Am Morgen erwachte ich mit einem angenehm stolzen Gefühl im Bauch. Zum einen weil ich die Sache mit den Unterschriften meistern konnte und zum anderen, weil ich es geschafft hatte, John zu rekrutieren. Der Dritte Mann hatte noch gestern Abend Tom darüber verständigt, der ziemlich ungläubig gewirkt haben soll.
Das Wetter machte es mir leicht, mich auf den Panzer zu schwingen und zu dem fetten Wichtigtuer zu radeln, denn es waren keine Wolken zu sehen und die Sonne schien auf einen schönen, kühlen Herbsttag herab. Bei so einem Wetter musste ich immer daran denken, wie Piloten eine solche Witterung nannten: C.A.V.U. – Clear Air, Visibility Unlimited. Das hatte ich mal in einem Buch über die Area 51 gelesen, in der die Amerikaner wohl UFOs oder Laserwaffen oder die Filmkulissen und die Alufolienraumkapsel von der Mondlandung 1969 verstecken.
Die Seiten mit den Unterschriften hatte ich zusammengerollt in den Hosenbund gesteckt, damit ich ja keine verlor.
Hinnaak, der an seinem ersten Urlaubstag zwar ausschlafen, aber trotzdem behilflich sein wollte, erklärte sich sogar bereit, mich mit dem Auto hinzufahren, aber an zwei Tagen hintereinander mit Hinnaaks Auto zu fahren, lehnte ich ab. So blieb er beleidigt zu Hause.
Die dämliche Sekretärin bei Breakthrough Entertainment guckte mich an, als hätte ich zwei Köpfe, als ich wieder ins Büro marschiert kam. Da sie ja von meinem Termin wusste, hielt ich es nicht für nötig, an ihrem Schreibtisch anzuhalten, sondern marschierte gleich durch und öffnete die schwarze Doppeltür.
Der Dicke saß an seinem Schreibtisch und popelte in der Nase, als ich reinkam.
“Kannst Du nicht anklopfen?” fuhr er mich an.
“War kein Klopfer an der Tür.” erwiderte ich und ignorierte, dass er den Popel an seinem Hosenbein abwischte. Wenigstens musste ich nicht damit rechnen, dass er mir die Hand geben würde.
“Was ist das?” fragte er, als ich ihm den Stapel Papier auf den Tisch legte.
“Das sind Unterschriften von zweihundert Leuten, die wollen, dass meine Band am Samstag in der Stadthalle auftritt.”
Verwirrt, als müsste er erst darüber nachdenken, was es mit den Unterschriften auf sich hatte, griff er nach dem Stapel Papier.
“Das ist ja total zerknittert.” sagte er unwirsch.
“Sie haben mir nicht gesagt, dass ich die Unterschriften in Leder einbinden soll.”
“Zweihundert Unterschriften sind das?”
“Sie können ja nachzählen.”
“Ja, ist schon gut.” meinte er kleinlaut.
“Also was ist jetzt?” fragte ich.
Er überlegte fieberhaft.
“Na ja.” meinte er schließlich und gestikulierte ausladend. “Das mit den Unterschriften ist ja schon mal ganz gut, aber ich kann nun mal leider nicht jeder Band einfach so einen Auftritt genehmigen. Vorher muss ich mir anhören, was Deine Band draufhat. Schließlich repräsentiert Ihr auf der Bühne meine Firma.” sagte er und schaute mich dabei teuflisch an.
“Und was soll das heißen?!” fragte ich.
“Wenn Deine Schubidu Gruppe so großartig sein soll, wie Du behauptest, gibt es doch sicher irgendwelche Tonträger, die ich mir anhören kann, nicht wahr?”
Das durfte einfach nicht wahr sein!
“Wie ich schon sagte, wir sind keine professionelle Band und der Typ in Tötensen…”
“Mit dem Typen in Tötensen wisch ich mir den Arsch ab. Gib mir einfach ein Demotape, dann werde ich mal sehen.”
“Ein Demotape?” rief ich aufgebracht. “Wir sind nur auf Bühnen und in keinen beschissenen Studios. Wo soll ich denn ein Demotape hernehmen?!” rief ich aufgebracht.
Das ist mir so scheißegal wie der Tee-Preis in China!” brüllte er. “Irgendwo wirst Du eins auftreiben müssen, wenn ihr am Samstag in die Stadthalle wollt!

*

Unfassbar, aber dieser Mick schaffte es tatsächlich, John zu überreden. Damit hatte Tom ganz und gar nicht gerechnet. Peter musste gestern am Telefon mehrere Male wiederholen, dass John gerade bei ihm zu Hause war und mit Micks He-Man-Figuren spielte, damit Tom es auch wirklich glaubte. So kannte er John nicht.
Aber wie auch immer. Die Zeit wurde knapp und jetzt musste noch Mark überredet werden, mitzuspielen.
Mark war nicht grade der typische Student. Er hatte lange verfilzte Haare und pflegte sich mehrere Wochen am Stück nicht zu rasieren und mindestens genauso lange nichts anderes als seine Lieblingsklamotten zu tragen, die aus ausgefransten Jeans, Lederboots und einer schäbigen Motorradjacke über einem speckigen roten T-Shirt bestanden. Viele seiner Kommilitonen glaubten, dass er sich nur duschte, wenn das Wasser umsonst war. Er besaß die Angewohnheit, nur einmal am Tag zu essen, und zwar in der Mensa, weil es hier einfach am billigsten war, wenn man nicht selber kochen wollte.
