutter, melancholisch aus dem Fenster in die Ferne blickend.
“Ja ja.” seufzte Hinnaak. “Es wird schon kräftig Herbst und morgens ist es schon richtig kalt.”
“Hast Du eigentlich ein dicke Jacke für die kalte Jahreszeit?” fragte mich meine Mutter daraufhin.
Scheiß Hinnaak!
“Ich hab meine Lederjacke.” sagte ich. “Und für den Winter meine Daunenjacke.”
“Aber nichts für die Übergangszeit, oder?” hakte meine Mutter nach.
“Die Lederjacke reicht doch.”
“Mick, die ist zu dünn! Für die Übergangszeit ist die Daunenjacke wieder zu dick. Außerdem das alte Ding vom HSV! Das hast Du doch schon bald zehn Jahre.”
“Da steht nicht HSV drauf, sondern Raiders. Los Angeles Raiders sogar, das ist eine Rarität, weil sie irgendwann später nach Oakland gezogen sind.”
“Ich weiß zwar nicht, was Du mir damit sagen willst, aber eins ist sicher. Du hast keine anständige Jacke für den Herbst.” stellte sie fest.
“Ja, Mama.”
“Am besten, ich kauf Dir mal eine anständige Jacke für den Herbst.”
“Du kaufst überhaupt nichts!” rief ich aufgebracht.
“Aber sonst erkältest Du Dich noch.” sagte meine Mutter.
“Dann kannst Du nicht zur Arbeit.” sagte Hinnaak.
“Du hältst Dich da raus!”
“Na komm schon.” sagte meine Mutter und erhob sich vom Stuhl. “Noch haben die Geschäfte auf.”
“Was, jetzt?!” rief ich entsetzt. “Eigentlich wollte ich in die Badewanne und nicht in die Stadt, um mir irgendeine hässliche Fleecejacke mit Hornknöpfen von Dir andrehen zu lassen.”
Hinnaak gab ein heiteres Glucksen von sich.
“Ich hab Dir noch nie hässliche Sachen gekauft.” verteidigte sich meine Mutter.
“Ja, das denkst Du.” antwortete ich.
“Deine Leggings damals in der Schule ist heute noch Legende.” meinte Hinnaak.
“Na komm schon.” sagte meine Mutter und stand auf. “Ich will nicht, dass Du mit einer zu dünnen Jacke herumläufst.”
“Och, Mann ey.” jammerte ich und stand auf, um ihr in den Flur zu folgen, wo sie sich den Mantel zuknöpfte. Hinter mir sagte Hinnaak:
“Geh lieber vorher noch mal aufs Klo.”

Das kleine Auto meiner Mutter stand direkt vor der Haustür und natürlich würden wir damit in die Stadt fahren. Zu Fuß zum Einkaufen zu gehen, kam für meine Mutter nicht in Frage.
In meiner kleinen Stadt gab es ein etwas größeres Kaufhaus, das allerdings auch etwas weiter außerhalb lag. Dort konnte man so ziemlich alles kaufen, was man brauchte. Von Kleintierbedarf über Fahrradschläuche bis hin zu Klappzahnbürsten. Fressläden waren auch im Gebäude und es stand ein elektronisches Schaukelpferd vor dem Eingang, das sogar einen Ledersattel mit blanken Stahlnieten hatte. Als ich noch klein war, hatte ich beim Reiten auf so einem Pferd einmal < Das blinkt und glitzert wie eine Bordelltür! > geschrien, was meiner Mutter damals ziemlich peinlich gewesen war.
Im selbem Gebäude gab es auch ein Reisebüro, einen Schuhmacher, einen Frisör und einen Handy-Höker. Alles in allem war das hier ein echter Megastore der amerikanischen Art. Hier mal kurz reinzugehen, um einen Liter Milch zu kaufen, konnte man vergessen. Denn hier musste man immer einen längeren Aufenthalt einplanen.
Da meine Mutter zumeist nur einmal in der Woche einkaufen fuhr, erledigte sie alle ihre Einkäufe hier. Zumal sie hier ihre Lieblingsmilch und auch ihre favorisierten Freilandeier kriegen konnte. Außerdem war sie der unnachgiebigen Meinung, die Kartoffeln hier wären besser als irgendwo sonst.
Also war es kein Wunder, dass sie ihren kleinen Wagen zum Jackenkauf wieder hierher steuerte und auf dem luftwaffenstützpunktgroßen Parkplatz so weit hinten wie möglich in eine Parklücke einscherte. Dann fingerte sie ihre Parkscheibe hervor und sah auf ihre Armbanduhr.
“Du musst keine Parkscheibe hinlegen.” sagte ich, während sie an dem Papprädchen herumdrehte. “Hier ist parken umsonst.”
“Sicher ist sicher.” sagte meine Mutter und legte die Parkscheibe auf das Armaturenbrett.

