Dörte

Am Dienstagmorgen ging ich mit einem leicht flauen Gefühl durch die Fußgängerzone, Dieters Laden entgegen. Für die Menschen um mich herum und die Geschäfte zu meiner Linken und Rechten hatte ich kaum Aufmerksamkeit übrig, zu sehr konzentrierte ich mich auf das bevorstehende Gespräch mit Dieter. Zwar hatte er mit angeboten, bei ihm arbeiten zu können, aber was war, wenn er gerade jetzt keine Verwendung für mich hätte? Wenn vielleicht vor kurzem jemand eine Ausbildung bei ihm begonnen hatte oder er mit Aushilfen voll besetzt wäre? Dann würde ich meinen beiden Mitbewohnern leider erzählen müssen, dass ich mit meinem Plan bei Dieter voll abgekackt hatte. Und das wäre mir vielleicht peinlich!
Wie in Trance nahm ich am Rande wahr, dass ich am Geschäft mit dem sinnigen Namen needful things vorbeikam, ohne Interesse daran zu haben, hineinzusehen.
Kurze Zeit später stand ich vor der Mattscheibe.
Jetzt kommt der Moment, wo der Bulle die Sau zum Eber bringt, sagte ich zu mir selbst und stieß mit einem festen Griff die Tür auf.
Der vertraute Geruch umfing mich und zu meiner rechten Seite sah ich sofort die neuen Filme, die Dieter vermutlich gerade erst dort gestapelt hatte. Links daneben hing ein neues Regal an der Wand, in dem keine Videos standen. Dieses Regal hatte ich vorher noch nie gesehen. Es stand Angestelltenauswahl daran.
Von der Türglocke angelockt kam Dieter nach vorne in den Laden geeilt.
“Hallo Mick, mein Guter.” sagte Dieter bestens gelaunt und reichte mir die Hand. “Wie geht es Dir?”
“Moin Dieter. Tja, mir geht’s eigentlich ganz gut,” sagte ich. “nur meiner Waschmaschine geht’s nicht so gut. Die ist vorgestern kaputtgegangen und die Reparatur kostet teuer Geld, dat is´ ´n büschn schlecht.”
“Mensch, das hört sich ja böse an.” sagte Dieter.
“Ja. Schiete segg Fiete.”
“Lohnt sich denn eine Reparatur überhaupt? Ich hab mal gehört, dass eine Neue fast immer günstiger ist.”
“Richtig. Aber auch eine Neue ist ziemlich kostspielig. Wir überlegen jetzt, wie wir die Kohle zusammenkriegen sollen.”
Damit verstummte ich. Sollte ich Dieter direkt nach dem angebotenen Job fragen? Was, wenn er sagte, das ginge nicht? Könnte ich so eine Ablehnung ohne weiteres wegstecken?
Das erinnerte mich an meinen seit langem geplanten Zurück-in-die-Zukunft Marathon, den ich zwar immer noch nicht gemacht, aber auf den ich im Moment nicht die geringste Lust hatte.
“Du und Deine Mitbewohner habt nicht unbedingt viel Geld, was?” fragte Dieter. “Ich hab mal gesehen, was für ein Auto der Erik fährt.”
Beinahe amüsiert nickte ich und überlegte, wie ich Dieter am elegantesten an sein damaliges Angebot erinnern konnte.
“Du weißt ja, Mick, wenn Du Geld brauchst, kannst Du bei mir arbeiten. Ich such sowieso wieder eine Aushilfe.” sagte Dieter.
Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Dieter bot mir so entgegenkommend einen Job an, dass ich schon fast einen Schritt zurücktreten musste, um nicht hinten über zu fallen.
Dieter senkte die Stimme, bevor er fortfuhr. “Und wenn Du es nur, na ja, vorübergehend machen willst, können wir das ja ausnahmsweise mal unter der Hand regeln. Sagen wir, als Gefälligkeit. Da hätten wir dann beide mehr von.”