Neben seinem Studium interessierte er sich am meisten für Musik. Er war geradezu verrückt nach Musik. Tom kannte Mark nun schon seit ein paar Jahren und ihre Angewohnheit, regelmäßig gemeinsam in der Mensa zu speisen, war beinahe schon eine Tradition geworden. Genauso war es Tradition geworden, dass Mark Tom mindestens zehn Minuten warten ließ. Der Zuverlässigste war er also auch nicht gerade. Trotzdem wollte Tom unbedingt, dass Mark in der Band war, denn er kannte keinen Drummer, dem Musik so wichtig war wie Mark. Wenn er sich einmal für etwas entschied, dann ritt er das auch durch, bis zum Abwinken. Außerdem besaß er mit das beste Rhythmusgefühl und die größte musikalische Auffassungsgabe, die ihm je bei einem Drummer untergekommen waren. Auch wenn man das bei seinem Erscheinungsbild kaum denken würde. Seine schwarze Motorradjacke schlackerte ihm um die Hüften, als er durch die Mensa auf Tom zumarschiert kam und ihn zur Begrüßung fröhlich angrinste.
“Wartest Du schon lange?” fragte er. Mark hatte eine Stimme, die ein bisschen an Barry White erinnerte, auch wenn er mit seinem niederen Talent, einen Ton zu halten und seinem starken norddeutschen Akzent kaum je so würde singen können.
“Blöde Frage.” antwortete Tom und deutete Richtung Essensausgabe. “Lass uns mal loslegen, sonst sind die wässrigen Zucchini schon alle weg, wenn wir da sind.”
“Oh nein.” meinte Mark theatralisch. “Diese labberigen Dinger sind doch der kulinarische Höhepunkt meiner Woche.”
“Dazu diese pappigen Spätzle, einfach herrlich.”
Sie stellten sich in der Schlange an und Tom machte sich Gedanken darüber, wie er Mark am besten überreden könnte, in eine neu gegründete Band einzusteigen, ein neues Musikstück einzuproben und in drei Tagen live auf der Bühne zu stehen. Tom wusste, dass Mark bereits in einer Band namens Thunderhead spielte, die versuchte, Heavy Metal mit anderen Musikrichtungen zu verbinden. Es hörte sich beschissen an, aber Mark gefiel es. Könnte schwierig werden, ihn zu überreden, Peters Liebesschnulze spielen zu müssen. Außerdem war er sich mit John nicht allzu grün, was man aber irgendwie würde aushalten müssen.
“Riecht aber gut hier.” hörte er Mark sagen. “Unverkennbar Zucchini. Vielleicht haben wir Glück.”
Die Schlange rückte weiter vor und Tom zählte schon mal Kleingeld zusammen.
“Ja, noch reichlich da.” sagte Mark und wandte sich an die Essensausgabe mit der weißen Mütze auf dem Kopf. “Einmal Nummer zwo.”
Gericht Nummer zwei bestand aus Spiegelei mit Speck und Bratkartoffeln, die zwar immer ein bisschen trocken, aber an Tagen, wo die Zucchini auf dem Plan standen, trotzdem eine gern gewählte Alternative waren. Tom nahm das Gleiche. Sie bezahlten und suchten sich einen freien Platz.
“Doch keine Zucchini?” fragte Tom sarkastisch.
“Na, Du doch auch nicht.” antwortete Mark und fing an zu essen.
Ein paar Minuten vergingen, während beide schweigend das Essen in sich hineinschaufelten und Tom überlegte, wie er anfangen konnte. Irgendwann beschloss er, dass es direkt am besten war.
“Ich hab was mit Dir zu besprechen.” begann er.
“Ja, sprich es aus.” sagte Mark mit vollem Mund.
“Du kennst doch Peter Stumpfkowski.”
“Silent Piet.”
“Ja, genau. Der hat ein echt klasse Lied geschrieben.”
“Aha.”
“Ja. Und wir wollen versuchen, es am Samstag in der Stadthalle zu spielen. Da ist ein Talentwettbewerb und die Sieger fahren zu Rock am Ring.”
“Oh, hört sich gut.” meinte Mark, der anscheinend nur halb zugehört hatte.
“Dafür brauchen wir noch eine Band.”
“Hm, hm.”
“Und ich will Dich dabei haben.”
Mark blieb der, Gott sei Dank jetzt leere, Mund offenstehen.
“Du willst eine Band gründen, die in fünf Tagen bei einem Talentwettbewerb auftreten soll?”
“Heute ist Mittwoch, es sind drei Tage.” korrigierte Tom. “Verrückt oder?”
“Verrückt? Verrückt ist ein Jogger in der Wüste. Das hier ist völlig durchgeknallt. Wer ist denn noch dabei?”
“Nur Piet und ich.” sagte Tom und beugte sich über seinen Teller. “Und John.” fügte er hinzu.
“Oh nein! John? Dieser Lasst mich durch ich muss studieren Typ?”
“Als Musiker ist er brillant.”
“Kann sein. Aber er ist ein megamäßiger Spießer. Wundert mich, dass er seinen Professoren keine Äpfel mitbringt.”
“So schlimm ist es nun auch nicht. Aber er hat sich trotz seines engen Terminplans bereit erklärt, mitzumachen.”
“< Trotz seines engen Terminplans >.” wiederholte Mark pikiert. “Was macht er denn alles? Sucht er nach einem Heilmittel gegen Aids?”
“Nein, er jobbt ja viel und so…”
“Und ich spiel eigentlich schon für Thunderhead. Wir sind dabei, Heavy Metal mit klassischer Musik zu verbinden. Hört sich gut an, irgendwie ein bisschen jazzig und wir sind da auf einem guten Weg. Ich weiß nicht…”
“Moment mal.” unterbrach ihn Tom. “Piet und ich haben diesen Plan. Ihn umzusetzen wird schwierig, aber es ist möglich. Wir brauchen dazu allerdings die besten Leute, die wir kriegen können und ich hab als erstes an Dich gedacht. Trotzdem willst Du mich hängen lassen?”
