Voller Tatendrang war ich am nächsten Morgen bereits um acht Uhr aufgestanden, um wieder bei Breakthrough Entertainment anzurufen. Von einem Anrufbeantworter vernahm ich dann die Mitteilung, außerhalb der Geschäftszeiten angerufen zu haben. Also packte ich die Gelegenheit beim Schopf und machte in unserer Bude klar Schiff, nachdem meine beiden Mitbewohner ausgeflogen waren.
Es war gestern Abend etwas später geworden. Wir hatten lange zusammengesessen, noch etwas getrunken und über den bevorstehenden Auftritt gesprochen. Ich befürchtete, dass Tom Bedenken haben würde, wegen der etwas kurzen Frist, aber Tom meinte, vier Tage würden kein großes Problem darstellen. Er hätte sich früher schon binnen Stundenfrist auf einen Song eingestellt, wenn kurz vor einem Auftritt noch etwas geändert worden war. Das fand ich beeindruckend.

Ich versuchte einen neuen Anruf, nachdem ich im Badezimmer fertig war. Dabei überlegte ich, dass es vielleicht besser wäre, mich zu dem Geschäftsführer durchstellen zu lassen, um nicht von der Vorzimmertussi abgewimmelt zu werden. Dazu gehörte auch, nicht wieder meinen Namen zu nennen.
“Breakthrough Entertainment, guten Tag?” hörte ich die Dame von gestern wieder.
“Guten Tag,” meldete ich mich, “mein Name ist van Bork. Ich möchte Herrn Obermaier sprechen.”
“Tut mir leid, der ist in einer Sitzung.”
“Es ist aber wichtig.” sagte ich mit einem Anflug von Zorn. “Ich muss sofort mit ihm sprechen.”
“Ich habe strikte Anweisung, keine Anrufe durchzustellen.” blieb sie stur. “Daran muss ich mich leider halten.”
“Wann ist er denn zu erreichen?”
“Kann ich nicht sagen. Er wird den ganzen Vormittag im Büro zu tun haben. Wenn Sie einen Termin machen wollen, schlage ich Ihnen vor, es nächste Woche zu versuchen. Bis dahin wird er beschäftigt sein.”
“Na, fein.” sagte ich sarkastisch. “Vielen Dank. Auf Wiederhören.”
Damit legte ich den Hörer auf. Mir war klar, dass ich so nicht weiterkommen würde. Außerdem war mir bereits beim Telefonieren eine Idee gekommen. Unter dem Telefontisch kramte ich nach den Gelben Seiten und suchte die Adresse von Breakthrough Entertainment heraus. Wie ich feststellte, befand sich der Firmensitz in der Nachbarstadt und ich wusste genau, wo das war. In derselben Straße befand sich ein astreiner amerikanischer Imbiss, in dem es den besten Schokoshake gab, den ich je getrunken hatte.
Also würde ich eine kleine Radtour unternehmen und persönlich bei diesem Obermacker vorsprechen.
Danach konnte ich mir den Wanst vollschlagen.

*

Dietmar Obermaier war auf 200 Puls. Nicht nur, dass er wegen der Scheidung seinen BMW zurückgeben und gegen einen Opel tauschen musste, nein, seine Frau, deren gefönter Stecher ein Haus in Alicante besaß, verlangte nach dem Golfschlägerset aus poliertem Edelstahl und Tropenholz, obwohl sie bei dem Wort Golf zuerst an dieses beschissene Auto dachte, anstatt an eine Driving Ranch. Und den Hund hatte sie auch mitgenommen!
Jetzt stand er am Fenster und sah mit auf dem Rücken verschränkten Armen hinaus, um sich zu beruhigen. Seine übergewichtige Statur machte es ihm immer schwerer, anständige Kleidung zu finden, und da er im Dienstleistungsgewerbe tätig war, legte er Wert auf eine anständige Erscheinung. Anzüge von in Paris und Mailand renommierten Namen trug er außerordentlich gern, aber sie mussten maßgeschneidert sein. Wenn seine Frau, die Schlampe, ihn weiter so ausbluten ließ, würde er sich am Ende noch bald in Kartoffelsäcken von der Stange kleiden müssen.
Wenn sie ihn heute noch mal anrief, weil ihr noch was eingefallen war, das sie haben wollte und wofür er hart arbeitete, würde er das verdammte Telefon wahrscheinlich aus dem Fenster schmeißen.
Er konnte von Glück reden, wenn seine Firma seine Dummheit, eine Nutte geheiratet zu haben, überlebte.

*

Ich war schon öfter in dieser Straße gewesen, weil sich unweit von hier ein Freizeitzentrum befand, dass mit einer Bowlingbahn, einer Badetherme und einem großen Sportstudio mit mehr Unterhaltungsmöglichkeiten aufwarten konnte, als meine kleine Stadt zu bieten hatte. Aber die Firma war mir noch nie aufgefallen und als ich davor stand, wusste ich auch, warum. Das Firmenschild war winzig. Fast hätte man es für eine Privatwohnung halten können.
Ich kettete den Panzer an und betrat das Gebäude. Ein etwas größeres Firmenschild an der Wand wies mich darauf hin, dass sich Breakthrough Entertainment im zweiten Stock befand.