Beim Gewaltmarsch vom Parkplatz bis zur Tür kam ich regelrecht ins Schwitzen und im Haupteingang kam noch ein warmer Powerfön hinzu, der mir in die Haare pustete.
“Mick, die Hose da musst Du auch mal wieder waschen.” hörte ich meine Mutter meckern, als wir durch eine große Unterwäscheabteilung gingen.
“Draußen ist es doch noch gar nicht so kalt.” sagte ich, um sie von dem Thema abzulenken, “Außer nachts natürlich.”
“Hast Du eigentlich genug Schlafanzüge?” fragte sie erschreckt. “Im Bett zu frieren ist höchst ungesund.”
“Ich schlaf nur im T-Shirt, das reicht.”
Und wenn ich besoffen bin, hab ich im Bett sogar gar nichts an! dachte ich zerknirscht.
“Das reicht nicht!” sagte sie entsetzt. “Das wird zu kalt. Dann kauf ich Dir erst mal ein paar Schlafanzüge.”
“Ich brauch keine Schlafanzüge, Mama!”
“Mick, da kannst Du irgendwann einen Nierenschaden kriegen, wenn Du zu wenig anhast.”
“Auch einen Getriebeschaden?”
“Sei nicht so albern. Guck mal, da vorne gibt es Pyjamas. Sehen wir da mal nach.”
Mit schnellen Schritten ging sie auf den Grabbeltisch zu und fing an, in den dort ausgelegten Plastikpackungen zu wühlen, die farbenfrohe Großvater-Schlafanzüge enthielten, während ich nichts weiter tun konnte, als dumm daneben zu stehen.
“Wie gefällt Dir dieser hier?” fragte meine Mutter nach einer Weile und hielt mir irgendwas mit Bill Cosby-Muster vor die Nase.
“Hübsche Divergenz.” sagte ich und hoffte, dass mich hier niemand sehen würde, den ich kannte. Mit einem würgend aufsteigenden Gefühl von Panik dachte ich daran, wie viel Munition Marie mein Anblick hier wohl liefern würde.
“Hmm. XL ist schon richtig.” sagte meine Mutter nachdenklich. “Fragt sich nur, wie groß die ausfallen.”
“Ist doch egal, Mama.”
“Ist nicht egal. Die können ja auch einlaufen.”
Aber nicht, wenn ich sie nie waschen muss, weil ich sie nie anziehen werde! dachte ich.
“Entschuldigung? Fräulein?” sprach meine Mutter eine Verkäuferin an, die in der Nähe stand und Polo-Shirts faltete. Sie war in meinem Alter, wie ich sehen konnte, nachdem sie sich umgedreht hatte. Sie hatte ein sanftes, blass-zartes Gesicht und ihre krausen Haare waren zu einem perfekten Pferdeschwanz gebunden, der ihre hübsche Erscheinung regelrecht veredelte.
“Ja bitte?” fragte sie freundlich.
“Laufen diese Pyjamas beim Waschen ein?” fragte meine Mutter und hielt der hübschen Verkäuferin die Packung vors Gesicht.
“Von dieser Firma läuft erfahrungsgemäß nichts ein.” antwortete die Verkäuferin und lächelte, was sie noch süßer aussehen ließ.
“Wie fallen die denn von der Größe her aus?” fragte meine Mutter. “Ist XL ungefähr seine Körpergröße?” Damit zeigte sie auf mich, wie ich erschrocken feststellte. Die hübsche Verkäuferin sah zu mir herüber und musterte mich abschätzend, ich schwitzte in meiner zu dicken Jacke und kriegte zudem auch noch einen roten Kopf.
“Große Größen sind ja eh meistens weit als lang,” fuhr meine Mutter unbarmherzig fort, “und das passt bei seiner Statur dann nicht.”
“Ja, aber die fallen gut aus.” sagte die Verkäuferin.
“Hoffentlich verziehen die sich beim Waschen nicht. Mick, wie wäschst Du denn Deine Pyjamas?” fragte meine Mutter viel lauter als nötig und ich vermutete, der ganze Laden würde inzwischen zu mir herübersehen.
“40 Grad.” antwortete ich knapp. Hoffentlich hörte es sich locker und lässig an.
“Das ist doch gar nicht heiß genug!” sagte meine Mutter entsetzt. “Die musst Du mindestens auf 60 Grad waschen, genau wie Unterhosen. Die werden sonst nicht richtig sauber. Wäschst Du Deine Unterhosen etwa auch nur auf 40 Grad?”
“Nein.” sagte ich kläglich. Warum konnte mir jetzt kein witziger Spruch einfallen, der die Situation aufgelockert hätte? Ich kam mir vor wie ein Idiot.
“Die verziehen sich auch nicht bei 60 Grad?” bohrte meine Mutter weiter.
“Nein, die sind sehr pflegeleicht.” antwortete die Verkäuferin.
“Und wie ist der Tragekomfort? Halten die auch die Form oder sind sie nach ein paar Mal tragen gleich ausgebeult?”
“Mein Freund trägt auch diese Marke und die sind noch nie ausgebeult.” sagte die Verkäuferin.
“Sie haben einen Freund? Das ist aber schade.” sagte meine Mutter. “Ich wollte Sie schon fragen, ob Sie nicht mal mit meinem Sohn ausgehen wollen. Der hat keine Freundin.”