“In drei Tagen ist ziemlich knapp und ich muss unbedingt mal wieder meine Mutter besuchen. Weißt Du, meine Wäsche…”
“Also, hatte John Recht.” sagte Tom knapp. “< Mark wird das niemals auf die Reihe kriegen > hat er gesagt. < Den brauchst Du gar nicht erst fragen > hat er gesagt.”
Mark sah ihn stumm an. Obwohl Tom darauf bedacht war, keine Miene zu verziehen, konnte er erkennen, wie es in Mark arbeitete. Seine Mundwinkel zuckten. Dann zogen sie sich zu einem spöttischen Grinsen nach oben.
“Gar nicht schlecht.” sagte Mark.
“Was?”
“Mich bei meiner Ehre zu packen, in dem Du meine Antipathie gegen John ausnutzt, gar nicht schlecht. Aber ich studiere Psychologie, falls Du das vergessen hast. Da musst Du mir schon mehr bieten.”
“Also, was muss ich Dir bieten, damit Du mitmachst?”
“Wie ich sehe, hast Du Deinen Speck noch nicht angerührt. Gib ihn mir und ich bin dabei.”
“Das ist ein hoher Preis, mein Freund.”
“Als nächstes verlange ich eine Nacht mit Deiner Schwester, also greif lieber zu.”
“Also gut.” sagte Tom und beförderte seine Speckstreifen auf Marks Teller. “Aber wenn Du in den nächsten drei Tagen deswegen krepierst, verklag ich Dich.”

*

Wütend stieß ich unsere Wohnungstür auf. Dass er ein Tape haben wollte, hätte mir der Fettsack auch gestern schon sagen können. Auch wenn die Band da noch gar nicht stand, ich wäre wenigstens darauf vorbereitet gewesen, anstatt jetzt schon wieder ins Hetzen zu kommen. Hinnaak schien zu Hause zu sein, ich konnte schwach seinen Fernseher aus seinem Zimmer hören.
“Hinnaak!” schrie ich und ging ins Wohnzimmer vor, um mich in unserem Sofa zu versenken. Nur Sekunden später hörte ich, wie Hinnaak seine Zimmertür aufriss und über den Flur gepoltert kam. Er stolperte ins Wohnzimmer und an seinem erhitzten Gesicht und seiner unordentlichen Kleidung sah ich, dass ich nicht wissen wollte, was er grade tat.
“Dörte? Was schreist Du denn hier rum?”
“Dieser fette Wichser hat eine neue Forderung gestellt.”
“Vergiss mal Deine Rede nicht.” unterbrach mich Hinnaak. “Tom hat vorhin angerufen. Mark macht mit, er ist dabei.”
Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht! Wenigstens eine gute Nachricht. Ich setzte mich auf und sah Hinnaak durchdringend an.
“Pass mal auf. Wir müssen ein Demotape produzieren und das dem Veranstalter bringen, weil er sich vorab ein Bild von der Band machen will.”
“Das doch kein Problem. Ich hab noch meinen alten Kassettenrekorder.”
Ich schüttelte den Kopf.
“Mit einem Kassettenrecorder kann man keine Band ordentlich aufnehmen, wenn sich das hinterher gut anhören soll. Sogar ich versteh genug von Akustik, um das zu wissen. Wir müssten schon in ein richtiges Tonstudio.”
“Ein Tonstudio?”
“Ja. Und ich weiß leider nicht, wie wir an eins rankommen können.”
“Also, ich kannte da mal einen, der hat ein Tonstudio. Der vermietet das auch.”
“Genau die Antwort, die ich hören wollte, großartig.” sagte ich begeistert. “Dann hol mal die Telefonnummer her, ich ruf derweil Tom an. Er muss mit der Band sofort herkommen.”
“Alles klar.” sagte Hinnaak und sprang auf. Ich lief eilig zum Telefon und wählte Toms Handynummer. Leider erreichte ich nur seine Mailbox.
“Hallo Tom, hier ist Mick. Ich hab gehört, dass Mark dabei ist, prima. Dann trommel mal alle zusammen und bring sie her. Wir müssen sofort mit der Arbeit anfangen.”
Kaum hatte ich aufgelegt, da kam Hinnaak angelaufen und hielt mir ein abgerissenes Stück von einer gelben Serviette unter die Nase, auf das etwas draufgekritzelt war.
“Was ist das?” fragte ich.
“Seine Nummer, Mann. Muss ich Dir eigentlich alles erläutern?”
“Ich denk, Du sammelst nur Nummern von Tussis.”
“Er war ihr Bruder.” meinte Hinnaak erklärend.
“Aha. Kann ich Deinen Namen erwähnen?”
“Lieber nicht.”
“Wieso, hast Du sie geschwängert?”
“Nein, Mann, der hat uns mal bei etwas gesehen, was er wohl nie von seiner kleinen Schwester erwartet hätte. Und danach hat er gemeint, dass ich sie jetzt schon mindestens heiraten müsste, damit sie nicht für immer entehrt wäre. Aber am nächsten Tag hab ich mit ihr Schluss gemacht.”
“Du bist ein echter Gentleman, Hinnaak.”
“Na ja, ich steh halt nicht auf den ganzen Familienscheiß. Eine andere wollte mich auch immer ihren Eltern vorstellen, aber ich hab gesagt < Eltern hab ich selber > und hab die Mücke gemacht.”
“Na gut, wie auch immer, ich ruf da jetzt mal an.”
“Mach das, ich gehe jetzt weiter in der Bibel lesen.” sagte er und stapfte davon.
Die Nummer war schon leicht verwischt, sodass ich sie grade so eben noch lesen konnte, da aber jemand ranging, schien es die richtige zu sein.
“Monterbauer.” hörte ich eine selbstbewusste Stimme sagen, die sich anhörte, als ob ein Körper dazugehörte, bei dem ein Handgelenk mehr Umfang hatte als mein Knie. Ob das dieser Bruder war? Vielleicht könnte ich Hinnaak mal damit erpressen, diesem Kerl hier seine Adresse zu geben.
