Ich schreckte aus einer traumlosen Schlafphase hoch und wusste sofort, noch bevor ich einen Blick auf meinen Wecker warf, dass es schon zu spät war, um jemandem einen guten Morgen zu wünschen.
In T-Shirt und Unterhose lief ich durch die Wohnung, um irgendjemanden zu suchen. Mir war egal, ob Monika mich so sehen würde oder nicht. Beunruhigt stellte ich fest, dass ich der einzige Anwesende war. Der Dritte Mann war zur Uni gefahren und Hinnaak und Monika waren ebenfalls ausgeflogen. Klasse, jetzt würde ich wieder mit dem Fahrrad zu dem fetten Wichser fahren dürfen. Auf dem Tisch im Wohnzimmer lag eine der Kassetten von der Kamera. Unbeschriftet natürlich. Warum sollte man auch schreiben, was drauf war? Die Kamera selbst war nicht mehr da. Monika und Hinnaak hatten sie wohl wieder mitgenommen. Das bedeutete, dass ich mir die Kassette nicht mehr vorher ansehen konnte, bevor ich sie zu Mister Wichtig mitnahm. Das hätte ich aber gern getan, um zu sehen, wie die Aufnahmen geworden waren. Wieso er das Endergebnis nicht einfach auf eine normale VHS-Kassette überspielt oder auf CD gebrannt hatte, wusste er wahrscheinlich auch nur selber.
Als ich ins Badezimmer trat, um mich fertig zu machen, stellte ich fest, dass dort mal wieder ein grandioses Chaos herrschte. Ein Riesenberg Wäsche lag vor der Waschmaschine, ganz oben Hinnaaks Supermankostüm. Das alles auseinanderzusortieren und schon mal eine Ladung Wäsche in die Maschine zu schmeißen, kostete eine Menge Zeit, und als ich endlich mit Waschen, Anziehen und Frühstücken komplett fertig mit der Kassette in der Jackentasche auf meinem Panzer saß und in Richtung Scheißdrauf Entertainment aufbrach, war es schon nach Mittag.
Der Herbst hatte nach dem gestrigen Wetter offenbar ein schlechtes Gewissen, denn heute schien wieder die Sonne und es war annähernd windstill, was das Fahrradfahren zu einer angenehmen Sache machte. Ich gab sogar Gas und trat ordentlich in die Pedale. Schließlich war ich spät dran und ich wollte mir deswegen keine dummen Sprüche anhören müssen.
Als ich mit einer gleichmäßigen Geschwindigkeit von 35 km/h fuhr, kam zum ersten Mal an diesem Tag so etwas wie gute Laune bei mir auf. Das Wetter war schön, die Luft war frisch und mir wurde eines klar: Mehr würde Obermaier nicht von mir verlangen können. Er hatte ein Demotape, ein Videoclip, sogar eine bekackte Unterschriftenpetition. Mehr gab es nicht. Wir hatten alle Bedingungen erfüllt und würden am Samstag in der Stadthalle auftreten. Dass die Band bis dahin fit sein würde, zweifelte ich nicht an. Schon gestern waren sie annähernd perfekt gewesen. Sie mussten nur noch etwas Sicherheit bekommen, was sich durch Übung erreichen ließ. Wenn sie heute den ganzen Abend proben würden und vielleicht morgen früh noch, denn der Auftritt in der Stadthalle würde ja erst am Abend sein, hätten sie das Lied auf jeden Fall drauf.
Mit diesem beschwingten Gefühl des sicheren Sieges betrat ich das Büro, das ich, wie mir einfiel, bisher immer mit einem beschwingten Gefühl betreten und danach sauer verlassen hatte. Aber nicht heute. Heute würde ich mich nicht abspeisen lassen mit irgendeiner saudummen Aufgabe, die wir noch erfüllen sollten. Heute musste er mir eine endgültige Zusage geben.
Die Sekretärin sah mich mit offenem Mund an, als ich in ihr Büro marschiert kam, sagte aber nichts. Im Vorbeigehen legte ich ein spöttisches Grinsen auf.
Der Dickwanst hinter dem Schreibtisch verdrehte die Augen, als er mich reinkommen sah.
“Sag bloß, Du schleppst jetzt ein Video an?” dröhnte er los. “Gibst Du eigentlich niemals auf?”
“Never give up, never surrender.” sagte ich und reichte ihm die winzig kleine Kassette.
“Was, keine DVD?”
“Bitte?!” fragte ich entsetzt.
“War nur ein Scherz, entspann Dich.” lachte er. “Lass mal sehen. Wieso hast Du es nicht auf VHS?”
“Weil…”
“Na ja, ist ja auch egal. Ich hab eine universelle Adapterkassette, da wird sie reinpassen.”
Ich hatte ein bisschen gehofft, er würde die Kassette nicht weiter beachten, so wie beim Demotape, weil ich das Video ja selbst nicht kannte, aber da wurde ich enttäuscht. Er holte aus einer Schreibtischschublade eine VHS-Kassette, die auf der oberen Seite eine Klappe wie das Kassettendeck einer Stereoanlage hatte. In diese Klappe legte er die Mikrokassette aus der Kamera ein und schob die Adapterkassette in den Videorekorder an der Wand.
Jetzt war ich gleichzeitig gespannt, wie die Band auf einem Video wohl aussehen würde und nervös, weil ich vorher gern gewusst hätte, was nun kam.