Die Eingangstür aus Milchglas öffnete sich ganz einfach, in dem man kräftig dagegen stieß. Dahinter lag ein kleines Vorzimmer, in dem an einem Schreibtisch mit einer Glasplatte die Vorzimmertussi saß. Sie sah genauso aus, wie sie am Telefon geklungen hatte: Hübsch, zickig, käuflich und bei einem platten Autoreifen absolut hilflos.
Hinter dem Schreibtisch befand sich eine schwarze Doppeltür, durch die es zweifellos ins Büro des Chefs ging, wo dieser Obermacker waltete. Die Tussi telefonierte gerade, dem Tonfall nach mit irgendeiner Freundin, der sie etwas von einem Date am Vorabend erzählte, und ließ mich im Raum stehen wie einen Kunden bei der Post. Da ich beschlossen hatte, als harter Verhandlungsgegner aufzutreten und weil die Tussi sowieso nicht mit mir sprechen wollte, ging ich einfach weiter und auf die schwarze Doppeltür zu.
Da kam aber Leben in die aufgetakelte Telefonistin! Sie kreischte erschreckt auf und rief am Telefonhörer vorbei
“Hey, wo wollen Sie denn hin?!”
Ich achtete nicht auf sie, sondern öffnete die Tür, trat ein und schloss sie geräuschvoll hinter mir.
Am Fenster stand ein riesiger, fetter Kerl. Dass er einen eleganten Anzug trug, machte die Sache nicht besser. Offenbar war er schlechter Laune, denn er fuhr herum und sah mich finster an.
“Herr Obermaier!” begann ich meine Offensive. “Mein Name ist Petersen und ich möchte Ihnen meine Band für den Talentwettbewerb zur Verfügung stellen.”
“Wie bitte?” fragte er ungläubig. “Das heißt, Du willst eine Band anmelden?”
“Exakt.”
“Dann sag das doch und versuch nicht, mich zu verarschen. Da müssen schon ganz andere kommen. Meine Ex-Frau zum Beispiel!” rief er zornig.
Meine Zuversicht begann zu schmelzen. Ich war in der Erwartung hergekommen, mit einem Profi zu verhandeln, nicht, auf ein bösartiges Nashorn zu treffen.
“Ich dachte, ich versuch es mal kreativ.” versuchte ich cool zu bleiben.
“Dann mal Deine Band in Öl und häng sie in die scheiß Kunstgalerie! Ich kann niemanden mehr aufnehmen.”
Er war kein Nashorn, sondern ein verdammter Eisberg, der schon aufgrund schlechter Laune nicht von seinem Standpunkt abwich, egal, wie vorteilhaft ein Vorschlag aussehen mochte. Ich merkte, dass bei ihm auf normalem Weg nichts zu holen sein würde und erinnerte mich an etwas, das ich in der Ausbildung gelernt hatte. Man darf nie in Panik geraten. Am einfachsten wäre es, aufzugeben, < naja, da kann man wohl nichts machen > zu sagen und abzuhauen. Aber dann hätte ich den Dritten Mann, Hinnaak und Tom enttäuscht, die sich allesamt schon ziemlich in die Sache hinein steigerten. Alle vertrauten mir, aber was noch wichtiger war: Ich wollte mehr als alles andere mir selbst beweisen, dass ich etwas erreichen konnte, wenn ich es nur wollte. Und jedes Hindernis war mir dabei recht.
“Sie verstehen mich nicht.” sagte ich locker und nahm meine Ich-hab-hier-das-beste-Geschäft-Ihres-Lebens-in-der-Hand-Haltung ein. “Wenn meine Band auftritt, dann werden doppelt so viele Zuschauer in die Stadthalle kommen, was Ihren Einnahmen an der Kasse und bei den Getränken gut tun dürfte.”
“Und wieso werden doppelt so viele Zuschauer kommen, wenn Deine scheiß Band auftritt?”
“Weil sie verdammt noch mal die Beste ist.” sagte ich und der Dicke schnaubte. “Und weil sie in der Musikszene dieser Stadt und der weiteren Umgebung eine regelrechte Underground-Fangemeinde haben.”
“Und wenn sie so fantastisch sind,” fragte der Dicke mit ungläubigem Tonfall, “warum haben sie sich nicht schon längst selbst angemeldet?”
“Weil lange nicht feststand, ob sie am Wochenende Zeit haben.” erklärte ich. “Sie waren im Ausland. Und außerdem hatten wir eigentlich eine Verabredung mit so einem Typen aus Tötensen, aber der kann nicht.”
“Sie sind doch keine Profis?” fragte er.
“Nein, nein.”
“Gut, denn Profis dürfte ich nicht zulassen.” sagte der Dicke und erinnerte sich plötzlich, dass er ja schlechte Laune hatte. “Und sowieso sind keine Plätze mehr frei. Ist halt zu spät.”
“Aber wenn ich Ihnen garantiere, dass die halbe Stadt überhaupt erst dann zu diesem Event in die Stadthalle kommen würde, wenn meine Band auftritt?”
“Dann beweis mir, dass Ihr so eine große Fangemeinde habt. Ich verlange eine Petition mit zweihundert Unterschriften, dann kommt sie auf die Liste.”
“Na, das ist doch ein Wort.” sagte ich freudig und streckte dem Fetten meine Hand hin. Der sah sie nur mürrisch an und drehte sich wieder zum Fenster.
“Du hast vierundzwanzig Stunden Zeit.” sagte er. “Und jetzt will ich Deinem Spiegelbild beim Rausgehen zugucken.”