“Guten Tag, mein Name ist Petersen. Ist es richtig, dass Sie ein Tonstudio vermieten?”
Die Stimme, die jetzt ein Geschäft witterte, wurde sofort freundlicher. Hätte ein Verwandter vom dicken Obermaier sein können.
“Ja, das stimmt. Es ist zwar ein kleines Studio, aber mit modernster Technik ausgestattet. Wollen sie es mieten?”
“Eventuell ja. Ich möchte ein kurzes Tape produzieren. Was kostet es denn die Stunde?”
“Da wir, wie gesagt, nur ein kleines Studio sind und wir Underdogs auch gerne fördern, nehmen wir für die Stunde nur hundertfünfzig Euro.”
Schluck, schluck. Das war bedeutend mehr, als ich allerhöchstens befürchtet hatte.
“Dafür stellen wir Ihnen diverse Leermedien wie Tapes oder CDs kostenfrei zur Verfügung.” fuhr Monterbauer fort. “Wann würden Sie das Studio denn benutzen wollen?”
“Heute Abend.”
“Heute Abend?” fragte er ungläubig.
“Ja.”
Er lachte. “Da kann ich leider nichts machen. Es ist die ganze Woche ausgebucht.”
“Können Sie uns nicht irgendwo zwischen schieben?”
“Tut mir leid, das geht nicht. Ein Tape zu produzieren dauert Stunden. Schließlich müssen erstmal alle Spuren ausgepegelt werden.”
Meine Zuversicht schwand. Hundertfünfzig Eier konnten wir uns sowieso nicht leisten.
“Okay, dann wird das nichts. Trotzdem danke.” sagte ich.
“Ja, tut mir leid, dass ich Ihnen nicht helfen konnte.”

“Also, was wollen wir jetzt machen?” fragte ich in die Runde. Die Runde bestand aus dem Dritten Mann, Hinnaak, Tom, John, Mark und mir. So viele Leute hatten wir zuletzt bei Hinnaaks letzter Geburtstagsparty hier. Marks erster Anblick erschreckte mich etwas und rief Erinnerungen an die Zeit der Wohnungsbewerber wach, die jetzt schon so weit zurück zu liegen schien. Aber nach kurzer Zeit stellte er sich als nicht unsympathischer Zeitgenosse heraus, der lediglich nicht neben John sitzen wollte.
Wir hatten uns im Wohnzimmer versammelt und, als ob es traditionell zu einer männlichen Runde gehört, tranken alle Bier. John sah immer wieder verstohlen zu meiner Eternia-Vitrine hinüber.
“Hundertfünfzig Mücken sind eigentlich gar nicht soviel.” meinte Mark. “Da gibt es teurere Studios.”
Alle anderen stimmten ihm zu.
“Und dass der Veranstalter ein Tape haben will, ist auch verständlich.” meinte Tom. “Schließlich kauft keiner die Katze im Sack.”
“Aber selbst dieses günstige Angebot ist zu teuer für uns. Außerdem bekommen wir es gar nicht gemietet, also ist das Thema erledigt. Es sei denn, jemand von Euch kennt jemanden, dessen Tonstudio wir am besten noch heute und am besten umsonst benutzen können.”
“Ich weiß nicht mal, was wir da spielen sollen.” sagte Mark.
“Meinen Song.” warf der Dritte Mann ein.
“Den hab ich bislang noch nicht gehört!”
“Lasst uns das Lied doch erstmal vergessen. Bei dem Demotape geht es ja auch nicht um das Lied, sondern um irgendwas.” sagte ich. “Kennt vielleicht einer von Euch jemanden mit einem Tonstudio?”
Alle schüttelten die Köpfe.
“Soll ich doch meinen Kassettenrecorder holen?” sagte Hinnaak.
“Oh mein Gott, nein, das wäre furchtbar.” meinte John.
“Ich will Peters Song hören!” sagte Mark bockig.
“Dazu kommen wir noch.” beruhigte ich ihn. “Zuerst müssen wir uns um das Problem Tonstudio kümmern.”
Stille trat ein und jeder dachte nach. Tom grübelte, wie ein Demotape zu beschaffen sein könnte, John überlegte, ob die ganze Sache überhaupt Sinn machte, Mark fragte sich, wann er wohl endlich Peters Song hören könnte, der Dritte Mann hoffte, dass sein Lied auch Mark gefallen würde, ich sinnierte darüber, ob ich bei dem dicken Veranstalter nicht noch ein bisschen Zeit würde rausschinden können und Hinnaak dachte an Monikas Titten.
“Erinnerst Du Dich noch an die Jetlags?” fragte Tom plötzlich.
“Die Jetlags? Die hatten doch nur drei Auftritte.” sagte Mark.
“Ja ja, aber wir spielten damals in genau dergleichen Formation wie jetzt: Drums, Bass, Keyboard, Gitarre.” erwiderte Tom und fügte mir erklärend hinzu “Wir spielten damals Joan Jett, rock poppig interpretiert und wir hatten sogar einen Leadsänger, der sich ein bisschen wie Joan Jett angehört hat, das war irre.”
“Wir hatten doch sogar geplant, eine CD rauszubringen, weißt Du das noch?” fragte Mark.
“Ja, aber da ist natürlich nichts draus geworden, weil die Produktionskosten viel zu hoch waren in Anbetracht der Tatsache, dass wir die CDs höchstens hätten verschenken dürfen, weil wir die Copyrights nicht hatten.” lachte Tom.
“Und inwiefern bringt uns das hier weiter?” fragte ich ungeduldig. In einer problematischen Situation durch Geplauder von Kuchenbacken auf Arschbacken zu kommen, konnte ich ganz besonders ab. Eigentlich war Hinnaak dafür Spezialist und jetzt fing auch Tom damit an.