Besser konnte es doch gar nicht kommen!
“Das hört sich super an, Dieter. Vielen Dank!” sagte ich überschwänglich. “Ich denke, ein Monat dürfte reichen. Meine beiden Mitbewohner versuchen auch gerade, ein bisschen Geld an Land zu ziehen. Auch wenn ich keine Ahnung hab, wie. Vorsichtshalber kümmer ich mich lieber selber drum.”
“Du kannst heute den Rest des Tages schon mal anfangen, als Einarbeitung sozusagen und morgen von zehn bis sechzehn Uhr fest hier arbeiten. Sagen wir mal bis Ende des Monats.”
“Ich bin dabei.” sagte ich, unendlich erleichtert darüber, dass Dieter mir diese schwierige Angelegenheit so einfach gemacht hatte.
“Wie viele Aushilfen hast Du denn insgesamt?” fragte ich.
“Eigentlich habe ich drei. Eine musste ich vor ein paar Monaten entlassen und seitdem habe ich immer nur Aushilfskräfte, die meistens nach ein paar Wochen wieder gehen. Studenten hauptsächlich. Sind leider nicht immer die Zuverlässigsten, und deshalb bin ich heute auch alleine. Ab morgen sind dann wieder alle da.”
“Okay. Ich fang also um zehn an.” wiederholte ich.
“Genau, um dreizehn Uhr kommt dann eine andere Aushilfe bis neunzehn Uhr und von sechzehn bis zweiundzwanzig Uhr kommt dann noch eine.” erklärte Dieter.
“Und welche Arbeitszeit hast Du?
“Ich bin immer hier.”
“Und von dreizehn bis neunzehn Uhr arbeiten also immer zwei Aushilfen gleichzeitig,” resümierte ich.
“Genau, denn das sind die Hauptgeschäftszeiten.” sagte Dieter mit einem Kopfnicken.
“Ich hätte gedacht, die Hauptgeschäftszeiten sind eher abends.”
“Da kommen zwar die meisten Kunden, das ist richtig, aber die Lieferungen kommen am frühen Nachmittag. Außerdem gehen da die meisten Erotikfilme.”
Ich nickte bedächtig angesichts dieser videoverleihinternen Informationen.
“Übrigens habe ich gestern beschlossen, Regale aufzuhängen, in denen meine Angestellten und ich jeweils fünf Filme empfehlen können.”
“Ach, die Regale vorne am Eingang! Das ist ja interessant.”
“Wenn Du willst, kannst Du Deine Auswahl schon einsortieren.”
“Echt? Super!”
“Klar, jetzt bist Du ja Angestellter der Mattscheibe.”

*

Der Dritte Mann

Die Türen des Zuges schlossen sich geräuschvoll und Peter setzte sich auf einen der roten Plastiksitze, die nach altem Muff rochen, während sich der Zug in Bewegung setzte. Neben sich legte er seine Gitarre, die sich in ihrer harten Plastikbox befand.
Tom, sein ältester Freund aus vergangenen Schultagen, hatte ihm schon vor geraumer Zeit von einer sogenannten Open-Mike-Night im little dublin erzählt, einem kleinen irischen Pub, wie der Name schon sagte. Sie wurde einmal im Monat veranstaltet und stellte gleichzeitig eine Art Talentwettbewerb dar. Der Sieger, vom Publikum gewählt, erhielt als Siegprämie hundertfünfzig Euro in Bar und eine Flasche Irish Whiskey.
Das hörte sich für Peter sehr gut an. Er stand zwar nicht auf Whiskey, aber das Geld würde für die neue Waschmaschine gut gebraucht werden können. Also hatte Tom für ihn die Anmeldung erledigt.
Der Zug ruckelte seinem etwa in fünfzehn Minuten Fahrzeit entfernt liegenden Ziel entgegen. Diese Fahrt nahm Peter beinahe jeden Tag auf sich, wenn er zu seiner Uni fuhr.