Der Dicke schaltete den Rekorder ein und auf dem Bildschirm erschien die wackelige Aufnahme einer Zimmerwand. Danach kam ein Bett ins Bild, das die Kamera fixierte.
Als nächstes kam Monika von der Seite angeschossen und ließ sich kreischend aufs Bett fallen.
Was dann passierte, raubte mir alle meine Sinne.
Hinnaak im Supermankostüm kam ins Bild, rief “Ich krieg Dich, Wonderwoman!” und warf sich auf sie. Dann begann er, Wonderwoman die Kleider vom Leib zu reißen, was sie sich auch lachend und kreischend gefallen ließ und Superman danach mit beiden Beinen umklammerte.
Mir stieg saure Magensäure die Speiseröhre hoch und Ekel und Entsetzen ließen meine Sinne erstarren. Ich hatte immer befürchtet, Hinnaak irgendwann unfreiwillig beim Ficken zu erwischen, auf der Couch oder in der Badewanne, obwohl ich ihm beide Örtlichkeiten für diese Tätigkeiten verboten hatte. Aber Hinnaak in seinem Kostüm in einem Privatporno zu sehen, der weder für meine Augen, noch für die Augen dieses fetten Mistkerls gedacht war, raubte mir den Verstand. Welcher perverse Sack fickt in einem Kostüm?! Und dieses Kostüm hat er mich ständig waschen lassen! Er hat mir die falsche Kassette hingelegt! Wieso konnte dieser Idiot nicht auf seine Sachen aufpassen?! Jetzt stand ich hier ohne Musikvideo da!
Scheiß Hinnaak!
Der fette Sack amüsierte sich.
“Kommt da jetzt noch Musik oder geht das so weiter?”
“Das…das ist die falsche Kassette…” stammelte ich.
“Scheint so.” sagte er und schaltete den Rekorder gnädigerweise wieder aus.
“Ich kann noch mal nach Hause und die richtige Kassette besorgen. Irgendwo muss sie sein, wir haben nämlich wirklich einen Videoclip gemacht…”
“Das glaub ich Dir gern, aber es spielt keine Rolle. Die Auftritte sind sowieso alle ausgebucht.”
“Wie bitte?” fragte ich ungläubig.
“Na ja, sie sind ausgebucht. Nichts mehr frei. Das hab ich Dir aber von Anfang an gesagt.”
“Sie haben gesagt, wenn ich diese Unterschriften besorge und das Demotape und den Videoclip, würden Sie uns auftreten lassen!”
“Nein, ich habe gesagt, ich setze Euch auf die Liste und das tue ich auch. Auf die Warteliste.”
“Wollen Sie mich verarschen?! All die Arbeit umsonst?!”
“Hey, mach Dir nichts draus. Wenn eine Band ausfallen würde, dann wärt Ihr dabei.”
Würde. Er sagte . Er wusste ganz genau, dass das nicht passieren konnte. Für die Chance, einen großen Auftritt zu bekommen, würden sich die kleinen Amateurbands mit gebrochenen Knochen auf die Bühne schleppen und spielen. Für uns war es vorbei.
Am liebsten hätte ich dem fetten Drecksack ein paar wüste Beleidigungen ins Pfannkuchengesicht geschrien oder ihm seinen Kaffeebecher an den Kopf geschmissen, aber ich war so fertig, dass mir die Wort fehlten. Ohne etwas zu sagen, steckte ich die Kassette wieder ein und verließ den Raum, während Obermaier hinter mir ein Telefongespräch begann.

Wie in Trance war ich nach Hause gefahren und hatte den Panzer in den Keller gestellt. Wie mit einer Betäubung nach einer Gehirnoperation stieg ich die Treppe hoch und schloss die Wohnungstür auf.
Ich taumelte durch die Wohnung und hockte mich in den Fernsehsessel.
Mir war zum Heulen zumute.
So saß ich da und starrte stumpf geradeaus, von der Welt und vom Leben enttäuscht.
Plötzlich kam Hinnaak durch die Wohnungstür gestürmt.
“Dörte, bist du hier?!” schrie er.
Ich antwortete nicht, hörte ihn in der Wohnung rumtrampeln, bis er mich im Wohnzimmer fand. In der Hand hielt er eine Mikrokassette. Genau so eine, wie sie noch in meiner Jackentasche steckte.
“Warst Du schon bei diesem fetten Wichser?!” fragte er aufgebracht.
“Ja, das war ich.” sagte ich ruhig.
“Scheiße! Wie ist es gelaufen?”
“Wie soll es schon gelaufen sein? Wir haben uns Popcorn gemacht und Deinen Porno angesehen.”
Hinnaak atmete tief aus und ließ sich dann ins Sofa fallen.
“Monika hatte es heute Morgen eilig.” erklärte er. “Da hab ich mir die falsche Kassette gegriffen, tut mir leid.”
“Das sollte es auch!” rief ich aufgebracht. “Ich saß da wie ein Idiot. Du blödes Arschloch!”
“Tut mir echt leid. Ich hab’s mal wieder verkackt, was?”
“Nein, hast Du nicht. Wir hatten nie eine Chance. Die Auftritte waren von vornherein ausgebucht. Er hat uns nur schikaniert, dieser gemeine Fettsack!”
“Scheiße.” sagte Hinnaak. “Und ich hab von meinem Kumpel Rick schon massenweise Freikarten für uns geholt. Wollen wir dem fetten Wichser auflauern und mal so richtig die Fresse polieren?” fragte Hinnaak.