“Weißt Du, wie peinlich mir das war?!”
“Mick, hör auf, hier rumzuschreien. Ich wollte Dir nur einen Gefallen tun. Sie sah doch nett aus.”
Wir saßen inzwischen wieder im Auto und ich hatte eine große Plastiktüte mit ein paar Schlafanzügen und einer Fleecejacke mit Hornknöpfen darin zwischen den Knien.
“Ja klar. Weiber stehen dadrauf, von irgendwelchen Frauen verkuppelt zu werden, die gerade Schlafanzüge für ihre Söhne kaufen!”
“Du sollst aufhören, hier rumzuschreien. Sonst fahr ich noch gegen einen Baum.”
“So schnell wie Du fährst, ist der Baum vorher sowieso verrottet.”
“Was meinst Du, wieso ich seit zwanzig Jahren unfallfrei fahre?” fragte meine Mutter giftig.
“Weil Du fährst, wie Günther Kaiser es empfiehlt.”
“Wir haben ja wohl beide gelernt, dass es besser ist, im Straßenverkehr vorsichtig zu sein!”
Diese Anspielung war ein Volltreffer, das musste ich meiner Mutter lassen.
“Vorsichtig bin ich vor allen Dingen im Umgang mit anderen Menschen.” sagte ich. “Ich hasse peinliche Situationen.”
“Ist ja gut.” sagte sie. “Es war so über mich gekommen.”
“Polen anzugreifen, war Hitler auch so über sich gekommen.”

Wieder zu Hause angekommen, schmiss ich die neuen Sachen erst mal in mein Zimmer und stieg dann unter Missachtung von Hinnaaks dummen Sprüchen in die Badewanne und schüttete mich mit Schaum zu.