Heute am frühen Abend war er fast allein im ganzen Zug und in seinem Abteil saß überhaupt niemand sonst.
Der Regen prasselte ans Fenster. Dieses Geräusch erinnerte ihn noch immer an seine Kindheit im Waisenhaus. Wenn es regnete, oder auch wenn es Nacht war, hatte er immer gern aus dem Fenster gestarrt und nachgedacht. Am liebsten, wenn er allein war. Dabei kamen ihm immer die besten Ideen, die er dann aufschrieb. Meistens in Gedichtform. Er hatte immer das Gefühl gehabt, sich auf diese Weise am besten ausdrücken zu können. Und erst nachdem er im Musiksaal des Internats, in dem er seit seiner Einschulung lebte, die Gitarre entdeckt hatte, war ihm klar geworden, dass er noch zu etwas anderem talentiert war: Musik.
Die Erzieher hatten ihn in einem Musikkurs aufgenommen, in dem die Grundgriffe der Gitarre gezeigt wurden und bald schon hatte er manch älteren Mitschüler in der Fertigkeit des Gitarre Spielens abgehängt.
Auch wenn er von den Erziehern oft als Einzelgänger bezeichnet worden war, hatte er durchaus ein paar Freunde gehabt, zu denen er auch jetzt noch, Jahre später, Kontakt hatte. Einer von diesen Freunden war Tom, ebenfalls ein sehr begabter Musiker, der Gitarre und Bass sehr gut beherrschte. Mit Tom teilte er das Schicksal, keine Eltern mehr zu haben. Viele der anderen Kinder im Waisenhaus oder im Internat waren von den Eltern zur Adoption freigegeben, in manchen Fällen vom Jugendamt den Eltern weggenommen worden. Peter hatte sich nie entscheiden können, welche dieser drei Möglichkeiten wohl die schlimmste war.
Schon früh, lange bevor er die Gitarre entdeckt hatte, war er drauf gekommen, seine Verse in Liedern umzusetzen. Sein erstes Lied hatte er mit neun Jahren geschrieben, und obwohl es nur von Tieren auf einem Bauernhof handelte, fand er es heute noch recht gut.
Natürlich hatte es im Internat eine Schulband gegeben und auch ein Orchester, aber Peter hatte in keinem von beiden mitgewirkt. Nicht, dass er nicht Spaß daran gehabt hätte, es war nur nie dazu gekommen.
Außer im Musikunterricht oder vor ein paar Freunden hatte er nie Sachen gespielt, die jemand anderes hatte hören können. Abgesehen natürlich von seinen Übungen in seinem Zimmer, denen Mick so gern zuhörte, aber davon wusste Peter nichts.
Bei Mick und Erik fühlte Peter sich ziemlich wohl. Die beiden waren scheinbar in Ordnung, doch so ein seltsames Paar wie die beiden hatte er noch nie gesehen. Zwar waren sie einerseits so unterschiedlich wie Tag und Nacht, auf der anderen Seite waren sie sich wieder ziemlich ähnlich. Und doch stritten sie sich ständig. Wie ein altes Ehepaar. Vielleicht würde Peter noch mal ein Lied über die beiden schreiben.
Geschrieben hatte er in seinem bisherigen Leben schätzungsweise an die fünfzig Lieder, das wusste er selbst nicht so genau zu sagen. Ein paar waren nur Experimente, manche waren nur Ausdrücke extremster Emotionen, aber einige waren ziemlich gut, auch wenn er das selbst nie vor anderen behaupten würde.
Deshalb stand es heute Abend außer Frage, eigene Lieder zu spielen. Außerdem war Tom der einzige, der wusste, dass Peter eigene Lieder schrieb.
Tom würde heute Abend auch da sein und ihn erst mal vom Bahnhof abholen. Zum Pub würden sie dann gemeinsam gehen.