“Nein, wir spritzen ihm Buttersäure ins Auto. Warte dann mal den nächsten Sommer ab. Den Gestank wird er nie wieder los.”
“Wo hast Du das denn her?”
“Hab ich mal im Fernsehen gesehen.”
“Wir müssen der Band noch sagen, dass der Auftritt gestorben ist.” sagte Hinnaak lustlos. “Mist! Ich hatte mich selber schon voll drauf gefreut.”
“Tja, die Arschlöcher werden nicht weniger.” erwiderte ich. “Lass uns mal zum Ü-Raum fahren. Dann ersparen wir den Jungs einen Abend Arbeit.”

Im Auto fing Hinnaak an, mich penetrant nach den Reaktionen von Obermaier auf sein Video zu befragen und er wollte nicht glauben, dass die größte Reaktion ein gehässiges Lachen gewesen war.
“Der hat gelacht? Kann doch nicht sein.” protestierte Hinnaak.
“War aber so.”
“Unwissender Banause. Der hat doch keine Ahnung.”
“Du bist eben der Einzige, der in Pornos noch Kunst sieht.”
“Ja, es ist einsam im Kreis der Genies.”
“Wieso fickst Du eigentlich im Supermankostüm? Das ist doch krank.”
“Nein, ich finde, Superman ist der Größte. Also muss er auch der verdammt beste Stecher des ganzen Planeten sein.”
“Das ist wenigstens eine logische Erklärung.” sagte ich. “Ich wusste gar nicht, dass Du so ein Superman-Fan bist.”
“Ich sag Dir, wenn ich die Kohle hätte, würde ich mir irgendein Filmrequisit oder eine lebensgroße Statue ersteigern oder so etwas.”
“Das glaubst Du doch selber nicht. Weißt Du, was so was kostet?”
“Oh Mann!” rief Hinnaak plötzlich aus und schlug sich die flache Hand vor die Stirn.
“Was ist los?”
“Gar nichts. Mir ist nur gerade eingefallen, warum mir diese Sekretärin bekannt vorkam. Ich konnte doch ihr Gesicht nicht zuordnen, aber jetzt weiß ich es wieder. Sie guckt öfter mal beim Fußball zu, daher hab ich sie wiedererkannt. Ja, ja, mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren.”
“Na, das ist ja toll.”
“Was hast Du eigentlich zu diesem Penner gesagt, als er damit rausgerückt ist, dass wir nicht auftreten können?”
“Ich hab ihn nur gefragt, warum er uns das nicht gleich gesagt hat, obwohl mir die Antwort eigentlich klar war. Darauf hat er gemeint, dass er ja immer nur gesagt hätte, dass wir auf eine Warteliste kommen, falls eine Band ausfällt.”
“Falls eine Band ausfällt?”
“Ja. So ein Bullshit.”
“Also falls eine Band ausfallen sollte, rücken wir nach und treten stattdessen auf?”
“Ja, aber es wird keine Band ausfallen. Schließlich winkt ein Auftritt bei Rock am Ring und eventuell ein Plattenvertrag, das wird sich keine Band entgehen lassen, die Samstag einen festen Platz hat.”
“Hm.” meinte Hinnaak, als er auf den Parkplatz vor die alte Fabrikhalle fuhr, in der sich der Ü-Raum befand.
Ich nahm Hinnaak kaum wahr, denn ich war zu überrascht von dem, was ich sah. Es standen beinahe zwanzig Autos auf dem Parkplatz. Darunter Johns Mercedes und Marks alter Transit.
“Was denn hier los?” fragte ich erstaunt. Die Antwort bekam ich, als wir den Wagen geparkt hatten und ausgestiegen waren. Vor dem Eingang standen neben der Band etwa fünfundzwanzig Leute herum, dem Aussehen nach alles Studenten.
“Da kommen unser Manager und sein Leibwächter!” rief Mark zur Begrüßung und zeigte auf Hinnaak und mich. “Die haben uns den Auftritt in der Stadthalle klargemacht!”
Die Studenten fingen an zu applaudieren und zu johlen, dass mir ganz warm wurde.
“Ich hab ein paar Kollegen angehauen, ob sie sich mal unser Lied anhören wollen.” sagte Mark zu mir, als wir näher rangekommen waren und Hinnaak sich erstmal den Studentinnen vorstellte. “So kriegen wir einen Eindruck, wie andere Leute auf uns reagieren.”
“Gute Idee, aber ich muss Euch etwas sagen.” meinte ich. Das kriegte Mark nicht mit, weil er grade von einer dicken Strickpulliträgerin zur Seite gezogen wurde. Hinnaak schloss wieder auf und sagte leise
“Pass mal auf. Lass sie heute Abend auftreten und sag es ihnen erst hinterher. Dann haben sie wenigstens diesen einen Gig. Soviel haben sie verdient.”
“Hast recht.” erwiderte ich. “So viel haben wir alle verdient.”
Auf dem Parkplatz herrschte eine heitere Atmosphäre. Mark scherzte mit der dicken Strickpulliträgerin herum, John unterhielt sich locker mit ein paar Studenten, die er wahrscheinlich aus irgendwelchen Vorlesungen kannte und um Tom, der seine Bassgitarre über der Schulter trug, dass er aussah wie Bruce Springsteen, hatte sich eine Traube hübscher Studentinnen geschart, mit denen auch Hinnaak sich amüsierte. Nur der Dritte Mann stand ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt in der Gegend herum und trat von einem Fuß auf den anderen.
