Am nächsten Nachmittag fuhr ich mit meinem Panzer zur Stadthalle, um die Band vom Dritten Mann beim Talentwettbewerb anzumelden, denn schließlich wurde es höchste Zeit.
Für die Lederjacke wehte eindeutig ein zu frischer Wind, so dass ich die Fleecejacke mit den Hornknöpfen angezogen hatte, die ich nur für wirkliche schlechte Wetterverhältnisse reservierte. Mit schnellem Tempo, damit ich möglichst bald wieder von der viel befahrenen Hauptstraße herunterkommen konnte, die sich wie eine große Arterie quer durch meine kleine Stadt zog und mit ihren zahlreichen Autos, Mopeds und LKWs die Luft verpestete, fuhr ich in Richtung Stadthalle, um zu sehen, was ich erreichen konnte. Möglich, dass da gar nichts los war, schließlich lebte ich nicht in Las Vegas.
Wie zu erwarten war, sah ich, als ich mit meinem Panzer auf die Auffahrt bog und schließlich vor dem Haupteingang anhielt, dass hier heute und vor allem um diese Zeit nichts zu holen sein würde. Alles war so zu und dicht, als erwartete man eine Sturmflut. Die große Tanne, die mich in meiner Kindheit alljährlich mit falschem Weihnachtszauber beschissen hatte, wiegte sich hämisch im Wind, als wollte sie mich extra noch mal drauf hinweisen, wie peinlich es immer war, vor einer verschlossenen Tür zu stehen. Wie zum Trotz stellte ich den Panzer aber dennoch auf seinen Ständer und sah mir das Gebäude genauer an, als würde ich es zum ersten Mal sehen und als ob es irgendein interessanter alter Baustil wäre.
Neben dem Haupteingang, hinter dessen verglasten Türen eine dunkle Halle lag, hingen zwei Schaukästen, in denen manchmal auf Bürgerversammlungen, die Senioren-Ortsvorstandswahl o.Ä. hingewiesen wurde. Das war es zumindest, was ich bei den seltenen Gelegenheiten meines Besuches der Stadthalle in diesen Kästen sehen konnte. So war das auch heute. Im linken Kasten hing ein Din-A-4 Zettel, mit dem auf ein Kindertheater hingewiesen wurde. Räuber Hotzenplotz. Nicht schlecht.
Im rechten hingegen hing eins von den Postern, wie ich sie gestern an dem Laternenpfahl gesehen hatte. Dabei standen die Anschrift, die Telefonnummer, eMail- und Internetadresse der Firma, die den Talentwettbewerb veranstaltete. Breakthrough Entertainment. Daneben war noch eine Zeichnung von einem langhaarigen Gitarren-Rocker.
Na, das war doch was, damit konnte man arbeiten.
Die Telefonnummer las ich mir ein paar Mal durch, bis ich sie auswendig konnte und merkte mir den Namen des Veranstalters und des Ansprechpartners.
Mit diesem ersten Erfolg radelte ich nach Hause.

*

“Mick hat Recht. Dein Auto ist wirklich nicht das allerbeste.” sagte Peter zu Erik. Sie saßen im Auto und waren auf dem Weg zu dem Gitarrenladen, in dem Tom arbeitete. Sie hätten für diese Strecke auch die Autobahn nehmen können, doch Erik wollte dem Auto nicht zu viel zumuten. Und außerdem kam man auf dem Weg zur Autobahnauffahrt an einer Polizeiwache vorbei und er wollte kein Risiko eingehen.
“Hab ich ja auch nie behauptet oder?” antwortete Erik.
“Na ja, Hauptsache, es fährt.”
“Ja, und das einwandfrei, wie ein DeLorean mit dem Tank voll Müll.”
Der Rest der Fahrt verlief schweigend. Peter dachte darüber nach, was er Tom fragen wollte. Er hatte bei der Vertonung ganz besondere Vorstellungen und wusste, was eine Band brauchen würde, die sein Lied spielen sollte. Er wusste auch, dass kaum ein anderer soviel Kontakt zu Musikern hatte wie Tom und wenn ihm einer Namen von Leuten geben konnte, die ihr Instrument wirklich gut beherrschten, dann war es Tom. Trotzdem beschlich Peter ein unruhiges Gefühl. Er fürchtete, Tom würde ihn nicht ernst nehmen oder ihn auslachen, wenn er hörte, dass Peter plante, ein selbst geschriebenes Lied live zu performen und sogar eine Band zu gründen.