Peter machte sich keine Gedanken um seinen ersten Auftritt vor Publikum. Wenn er alleine fehlerfrei spielen konnte, dann würde er es auch auf einer Bühne können.
Da jeder Teilnehmer nur zwei Songs vortragen durfte, hatte er sich ein Liebeslied und ein bisschen was Schnelleres ausgesucht: when you say nothing at all von Ronan Keating und hungry heart von Bruce Springsteen. Beide würden sich unplugged sehr gut anhören.
Im Kopf wiederholte er die Akkorde der Gitarre und durchlief die Liedtexte, als ihm plötzlich auffiel, dass das Ruckeln unter seinem Hintern aufgehört hatte.
Der Zug stand bereits im Zielbahnhof.
Hektisch stand Peter auf, griff sich die Gitarrenbox und lief zur Zugtür, die er mit einem kurzen Kraftakt aufwuchtete und zwei steile Stufen nach unten auf den Bahnsteig kletterte, wo ihn ein kühler Spätsommerabend empfing.
“Mann, was war los? In Gedanken vertieft?” begrüßte ihn Tom lachend und gab ihm einen Klaps auf die Schulter. “Lässt mich hier stehen und ich denk schon, der Zug fährt weiter. Hat Dich etwa wieder die Muse geküsst?”
“Nein, das nicht. Ich bin nur meine Lieder durchgegangen.”
“Aha. Nervös?”
“Nö, eigentlich nicht.” sagte Peter. Das stimmte auch. Er war lediglich ein bisschen aufgeregt.
“Musst Du auch nicht. Es sind bestimmt nicht mehr als zweihundert Leute da.”
“Zweihundert Leute?” Jetzt war er mehr als nur ein bisschen aufgeregt.
Der Weg zum Pub führte durch eine enge Altstadt mit verzogenen und abgesackten Mauerwänden und restaurierten Fachwerkhäusern, in deren Mauerwerken irgendwelche alten Handwerkszeichen eingefügt waren.
Obwohl er seine Mitbewohner noch nicht allzu lange kannte, glaubte er einschätzen zu können, dass Erik diese schönen Details nicht auffallen würden. Mick vielleicht schon eher.
Tom, der früher des öfteren mit dem Tom von Tom und Jerry wegen ähnlicher narzisstischer Wutausbrüche verglichen worden war, ging locker neben Peter her, den allmählich eine leichte Anspannung in der Magengegend überfiel, die er zu ignorieren versuchte.
Tom hatte nach der Schule Gitarrenbauer gelernt und das kleine Geschäft, in dem er gelernt hatte und jetzt arbeitete, befand sich bereits seit mehreren Generationen im Besitz derselben Familie.
Nach der Schule hatte ihm ein glücklicher Zufall dazu verholfen, der Lehrjunge des derzeitigen Meisters zu werden und weil dieser nie eigene Kinder bekommen und bereits ein gesegnetes Alter erreicht hatte, bestand für Tom die Chance, das Geschäft eines Tages zu übernehmen. Er sprach zwar nie darüber, aber in dem Handwerk des Gitarrenbauens verstand er sich ebenso gut wie in dem des Gitarre Spielens, und im Laufe der Zeit hatte er eine Menge Kontakte zu anderen Musikern knüpfen können, die alle in der Gegend wohnten und er hatte schnell herausgefunden, dass eine gewaltige Underground-Musikszene in dieser alten Stadt existierte.
Mit diesen Bekannten, auch viele Studenten der hiesigen Universität, traf er sich häufig und sie machten Musik. Entweder bei irgendwem zu Hause, manchmal in Toms Geschäft, manchmal auch auf der Straße. Manchmal gab es auch Auftritte bei Stadtfesten oder Ähnlichem, hin und wieder bei solchen Open-Mike-Nights.