“Es war mir ein Vergnügen, mit Ihnen zu sprechen.” sagte ich. Bevor ich mich umdrehte, sah ich ein kleines Kästchen mit Visitenkarten auf seinem Schreibtisch stehen. Ich nahm mir eine und ging zur Tür. “Wir sehen uns dann morgen.” sagte ich und ging hinaus.
Die Vorzimmertussi sah mich mucksch an. Kam wohl nicht so oft vor, dass ein Mann kommentarlos an ihrer paradiesischen Erscheinung vorbeiging.
“Hatten Sie überhaupt einen Termin?” fragte sie giftig.
“Aber selbstverständlich.” antwortete ich.

Auf dem Weg nach unten schwand meine gute Laune über den Teilerfolg mit jeder Treppenstufe.
Zweihundert Unterschriften. Das waren eine ganze Menge. Und das bis morgen!
Ich verzichtete lieber auf meinen Besuch beim Ami-Imbiss und fuhr sofort direkt nach Hause.

Natürlich machte ich mich sofort ans Werk. Auch wenn eine Arbeit auf den ersten Blick so gewaltig erscheint, dass es an Sisyphus Arbeit grenzt, hilft es fast immer, systematisch zu beginnen.
Also entwarf ich als erstes einen Unterschriftenzettel. Den würde man nur noch kopieren müssen. Was die große Zahl der Unterschriften anbelangte, hatte ich schon eine Idee.
Ich saß am Küchentisch und zeichnete Linien auf ein Blatt Papier, als das Killerfon klingelte. Meine stete Hoffnung, es könnte vielleicht Marie sein, die mir sagen wollte, dass sie mich vermisste, wurde enttäuscht. Es war nur der Dritte Mann.
“Hier ist Peter.” sagte er. “Ich hab ne schlechte Nachricht.”
“Ich auch, aber Du zuerst.” sagte ich.
“Tom hat heute John angesprochen, ob er in der Band mitmachen will.”
“Das war der Keyboarder oder?”
“Genau.”
“Hat Tom erzählt, dass wir den Talentwettbewerb in der Stadthalle gewinnen und bei Rock am Ring auftreten werden, wenn er mitmacht?”
“Ja, er will aber nicht. Er sagt, dass bei seinem Job in der Blue Oyster Bar schon so viel von seiner Freizeit draufgehen würde und auch seine Semesterprüfungen vor der Tür stehen. Und das ist ein Problem, weil John der einzige Keyboarder ist, mit dem Tom den Auftritt mitmachen will. Er ist einfach der Beste. Tom sagt, er hat mal erlebt, wie John die Titelmusik von Beverly Hills Cop nachspielen konnte, nachdem er sie nur einmal gehört hat. Und dass er bei einem Auftritt, wo Tom mit dem Bass von Dire Straits’ So far away from me durcheinandergekommen war, die Sache mit dem Keyboard ausgebügelt hat, so dass es niemandem außer den beiden aufgefallen war. Also ohne John macht Tom nicht mit. Und dann können wir das Ganze vergessen.” Der Dritte Mann klang resigniert. Auch bei mir ging die Zuversicht flöten. Erst diese verdammten Unterschriften und jetzt das.
Aber meine Energie war noch nicht am Ende. Schließlich hatte ich den fetten Eisberg vorhin auch weichgekriegt. Wieso sollte mir das nicht bei diesem Pianisten gelingen? Ich sah noch nicht alles verloren.
“Vergessen wird hier gar nichts!” sagte ich trotzig. “Ich werd mal mit diesem John sprechen.”
“Du?”
“Ja, ich. Wenn Hinnaak heute Abend zu Hause ist, fahren wir zu dieser Wampoldsreuthe Bar…”
“Blue Oyster Bar.”
“Richtig. Und sprechen mit John noch mal persönlich. Was für einen Job macht er da? Kellnern?”
“Abends ist er der Barkeeper.”
“Prima. Dann fahren wir da hin und setzen uns einfach zu dem Fetten an die Theke.”
“Zu welchem Fetten? John ist gertenschlank.”
“Nicht so wichtig.” Keiner verstand mich, es war zum Heulen. “Sag Tom, er soll weitermachen und mit diesem anderen reden, mit Mark. Das mit John regeln wir schon. Wann bist Du nachher hier?”
“Gegen acht.”
“Prima. Dann dürfte Hinnaak auch schon da sein. Ich geh ihn jetzt erstmal im Krankenhaus besuchen.”
“Wieso gehst Du ihn besuchen?”
“Erklär ich Dir später. Ich muss Schluss machen.”

Auch wenn mir vor Krankenhäusern grauste, trat ich diese Reise an, weil ich zweihundert Autogramme kaum alleine eintreiben konnte. Von meiner Ausbildung, in der ich oft genug Umfragen auf der Straße durchführen musste, wusste ich noch, dass eine Fußgängerzone am besten geeignet war, aber dass nicht viele Menschen sich die Zeit nahmen, auch stehen zu bleiben. Aber wo hielten sich mehr Menschen auf engem Raum auf, als in einem Krankenhaus?
Da Hinnaak mich gegen meinen Protest zu einem Tag der offenen Tür schon einmal hierher geschleift hatte, wusste ich, wo der Pausenraum lag, in dem er für gewöhnlich Schwestern abcheckte.