Ein altes Firmenschild deklarierte die kleine Werkstatt in einer Seitengasse mit Kopfsteinpflaster, in der Erik sein Auto parkte, als annähernd hundertjährigen Familienbetrieb.
Der Laden selbst war klein und in jedem freien Winkel standen Gitarren herum. Teilweise zum Verkauf, teilweise abgeschlossene Auftragsarbeiten, wie die kleinen Schilder um die Gitarrenhälse verrieten, aber alle auf Hochglanz poliert.
Hinter einem Tresen stand ein sehr alter Mann mit einem weißen Haarkranz um die Glatze herum und einer schmalen Brille auf der Nase. Erik marschierte auf den Mann zu.
“Moin, bist Du Tom?” fragte er.
“Nein, der ist hinten in der Werkstatt.” antwortete der Mann mit ruhiger Stimme, als wäre es für ihn nichts Ungewöhnliches, mit einem über fünfzig Jahre jüngeren Mann verwechselt zu werden. “Soll ich ihn holen?”
Das war nicht nötig, denn Tom, der seinen Namen gehört hatte, kam nach vorne in die Werkstatt, eine Schraubzwinge in der Hand.
“Hey, Piet!” begrüßte er Tom freudig. “Alles klar?”
“Ja, und bei Dir?”
“Gut, gut.”
“Ich bin hier, weil ich was mit Dir besprechen will. Hast Du ein bisschen Zeit?”
“Um ehrlich zu sein, gerade nicht. Bin dabei, einen Körper zu lackieren, aber in zehn Minuten habe ich Feierabend. Warte doch solange auf mich, dann können wir beschnacken, was Du willst.”
“Kein Problem.” sagte Peter.
Sie warteten, nachdem Tom wieder nach hinten gegangen war und der alte Mann sich mit irgendeiner Zeichnung beschäftigte. Erik sagte mit starrem, verträumtem Blick “Körper lackieren, klingt geil” vor sich hin und Peter sah sich verschiedene Ausstellungsstücke an. Allesamt qualitativ hochwertige Instrumente, neben denen seine Gitarre wie eine alte ausgeleierte Klampfe wirkte.
Tom kam bald zurück. Der Alte wollte allerdings seinen Laden schließen, so dass alle raus mussten. Peter befürchtete schon, dieses wichtige Gespräch zwischen Tür und Angel führen zu müssen, als Tom vorschlug, in die kleine Eckkneipe am Ende der Straße zu gehen.
Er meinte, dort gäbe es ruhige Ecken, in denen man sich in Ruhe würde unterhalten können. Allerdings bestand er darauf, schon auf dem Weg dorthin zu erfahren, worum es ging, also erzählte Peter die wichtigsten Eckdaten seiner Entscheidung.
Als sie letztendlich an ihrem Tisch saßen, hatte Tom es aber noch nicht so ganz verstanden.
“Also, Du willst eine Band zusammenstellen, habe ich Dich richtig verstanden?” wiederholte Tom.
“Ja.”
“Und Du bist sein Manager?” fragte er Erik.
“Nein, ich bin der Fahrer.”
“Aha, aber wie kommt das?”
“Naja, ich habe als Einziger ein Auto.” antwortete Erik.
“Ich glaub, das hat er nicht gemeint.” sagte Peter.
“Oh.” machte Erik und nippte an seinem Bier.
“Ich hab ein Lied geschrieben.” erklärte Peter.
“Schon wieder?” fragte Tom.
“Genau, und ich hab es Mick und Erik vorgespielt. Mick fand es total klasse und hat mir sehr scharfsinnige Ratschläge gegeben, wie ich es noch verbessern kann.”
“Du hast das Lied Deinen beiden Mitbewohnern vorgespielt?” fragte Tom mit einer Mischung aus Erstaunen und Entrüstung. “Du hast doch nie jemandem Deine Lieder vorgespielt.”
“Ich weiß, aber da hat es mich einfach überkommen. Und gestern hat Mick mir von einem Wettbewerb erzählt und mich davon überzeugt, dass ich mit meinem Lied dort antreten will.”
“Das ist eine plötzliche Wandlung für jemanden, der vor kurzem noch vor Lampenfieber durchgedreht und abgehauen ist.”
“Ja, aber Mick hat gemeint, das war wahrscheinlich nur, weil ich ganz allein war. Mit einer Band hinter mir würde mir das nicht passieren. Außerdem wäre das Lied von einer ganzen Band gespielt noch besser.”
“Ach, das meint Mick also, ja?” fragte Tom schnippisch.
“Mick weiß Bescheid.” sagte Erik.
“Und woher willst Du eine ganze Band kriegen?”
“Dabei sollst Du mir helfen.” stellte Peter fest. “Du kennst doch reihenweise Musiker.”
Tom wirkte ein wenig unwillig, wollte Peter aber nicht vor den Kopf stoßen.
“Ja, aber ich weiß nicht, wer zu Dir passen könnte.”
“Zumindest bist Du der beste Bassist, den ich kenne.”
“Ach, mich willst Du auch dabei haben?” fragte Tom amüsiert.
“Als ob ich es ohne Dich tun könnte.” versuchte Peter Tom zu schmeicheln.
“Vielleicht sollte ich mir das Lied erstmal anhören, bevor ich Weiteres dazu sage.”
“Kein Problem. Ich brauch nur eine Gitarre.” sagte Peter.
“Meine Werkstatt hat zu und nur der Alte hat einen Schlüssel.”
“Dann fahren wir eben zu mir und ich spiel es Dir auf meiner Gitarre vor, wäre Dir das recht?”
“Da ich nun schon fast mein ganzes Leben lang darauf warte, würde ich sogar die Wüste Sahara durchqueren, um etwas aus Deiner Feder hören zu können.”
Peter lachte.
“Okay, dann lass uns mal los.”
Tom und Peter sahen Erik an, der versonnen über seinem Bierglas saß und nur am Rande mitbekommen hatte, dass Aufbruchsstimmung herrschte.
“Was, jetzt?!” fragte er entsetzt, weil sein Glas noch halb voll war. Er erinnerte sich aber schnell daran, dass er als Fahrer ein ehrenvolles Amt ausüben durfte und entschied sich dazu, sein Glas als immerhin schon halb leer zu betrachten und die beiden zu seiner Wohnung zu fahren.