Sie fanden sich immer wieder in anderen lockeren Formationen zusammen. Allerdings wurden sie nie wirklich eine richtige Band, weil Tom immer öfter wenig Lust empfand, als Leadgitarrist Coversongs zu spielen. Außerdem stand niemand dauerhaft als Vocal Artist zu Verfügung und ohne Vocals konnte man nun mal keine Band sein.
Bei Dutzenden solcher Wettbewerbe hatten sie schon mitgemacht, immer mal wieder in wechselnder Besetzung. Und immerhin dreimal hatten sie schon den ersten Preis gemacht.
Auf dem Weg zum Pub unterhielten sich die beiden über dies und das, hauptsächlich Musik, und Tom lästerte über diese Fernsehmusiker, die sich eh nicht lange halten würden, weil sie erstens zu verkrampft waren und mit zu großer Erwartungshaltung, sowohl ihrer eigenen auch der vom Publikum, konfrontiert würden, und weil sie zweitens keine selbst gemachte Musik mehr produzierten.
Keiner schrieb mehr selbst. Die Michael Jacksons, Bruce Springsteens, Bob Dylans und Reinhard Meys dieser Welt waren am aussterben. Er selbst würde nur aus Spaß Musik machen und keinen festen Verpflichtungen folgen. Immer waren mal neue Bandmitglieder dabei und beim nächsten Mal schon wieder nicht. Deshalb nannten sie ihre Musikantentruppe auch jedes Mal anders. Heute würden sie unter dem Namen the sonic death monkeys auftreten.
Den Namen dieser Band hätte Mick erkannt. Er stammte aus einem Buch von Nick Hornby. In dem Buch ging es auch viel um Musik.
Sie näherten sich dem Pub und es war bereits Musik zu hören. Tom quatschte locker vor sich hin und in Peter wuchs die Nervosität.
Der Pub war recht groß und voll. Peter bezweifelte nach dem ersten Blick, dass hier nicht mehr als zweihundert Leute sein sollten.
Zuerst betrat man einen kleinen Vorraum, der in den Lokalbereich überging. Dort befand sich zwar eine Theke mit Barhockern und etwas weiter abseits auch Tische und Stühle, beherrscht wurde der Raum jedoch von einer größeren Tanzfläche, die wahrscheinlich ebenfalls mit Tischen und Stühlen vollgestellt war, wenn die Bühne an der Stirnseite des Raumes nicht benutzt wurde. In dem Fall glich das little dublin bestimmt auch mehr einem Irish Pub als jetzt.
Tom führte Peter zum Chef in einen der hinteren Räume.
“Dieser Kerl wird heute gewinnen, Charly!” rief Tom und zeigte auf Peter. “Santana, Jimmy Hendrix! Wer sind die schon? Here comes Peter Stump!” Den Namen sprach er übertrieben amerikanisch aus und der Chef, ein dicker Mittvierziger mit Glatze, musterte Peter neugierig.
“Da bin ich ja mal gespannt.” sagte er und sah in seine Unterlagen. “Du bist Nummer dreizehn.”
“Hey, Du bist zwei Nummern vor uns.” sagte Tom freudig und führte Peter hinter die Bühne.
“Ausgerechnet die dreizehn.” murmelte Peter missmutig. Im Augenblick war ihm gar nicht mehr locker zumute. Die ganze Situation, die Beleuchtung, die vielen Menschen, die verrauchte Luft und sogar die laute Musik machten ihn jetzt nur noch nervös. “Das kann ja nur schief gehen.”
“Ach was, mach Dir nicht ins Hemd.” sagte Tom.
“Was sollte das überhaupt mit diesem Peter Stump?”
“Na hör mal. Wen willst Du denn mit Deinem echten Namen Stumpfkowski vom Stuhl reißen? Außerdem ist der Name doch wurscht. Was willst Du denn spielen?”
“Ronan Keating und Bruce Springsteen.”
“Das ist cool. Covern kannst Du sowieso alles. Ich würde Dir nur abraten, frühe Nummern von den Onkelz zu spielen.”