Heute saß er hinter einer Zigarette in einer kleinen Sitzecke, die von Ficusbäumen umgeben war. Er las House of God, ein Buch, das ich ihm vor einem halben Jahr empfohlen hatte und sah mich entsetzt an, als er mich bemerkte.
“Was willst Du denn hier?” fragte er.
“Es geht um unsere Band.” begann ich.
“Aha.”
“Wir haben zwei kleine Probleme. Ich hab mit dem Veranstalter der Show in der Stadthalle gesprochen. Ein richtiger fetter Wichser. Er zwingt mich, zweihundert Unterschriften aufzutreiben, die dafür plädieren, unsere Band teilnehmen zu lassen. Die brauchen wir bis spätestens morgen, der Talentwettbewerb ist in vier bekackten Tagen. Außerdem haben wir alles andere als eine richtige Band, weil dieser John gesagt hat, dass er nicht mitmachen will und Tom ist deshalb auch wieder abgesprungen. Darum müssen wir uns heute Abend noch kümmern, sonst können wir alles vergessen.”
“Was bedeutet plädieren eigentlich?” fragte Hinnaak.
“Jetzt bleib mal bei der Sache. Du musst mir mit den Unterschriften helfen. Das Krankenhaus ist doch Anlaufpunkt von vielen Menschen, jedenfalls war das in der Schwarzwaldklinik immer so, und weil Du hier schon eine geraume Zeit arbeitest, dachte ich, dass Du zu den zweihundert Unterschriften ein paar beisteuern könntest, während ich in der Fußgängerzone sammeln gehe.”
“Zweihundert Unterschriften?”
“Ist hier ein Echo im Raum?”
“Das ist eine ganze Menge.”
“Das weiß ich auch. Deswegen werden wir uns aufteilen. Ich geh in die Fußgängerzone und Du holst hier ein paar. Kriegst Du das hin?”
“Gut, dass Du heute gekommen bist. Ab morgen hab ich spontan ne Woche Urlaub. Also gib mir ein paar Zettel, ich kenn hier jeden Arzt und Patienten.”
“Und jede Schwester.” ergänzte ich.
“Ja, und die kennen mich.” sagte er und grinste.
“Also möglichst viele Unterschriften.” sagte ich und reichte ihm ein paar der Zettel, die ich auf dem Weg hierher in einem Copyshop vervielfältigt hatte. “Und so schnell wie möglich, am besten noch heute. Und komm heute Abend nicht zu spät. Wir müssen noch in eine Bar fahren.”
“In eine Bar?” fragte Hinnaak. “Gehen wir einen saufen?”
“Nein, ich will nur noch mal mit diesem John reden.”
“Ist gut. Was hast Du auf die Zettel geschrieben?”
“Dass die Unterschriften einen guten Zweck unterstützten und dass das Papier chlorfrei gebleicht worden ist.”
Hinnaak stand auf.
“Ich hab zwar zwischendurch ein bisschen was zu tun, aber den Leuten ne Unterschrift abzuschwatzen, schaff ich bestimmt trotzdem.” sagte er.
“Prima. Ich geh dann mal. Am besten, ich stell mich vor die Kirche.”
“Gut Holz!” rief Hinnaak so laut, dass ein paar Zeitungsleser aufblickten und genervt umblätterten.

Schlecht gelaunt öffnete ich die Wohnungstür. Bis dato hatte ich nicht gewusst, was die Einwohner meiner kleinen Stadt für verbohrte Arschlöcher waren.
Den halben Tag hatte ich mir den Mund fusselig geredet. Obwohl ich nach der lockeren Begrüßung sofort auf das Thema gekommen war, hielten die meisten mich bestimmt für einen Jehovasfreak, wenn sie nicht sowieso weitergingen. Andere haben mich gar nicht ausreden lassen, sondern ihren Schritt sofort beschleunigt. Lediglich ein paar ältere Leute hatten aus Mitleid ihre Unterschrift geleistet. Nur ein knappes Dutzend war auf diese Weise zusammengekommen.
Und nachher noch in die Bar fahren und diesen Sturkopf belabern. Eigentlich war ich dazu gar nicht mehr in der Stimmung. Aber es musste sein. Die Zeit wurde knapp. Die Band musste sich finden, schließlich würden sie das Lied noch einstudieren müssen. Dabei fiel mir ein, dass wir so was wie einen Proberaum brauchen würden. Aber das war alles Zukunftsmusik. Erstmal auf die Probleme von heute konzentrieren. John und die beschissenen Unterschriften. Vielleicht sollte ich in der Bar jedem, der seine Unterschrift abgeben würde, einen Drink spendieren? Aber das würde ja nicht zu bezahlen sein.
Mein T-Shirt war trotz des bescheidenen Wetters durchgeschwitzt, was vielleicht von der nervlichen Anspannung herrührte. Deshalb wechselte ich in meinem Zimmer als erstes meine Kleidung und fischte eines meiner Lieblingsshirts aus dem Schrank. Es war knallrot und vorne auf der Brust prangte groß Masters of the Universe. Dieses Shirt besaß ich schon seit Jahren und ich trug es nur noch selten, weil ich es nicht so oft waschen wollte. Der Aufdruck fing an zu verblassen. Heute aber war mir danach, es anzuziehen, denn nicht mal damals im Kindergarten bei der Sache mit Axel dem Schubser hatte ich so das Bedürfnis nach He-Mans Schutz und Hilfe verspürt.