Nach einer Woche bei Dieter kristallisierte sich so langsam meine Hauptarbeit heraus und die war auf Hinnaaks Fachgebiet gefallen. So musste ich mir von ihm jeden Abend anhören, welche Filme Dieter sich noch ins Regal stellen sollte. Er schwärmte mir von irgendeiner Asiatin vor, die sich angeblich besser verbiegen konnte als der Gummimann persönlich. Und natürlich schwärmte er in dem Zusammenhang gleich wieder von seiner Conny Lingus, der Porno-Königin schlechthin.
Ich stand also einen Großteil des Tages in der Pornoabteilung und verlieh, laut Hinnaak, hochklassige Erwachsenenunterhaltung.
Da lief alles reibungslos ab und ich fand es erstaunlich, dass es zwar bei den normalen Filmen schon mal zu Rückgabeverzögerungen kam, bei den Pornos aber viel weniger. Den sah man sich halt an und wenn er seinen Zweck erfüllt hatte, kam er wieder weg. Hinnaak hatte mir mal erzählt, dass nur Frauen sich Pornos immer ganz bis zum Schluss ansehen würden. Weil sie nämlich dachten, am Ende werde geheiratet. Über den Witz hatte er sich dann selber fast bepisst vor Lachen.
Zum Verleihen kam natürlich auch das Verteilen der Hüllen in die Regale. Während man sich an einige Coverbilder irgendwann gewöhnte, wurde mir bei anderen manchmal regelrecht übel. Und diese schlimmen Dinger waren mit am gefragtesten bei einer gewissen Klientel.
Wo ich Hinnaak aber Recht geben musste, war, dass manche Pornos tatsächlich künstlerisch angehaucht waren. So war ich gerade dabei, den Ritt der Walküren ins Regal zu stellen und las mir bizarr fasziniert den Rückseitentext durch.
“Na, King of Porno? Schon was für den Abend ausgesucht?” fragte Marie hinter mir.
Peinlich berührt, als hätte mich meine Mutter mit der Hand in der Keksdose erwischt, stellte ich die Kassettenhülle ins Regal und drehte mich zu ihr um.
“Nein, den Film würdest Du mir ja sowieso wieder klauen.”
“Ist doch alles kompatibel. Den anderen Film hast Du ja auch ersetzt.”
Da hatte sie Recht. In der Lücke, die The big Lebowski in meinem Angestellten Auswahl-Regal hinterlassen hatte, stand jetzt Die Indianer von Cleveland. Trotzdem war es nicht dasselbe wie vorher.
Zuerst hatte ich O Brother where art thou? hineinstellen wollen, aber einen Coen-Film durch einen anderen zu setzen, erschien mir einfallslos.
“Trotzdem. Das war mein Film!” sagte ich stur.
“Dann ruf doch die Polizei, wenn Du unbedingt petzen musst.”
“Auf Burg Schreckenstein heißt es, man muss für seinen Taten und Untaten einstehen.” sagte ich weise.
“Richtig, aber auf Schreckenstein waren sie alle Ritter und haben nie jemanden verpetzt!” schoss sie zurück.
Sie kannte die Jungs von Burg Schreckenstein? Das plättete mich jetzt aber total. Das war doch eigentlich nichts für Mädchen gewesen. Fanden nur Jungs gut. Für Mädchen waren Hanni und Nanni und Dick und Dalli und die Fünf Freunde gewesen.
Darauf fiel mir nichts mehr ein. Und da sie sowieso wieder hinausgerannt war und mich bei den Pornos hatte stehen lassen, war die Situation für diesen Tag beendet.
Und sie hatte wieder das letzte Wort gehabt.
Dieter kam herein und trug einen kleinen Karton auf dem Arm.
“Gute Nachricht, Mick.” sagte er gutgelaunt und stellte den Karton auf den kleinen Tresen neben die Tittenhefte.
“Was ist los?” fragte ich.
“Wir haben eine tolle Werbeveranstaltung an Land ziehen können.” sagte Dieter und öffnete den Karton, in dem sich stapelweise bunte Werbezettel befanden. “Eine Autogrammstunde mit einem echten Pornostar. Das wird die Leute in Scharen anziehen.”
“Doch wohl hoffentlich nicht Conny Lingus, oder?” fragte ich unheilvoll, weil ich mir nur zu gut vorstellen konnte, was dann bei uns zu Hause wochenlang los sein würde.
“Conny Lingus? Die doch nicht, die wäre viel zu teuer. Nein, wir haben Sabrina Saberhagen bekommen, die arbeitet allerdings für das gleiche Label.”
“Aha.” meinte ich nur. Hinnaak kannte die bestimmt.
“Zu jedem Film, der ab sofort über die Theke geht, legst Du so einen Zettel dazu.”
“Kein Problem, Dieter.”

