Leise bewegte er sich durch das Wohnzimmer.
Er wohnte inzwischen lange genug mit beiden zusammen um zu wissen, dass Erik zwar selbst durch den Einschlag einer Streubombe nicht wachzukriegen war, Mick sich aber schon durch ein Geräusch in der unteren Wohnung gestört fühlte.
Mit einem kleinen Ruck öffnete er die Balkontür und kühle klare Nachtluft umfing ihn. Er zog die Tür hinter sich wieder ins Schloss und auf der Glasscheibe spiegelte sich der volle Mond hinter dem Wipfel der großen Kastanie, die im Hof stand.
Auf dem Balkon standen ein kleiner Tisch und zwei Stühle aus Rattanholz, alles ein bisschen vom Herbstwetter angeschmuddelt, aber trocken.
Peter ließ sich auf einen der Stühle niedersinken, schlug die Beine übereinander, lehnte sich zurück und sah in den wolkenlosen Sternenhimmel hinauf, der vom hellen Mond beleuchtet wurde. Bei dem Panorama wie aus einer der alten Fernsehfolgen von Der kleine Vampir fühlte Peter sich zurückversetzt an das Fenster seines Schlafzimmers im Internat, wo er aufgewachsen war.
Warum studierte er Musikwissenschaften? Wann war ihm die Idee gekommen, Musiker zu werden? War sie ihm überhaupt jemals gekommen? Oder arbeitete er bereits sein ganzes Leben lang darauf hin, ohne sich diesem Ziel bewusst zu sein?
Falls ja, könnte man auch behaupten, er hätte sein ganzes Leben ohne Ziel einfach irgendwas gemacht.
Egal, welche Möglichkeit zutraf, sicher war, dass sein Leben die Musik war. Es gibt Menschen, die sehen sich darin erfüllt, hundert Meter in unter zehn Sekunden laufen zu können, mit einem Arm hundert Kilogramm schwere Eisenstücke zu bewegen, um acht Uhr morgens ins Büro zu gehen, dort bis acht Uhr abends zu bleiben und den ganzen Tag irgendwelche Sachen für fremde Leute zu erledigen. Es gibt Menschen, die gerne malen, an mechanischen Sachen basteln, töpfern oder schreiben. Das alles ist für sich eine eigene Form von Kreativität, von Talent.
Peters einziges Talent war Musik. Seine Kreativität, seine Passion war Musik. Das war es schon immer gewesen.
Aber war sie deswegen auch eine Lebensverpflichtung? Eine Berufung?
Ihm fiel ein Kommentar von Erik ein. Als sie alle an einem trägen Sonntagmittag im Wohnzimmer rumhingen und bei der Übertragung eines Formel 1 Rennens zusahen, hatte Erik verlauten lassen, wie tragisch es doch wäre, wenn er so ein richtig guter Rennfahrer wäre. Der beste der Welt. Der beste aller Zeiten. Der beste, den es je geben würde. Wenn er dieses Jahrhunderttalent hätte, wäre er ja wohl verpflichtet, auf dem Nürburgring und überall sonst auch Rekorde aufzustellen und hätte keine Zeit mehr, sich um all die einsamen Mädchen hier in der Stadt zu kümmern.
Das war als Witz gemeint. Aber Peter dachte über die Bedeutung dieser Aussage nach und fand, dass sie ganz richtig war.
Mal angenommen, jemand wäre in vielen Dingen richtig groß talentiert. Er könnte ja wohl schlecht überall sein Talent zur Geltung bringen, dazu hätte er gar nicht die Zeit. Wenn er nämlich seine Runden auf dem Nürburgring drehte, konnte er kaum gleichzeitig für Deutschland bei der Fußballweltmeisterschaft antreten und in der Halbzeit nach Wimbledon zum Tennisspielen fahren. Egal wie sehr sich dieser jemand anstrengen würde, irgendetwas käme zu kurz. Er müsste sich auf ein Talent konzentrieren und die anderen verkümmern lassen. Die wären verloren.
Verpflichtete ein Talent dann nicht dazu, es auch zu nutzen und für sich arbeiten zu lassen? fragte sich Peter, der allein auf dem Balkon saß, einen Ellenbogen auf die Brüstung legte und in die schwarzgoldene Unendlichkeit des Universums hinauf sah. Dabei kam er sich so abgeschnitten von allem anderen vor, wie der einzige Mensch auf einer einsamen Insel inmitten eines riesigen Ozeans.
Bisher war er der Überzeugung gewesen, seine Lieder für sich selbst zu schreiben, und nur für sich Gitarre zu spielen, wäre die geeignetste Möglichkeit, sein Talent zu nutzen und seiner Liebe zur Musik zu frönen. Wenn er jetzt aber darüber nachdachte, fand er, dass es lächerlich war.
Was hätte es der Welt gebracht, wenn Wilhelm Busch seine Gedichte aufgeschrieben und die Blätter dann in irgendeiner Schublade hätte verstauben lassen?
Wenn jemand gern Gedichte schrieb, sollten sie auch gelesen werden. Nie zuvor wollte Peter jemanden seine Musik hören lassen. Stets hielt er jeden von seiner musikalischen Welt fern. Sogar Tom, den er als seinen besten Freund bezeichnete. Wozu das führte, merkte Peter, als er zum ersten Mal auftreten wollte. Da wäre er lieber abgehauen. Tom hatte dazu nie etwas gesagt, aber Peter schämte sich deswegen. Er schämte sich, weil er unsicher war, das zu tun, was er am besten konnte.
Sollte das denn ewig so weitergehen?
Peter löste seinen Blick vom Mond, der inzwischen ein ganzes Stück weitergewandert war, und erhob sich aus dem Rattanstuhl.
Er hasste solche Lebenssituationen, in denen man sich für ein folgenschweres A oder nicht weniger folgenschweres B entscheiden musste. Und danach würde es auch kein Zurück mehr geben. Das letzte Mal war das der Fall gewesen, als er sich entscheiden musste, entweder zu studieren oder eine Ausbildung zum Bankkaufmann zu machen.
Jetzt drängte es ihn wieder zu einer Entscheidung. Risiko oder Sicherheit? Risiko und dann ein möglicher Misserfolg oder die Sicherheit der Musik nur für ihn alleine und dann mit siebzig Jahren sagen zu müssen, er hätte sich nie getraut?
Zerknirscht stützte er sich mit beiden Händen gegen die Brüstung und ließ seinen Blick mit Angst erfülltem Herzen über die menschenleere nächtliche Landschaft gleiten.
Unten konnte er im hellen Licht des Vollmonds eine graue Katze über den Rasen schleichen sehen. Diese Katze wusste, was sie zu tun hatte. Sie folgte ihrer Natur.
Was war Peters Natur?

*


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