In der Küche verputzte ich gerade ein paar Würstchen, als Hinnaak nach Hause kam. Ausnahmsweise mal nicht ewig zu spät.
“Eat this.” sagte er und warf einen Stapel Papier vor meinen Würstchenteller.
“Wie viele hast Du?” fragte ich.
“Na, zweihundert, Mann.” sagte Hinnaak verwundert, dass ich so eine Frage stellen konnte. “Wie bestellt.”
Mein Herz machte einen Sprung.
“Zweihundert Unterschriften?” rief ich freudig.
“Hast Du etwa dran gezweifelt?”
“Äh… …ja.”
“Du solltest mich eben nie unterschätzen. Ich bin wie einer von diesen kleinen Hunden, die tausend Kilometer laufen können, um nach Hause zu kommen.”
“Du bist eher wie eine kleine Erkältung, die zu einer richtigen Grippe werden kann.” sagte ich fröhlich. Darüber dachte Hinnaak ein paar Sekunden nach.
“Auch nicht schlecht.” bekundete er dann.
“Wie hast Du geschafft, zweihundert Unterschriften…” begann ich und fing an, die Seiten durchzublättern. “…ach, was frag ich überhaupt.” schloss ich den Satz und überflog die vielen Unterschriften, bis ich an einer hängen blieb.
“Conny Lingus?” las ich und sah Hinnaak fragend an. “Da steht Conny Lingus?”
“Ja, mir sind nachher die Namen ausgegangen.” sagte Hinnaak und nahm eine Dose Goldbrause mit Schuss aus dem Kühlschrank.
“Fang gar nicht erst an, Bier zu trinken.” ermahnte ich ihn. “Wir müssen noch Auto fahren. Was soll das heißen, Dir sind die Namen ausgegangen? Hast Du die Unterschriften selbst geleistet?”
“Ja, denkst Du denn, man kriegt mal eben so zweihundert Unterschriften zusammen? Nach einer halben Stunde hab ich aufgegeben und mich lieber selber ran gesetzt.”
“Das sind Fälschungen, Mann!” rief ich aufgebracht.
“Ja und? Meinst Du, dieser fette Wichser holt ein Telefonbuch raus und guckt nach, ob es diese Leute auch wirklich gibt? Abgesehen davon, guck doch mal, wie realistisch die aussehen. Ich hab extra verschiedene Stifte benutzt, abwechselnd mit der rechten und der linken Hand unterschrieben. Außerdem hat mir Moni geholfen.”
“Wie viele Unterschriften davon sind denn echt?”
“Ähm, ich glaub fünf.” sagte Hinnaak und nahm einen Schluck aus der Dose.
“Na, fein. Ich tausch die Seite mit Conny Lingus gegen meine aus. Vielleicht kennt er ja den Namen. Außerdem haben wir dann wenigstens ein paar echte.” sagte ich und sah auf die Uhr. “Wo bleibt der Dritte Mann?”
“Wo geht’s denn überhaupt hin?” fragte Hinnaak.
“Zur Blue Oyster Bar.”
“Hey, die kenn ich.”
“Dachte ich mir. Da arbeitet John der Keyboarder als Barkeeper.”
“Er ist also John der Barboarder.” gab Hinnaak nachdenklich von sich, während ich Würstchen aß. “Oder Keykeeper.”
“Wir müssen ihn überreden, in der Band mitzuspielen.” sagte ich und Hinnaak klaute mir ein Würstchen. “Ohne ihn ist das ganze Projekt gestorben.” Es tat gut, das Projekt als < das Projekt > zu bezeichnen. Machte Spaß, das zu sagen.
“Dor kömmt he.” meinte Hinnaak und zeigte mit der Wurst auf den Dritten Mann, der in die Küche kam. “Du, wir haben die Unterschriften alle zusammen!” fügte er freudig hinzu, noch bevor der Dritte Mann zum ersten Satz anheben konnte.
“Tom wird Mark morgen fragen. Welche Unterschriften?” fragte der Dritte Mann.
“Welchen Mark?” fragte Hinnaak.
“Erklär ich Euch im Auto.” sagte ich.

Seit Hinnaak mit seiner Pornoaffaire die Aufmerksamkeit der örtlichen Ämter genoss, fuhr er mit seiner Suizidfalle wenigstens einigermaßen innerhalb der Regeln der Vernunft, so dass wir bei der Blue Oyster Bar ankamen und ich nur leichte Muskelkrämpfe vom Festhalten hatte. Der Dritte Mann, der hinten saß, sagte während der Fahrt nicht viel, während Hinnaak unentwegt irgendwelches Gelaber von sich gab. Also war alles wie immer und ich konnte mir in Ruhe einen Schlachtplan überlegen, mit dessen Hilfe ich John in die Band kriegen könnte. Mir fiel aber nichts ein. Gar nichts. War ja auch schwierig, da ich meinen Verhandlungspartner nicht das kleinste bisschen kannte. Vom Dritten Mann wusste ich nur, dass John in der Gegend aufgewachsen war und aus einem wohlhabenden Haus kam. Er studierte Soziologie, spielte mit dem Gedanken, später einmal in die Pädagogik oder vielleicht sogar in die Medizin zu wechseln, wofür sein Numerus Clausus leider noch nicht ganz ausreichte. Zum großen Ärgernis seiner Eltern war sein Notendurchschnitt beim Abitur nämlich leider über 1,5 gewesen, womit man heutzutage beinahe nur bei den Müllmännern anfangen konnte. Außerdem fuhr er einen Mercedes, der auf dem Campusparkplatz immer der optische Höhepunkt schlechthin war.