Ich sah mir die Situation aus ein paar Metern Entfernung an und empfand tiefstes Bedauern darüber, dass dies hier der größte Auftritt sein sollte, den wir kriegen konnten. Alle hatten sich hoch konzentriert und engagiert auf den Samstag vorbereitet und jetzt war alles vorbei, weil ich mich von diesem blöden, fetten Schweinehund habe über den Tisch ziehen lassen. Unnötige Hoffnungen hatte ich bei allen geschürt. Richtig dämlich kam mich mir vor. In dem Moment hätte ich alles getan, um doch noch an den Auftritt zu kommen.
Tom, John und Mark machten sich auf den Weg nach drinnen und die Masse von Studenten folgte ihnen. Der Dritte Mann ließ sich etwas Zeit.
Erschrocken stellte ich fest, dass er käsebleich im Gesicht war.
“Was ist denn mit Dir los?” fragte ich ihn, als niemand in der Nähe war. “Geht’s Dir nicht gut?”
“Es sind die vielen Menschen.” sagte er mit zitternder Stimme. “Wie soll ich denn vor diesen vielen Menschen spielen?”
“Das sind nur zwanzig Leute. Und die meisten kennst Du doch vom Sehen.”
“Ja. Und ich weiß, in der Stadthalle morgen werden es viel mehr sein. Aber ich hab trotzdem furchtbare Angst. Was ist denn, wenn ich einen Fehler mache?”
“Wie oft habt Ihr Dein Lied zuletzt fehlerfrei gespielt?” fragte ich.
“Ähm, fünf- oder sechsmal.”
“Na also. Wieso solltest Du gerade jetzt falsch spielen? Herrgott, Du hast das Lied geschrieben, Du kennst es in- und auswendig.”
“Genau das ist es ja. Du verlässt Dich darauf. Alle verlassen sich darauf. Und was ist, wenn ich es trotzdem versaue?”
Inzwischen waren alle im Gebäude und ich war mit dem Dritten Mann allein, während langsam das Tageslicht schwand und wir im Zwielicht der Dämmerung auf der Motorhaube eines alten silbernen Ford Escort saßen.
“Okay.” sagte ich. “Das Lied hat doch eine Aussage, oder?”
“Ja…”
“Stell Dir einfach vor, die Frau, für die Du das Lied geschrieben hast, ist da und kann es hören.”
Der Dritte Mann verstummte und dachte nach. Dann lachte er kurz auf.
“Du hast Recht. Ich glaube, es funktioniert. Merkwürdig. Das hätte ich nicht gedacht, aber ich entspann mich wirklich.” sagte er und atmete tief durch.
“Du siehst auch entspannter aus. Meinst Du, Du kannst es jetzt spielen?”
“Ich glaub schon.” meinte er zuversichtlich. “Hoffentlich gefällt es den anderen auch.”
“Bei der Gelegenheit wollte ich mal fragen: Wer ist denn eigentlich die Frau in dem Lied?”
Der Dritte Mann zögerte und sah hinunter auf den Asphalt.
“Willst Du es mir nicht sagen?” fragte ich.
“Ich sag es Dir, wenn Du mir sagst, warum Du Dörte genannt wirst.” antwortete der Dritte Mann und grinste.
Ich zögerte und sah hinunter auf den Asphalt.
“Das kann Hinnaak Dir besser erklären.” antwortete ich und wir grinsten uns an.
“Da kommt er ja.” sagte der Dritte Mann und zeigte auf Hinnaak, der gerade durch die Eingangstür nach draußen kam.
“Da drin warten alle auf den Leadman. Die Fans skandieren bereits Sprechchöre und ohne Dich kann die Band leider nicht anfangen.”
“Dann geh ich mal besser rein. Kommt Ihr mit?”
“Gleich.” sagte Hinnaak. “Ich muss mit Dörte kurz was besprechen.”
Der Dritte Mann nickte und trat ins Gebäude.
“Was ist los?” fragte ich.
“Das gefällt mir nicht.”
“Was?”
“Dieser ganze Scheißdreck. Dass wir morgen nicht in der Stadthalle auftreten werden.”
“Das können wir leider nicht ändern.” meinte ich.
“Vielleicht doch.”
“Wie meinst Du das?”
“Dieser fette Wichser meinte doch, wir wären dabei, wenn eine Band ausfallen würde. Wir müssen nur dafür sorgen, dass eine Band ausfällt.”
“Das ist ja toll.” sagte ich und lachte ironisch. “Und wie soll das vonstatten gehen? Sag es mir, ich bin sehr gespannt.”
“Mein Fußballkollege Ronny ist mit seiner Band angemeldet, das hatte ich Dir schon mal erzählt.”
“Richtig. Und weiter?”
“Ich hab seine Musik mal gehört. Wenn Du eine Katze am Schwanz aufhängst, hört sich das besser an. Die spielen so beschissen, das geht schon gar nicht mehr.”
“Bist Du sicher? Na toll, solche Vollpfosten kriegen einen Auftritt und wir nicht, obwohl wir wirklich gut sind. Das ist doch echt ungerecht, Mann.” sagte ich frustriert.
“Na ja, das kam nicht von ungefähr.” meinte Hinnaak.
“Was meinst Du?”
“Ronnys Freundin ist die Sekretärin von dem fetten Wichser.”
“Was?!”
“Ja, genau. Wie findest Du das?”
“Beschissen!” rief ich aus. “Manche Leute kriegen auch alles durch Beziehungen.”