*

Es war keiner zu Hause. Hinnaak und der Dritte Mann waren unterwegs, um diesen ominösen Tom zu treffen. Von ihm versprach der Dritte Mann sich passende Vorschläge für Bandmitglieder. Ich war gespannt.
Sinnlos aufgeregt saß ich vor dem Telefon. Wenn es jetzt klingeln würde, würde ich mir vor Schreck in die Hose scheißen, und wählte mit zitternden Händen die Nummer des Veranstalters, die ich hoffentlich noch korrekt im Kopf hatte.
Ich hörte das Freizeichen und hoffte, dass ich nicht außerhalb der Geschäftszeiten anrief, als am anderen Ende der Leitung der Hörer abgenommen wurde und ich eine weibliche Stimme vernahm.
“Breakthrough Entertainment, guten Tag?”
“Hallo, mein Name ist Petersen und ich rufe wegen des Talentwettbewerbs in der Stadthalle an.” sagte ich so freundlich ich konnte.
“Ja?”
“Ich möchte einen Interpreten anmelden.”
“Ich glaube, Herr Obermaier, unser Geschäftsführer, hat gestern die Bewerberliste geschlossen.” sagte die Stimme bedauernd.
“Und das heißt?”
“Dass keine Bewerber mehr aufgenommen werden.”
Mein Herz sackte in die Magengrube. Sollte es das schon gewesen sein?
“Ich bin mir aber, wie gesagt, nicht sicher.” sagte die Stimme und machte mir wieder ein bisschen Hoffnung.
“Wie kann ich Herrn Obermaier denn erreichen, um ihn selbst zu fragen?”
“Tut mir leid, aber Herr Obermaier möchte nicht, dass ich seine Privatnummer herausgebe. Am besten, Sie rufen morgen Vormittag noch mal an. Dann müsste er im Büro sein.”
“Ja, ist gut. Vielen Dank.”
Mit einem flauen Gefühl im Magen legte ich den Hörer auf. Das war ja nicht sehr gut gelaufen.
Sollte es tatsächlich schon zu spät gewesen sein? Erst machte ich den Dritten Mann wild auf den Auftritt, hängte mich in die Organisation rein und jetzt war alles schon gescheitert, bevor es richtig beginnen konnte?
Vielleicht sollte ich das Ganze lieber vergessen.
Nein, nein, nein! Das sah ich ja gar nicht ein! Es war noch nicht verloren und den Penner Obermaier würde ich schon bearbeiten können. Außerdem brauchte der Dritte Mann den Anstoß, um aktiv zu werden. Das Lied war gut und er war auch gut, aber alleine würde er nie den Arsch hochkriegen. Ich konnte ihn nicht im Stich lassen.