Es war also nicht grade viel, was ich über ihn wusste. Wo sollte ich da bloß ansetzen? Vielleicht müsste ich einfach meinen Charme spielen lassen.
Hinnaak parkte seine Karre in der einzigen freien Lücke vor der Bar und ich betrachtete das Gebäude erst einmal von außen. Es war wohl eine alte Fabrik oder so etwas, die scheinbar zum größten Teil leer stand. Die Bar erreichte man über eine Eisentür, über der in einem summenden, leuchtend blauen Schriftzug Blue Oyster Bar stand. Dieser Anblick kam mir irgendwie bekannt vor, als hätte ich das schon mal im Fernsehen gesehen.
Drinnen herrschte wider meines Erwartens eine angenehme Atmosphäre. Schummeriges Licht in verschiedenen Farben hob einzelne Sitzgruppen von den Gängen ab. Die Bar befand sich in der Front des Raumes, dessen Dimensionen man nicht auf einen Blick erkennen konnte, und wurde von farbneutralen Lampen hell angestrahlt. Die Luft wurde gut gefiltert, so dass man keinen Zigarettenrauch bemerkte. Die Musik wurde laut genug gespielt, dass man sich von ihr einhüllen lassen konnte, aber nicht so laut, dass man eine Unterhaltung nur schreiend würde führen können. Dass Hinnaak diese Bar kannte, wunderte mich. Sie sah ein bisschen nach betuchteren, auch älteren Gästen aus. Nicht wie die Gesellschaftsschicht, in der Hinnaak sich üblicherweise aufhielt.
Es war noch nicht viel los. Die meisten Plätze waren nicht besetzt und vom Eingang aus konnte ich nicht mal jemanden am Tresen sehen.
Hinnaak war sofort in Richtung Zapfanlage losmarschiert. Der Dritte Mann und meine Wenigkeit folgten ihm, während meine Augen den Raum nach diesem John absuchten. Der Dritte Mann hatte ihn gut genug beschrieben, dass ich glaubte, ihn so schnell erkennen zu können als würde ich sein Foto auf meinem Nachttisch stehen haben. Und damit behielt ich recht. Denn als Hinnaak seinen Hintern auf einen der schwarzen Barhocker platzierte und ungeduldig auf den Tresen klopfte, um jemanden vom Personal anzulocken, erschien ein junger, hochgeschossener, blonder Typ, in dessen Gesicht man noch die letzten Ausläufer von Pubertätsakne sehen konnte. Er trug ein weißes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln, schwarze Stoffhosen mit Bügelfalte und glänzende schwarze Lackschuhe. Eigentlich sah er mehr nach Hotel Atlantic aus als nach einer Nachtbar. Als er den Dritten Mann sah, wurde sein höflich distanzierter Oberkellnergesichtsausdruck etwas freundlicher.
“Hey Peter.” sagte er und gab dem Dritten Mann die Hand. “Dich hätte ich hier ja nicht unbedingt erwartet. Wer sind Deine Begleiter? Wollt Ihr was trinken?”
Hinnaak schlug mit der flachen Hand auf den Tresen.
“Ein blondes Pils für mich. Aber fix, sonst verdurste ich hier!” rief er.
“Kein Bier für Dich.” widersprach ich. “Du bist der Fahrer, schon vergessen?”
“Eins kann ich doch.” sagte Hinnaak schockiert.
“Nein, ich habe kein Bock darauf, dass dies der letzte Tag in meinem Leben gewesen sein soll, wenn Du uns mit Deiner Rostschüssel nachher noch alkoholisiert über die Landstraße kutschierst.”
“Na gut, Papa Schlumpf.” resignierte Hinnaak. “Ich nehme eine Cola.”
“Und Ihr?” fragte John.
“Eigentlich sind wir nur gekommen, um mit Dir zu reden.”
“Worüber? Doch nicht etwa über die Bandgeschichte, oder?”
“Doch, genau darüber.”
“Ich hab doch schon gesagt, dass ich nicht zur Verfügung stehe. Ich hab zu viel zu tun.” sagte John abweisend.
“Zu viel zu tun? Wir haben alle viel zu tun, trotzdem kriegen wir das hin.” erwiderte ich.
“Kann ja sein, aber ich kann mir hier nur unbezahlt freinehmen und ich brauch das Geld, das ich hier verdiene.”
“Ja, das versteh ich. Deinen Mercedes hast Du natürlich auch von dem Gehalt hier gekauft, richtig?”
“Meinen Mercedes? Nein, meine Eltern…”
“Also würdest Du sagen, dass Du auf den Job hier so angewiesen bist wie die Menschen in Afrika auf die Hilfe der wohlhabenden Länder?”
“Das ist ja nun kein Vergleich. Die Wirtschaft…”
“Stimmt.” unterbrach ich ihn. “Der Vergleich ist nicht sehr treffend. Aber Fakt ist doch trotzdem, dass Du schon ohne weiteres ein paar Tage pausieren könntest. Peter hat auch einen Nebenjob und wird sich ein paar Tage frei nehmen.”