“Stimmt. Manche werden sogar Präsident der Vereinigten Staaten durch Beziehungen.”
“Die größten Vollidioten können alles erreichen durch Beziehungen!” regte ich mich auf.
“Ja, aber wir können es korrigieren.”
“Und wie stellst Du Dir das vor?”
“Ich hab einen Plan. Komm mit, unterwegs erklär ich es Dir.”

“Um es von vornherein zu klären.” sagte Hinnaak, als wir im Auto saßen und uns von dem Fabrikgelände entfernten, auf dem unsere Band in dem Glauben spielte, morgen einen großen Auftritt zu haben. “Stimmst Du mit mir darüber ein, dass Ronnys Band durch unfaire Bedingungen ihren Platz morgen bekommen hat und dass wir der ganzen Stadt einen Gefallen tun, wenn sie den Auftritt uns überlassen?”
“Ja.” sagte ich spontan. Ich war sauer genug auf den fetten Mistkerl und diesen hinterhältigen Ronny mit seiner verblödeten Freundin, dass ich alles getan hätte, um meine Band nicht enttäuschen zu müssen.
“Gut.” sagte Hinnaak und bog ab Richtung Städtisches Krankenhaus. “Dann will ich ab jetzt auch keine Proteste von Dir hören.”

Um diese Zeit wäre man normalerweise gar nicht mehr ins Krankenhaus reingekommen, aber Hinnaak zeigte nur kurz seinen Ziviausweis und wir wurden durchgewunken. Er kam mir vor wie Agent Mulder.
“Was wollen wir hier?” fragte ich, als wir einen langen, nach Desinfektionsmitteln riechenden Korridor, in dem die Beleuchtung auf Nachtlicht geschaltet war, entlanggingen.
“Das erklär ich Dir gleich. Da vorne sitzt Steffi.” sagte Hinnaak, der auf einen hell erleuchteten Punkt am Ende des Ganges zeigte. Dort saß eine Krankenschwester hinter dem Schreibtisch einer kleinen Bürosektion im Licht der Schreibtischlampe und las in einem Buch. “Die hat heute Nachtdienst. Mit der muss ich mal kurz reden.”
“Ich hoffe, Du verschwindest nicht mit ihr in irgendeinem Hinterzimmer und ich muss hier auf Dich warten.”
“Doch, genau das hab ich vor.”
“Wie bitte?”
“Hi Steffi.” sagte Hinnaak laut, dass die Schwester zusammenzuckte und ihr Buch fallen ließ. Kein Wunder, denn sie las Der Vogelmann von Mo Hayder.
“Erik.” sagte sie erschrocken und strich sich erstmal geziert die Haare hinter die Ohren. “Warum schleichst Du Dich so an?”
“Ich bin nicht geschlichen, Du warst nur so in Dein Buch vertieft. Sieht echt niedlich aus, wenn Du so konzentriert bist.”
Steffi errötete und kicherte albern. Hinnaak beanspruchte scheinbar ihre ganze Aufmerksamkeit, denn sie schien meine Anwesenheit nicht zu bemerken. Vielleicht kam das auch daher, dass ich etwas außerhalb des Lichtkreises im Dunkeln stehen geblieben war.
“Findest Du?” fragte sie geschmeichelt. “Willst Du ein bisschen hier bleiben? Mir ist so langweilig. Hast Du heute auch Dienst?”
“Nein, ich hab Urlaub. Ich bin nur hier, weil ich Deine Hilfe brauche.”
“Was kann ich denn für Dich tun?”
“Du hast doch Zugang zum Labor.”
“Ja und?”
“Im Labor haben wir doch diese gewaltigen ETEC-Kulturen. Davon bräuchte ich ein Fläschchen.”
“Wozu das denn?”
“Frag nicht lange. Ich brauch sie einfach.”
“Ich weiß nicht…”
“Es sind doch so viele da, das wird nicht auffallen.” redete Hinnaak mit sanfter Stimme auf sie ein. “Morgen bring ich das Fläschchen wieder, das stellen wir zu den gekippten Kulturen, dann fehlt auch keins, falls mal einer nachzählt. Na komm schon. Ich werde es Dir nicht vergessen.”
“Also gut.” sagte sie nach einem kurzen Zögern. “Komm mit.”
Es war genau, wie Hinnaak es gesagt hatte. Sie verschwanden in einem Hinterzimmer, das diese Steffi mit einem Schlüssel öffnete, den sie aus der Schreibtischschublade holte. Dann war ich allein auf dem Flur.
Ich fing an, mir Sorgen zu machen, dass mich hier jemand erwischen würde. Was sollte ich dem erklären? Dass ich Patient wäre und mal spazieren gehen wollte und dabei zufällig in die Nähe des Labors gelangt war, in dem irgendwelche ominösen Kulturen gezüchtet wurden? Wahrscheinlich würde ich verhaftet und stundenlang verhört werden.
Bevor ich mir weiter Horrorgeschichten ausdenken konnte, in denen meine Mutter ihr Haus verkaufen musste, um die Kaution für mich zu bezahlen, kamen Hinnaak und Steffi wieder heraus, die den Raum sorgfältig abschloss und den Schlüssel in die Schublade zurücklegte.
“Danke, Steffi.” sagte Hinnaak und deutete auf ein kleines Fläschchen, das er in der Hand hielt. “Du hast was gut bei mir.”
Darauf kicherte Steffi erneut.
“Na ja, Hauptsache, es bemerkt niemand.” sagte sie. “Und Du bringst die Flasche morgen wieder?”