“Die Jetlags haben damals im Tonstudio der Uni Aufnahmen für die CD gemacht, bevor wir das Projekt fallen gelassen haben.” erklärte Tom.
“Aha, und Du meinst, wir könnten mit unserer Band wieder in dieses Tonstudio gehen und das noch mal machen.” schloss ich daraus.
“Leider nicht, Mick. Das Tonstudio ist immer für Monate im Voraus ausgebucht und außerdem müssen wir uns erst wieder finden, aufeinander einstellen. Sonst werden wir uns wie eine Schülerband anhören.”
“Und das heißt?” fragte ich.
“Zuerst müssen wir ein bisschen jammen. Und dafür brauchen wir einen Ü-Raum.”
“Hab ich.” warf Mark ein.
“Weiß ich.” antwortete Tom und fuhr fort. “Da können wir auch gleich Piets Song einstudieren. Wir brauchen nur ein paar Tage Zeit.”
“Tja, bis zum Auftritt haben wir zwar noch ein paar Tage, aber für das Demotape ist das eindeutig zu spät!” sagte ich wütend. Das alles brachte uns nicht weiter.
“Genau darauf wollte ich hinaus. Ein anständiges Demotape abzugeben, werden wir nicht schaffen. Jedenfalls kein eigenes.”
“Wie meinst Du das?” fragte der Dritte Mann.
“Ich bin mir sicher, dass unser damaliger Gitarrist Andie die Tapes von den Jetlags aufgehoben haben muss. Er hat nämlich nie was weggeschmissen.”
Langsam fing ich an, den Braten zu riechen.
“Du denkst, wir könnten dem fetten… …dem Veranstalter ein Demotape unterjubeln, auf dem gar nicht unsere Band, sondern eine ganz andere drauf zu hören ist?” fragte ich.
“Finde ich geil.” warf Hinnaak ein.
“Meinst Du, er könnte das merken?” fragte Tom.
Darüber dachte ich kurz nach und rief mir seine Reaktion in Erinnerung, als ich mit den Unterschriften bei ihm rein schneite. Er war so baff gewesen, dass er gar nicht auf die Idee einer Fälschung gekommen war. Vielleicht würden wir ja noch einmal Glück haben.
Ich schüttelte den Kopf und alle fingen an zu grinsen. Dieser Plan war wirklich klasse.
“Jetzt gibt es nur ein Problem.” sagte Tom. “Ich hab diesen Andie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Er ist damals von der Uni abgegangen, keiner weiß genau, wieso. Ich hoffe mal, er wohnt noch da, wo er das letzte Mal noch gewohnt hat.”
“Und wo ist das?” fragte ich.
“Bei seiner Mutter”.

Johns Mercedes war definitiv ein ganz anderer Schnack als der Wagen meiner Mutter oder Hinnaaks Schleuder. Das merkte ich, als ich einstieg und mich in die Rückbank aus schwarzem Leder sinken ließ.
Tom war der Meinung gewesen, dass es nicht gut sei, wenn wir mit zu vielen Leuten bei Andie antanzen würden, deshalb sollten wir alle am besten zu Hause warten. Aber ich wollte unbedingt mitkommen. Nur für den Fall, dass es wieder irgendwelche Schwierigkeiten geben würde und ich schnell reagieren müsste.
“Andie konnte sehr gut singen, war aber ein komischer Vogel.” erzählte Tom auf der Fahrt. “Er hatte die Angewohnheit, sich immer ein bisschen zu feminin zu kleiden, für einen Mann, der definitiv nicht schwul ist.”
“Aber viele Leute, die sich für große Künstler halten, legen so einen Spleen an den Tag.” sagte ich.
“Hast Recht. Vielleicht hat sich das inzwischen wieder gelegt, denn soweit ich weiß, hat er sich zurückgezogen.”
“Aus der Musikszene?”
“Aus allem.”
Tom dirigierte John in einen Vorort, durch den ich schon lange nicht mehr gekommen war. Er lag so weit abseits, dass er schon eine eigene Postleitzahl verdiente. Die Straßenlaternen verbreiteten durch die noch lange nicht kahlen Bäume am Straßenrand nur ein düsteres Licht, und Autos waren uns schon eine geraume Weile nicht mehr entgegen gekommen.
Schließlich hielten wir vor einem großen, grauen Haus, dessen verwittertes Grundstück von einem schiefen und rostigen Eisenzaun umschlossen war. Ein großer, kahler Baum stand vor dem Haus und verstärkte den Gruselfaktor, den dieses gespenstische Haus ausstrahlte.
“Wer hat dieses Haus gebaut?” fragte ich andächtig nach einem Blick durchs Seitenfenster, als John seinen Mercedes hinter einem steinalten, rostigen Kadett parkte. “Die Poltergeist Spukschloss Company?”
John sollte im Wagen warten. Eigentlich sollten John und ich im Wagen warten, aber ich wollte Tom nicht allein gehen lassen. Schließlich kannte ich “Brennen muss Salem”.
Das Gartentor öffnete sich stilgerecht mit einem Quietschen und der Weg zur Haustür, neben der eine einsame kleine Funzel brannte und die Hausnummer erkennen ließ, führte über schiefe, moosbewachsene Gehwegplatten. Dem Geräusch nach zu urteilen erwischten wir auf unserem Weg durch das Zwielicht des Vorgartens mindestens zwei Dutzend Schnecken.
Tom klingelte an der Tür und drinnen fing ein Hund an zu bellen, dass ich glaubte, er käme direkt aus Baskerville, und eine rauchige, alte Stimme befahl ihm, die Schnauze zu halten, was der Hund aus Baskerville daraufhin auch lieber tat. Die Haustür öffnete sich einen Spalt.
“Hallo, Frau Jörnsen.” sagte Tom fröhlich, als hätte er seine Oma begrüßt.