“Ich muss aber auch für die Semesterprüfungen lernen…”
“Die sind erst in ein paar Wochen, wie ich gehört habe.” sagte ich mit einem Seitenblick auf den Dritten Mann, der zustimmend nickte. “Und wie ich außerdem gehört habe, bist Du immer so in die Materie vertieft, dass Du praktisch gar nicht lernen müsstest. Du schreibst doch nur verdammte Einsen.”
“Ja, das stimmt.” sagte John und grinste stolz.
“Also kann das bisschen Zeit nicht so schlimm sein.”
Ein paar Sekunden Stille traten ein.
“Bist Du der Manager der Band oder was?” fragte John leicht belustigt.
“Ja, und mit Glück auch bald Deiner. Wo liegt das Problem?”
“Okay, um es ganz einfach auszudrücken: Ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, in einer Band zu spielen, die sich so kurzfristig zusammen tut und dann auch gleich harmonieren soll.”
“Warum sollte es nicht funktionieren?” fragte ich. “Ihr seid doch alle gut? Und Ihr seid alle Musiker, also warum solltet Ihr nicht harmonieren?”
John grinste spöttisch.
“Ich glaube, mit diesem Mark kann niemand harmonieren.” sagte er.
“Wieso? Hast Du ein Problem mit dem?” fragte ich.
“Frag ihn lieber, ob er ein Problem mit mir hat. Wann immer wir zusammen gespielt haben, hat er versucht, mich aus dem Konzept zu bringen. Absichtlich. Mal von den blöden Bemerkungen abgesehen, die ich mir immer von ihm anhören musste.”
“Es ist noch gar nicht raus, ob Mark überhaupt mitmacht. Und wenn doch, kann ich ja mal mit ihm reden.” sagte ich. “Wir haben eh nur wenig Zeit, da müssen wir anständig zusammenarbeiten, wenn wir am Samstag in der Stadthalle einen anständigen Auftritt hinlegen wollen.”
John guckte unsicher umher, sah auf seine Schuhe und auf seine Hände, wenn sein Blick nicht grade nervös durch den Raum steifte.
“Nein.” sagte er dann bestimmt. “Nein nein. Ich kann nicht, es geht nicht.”
Damit drehte er sich weg und verschwand im Hintergrund der Bar.
“Na ja.” sagte der Dritte Mann und erhob sich. “Ein Versuch war es wert.”
“Setz Dich wieder hin. Der Versuch ist noch nicht zu Ende.”
“Nein, denn wenn Captain Ahab den weißen Wal erstmal entdeckt hat, geht er mit dem Schiff unter.” ließ Hinnaak von sich hören.
“Als ob Du Herman Melville jemals gelesen hast.” erwiderte ich.
“Hä? Wer ist das denn?”
“Niemand Wichtiges. Der hat nur Moby Dick geschrieben, Einstein. Ich sagte doch, Du hast es nicht gelesen.”
“Ich hab auf Tele 5 den Zeichentrickfilm gesehen, Du blöder Klugscheißer.”
“Was willst Du denn noch machen?” fuhr der Dritte Mann dazwischen, bevor mein Wortwechsel mit Hinnaak zu einem richtigen Streit ausarten konnte. “John hat gesagt, er will nicht.”
“Ich werde tun, was jeder Butterfahrtheizdeckenaufschwatzer machen würde.” sagte ich. “Ihn so lange besabbeln, bis er nicht mehr anders kann als zuzusagen.”
“Aber er hat doch schon Nein gesagt.” wiederholte der Dritte Mann.”
“Dann wird das eine lange Nacht.” sagte ich, zog den Reißverschluss meiner Jacke auf und legte sie auf den Hocker neben mir.
“Vielleicht sollte ich ihn mit den Telefonnummern von ein paar Weibern locken, die ich kenne.” meinte Hinnaak.
“Sag bloß, Du hast Dein rosa Buch dabei.” sagte ich, Unheilvolles ahnend.
“Die wichtigen Nummern kenne ich auswendig.”
“Wir sind keine Zuhälter.” erwiderte ich. John kam wieder nach vorne und trug ein Tablett voll mit glänzenden Gläsern, die er in ein Regal bei der Bar einzusortieren begann.
“Also, es ist ja nicht persönlich gemeint,” begann er, “ich finde nur, dass…” brach er ab, als sein Blick auf mein T-Shirt fiel. “Hey, das ist ja ein cooles Shirt. Masters of the Universe. Das hab ich auch immer geguckt, als ich klein war.”
“Er guckt das jetzt noch.” sagte Hinnaak zu John.
“Musst Du nicht ganz dringend mal die Klappe halten?” zischte ich Hinnaak an, der daraufhin beleidigt schweigend seine Cola trank.
“Ich war bestimmt der größte He-Man-Fan aller Zeiten.” gab John von sich und lächelte in Erinnerung schwelgend.
“Wieso war?” fragte ich herausfordernd. “Hat He-Man was gemacht, womit er verdient hat, dass Du Dich von ihm abwendest?”
“Na hör mal. Das ist doch was für Kinder gewesen. Jetzt ist man erwachsen…”
“Die Helden seiner Kindheit verrät man nicht.” belehrte ich ihn. “Ich hab noch alle He-Man-Figuren von früher zu Hause. Das sind sogar alle, die es gab.”
“Du hast alle Figuren, die es gab?” fragte John mit zurückhaltender Begeisterung.
