Der Samstagmorgen erwies sich als ein schöner Herbstmorgen. Die letzte warme Sonne des Jahres schien auf die Einwohner meiner kleinen Stadt herab und zu meiner Überraschung erwachte ich mit einem leichten Gefühl verbesserter Laune. Lag es daran, dass meine Mutter in ihrer althergebrachten Lebensweisheit dafür sorgte, dass ich heute nach Tagen mal wieder eine sinnvolle Beschäftigung bekommen sollte oder bedeutete es, dass bei mir der Heilungsprozess einsetzte und ich allmählich über Marie hinwegkam?
In dem Fall war es für mich wahrscheinlich besser gewesen, dass Marie meine Telefonanrufe nicht entgegennahm und wenn es mir gelingen würde, ihr in den nächsten fünfundsiebzig Jahren in der Stadt nicht über den Weg zu laufen, könnte ich es eventuell schaffen, sie am Ende gänzlich zu vergessen. Und wenn ich vor dem Göttlichen Gericht meinen Lebensweg rezitieren müsste, würde ich Ihm antworten < Welche Marie? >.

Es war noch sehr früh an diesem Morgen. Schon um halb sieben saß ich in der Küche und trank Kakao, als der Dritte Mann hereinkam. Offenbar einer von den unangenehmen Frühaufstehern, die auch am Wochenende nicht länger als sechs Stunden schlafen konnten, ohne das Gefühl zu haben, den halben Tag zu verpassen.
“Moin, Mick. Wie geht’s?” fragte er.
“Etwas besser, Nummer Drei.” sagte ich halb im Scherz. Dem Dritten Mann war deutlich anzusehen, dass er sich immer noch die Schuld an dem Krach und dem Ende zwischen Marie und mir gab, obwohl ich ihm ständig erklärte, dass das mit Gisela ohnehin irgendwann rausgekommen wäre. Nämlich spätestens bei dem Satz < und wenn irgendjemand der Anwesenden Einwände gegen diese Eheschließung hat... >
Der Dritte Mann legte einen Zettel auf den Tisch, als er sich neben mich setzte.
“Ich hab ein bisschen was verändert.” sagte er.
“Was?”
“An dem Lied. Du hattest mich ja ermutigt, weiter daran zu arbeiten.” sagte er erklärend.
Hatte ich das? Vielleicht weil ich es zwar gut, aber nicht wirklich professionell fand. Also verbesserungswürdig. Vage erinnerte ich mich, dass mir eine Art von Ungleichheit zwischen Wortrhythmus und Akkorden aufgefallen war, die Hinnaak zum Beispiel gar nicht bemerkte. Wahrscheinlich meine Pingeligkeit schon wieder. Damit sorgte ich dafür, dass der Dritte Mann schlaflose Nächte bekam und an einem Lied herum schrieb, das er vielleicht gar nicht verbessern konnte und es nur versuchte, weil ich ihm blöde Tipps gab.
Was machte das schon aus? Würde er eh nie veröffentlichen oder produzieren können. Dafür war er ja gar nicht der Typ. Der Dritte Mann mochte zwar ein netter Kerl sein, aber nette Kerle werden von gewieften Geschäftsleuten noch vor dem Frühstück über den Tisch gezogen. Und dann noch mal drunter durch und noch mal drüber weg. Das hatte ich während meiner Arbeit im Marketing zu Genüge erlebt.
“Ich habe bei dem Text jetzt weniger auf die Worte, als auf die zu vermittelnden Eindrücke Gewicht gelegt.” sprach der Dritte Mann. “Dadurch sind ganze Zeilen entfallen, die nur nutzlose Informationen waren. Mit gefällt ´s jetzt besser.” Und dann tat er etwas, das er mit ziemlicher Sicherheit nicht getan hätte, wenn Hinnaak anwesend gewesen wäre. Er sang mir das Lied noch einmal vor. Ohne Gitarrenbegleitung.
Nie hatte ich erlebt, dass ein quasi gerade erst verfasstes Lied eine derartige Wirkung auf mich haben konnte, zumal ich es ja eigentlich schon kannte.
Der Dritte Mann sang mit einer sehr schönen, klaren und ruhigen Stimme und schien mich während des Singens gar nicht mehr zu bemerken. Er ging in seiner eigenen Welt, die auf seinem Blatt Papier entstand, total auf und ich merkte, dass es sein Werk, seine Fantasie und seine Kreativität waren, die in diesen Zeilen und dieser Melodie zusammenwirkten wie Sonne und Licht. Der Text und das kunstvolle Timbre seiner Stimme verschmolzen zu einem Bildnis farbenfroher Kunst. Der Text war größtenteils unverändert, es ging immer noch um Liebe und schmerzhafte Entbehrung, aber seine Verbesserungen wirkten auf Rhythmus und Darstellung so deutlich, dass ich es kaum wiedererkannte.
Ich saß mit meiner Tasse in der Hand am Tisch und die Welt um mich herum verblasste.
Auch wenn ich zuerst nicht schon wieder eine neue Vorstellung vom Dritten Mann hören wollte, nahm mich seine Darbietung sofort gefangen und jede Ablehnung verschwand. Ich versank in der Melodramatik und Maries Bild erschien in Gedanken vor mir. Der Verlustschmerz, den das Lied vermittelte, sprach mir direkt aus dem Herzen.
Als der Dritte Mann endete, fand ich keine Worte. Stumm sah ich geradeaus, starrte ins Leere.
“Und?” fragte Peter nach ein paar Sekunden Schweigens vorsichtig in die Stille hinein.
“Das ist wirklich gut, Mann.” sagte ich andächtig.
“Danke.” grinste er. “Ich hab selber gar nichts Verkehrtes daran gefunden, bis Du es mit einem Reifen verglichen hast, bei dem der Druck zu niedrig ist. Es ist zwar ein funktionierender Reifen, aber er hat etwas Unwucht. Also hab ich über den Text nachgegrübelt und hier und da ein paar kleine Kinken gefunden. Jetzt hab ich es ausgewuchtet, oder?”
“Jetzt hast Du es ausgewuchtet.”
“Ja, jetzt finde ich auch den Rhythmus viel abgestimmter. Du bist sehr scharfsinnig.”
“Nein, Du bist der Songwriter. Jedenfalls steht Deiner Karriere als Popstar nichts mehr im Wege.”
Der Dritte Mann lachte und nahm meinen Kommentar natürlich nicht ernst, obwohl ich ihn gar nicht so scherzhaft meinte. Warum nahm mich eigentlich nie jemand ernst?