Ohne ein Wort der Begrüßung oder einer freundlichen Geste fragte die Alte an der Tür nach einem keuchenden Atemzug
“Was willst Du?”
“Tja, ich möchte zu Andie. Wohnt der zufällig noch hier?”
“Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war das so.” antwortete sie. “Wartet hier.”
Damit schlug sie die Tür wieder zu und drinnen hörte man Frau Jörnsen nach Andie schreien, der nach dem dritten Schrei unhöflich von einem der oberen Stockwerke herabkeifte.
“Was ist denn? Ich hab zu tun.”
“Da ist Besuch für Dich.”
Einige Sekunden Stille ließen mich erahnen, dass Andie eher erwartet hätte, von einem UFO entführt zu werden, als Besuch zu bekommen.
“Wo?” fragte er.
“Oben auf dem Dach. Was denkst Du? Unten an der Haustür! Und sperr den Hund ein, Du weißt doch, er flippt aus bei Fremden. Und jetzt mach zu, ich muss meine Beine hochlegen.”
Wir hörten noch einen Moment geräuschvolles Rumoren von drinnen, bevor die Haustür erneut geöffnet wurde.
Drinnen stand ein dicker Kerl in rosa Jogginghose und einer weißen Seidenbluse, die vorne auf der nicht unbeträchtlichen Bauchwölbung gelbliche Flecken hatte. Beides passte genauso wenig zu seinem Körperbau wie das Schmuckkettchen, das er am Ohr trug.
Einen Moment lang sah er Tom an und suchte nach einem Namen in seinen Erinnerungen. Dann brach es aus ihm raus.
“Tommie!” rief er und fing an zu lachen. “Wie siehst Du denn aus?”
“Gut, wie immer.” antwortete Tom. “Und Du? Du bist ja voll in die Breite gegangen.”
“Ach, na ja, ich pfleg mich halt. Ist übrigens nett, dass Du mir was mitbringst,” sagte Andie und zeigte auf mich, “aber ich hab schon gegessen.” Daraufhin fing er lauthals an zu lachen. “Wer ist Dein Kumpel?” fragte Andie dann.
“Der Kumpel ist Mick.” antwortete Tom, bevor ich was sagen konnte.
“Was kann ich Euch denn antun?”
“Ich brauche eines der Tapes, die wir damals im Uni-Tonstudio aufgenommen haben. Weißt Du, für die Jetlags.”
“Hey, willst Du die CD jetzt etwa doch machen?” fragte Andie begeistert.
“Nein nein, ich brauche das Tape für eine andere Sache.”
“Also, ich wäre voll bereit, Mann. Sag jederzeit Bescheid, ich bin bereit. Ich hab mir sogar ein Kostüm geschneidert, das wäre was für die Tournee. Schwarzer Lack und unten gar nichts, da fällst Du vom Glauben ab.”
“Ja ja, aber ich brauch das Tape…”
“Wir hätten das Projekt nicht so lange schleifen lassen sollen, ich hab schon gedacht, da kommt nichts mehr. Neulich haben sie bei eBay eine alte Lederjacke von Joan Jett versteigert, wenn ich gewusst hätte, dass wir jetzt wieder anfangen, hätte ich mitgeboten.”
“Also, daran haben wir…”
“Kommt erstmal rein, drinnen können wir weiterquatschen.” meinte Andie.
Wir betraten den kühlen, dunklen Hausflur und folgten Andie eine kahle Diele hinunter bis zum Fuß einer schmalen, hölzernen Wendeltreppe, die er mühselig hinaufstieg. Die Treppe endete direkt vor einer Tür, die in Andies persönliches Reich führte. Dieses Reich bestand aus dutzenden Star Trek Postern, einem hellblauen Neonröhren-Flamingo neben dem Fenster, einem Sessel mit abgewetzten Armlehnen, der vor einem PC stand, einem Darth-Vader-Pappaufsteller in der Ecke, einigen Stapeln Blitz-Illus auf einem Couchtisch und mehreren Regalen mit Kassetten, CDs und Schallplatten an den Wänden. Auf einem rot angestrichenen, kleinen Sideboard stapelten sich Pizzakartons, die den Gesamtgeruch in diesem Raum klar dominierten. Ein Teil des Raumes war durch einen roten Vorhang abgeteilt, hinter dem Andie nach einem kurzen “Wartet hier.” verschwand. Toms unsicherer Blick auf die Regale mit den schier endlosen Reihen an Tonträgern sagte mir, dass er das Gleiche dachte wie ich. Hoffentlich würde das keine stundenlange Sucherei werden.
Auf Andies Bildschirm lief ein Screensafer mit echt scharfen Fotos, die sich auch nach einer Weile nicht wiederholten. Wahrscheinlich waren Hunderte von diesen Bildern auf seiner Festplatte gespeichert. Tom hockte vor den Regalen, um einen groben Überblick zu bekommen, als Andie endlich wieder hinter dem Vorhang hervortrat. Mir fiel auf, dass er jetzt anders gekleidet war. Statt der rosa Jogginghose trug er eine blaue und die weiße Seidenbluse hatte er auch gewechselt. Statt dessen hatte er ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck FedCon VIII angezogen und plötzlich fiel mir ein, woher mir das Kettchen bekannt vorkam, das Andie um die ganze Ohrmuschel herum trug. Es war ein Schmuckstück mit religiöser Bedeutung. Allerdings nicht hier auf der Erde, denn normalerweise trugen so etwas nur Bajoraner, ein Volk aus Star Trek.
“Also Jungs.” sagte Andie und klatschte in die Hände. “Wo waren wir stehen geblieben?”
“Bei dem Tape von den Jetlags.” sagte Tom.