“Klar. Du bist morgen Nacht auch hier?”
“Die ganze Woche.”
“Mein Beileid. Bis morgen dann.”
“Gute Nacht.”

Hinnaak öffnete den Kofferraum seines Autos.
“Gut, dass ich vorhin noch Einkaufen war.”
“Wieso Einkaufen? Und was ist in der Flasche da?”
“Das erklär ich Dir gleich. Hier hab ich ne Flasche Orangensaft und eine Flasche Wodka. Die teure sogar. Ich wollte, dass wir unseren morgigen Auftritt ein bisschen feiern. Ronny und seine Band tun das nämlich auch.”
Er öffnete die Flasche Orangensaft, nahm einen großen Schluck daraus und stellte sie dann vorsichtig in den Kofferraum zurück. Dann zog er sich ein Paar Einweggummihandschuhe über, die er aus der Jackentasche holte. Jeder Zivi musste immer Gummihandschuhe griffbereit haben. Dann nahm er das kleine Fläschchen zur Hand, das ihm die Nachtschwester eben besorgt hatte. Der Inhalt war glasklar.
“Hier drin befindet sich eine Lösung aus einer ETEC-Kultur.” erklärte Hinnaak. “ETEC steht für Escherichia Coli. Das sind Bakterien, die Enterotoxine bilden, welche beim Menschen Diarrhö verursachen. Also Durchfall.”
Mit diesen Worten öffnete er das Fläschchen und füllte den Inhalt in die Saftflasche, die er daraufhin verschloss und sorgfältig schüttelte.
“Von diesem kontaminierten Orangensaft kriegt Ronnys Band so etwas von Durchfall, dass sie morgen mit Windeln auftreten müssten, hä hä. Die scheißen sich spindeldürr.”
“Moment mal.” sagte ich. “Willst Du Ronny und seine Band vergiften?”
“Ach was.” meinte er beschwichtigend. “In drei Tagen geht’s denen wieder gut. Nur bis dahin wird viel Klopapier die Toilette runtergehen, das kann ich Dir sagen.”
“Also, ich weiß nicht, was ich davon halten soll.” sagte ich.
“Hey. Du hast versprochen, keine Proteste von Dir zu geben.”
“Das hab ich nicht! Und überhaupt. Wie willst Du Ronnys Band diesen Cocktail unterjubeln?”
“Ich hab doch gesagt, sie feiern heute Abend ihren morgigen Auftritt. Und auf dieser Party werden wir jetzt uneingeladen erscheinen. Zur Feier des Tages spendiere ich ihnen sogar großzügigerweise eine Flasche Wodka mit Orangensaft.”
“Du bist zu gütig.”

Ronnys Wohnung lag am Stadtrand und sein Haus war unserem gar nicht mal so unähnlich, allerdings lag seine Wohnung im Erdgeschoss und nicht ganz oben. Durch die offenen Fenster, anscheinend war den Gästen die abendlich kühle Temperatur egal, drang deutlicher Partylärm und laute Musik.
“Ich glaube, wir kommen genau richtig.” meinte Hinnaak, als er sich die beiden Flaschen schnappte und zur Tür losstiefelte. Ich eilte mit einem beunruhigten Gefühl hinterher.
Hinnaak drückte zwei Minuten durchgehend auf die Klingel, bis sie drinnen einer vernahm und den Summer drückte.
Oben an der Wohnungstür erwartete uns irgendein Kerl, den ich nicht kannte, den aber Hinnaak kannte, denn es gab eine begeisterte Begrüßung mit Schulterklopfen, wie sie bei Kerlen erst ab einem bestimmten Promillewert üblich ist. Mich begrüßte er aber glücklicherweise nur mit einem Händedruck.
Drinnen hatte grade einer die Musik abgedreht, wahrscheinlich, als registriert worden war, dass jemand an der Tür geklingelt hatte.
Als Hinnaak und ich reinkamen, brandete ein lautstarkes Gejohle auf, als wäre Hinnaak der Bundeskanzler und man hätte schon seit Stunden auf ihn gewartet. Im Wohnzimmer herrschte ein typisches Partychaos. Der Tisch war mit leeren Flaschen übersät und hier und da lagen ein paar umgekippte Stühle. Außer Ronny, den breitschultrigen Kampfzwerg vom Fußballspiel, hatte ich niemanden in diesem Raum jemals zuvor gesehen. Ronny machte ebenfalls das Schulterklopfritual mit Hinnaak, der breit grinsend jeden mit Handschlag begrüßte, was ich ihm dann nachmachte.
“Ich wollte Euch für morgen alles Gute wünschen und zur Feier das Tages einen ausgeben.” sagte er, was mit einem erneuten Gejohle kommentiert wurde.
“Du kommst grade richtig, Mann.” sagte Ronny mit schwerer Zunge. “Uns sind schon die Getränke ausgegangen, wollten aber mit Party noch nicht Feierabend machen, denn morgen geht es RICHTIG ZUR SACHE, MANN!!!” schrie er und die Band brach in lautstarkes Gegröle aus.
WIR SIND DIE HOWLING STONES, MANN!!!” brüllte ein anderer.
“Ja ja und ich wünsch Euch für morgen viel Glück.” sagte Hinnaak und stellte die beiden Flaschen auf eine freie Stelle auf den Tisch.
WIR BRAUCHEN KEIN GLÜCK, WIR SIND DIE HOWLING STONES!!!