“Na ja, die Bösen hab nicht gesammelt. Aber von den Guten hab ich alle. Und von jeder He-Man-Figur, die es je gegeben hat, hab ich ein Exemplar.”
“Von jeder He-Man-Figur hast Du eine?” wiederholte John nicht mehr ganz so zurückhaltend.
“Zumindest von den alten. Die neue Serie finde ich scheiße.”
Man konnte zwar den Eindruck gewinnen, dass er sich für seine anhaltende Begeisterung für Kinderspielzeug ein bisschen schämte, aber einen Gleichgesinnten getroffen zu haben, war in der Hinsicht bestimmt eine Hilfe für ihn.
“Jeden He-Man und alle Masters of the Universe.” fuhr ich fort. “Ich hab sie bei mir zu Hause in einer Glasvitrine stehen.”
“Oh Mann, so eine Sammlung hab ich noch nie gesehen.” sagte John verträumt.
“Wenn Du Bock hast, kannst Du nachher mitkommen, dann zeig ich sie Dir.”
“Echt?” Johns Begeisterung war inzwischen kein bisschen mehr zurückhaltend und er wirkte regelrecht aufgeregt. “Wisst Ihr, ich hab heute sowieso nur eine kurze Schicht und in einer halben Stunde kann ich weg. Wollt Ihr solange warten?”

Auf dem Beifahrersitz von Hinnaaks Auto drehte ich mich um und sah durch die Heckscheibe die Scheinwerfer von Johns Mercedes.
“Komm jetzt gar nicht erst auf die Idee, dem Mercedes zeigen zu wollen, was Deine alte Gurke noch unter der Haube haben könnte.” sagte ich zu Hinnaak. “Wir fahren schön gemächlich nach Hause, damit wir da auch heil ankommen. Alles klar?”
“Ja, Mama.”

Johns Augen gingen ihm über, als ich die Beleuchtung im Glasschrank einschaltete. Eine Weile starrte er auf die darin aufgebaute Szenerie und gab nur Geräusche des Staunens und der Verblüffung von sich. Obwohl er vorhin so getan hatte, als wäre seine Leidenschaft für He-Man seit mindestens hundertfünfzig Jahren vorbei, besaß er erstaunlich gute Kenntnisse. Fast so, als hätte er eine entsprechende Fachzeitschrift abonniert, die er auch immer sorgfältig durchlas.
“Thunder Punch He-Man.” staunte er.
“Genau.” sagte ich und hockte mich neben ihn auf den Boden vor dem Glasschrank. “Ich hab sogar New Adventure He-Man, obwohl der mir nie so gefallen hat.”
“Mir auch nicht. Die Serie war Mist. Genauso wie die neue jetzt. Da, das ist Battle Armor He-Man, den hab ich früher auch gehabt. Oh, der hier. Laser Light He-Man. Den hab ich noch nie mit eigenen Augen gesehen. Wo hast Du den denn her?”
“Das war ein Glücksfall. Hab ihn vor kurzem hier in einem komischen kleinen Laden gefunden. Ist der seltenste der Welt, soweit ich weiß.”
“Nein, ist er nicht. Das ist der hier!” John war ganz außer sich vor Aufregung. “Wonderbread He-Man! Der ist noch viel seltener!”
“Wonderbread He-Man? Ich hab gar nicht gewusst, dass der so selten ist. Den hab ich schon Ewigkeiten. Hat mir mein Vater mal aus Amerika mitgebracht. Kann ich mich schon gar nicht mehr richtig dran erinnern.”
“Ja, der dürfte der seltenste sein. Mattel will noch nicht mal zugeben, dass es diesen He-Man überhaupt gibt.”
“Ist ja interessant. Hab ich nicht gewusst.” sagte ich wahrheitsgemäß.
“Das ist eine großartige Sammlung. Ich hab bisher nichts Vergleichbares gesehen. Lauter He-Mans und rundherum die Masters of the Universe.”
“Die Castle Greyskull verteidigen und nichts fürchten. Weder Tod noch Teufel.” ergänzte ich.
“Genau.” sagte John kindlich aufgeregt. “He-Man ist der mächtigste Mann im Universum. Er fürchtet nicht mal Skeletor.”
“Wenn He-Man nicht mal vor Skeletor, dem Herrn von Snakemountain Angst hat, meinst Du er hätte Angst vor Mark dem Drummer?” fragte ich und ließ die Frage auf John wirken.
“Nein. Natürlich nicht.” sagte er nach einer Weile. “Hab ich ja auch nicht. Ich denke nur…”
“Du sollst nicht denken, Du sollst Dir nur eine Frage stellen.” unterbrach ich ihn. “In dieser Situation: Wir sind ein paar Leute und wollen es in vier Tagen schaffen, als Band in der Stadthalle aufzutreten. Das ist schwierig, fast unmöglich sogar, aber wir können es schaffen. Dazu brauchen wir aber unbedingt Deine Hilfe. Du sollst Dich also nur eines fragen: Was würde He-Man tun?”

John würde morgen in aller Frühe aufstehen müssen, deshalb hatte er sich, nachdem er den Liedtext betrachtet und sich unsere Ideen dazu angehört hatte, auf den Weg nach Hause gemacht. Die Rücklichter seines Wagens waren gerade um die Ecke gebogen, als ich zum Dritten Mann sagte:
“Ruf Tom an. Wir sind wieder im Geschäft.”


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