“Ja, richtig. Ach, übrigens, ich hab in letzter Zeit viel Musik am PC gemacht, bin jetzt auch im Keyboard ein bisschen fit und hatte eine Idee für I love Rock ‘n Roll, keyboardlastig interpretiert. Hast Du mal gehört, was Guildo Horn aus dem Lied gemacht hat? Zum Kotzen.”
“Hast Du das Tape hier irgendwo?”
“Wird es denn wieder die alte Crew sein?” fragte Andie unbeirrt. “Hoffe ich doch, die war unschlagbar.”
Er machte jetzt eher Anstalten, sich in seinen Sessel zu setzen, als mit der Suche nach dem Tape zu beginnen.
“Hör mal, Andie, wir brauchen dieses Tape dringend.”
“Apropos Tape. Ich hab ein ganz tolles von den Doorway Brothers. Die haben ein irres Saxofon. Willst mal hören?”
“Nein, wir brauchen das Tape von den Jetlags, Andie.” sagte Tom flehend.
“Aber wozu denn? Lasst uns doch lieber neue machen.” sagte Andie gedehnt und zündete sich eine Zigarette an. Da reichte es mir.
“Zuerst müssen wir aber die neue Stilrichtung interpretieren.” mischte ich mich ein. “Um sie vom letzten Stand aus weiterzuentwickeln und rausfiltern zu können, was wir schon ausprobiert haben und was wir verbessern können.”
Andie war sichtlich überrascht, von mir angesprochen zu werden und hatte nicht mit einem so forschen Tonfall gerechnet.
“Sobald wir die Geräte klar haben, werden wir Dich als Vocal hinzuziehen, um einen Soundcheck zu machen.” fuhr ich fort.
“Ach…” grinste Andie.
“Außerdem stehen wir momentan in Verhandlung mit dem Label, das die Rechte an Joan Jett gehört. Und sobald wir die Copyrights im Sack haben, fangen wir mit der Produktion an, aber soweit sind wir noch nicht und wir wollen Deine Zeit nicht vergeuden, wenn sowieso nur Plagiate dabei rauskommen.”
“Oh.” sagte Andie. “Tja, Moment…”
Er erhob sich aus seinem Sessel und griff zielsicher aus bestimmt dreihundert Kassetten in den Regalen eine heraus. Die reichte er Tom.
“Hier sind die Jetlags drauf.” sagte Andie. “Ich hab das Tape lange nicht gehört, aber beim letzten Mal war die Soundqualität noch super.”
“Danke, Andie. Das ist klasse.” sagte Tom erleichtert und ging Richtung Tür. Der Weg nach draußen kam mir sogar noch länger vor, als er vorhin gewesen war, als ich dachte, ich werde immer tiefer und tiefer in ein dunkles Verlies hineingeführt.
“Soll ich Euch die Doorway Brothers mal mitgeben? Das Saxofon ist irre.” sagte Andie, der uns die dunkle Treppe hinunterfolgte.
“Später vielleicht. Im Moment haben wir es eilig.” sagte Tom.
“Ihr ruft mich an, wenn Ihr soweit seid, ja?” rief Andie uns hinterher, als wir aus der Haustür traten.
“Machen wir.” sagte Tom und folgte mir eilig über die Schneckenleichen hinweg zurück zum Wagen, in dem John schon ungeduldig auf unsere Rückkehr wartete.

“War ja nicht mal gelogen.” meinte Tom, als wir im Auto saßen und auf dem Rückweg waren. “Wenn wir soweit sind, mit den Jetlags eine CD aufzunehmen, werde ich ihn anrufen.”
“Was redest Du da?” fragte John.
“Nichts weiter. Andie schien nur ein bisschen von der Rolle zu sein. Und ein bisschen besessen von den Jetlags ist er auch.”
“Total palle ist der Typ.” meldete ich von der Rückbank. “Niemand, der bei normalem Verstand ist, stellt sich einen Pappaufsteller in seine Bude.”
“Jedenfalls haben wir es geschafft.” sagte Tom. “Wir haben das Tape bekommen. Ich würde ja gern mal reinhören, aber leider hat dieses Auto nur einen CD-Player.”
“Mit SD Kartenschnittstelle!” sagte John stolz.
“Gib mir mal die Kassette.” sagte ich und Tom reichte sie mir nach hinten. Sofort als ich sie in den Händen hielt, missfiel mir, was ich sah. Das Etikett der Kassette war orange und in dicker Schrift mit den Buchstaben BASF neben dem rot-weißen Kreisel des Firmenzeichens bedruckt. Das Etikett trug den Aufdruck LH SM security mechanism. Das obere weiße Feld des Etiketts war zum handschriftlichen Kennzeichnen der Aufnahmen gedacht, was augenscheinlich schon mehrere Male getan worden war.
“Wir haben ein Problem.” sagte ich. “Diese Kassette ist mindestens zwanzig Jahre alt.”
“Ja und?” antwortete Tom. “Wir haben damals zur Aufnahme genommen, was wir hatten. ”
“Scheiße, hier steht ja sogar noch Toto drauf.”
“Keine Angst, Andie sagt, der Sound wäre in Ordnung und so schnell entmagnetisieren diese Kassetten nicht.”
“Das meine ich nicht. Wenn ich dem Veranstalter diese uralte Kassette hinlege, merkt er sofort, dass der Braten falsch ist.”
Tom sah mich besorgt an.
“Meinst Du?”
“Ich fürchte schon. Wir haben ihn mit den Unterschriften getäuscht, aber deswegen steigt er zum Schlafen noch lange nicht auf einen Baum. Die Illusion sollte schon möglichst perfekt sein.”
“Und was sollen wir Deiner Meinung nach tun?”
“Vielleicht kann man das Etikett ablösen und irgendwas anderes draufkleben.” überlegte John.
“Nein, das geht nicht spurlos.” erwiderte Tom. “Bei diesen Kassetten ist der Kleber fast noch besser als das Tonband.”