“Dann trinken wir da drauf.” meinte Hinnaak.
“Genau.” sagte Ronny. “Ich hol Euch mal ein Glas.”
“Nee, lass mal.” sagte Hinnaak hektisch. “Ich kann nicht, ich muss fahren.”
“Das stört Dich doch sonst auch nie. Nach dem Fußball kippst Du auch immer ein paar Bier.”
“Ja, aber in diesem Fall ist das anders, weil…”
“Ach, stell Dich nicht so an.” sagte Ronny und befüllte für alle Anwesenden im Raum Gläser mit Orangensaft und Wodka, ohne dass Hinnaak eine Ausrede einfiel, wieso er als bekannter Vieltrinker ausgerechnet jetzt nichts wollte.
“Ich, äh, kann jetzt wirklich nichts trinken…” stammelte er herum, als alle anderen ihre Gläser hoben.
“Hab Dich nicht so.” sagte Ronny. “Du musst mit uns anstoßen, sonst bringt das Unglück.”
“Er darf wirklich nichts trinken.” mischte ich mich ein. “Er hatte vor kurzem eine Operation und steht noch unter Kreislaufmedikamenten. Der Arzt meinte, wenn er jetzt Alkohol trinkt, könnte er abfallen.”
“Könnte was abfallen?” fragte Ronny. “Was für eine Operation?”
“Penisvergrößerung.” antwortete ich und alles im Raum brach in johlendes Gelächter aus, bis auf Hinnaak.
“Das hattest Du schon lange nötig.” meinte Ronny lachend. “Nach dem Fußball sieht es immer aus, als würdest Du kalt duschen.”
Die benebelten Bandmitglieder von Ronny kugelten sich vor Lachen. Einer rutschte sogar vom Sofa auf den Fußboden.
“Ich denke, das können wir durchgehen lassen, Mann.” sagte Ronny. “Aber Dein Kumpel kann mit uns anstoßen. Oder bist Du auch operiert worden?”
“Nein, äh, von Wodka-O wird mir immer schlecht. Ich kann das Zeug nicht mehr sehen, seit…”
“Seit er sich damit besoffen und eine Tussi gefickt hat, mit deren Schwester er zusammen war.” sagte Hinnaak und das Gelächter brandete in einer Lautstärke wieder auf, dass ich dachte, die Wände müssten Risse kriegen.
“Ihr seid ja vielleicht ein paar Leute.” lachte Ronny und wischte sich Tränen aus den Augen. “Aber ich hoffe, Ihr seid morgen in der Stadthalle und jubelt für die HOWLING STONES!!!
“Ja genau.” meinte ein anderer. “Ihr müsst uns anfeuern, dann kommen wir zu Rock am Ring und ganz groß raus.”
“Keine Sorge, wir werden da sein.” sagte ich.
“Na dann, auf morgen.” sagte Ronny und stieß mit seinem Glas die der anderen an. “Und auf die HOWLING STONES!!!
“Auf die Howling Stones!” riefen alle. “Und auf Rudi Völler! Prost!”

Hinnaak brachte seine Karre holpernd wieder vor dem Ü-Raum zum Stehen.
“Dafür, dass das hier eine Disco sein soll, ist am Freitagabend aber verdächtig wenig los.” sagte ich, als mein Blick auf den Parkplatz fiel, wo nicht mehr Autos als vorhin standen.
“Ich glaub, sie wird renoviert.” sagte Hinnaak.
“Haben wir wirklich nichts Falsches gemacht?” fragte ich. “Auch wenn sie schlecht sind, haben sie sich auf diesen Auftritt gefreut.”
“Den sie nur durch Vitamin B bekommen haben, denk dran. Außerdem tun wir ihnen einen Gefallen. Die sind so scheiße, die Leute würden sie mit Fackeln und Mistgabeln aus der Stadt jagen.”
“Trotzdem hab ich ein schlechtes Gewissen.”
“Mach es so wie ich. Sag < Halt die Schnauze >.”
“Halt die Schnauze?”
“Ja. Sag das Deinem schlechten Gewissen. Ich mach es immer so, es funktioniert.”
“Na ja, Hauptsache Deine Durchfallbakterien wirken auch, damit es sich wenigstens gelohnt hat.”
“Sicher. Und tut mir leid, dass ich vorhin Deine Geschichte mit Gisi erwähnt habe…”
“Ach, halt die Schnauze.”

“Hey, wo wart Ihr denn so lange?” begrüßte uns der Dritte Mann, als wir den Ü-Raum betraten.
“Ja, ich hab das Gefühl, wir spielen hier schon seit Stunden.” sagte John.
“Ach, stell Dich nicht so an.” meinte Mark. “Ich hab hier den vollen Körpereinsatz, während Du nur Knöpfe drückst.”
“Aber sie sind toll.” meinte eine Studentin. “Alle sind wahnsinnig talentiert. Der Auftritt morgen wird stark.”
“Wir haben hier improvisiert und auch andere Sachen gespielt. Sogar David Hasselhoff.” erzählte der Dritte Mann aufgekratzt.
“Och, und das hab ich verpasst.” meinte Hinnaak.
“Wie fand der Veranstalter eigentlich unser Video?” fragte Tom.
“Er fand es, äh, sehr unterhaltend.” antwortete ich.
“Wie ist es denn geworden?”
“Na ja, ich hab ’s mir mit Monika angesehen.” meinte Hinnaak. “Wirklich ganz gut.”