Der Raum, in dem man sich auf seinen Auftritt vorbereiten konnte, war eng und stickig. Es warteten bereits diverse andere Musiker, die sich fast alle so locker unterhielten, als würden sie jeden Tag vor fünfzigtausend Leuten spielen.
Peter fühlte sich eher wie vor einem Zahnarztbesuch: Man wusste nie, was einen erwartete.
Momentan lief der Auftritt Nummer acht und eine viel zu laute Punkband, die auf barbarische Weise alte Beatles-Songs verriss, ließ den Saal erzittern.
Mit anzusehen, wie sich die anderen, routinierten Musiker auf ihre Auftritte vorbereiteten, half Peter nicht im Geringsten. Die leichte Anspannung, die er schon auf dem Weg zum Pub verspürt hatte, steigerte sich nun zu echter Nervosität, die ihn unruhig sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagern ließ.
Um sich abzulenken, dachte er an seine Musik und an die Texte, an denen er permanent schrieb.
In letzter Zeit war ihm nach einem Liebeslied zumute, die ersten Zeilen hatte er schon formuliert, aber vielleicht sollte er sich jetzt doch lieber auf die Lieder konzentrieren, die er gleich spielen wollte.
Mit einem eiskalten Schreck durchfuhr ihn plötzlich die Gewissheit, dass ihm keine zwei zusammenhängenden Zeilen mehr einfielen.
Panisch kramte er in der Tasche seiner Gitarrenbox, in die er einen Zettel mit den Liedtexten für heute Abend eingesteckt hatte. Während die Punkband endlich ihren Auftritt beendet hatte und der Krach verstummte, las Peter mit zitternden Händen den Zettel durch, überflog die Zeilen und stellte fest, dass ihm die passenden Gitarrengriffe nicht mehr einfielen.
Dazu kam ein dicker Kloß in seinem Hals. Er war sicher, dass er so keinen Ton herausbringen könnte und wenn doch, dann mit Sicherheit keinen wohlklingenden.
Die Zuschauer applaudierten der Punkband. Höflich, aber nicht begeistert.
Peter nahm es kaum wahr. In ihm herrschte blanke Panik.
Das also ist Lampenfieber, dachte er und knetete sich die bebenden Finger, in denen er mittlerweile kaum noch Gefühl hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er eine so enorme Nervosität.
Und wenn er einfach ein anderes Lied nehmen würde? Angestrengt dachte er nach. Welches Lied? Ihm fiel keins ein, kein einziges, welches er in seinem Zustand komplett zusammenkriegen würde.
Band Nummer neun betrat jetzt die Bühne und es folgte eine schräge R.E.M.-Kopie. Man on the moon.
Ausgerechnet. Das hätte Peter auch hinbekommen, aber jetzt war es zu spät.
Er sah, wie Tom sich mit seinen Musikern unterhielt und dabei ganz ruhig und entspannt aussah.
Verdammt, alle sahen ganz ruhig und entspannt aus, nur Peter war nach Durchfall zumute.
Ich kann nicht auftreten, schoss es ihm durch den Kopf. Unmöglich, ich kann nicht!
Hinter ihm öffnete der dicke Wirt mit der Glatze eine Hintertür, um ein paar Müllbeutel auf den Hof zu bringen und dann wieder hinter dem Tresen zu verschwinden.
In Peter wurde der Instinkt zum Überleben wach. Ohne nachzudenken nahm er seine Gitarrenbox, schlenderte, scheinbar um frische Luft zu schnappen, zur Tür hinüber, öffnete sie und verschwand ungesehen in der Nacht.

VN:F [1.7.4_987]
Rating: +1 (from 1 vote)
Teilen, empfehlen, speichern: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • TwitThis
  • MySpace
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Wikio DE
  • YahooMyWeb
  • Y!GG
  • Webnews
  • StumbleUpon
  • Squidoo
  • Reddit
  • Print