“Oder ich könnte sie mit einem Edding oder so anmalen.” schlug ich vor. “Dann ist sie komplett schwarz und man kann noch so ein Küchenetikett draufkleben, die man für Einmachgläser verwendet.”
“Geht auch nicht, ich hab es mal versucht. Von dem glatten Etikett greift sich der Edding leicht ab und man hat ständig schwarze Finger.”
“Oh, sieh mal hier.” sagte ich und zeigte auf die Ecken der Kassette. “Sie hat Schrauben. Man könnte das Gehäuse auseinandernehmen und die Spulen in eine andere Kassette tun.”
“Ja, das würde gehen.” nickte Tom. “Aber nur, wenn Du eine andere hast, die auch auseinanderzuschrauben ist. Viele Kassettengehäuse sind aber nur zusammengesteckt und gehen nicht auseinanderzunehmen, ohne dass man sie dabei kaputt macht.”
“Blöder Mist.”
Stille trat ein. Plötzlich fing John an zu lachen.
“Hey, mir kommt da grade eine total verrückte Idee.” sagte er. “Wie wäre es, wenn wir die Kassette einfach auf eine andere überspielen?”
Auf die Idee war ich wirklich nicht gekommen. Tom sah erst John und dann mich verblüfft an und ich fing an zu grinsen.
“Donnerwetter.” sagte Tom. “Auf das Naheliegende kommt man manchmal zuletzt.”
“Jetzt brauchen wir nur eine relativ neue Kassette.” sagte John. “Hast Du eine?”
“Nein.” sagte ich, und schon war meine Erheiterung wieder dahin.
“Was ist mit Deinem Mitbewohner Erik? Oder Peter?”
“Darauf würde ich mich nicht verlassen.”
“Okay, passt auf, Leute. sagte John. “Hier in der Nähe ist eine Tankstelle, die verkaufen allen möglichen Krempel. Ich glaub, sogar Frischfleisch. Bestimmt haben die auch Kassetten.”
“Dann setzen Sie mal einen Kurs, Fähnrich.” sagte ich.

Offenbar hatten sich die Daheimgebliebenen zu einer lustigen Runde gemausert, denn als wir nach Hause kamen, stand eine Flasche aus Hinnaaks wertvollem Whiskeyvorrat auf dem Tisch und der Dritte Mann saß mit seiner Gitarre auf dem Sofa.
“Wir haben das Tape.” begrüßte ich die Runde und bekam ein vielstimmiges Gejohle als Antwort.
“Hat der Mercedes von Johns Papi Euch heil wieder hergebracht, ja?” sagte Mark.
“Der Mercedes gehört nicht meinem Vater, sondern mir.” verteidigte sich John.
“Ja, richtig. Du hast ihn ja auch bezahlt.” meinte Mark gehässig.
“Hört auf mit dem Blödsinn.” sagte ich. “Lasst uns lieber mal die Kassette anhören.”
“Dann schmeiß mal rein, Dörte.” meinte Hinnaak mit glasigem Blick.
“Dörte?” lachte Mark. “Wieso sachst Du denn Dörte?”
“Weil…”
“Später!” unterbrach ich Hinnaak und schob die alte Kassette in die Stereoanlage.
Sekunden später erscholl Light of day aus den Lautsprechern. Und das gar nicht mal so schlecht, wie ich zugeben musste. Sogar Joan Jetts < one, two, three, four... > hatten sie nachgemacht.
“Also, die Kassette ist die richtige.” sagte Tom. “Ich war mir gar nicht so sicher bei dem Wirrkopf.”
“Wirrkopf? Ist Andie jetzt schlimmer drauf als vorher schon?” fragte Mark.
“Er lebt scheinbar nur noch von Pizza und Pornos.” meinte Tom.
Da kannte ich ja noch einen.
“Hinnaak, ich hoffe, Du bist noch nüchtern genug, um Deinen Kassettenrecorder zu bedienen. Wir müssen das Tape nämlich noch überspielen.”
“Kein Problem, Mann.”
“Peter hat uns vorhin seinen Titel vorgespielt.” sagte Mark. “Gar nicht schlecht, wie ich zugeben muss und ich kann es kaum erwarten, die Drums dazu zu schreiben. Am besten, wir fangen morgen nach den Vorlesungen an und danach gehen wir gleich in den Ü-Raum und beginnen mit den Proben.”
“Einverstanden.” sagte Tom. “Aber ich würde sagen, für heute machen wir dann Schluss. Ich hab morgen als erstes den Ziegenbock in der Vorlesung, da will ich einigermaßen fit sein.”
Die Band nickte zustimmend. Alle standen auf und wir verabschiedeten uns. Ich versprach, morgen mit Hinnaak im Ü-Raum vorbeizuschauen und zu erzählen, wie der Termin mit dem Dicken gelaufen war.
Nachdem alle gegangen waren, spulte ich die Kassette an den Anfang zurück und Hinnaak kam mit seinem Kassettenrecorder angeschleppt, den er durch ein Kabel mit der Stereoanlage verband.
“Weißt Du, was ich mir überlegt hab?” fragte er. “Wenn Deine Stimme die einzige ist, die der fette Kerl kennt, wäre es gut, wenn sie auf dem Tonband zu hören ist.”
“Was? Soll ich singen?”
“Quatsch.” sagte Hinnaak und stöpselte ein Mikrofon ein. “Aber Du könntest die Band ankündigen oder sagen < dieses Tape wird Ihnen präsentiert von: Krombacher > oder sowas.”
Keine so schlechte Idee, die Hinnaak da hatte. Aber was sollte ich sagen? Hinnaak startete die Aufnahme, hielt mir das Mikrofon vor das Gesicht und forderte mich mit einer ungeduldigen Geste auf, anzufangen.
“Also dann,” sagte ich unsicher, “wir sind die…äh…die Pinheads.”

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