“Wir wollen mal langsam los.” sagte ein Kerl mit Dreadlocks. “Aber wir kommen morgen in die Stadthalle. Wir stehen hinter Euch.”
Das war das Aufbruchssignal für alle Anwesenden. Die Zuhörer verabschiedeten sich und machten sich davon. Die Band packte ihre Geräte ein.
“Ich drück also nur ein paar Knöpfe. Das denkst Du also, ja?” fragte John angesäuert.
“Ja, mehr ist es doch wirklich nicht.” erwiderte Mark.
“Und Du fuchtelst mit Stöckchen herum, die sie in China zum Essen benutzen.”
“Hey, mein erstes Schlagzeug hab ich mir verdient, in dem ich monatelang Teller abgewaschen habe, während man Dir Dein Keyboard einfach geschenkt hat. Es besteht also ein kleiner Unterschied zwischen uns beiden.”
“Ach, es läuft doch immer wieder auf dasselbe hinaus!” rief John genervt. “Dass meine Eltern viel Kohle haben! Ich sag Dir mal was. Auch, wenn man es mir geschenkt hat, ich musste trotzdem lernen, damit umzugehen. Das hat mir nämlich keiner geschenkt, alles klar?”
“Aber den Klavierunterricht schon, oder?” fragte Mark gehässig.
“Weißt Du was? Wenn Du so ein großer Musiker sein willst, warum hast Du kein richtiges Instrument gelernt? Die Drums kann man nämlich durch eine stinknormale Rhythmusmaschine ersetzen, die Keyboards aber nicht.”
“So, denkst Du das?!” rief Mark wütend. “Dann kannst Du ja morgen mit einer Rhythmusmaschine auftreten, ich bin raus aus der Sache!”
Mark packte seine Drumheads, um sie zu seinem Wagen zu bringen. “War von Anfang an eine scheiß Idee.”
Beunruhigt hatte ich diesem Streit zugehört. Dass so was mal kommen würde, hatte ich schon länger erwartet. Die beiden sind sich scheinbar nie grün gewesen. Aber dass Mark jetzt alles hinschmeißen wollte, würde ich mir nicht gefallen lassen.
“Was soll denn dieser Kindergarten?” mischte ich mich. “Könnt Ihr Euch nicht wie Erwachsene benehmen?”
“Frag ihn das.” sagte John.
“Was, ich?” tat Mark erstaunt.
“Ja, das ist richtig.” sagte ich zu Mark. “Du hast immer mit der Stänkerei angefangen. Hört zu Jungs, jetzt hört mal her, wir wollen hier etwas gemeinsam machen. Und wenn man etwas gemeinsam machen will, dann muss jeder mit Freude daran mitarbeiten. Keiner erwartet von Euch, dass Ihr beste Freunde werdet, allerdings ist das Eure Privatsache. Die Band ist aber nicht Eure Privatsache, die betrifft uns alle. Wenn Ihr also Eure Streitereien von Eurem Privatleben auf die Band übertragt, schadet Ihr uns allen. Und das ist nicht fair!”
Mark war schwer beladen stehen geblieben und hatte seine Drums auf den Boden abgesetzt. Mit einem beschämten Ausdruck im Gesicht sah er mich an.
“Du hast Recht.” sagte er zerknirscht. “Tut mir leid, John.”
“Ja, schon gut.” sagte John.
“Also.” sagte ich erleichtert. “Ich werde Tom morgen auf dem Handy anrufen, wann wir uns vor der Stadthalle treffen wollen. Vielleicht könntet Ihr vorher hier noch ein bisschen spielen, dann seid Ihr schon aufgewärmt.”
“Aber nicht zu knapp vor dem Auftritt.” sagte Tom. “Du weißt ja, die Geräte müssen sich an die Raumtemperatur in der Stadthalle gewöhnen.”
“Ja, ist gut.” meinte ich und zweifelte doch insgeheim immer noch, dass es mit dem Auftritt überhaupt klappen würde. Wie oft hatte schon einer von Hinnaaks Plänen funktioniert? Nach Hinnaaks letztem todsicherem Plan hatte er eine Anzeige wegen des öffentlichen Verkaufs von Pornos am Hals. Würden diese Bakterien überhaupt wirken? Und wenn ja, würde der fette Wichser uns dann auftreten lassen oder würde ihm noch was anderes einfallen?
“Übrigens,” hörte ich John hinter mir zu Mark sagen, “ich hab nie in meinem Leben Klavierunterricht gehabt.”
“Hast Du nicht?” fragte Mark erstaunt. “Hast Du Dir das alles etwa selbst beigebracht?”
“Ja, genau.”
Sekundenlang herrschte Stille, in der Mark John verstohlen bewundernd betrachtete.
“Also, in Anbetracht dessen bist Du wirklich, sagen wir, gar nicht mal so schlecht.” sagte Mark.
“Danke.” antwortete John geschmeichelt. “Und Du bist mit Deinen Essstäbchen auch ziemlich gut.”
Erstaunt sah ich, wie sich beide angrinsten. So schnell konnte es also gehen.
Mark baute seine Drums wieder auf. Die Band verabredete, sich morgen Mittag zu treffen, um sich für den Auftritt einzuspielen.

“Fährst Du mich morgen hin, Erik?” fragte der Dritte Mann von der Rückbank nach vorne, als wir auf dem Heimweg waren.
“Ja, klar.” sagte Hinnaak. “Ich muss nur vorher kurz ins Krankenhaus. Was abgeben.”

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