Ein Schlüssel drehte sich im Schloss der Wohnungstür, was mich aber nicht dazu bewegte, meine bequeme Liegeposition aufzugeben. Das tat ich erst, als die Ankommenden das Wohnzimmer betraten. Es waren Hinnaak, der Dritte Mann und ein blonder Kerl, der von der Erscheinung her ein Student sein konnte.
“Das ist Tom.” sagte der Dritte Mann und zeigte auf den Blonden, der mir die Hand gab und freundlich lächelte. “Ich wollte ihm mal meinen Song vorspielen.” fuhr der Dritte Mann fort. “Daraufhin wird er entscheiden, ob er in unserer Band mitmachen will oder nicht.”
“Dann setz Dich mal, Tom.” sagte ich und wies mit der Hand auf die Couch, von der ich mich gerade erhoben hatte. “Willst Du etwas trinken?”
“Ja klar, hol mir ein Bier.” posaunte Hinnaak aus dem Sessel, in den er sich sofort nach seiner Ankunft hineinkatapultiert hatte.
“Nein danke.” sagte Tom.
Der Dritte Mann kam herein und trug seine Gitarre in der einen und einen Notenständer in der anderen Hand.
“Ich musste sie noch kurz stimmen.” meinte er, stellte sich den Notenständer in das günstigste Licht und zog sich einen Stuhl heran.
“Wenn alles gut läuft, dann pilgern die Fans künftig nicht mehr nach Memphis, sondern sie kommen hierher, in unsere kleine Stadt.” sagte Hinnaak.
Tom zog sich ebenfalls einen Stuhl heran und setzte sich, schlug die Beine übereinander und stützte das Kinn auf die rechte Faust und den Ellenbogen auf das Knie. Er sah nachdenklich und konzentriert aus, schon bevor der Dritte Mann den ersten Takt spielte. Sein Gesichtsausdruck änderte sich auch nicht, während er dem Lied lauschte. Er saß nur regungslos da und blickte mit konzentriertem Gesichtsausdruck geradeaus.
Erst nach einer Weile kam ich dahinter, was er machte. Er hörte sich das Lied nicht an, er hörte hinein. Er hörte auf das Gitarrenspiel, die Akkorde, das Zusammenwirken von Stimme und Instrument. Wie ein Professor analysierte er die einzelnen musikalischen Komponenten und beurteilte eine mögliche Erfolgschance.
Was mich betraf, ich hörte mir das Lied an und ließ es erneut als Ganzes auf mich wirken und wieder nahm es mich gänzlich gefangen und trug meine Gedanken weg zu Marie, wo sie noch einen Augenblick verweilten, nachdem der Dritte Mann geendet hatte.
“Und?” fragte er Tom.
“Ja, das ist gut.” sagte Tom mit Bedacht.
“Sagte ich doch.” meinte ich.
“Wäre auch gut für einen Pornofilm.” warf Hinnaak ein.
“Beim Refrain hätte ich gern noch ein bisschen mehr Blues, wenn Du verstehst, was ich meine.” meinte Tom.
“Jaaa…” antwortete der Dritte Mann nachdenklich. “Vielleicht weniger Gitarre und Drums und dafür mehr Bass?”
“Du hast es erfasst!” sagte Tom.
“Also Tom. Bist Du dabei?” fragte der Dritte Mann gespannt.
Tom ließ sich Zeit, wägte seine Antwort ab, während sich im Wohnzimmer eine atemlose Anspannung ausbreitete. Sogar Hinnaak saß mit offenem Mund da. Aber das tat er eigentlich immer.
Schließlich fing Tom an zu lächeln.
“Wir brauchen noch mindestens zwei gute Leute, wenn das laufen soll.”
Der Dritte Mann atmete erleichtert auf.
“Und an wen denkst Du?”
“Mark ist ein guter Drummer. Und John ist perfekt am Keyboard.”
“John und Mark.” wiederholte der Dritte Mann. “Die hab ich schon live gesehen, glaube ich. Die sind wirklich gut.”
“Ja, aber die werden wir nicht kriegen.” sagte Tom.
“Warum nicht?” fragte ich.
“Mark spielt nur Heavy Metal und John ist im letzten Semester. Der hat echt Stress zur Zeit.”
“Man wird sie doch überreden können.” sagte ich.
“Du kannst es ja versuchen.” meinte Tom schnippisch.
“Nein, Du wirst es versuchen.” wehrte ich ab. “Wenn es Schwierigkeiten gibt, sag mir Bescheid, aber zuerst hab ich mit der Anmeldung morgen zu tun.”
“Okay.” sagte Tom. “Ich sehe ihn morgen in der Uni. Da rede ich mit ihm.”
“Prima. Wir müssen zusehen, dass wir in die Gänge kommen. Schließlich haben wir nur noch vier Tage.”


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