Nur noch eine saubere Hose!
So langsam fing der waschmaschinenlose Zustand an, mir auf den Keks zu gehen und im Badezimmer türmte sich die Schmutzwäsche. Drei Hosen, vier Shirts, Socken und Unterwäsche von mir, vier Hosen, zwei Pullover, Socken und Unterwäsche vom Dritten Mann und zwei T-Shirts und ein Supermankostüm von Hinnaak.
Allmählich gingen mir die sauberen Sachen aus und immer wieder das gleiche anziehen wollte ich auch nicht. Wäsche zu meiner Mutter tragen kam nicht in Frage (Wieso ist denn Deine Waschmaschine kaputt? Was hast Du denn gemacht? Wieso lässt Du die nicht reparieren? Wieso hast Du denn schon wieder kein Geld? Warum sucht Dir denn keine anständige Arbeit? Wieso machst Du Dir das denn so schwer? Wieso sucht Du Dir keine Freundin? Wieso wohnt Du mit zwei Jungs zusammen? Wieso ist jede Zahl hoch Null gleich Eins?).
Beschissene Fragen. Beschissene Situation.
Noch beschissener aber war es, täglich auf Marie zu treffen. Ihre spitzen Bemerkungen ständig grenzten fast an Mobbing. Ihre Schönheit stellte dazu einen fürchterlich schrecklichen Kontrast her. Vergleichbar mit einem köstlichen Käse, der zwar delikat schmeckt aber wie die Sau stinkt.
Und das würde ich noch drei Wochen durchhalten müssen!
Schlimm waren auch die Fragen der Leute, denen ich erzählte, dass Sabrina Saberhagen zu einer Autogrammstunde kommen würde.
“Ja, sie gibt Autogramme.”
“Nein, ihre Titten wird sie bestimmt nicht zeigen.”
“Klar, kannst Du auch Dein Poster mitbringen.”
“Sicher schreibt sie auch Widmungen.”
“Das macht sie bestimmt nicht mit, sie ist schließlich keine Nutte.”
“Das würde ich lieber nicht versuchen, ihr Manager wird nämlich dabei sein und bestimmt auch ein paar Leibwächter.”

Und jede einzelne Frage hatte Hinnaak mir mindestens dreimal gestellt.

*

Hinnaak

Soso, da hatten sich seine Mitbewohner also in den Kopf gesetzt, durch kleine lächerliche Jobs die Welt retten zu können.
Nix da!
Wozu hatte er die Macht, mit Verkäufen von nur ein paar wertvollen Kunstwerken genug Kohle heranschaffen zu können, um der größte Held der Stadt zu werden?
Und er hatte sogar nur zwei geschlagene Wochen gebraucht, um die Lokation auszuchecken, auf der sein Verkauf stattfinden sollte.
Es musste zur richtigen Tageszeit stattfinden, am richtigen Wochentag, zum richtigen Wetter und die Zielgruppe musste in ausreichender Anzahl vorhanden sein: Männer mittleren Alters und Jugendliche jeglichen Alters, das waren die Leute, die Erik ansprechen wollte. Eine ganze Weile hatte er gegrübelt, wo das sein könnte, sogar im Internet gesucht, bis er auf die Idee gekommen war, einmal in die Zeitung, die sein Mitbewohner Mick bis vor kurzem ständig gelesen hatte, zu gucken.
Und tatsächlich. Nur ein paar Seiten hatte er blättern müssen, da war es ihm ins Auge gesprungen: Vater-Kind-Flohmarkt. Das war’s!
Ohne seinen Mitbewohnern etwas von seinem Vorhaben zu berichten, denn schließlich hatte Peter auch nichts von seinem Vorhaben erzählt und Mick weigerte sich beharrlich, Eriks Vorschläge an Dieter weiterzuleiten, packte er am Samstagmorgen ein paar Kartons mit Videokassetten in den Kofferraum seines Wagens, während seine Mitbewohner noch schliefen.
Jedenfalls schliefen sie, bis Erik den Motor startete. Danach schlief im ganzen Wohnblock niemand mehr.

