Andächtig betrat ich die Küche, in der es intensiv nach der Tomatensuppe roch, die der Dritte Mann gerade aß. Ich war aufgeregt wegen der Idee, die ich gerade hatte, aber ich wusste auch, dass er vor jeder kleinen Ungewöhnlichkeit Angst kriegte. Als ich mal aus Preisgründen unsere Käsesorte wechselte, dauerte es Wochen, bis er den neuen Käse zu probieren wagte. Daher wusste ich, dass ich ihn vorsichtig würde fragen müssen, damit er sich nicht vor lauter Panik in die Hose machte. Und das war schwierig, weil ich gerade zwischen dieser Vorsicht und der Aufregung hin und herschwankte.
“Schon wieder Tomatensuppe?” versuchte ich, beiläufig eine Konversation zu eröffnen.
“Ja. Ich hab voll Hunger, Mann.” antwortete der Dritte Mann zwischen zwei Löffeln. Dann schien er zu bemerken, dass mich etwas beschäftigte.
“Ist irgendwas?” fragte er. “Das mit Marie tut mir leid, Mann…”
“Nein nein.” sagte ich und setzte mich neben ihn. “Ich hab nur über Dein Lied nachgedacht.”
Er sah mich interessiert an, sagte aber nichts. Vielleicht erwartete er eine neue Kritik von mir.
“Ich finde, dass mehr Leute es hören sollten.”
“Mehr Leute?”
“Ja, denn ich finde es richtig gut. Lass es auf gar keinen Fall in irgendeiner Schublade verstauben.”
“Was soll ich denn machen?”
“Trau Dich damit raus. Zeig es der Welt. ”
“Ich hab doch schon mal versucht, aufzutreten…”
“Ach, das war doch was völlig anderes. Du kanntest die Location nicht und was sonst noch dazugehört. Ich habe vorhin gelesen, dass in der Stadthalle ein Talentwettbewerb stattfinden wird. Das ist nicht weit weg und darauf kann ich Dich vorbereiten, dann bist Du nicht alleine.”
“Ein Talentwettbewerb, ja?”
“Genau. Das Publikum wird nicht überkritisch sein, weil alle wissen, dass die meisten, die da auftreten, Pfeifen sind.”
“Aber… Ich weiß nicht. Ich mag den Gedanken nicht, ganz alleine auf der Bühne zu stehen.”
“Na, um so besser! Ich finde sowieso, dass Du musikalische Unterstützung brauchst. Dann hat Deine Musik mehr Feuer.”
“Was meinst Du mit musikalischer Unterstützung?”
“Eine Band.”
“Woher soll ich denn eine Band kriegen?”
“Du wirst doch sicher ein paar Leute kennen.”
“Na ja, stimmt. Ich kenn da jemanden.”
“Na siehst Du. Dann brauchst Du Dich nur noch anzumelden.”
“Ich glaub, das ist alles nichts für mich.”
“Keine Sorge. Ich kümmer mich um alles. Du brauchst nur zu spielen.”
“Nur zu spielen? Mehr wollte ich nie.”
“Und ich werd es Dir ermöglichen.”
“Meinst Du, das Lied ist schon soweit?”
“Das Lied ist soweit und Dein Manager ist auch soweit.”
Hinnaak kam rein, ging zum Kühlschrank und fragte “Na Männer? Alles klar?”
“Ich hab jetzt einen Manager!” sagte der Dritte Mann.
“Nein, nein, nein.” erwiderte Hinnaak, als er sich eine Dose Bier aus dem Kühlschrank nahm. “Wenn ich frage < Alles klar, Männer? >, dann antwortet Ihr mit < Jawohl, Herr Kaleun! >, okay?”
“Ach ja.” sagte ich. “Gestern lief Das Boot im Fernsehen.”
“Was für ein Manager?” fragte Hinnaak.
“Mick ist jetzt mein Manager.”
“Wofür?”
“Für seine Karriere als zukünftiger deutscher King of Rock!” antwortete ich. “Und die Stadthalle wird seine Große Freiheit 36.”
“Da haben die Beatles angefangen, nicht?” sagte der Dritte Mann.
“Meint Ihr das Ernst?” fragte Hinnaak
“Wann hab ich das letzte Mal was gesagt, das ich nicht Ernst meinte?” fragte ich zurück.
“Du hast zum Beispiel gesagt, mein Lied wäre gut.” sagte Hinnaak.
“Zugegeben, aber diesmal meine ich es Ernst.”
“Und Du meinst, er kann das?”
“Klar kann er das!”
“Und wenn er wieder stiften geht, wenn er auf die Bühne soll, so wie das letzte Mal?” fragte Hinnaak.
“Genau deshalb braucht er eine Band.” sagte ich.
“Eine Band?”
“Einen Schlagzeuger, der den Takt vorgibt, einen Bassisten, Keyboarder und den ganzen Quatsch. Dann kann er sich allein auf die Leadgitarre und die Vocals konzentrieren.”
Da sah der Dritte Mann schon etwas interessierter aus.
“Tom kennt solche Leute zu Genüge. Mit ihm müsste ich mal sprechen. Am besten persönlich. Er arbeitet in einem Gitarrenladen.”
“Hinnaak wird Dich morgen bestimmt hinfahren.” sagte ich.
“Klar, mach ich gern. Das macht mir Spaß.” sagte Hinnaak begeistert.
“Damit hab ich aber immer noch kein fertiges Lied.” sagte der Dritte Mann bekümmert.
“Ich kümmere mich um den Auftritt und Du kümmerst Dich um Deine Leute und schreibst Deinen Song fertig.” sagte ich zum Dritten Mann und wandte mich dann an Hinnaak. “Und Du fährst ihn überall hin.”
“Gut Holz!” rief Hinnaak. “Kann ich Deine Suppe haben?”
“Ja, ich hab keinen Hunger mehr.”

*

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