Die Fahrt zum Marktplatz verlief reibungslos, nur parken musste er etwas ungünstig. Den Tapeziertisch schleppte er durch die ganze Fußgängerzone und balancierte dabei die Kartons mit den Filmen. Dafür hatte er das Glück, dass es ein freundlicher, sonniger Herbstag zu werden schien.
Auf dem Marktplatz selbst war noch nichts los, so dass Erik sich aussuchen konnte, wo er auf dem gähnend leeren Platz seinen Tisch aufstellen wollte.
Er wählte eine Stelle, die ihm günstig erschien, direkt neben einer Bierbude, die allerdings noch geschlossen war.
Gerade als er dabei war, den Tapeziertisch auseinander zu falten, kam ein bärtiger Typ mittleren Alters auf ihn zu. Er sah aus wie einer dieser Ordnung-muss-sein-Typen und sein Bart sah aus wie von Stratos, dem Herrn der Lüfte. Mit freundlicher Miene begrüßte er Erik.
“Moin, Du bist ja früh dran. Einer der ersten. Kann ich mal Deine Bestätigung sehen?”
“Was für ‘ne Bestätigung?” fragte Erik, der neben dem halb auseinandergeklappten Tisch kniete.
“Die Bestätigung, dass Du die fünfzehn Euro gezahlt hast, um hier einen Platz zu bekommen.” sagte Stratos geduldig. “Die musst Du mir zeigen.”
“Ähm, ich glaub die hab ich vergessen.” sagte Erik und erhob sich.
“Vergessen?”
“Ja, die hat mein Hund gefressen oder so.”
“Aha. Kann ich dann mal Deinen Namen haben?” sagte Stratos, nicht mehr ganz so freundlich, und zückte eine Namensliste aus der hinteren Hosentasche.
“Äh, Phil Latio.”
Stratos überflog die Liste und sagte nebenher:
“Also, um es kurz zu machen. Wenn Sie die Gebühr nicht bezahlt haben, dürfen Sie hier keinen Stand aufbauen. Sie können aber natürlich auch die Gebühr jetzt bezahlen, dann bekommen Sie nachträglich eine Genehmigung. Allerdings nicht da, wo Sie jetzt stehen, weil diese Plätze bereits vergeben sind. Sie müssten etwas weiter an den Rand gehen. Nachdem Sie die fünfzehn Euro bezahlt haben.”
“Ich fürchte, dafür hab ich nicht genug dabei.”
“Dann tut es mir leid, aber Sie müssen wieder gehen.”
“Was? Wegen beschissenen fünfzehn Euro? Kommen Sie mir doch ein bisschen entgegen. Machen Sie mir ein Angebot.”
Stratos’ Miene verfinsterte sich.
“Da gibt es kein Angebot. Der Preis ist fest.”
“Ach, kommen sie, Mann! Mir geht es im Moment nicht gut, meine Mutter ist krank und meinen Job als Möbelpacker habe ich auch vor zwei Monaten verloren. Das ist mein letzter Versuch, ein bisschen Geld zu verdienen, um mir überhaupt irgendetwas zum Essen zu kaufen. Die letzten Monate habe ich mich nur von Brot von gestern ernährt. Haben Sie doch ein Herz, Mann.”
“Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich Ihnen das abkaufe.” sagte Stratos wütend. “Sie leiern mir bestimmt keinen kostenlosen Stand aus dem Kreuz und schon gar nicht mit so einer infamen Lügengeschichte!”
Erik blieb ein paar Sekunden still stehen und sah Stratos fassungslos an.
“Na gut. Da Sie anscheinend so ein herzloser Mensch sind, kann ich Ihnen vielleicht ein Tauschhandel anbieten?”
“Bestechen können Sie mich nicht!”
Erik holte eine Kassette aus einem der Kartons, die neben dem auf der Seite liegenden, halb aufgeklappten Tapeziertisch standen.
“Auch nicht mit Euterei auf der Bounty?” fragte er und streckte dem verblüfften Mann die Kassette entgegen. “Da sind ein paar 1a Lesbenszenen dabei.”
“Was?! Wie seh ich denn aus?”
“Wie Stratos.”
“Nehmen Sie diesen Mist und gehen Sie weg hier, Sie Schwein!”
“Werden Sie mal nicht persönlich.” sagte Erik beleidigt und steckte die Kassette wieder in den Karton. “Ich scheiß auf Ihren Standplatz, wissen Sie das?!” schrie er. “Dann stell ich mich eben außerhalb des Markplatzes auf, das können Sie gar nicht verhindern. Ihnen gehört schließlich nicht die ganze beschissene Stadt!”
Wütend klappte Erik den Tisch wieder zusammen, packte die Kartons und schleppte den Krempel weg, während Stratos dastand und ihm kopfschüttelnd nachstarrte.
“Mit Ihrer Genehmigung wisch ich mir den Arsch ab!” brüllte Erik über die Schulter zurück, während er grollend davonstapfte.


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