Meine Mutter war ziemlich aufgebrezelt. Frisch toupierte Haare, frisch manikürte Fingernägel… Ich konnte mir vorstellen, wie ihr Terminkalender die letzten Tage wohl ausgesehen haben mochte. Heidi Klum hat vor einer Modenschau bestimmt mehr Freizeit als meine Mutter vor einem offiziellen Anlass.
Aber ich verkniff mir jegliche Kommentare, als sie vor meiner Tür stand, und ich nahm mir fest vor, mir jegliche Kommentare zu verkneifen, wenn ich ihre Gesangskolleginnen zu Gesicht bekommen würde. Denn auch wenn ich mit aufgeheiterter Laune aufgewacht war, Peters Song hatte dafür gesorgt, dass sich in meinem Kopf wieder alles um Marie drehte, da wollte ich nicht auch noch Ärger mit meiner Mutter wegen ein paar dummer Sprüche kriegen.
Die Fahrt zum Klubhaus verlief schweigend. Das heißt, ich schwieg. Meine Mutter redete wie ein Wasserfall. Hauptsächlich waren es vorweg schon einmal Instruktionen, was wo würde stehen müssen, obwohl das wenig Sinn machte, solange ich den Raum noch nicht sah.
Als wir den Parkplatz erreichten, sah ich schon eine ganze Reihe Autos und ein paar ältliche Dauerwellenträgerinnen in bunten Kleidern, die in den üppigen Problemzonen meist zu eng waren.
“Guck mal, wer schon alles da ist!” rief meine Mutter fröhlich aus, während sie ihr Auto in eine Parklücke setzte.
“Ja, lauter Presswürste.” sagte ich leise und schnallte mich ab.
“Wie bitte?”
“Nichts, nichts.”

Auf dem Weg zum Vereinsgebäude begrüßte meine Mutter etliche Presswürste und ihre Begleiter, die fast alle C&A-Sakkos und farblich nicht passende Krawatten trugen, mit Handschlag und Vornamen und ein paar Minuten Smalltalk, als würde sie für ein politisches Amt kandidieren. Da sie mich jedes Mal in den Smalltalk mit einbezog und stolz präsentierte wie einen kleinen Hund, den sie sich neuerdings zugelegt hatte, stand ich dumm dabei und grinste an den richtigen Stellen. Die fünfzehn Meter Fußweg vom Auto zum Eingang dauerten auf diese Weise zehn Minuten. An der Hauswand über dem Haupteingang hing das Logo des Klubs, ein brauner Vogel in singender Pose, vor den Vereinsfarben Schwarz, Weiß und Rot auf ein überdimensionales Brett gemalt.
“Sehr traditionsbewusst, die Farben des Deutschen Reiches im Vereinsemblem zu verwenden.” sagte ich.
“Genau.” erwiderte meine Mutter stolz. Allerdings ging ich davon aus, dass Sie den Kern meiner Aussage vor Aufregung nicht verstand.
Wir betraten den Festsaal, der gestern noch eine Turnhalle gewesen war. Jetzt verdeckte allerdings ein grüner Rollteppich den Hallenboden mit dem aufgemalten Spielfeld. Allerlei Tische und Stühle standen bereits herum, mit weißer Tischdecke und kleinen Blümchen in noch kleineren Väschen verziert. Ich wandte mich an meine Mutter, um zu fragen, was zum Geier ich hier überhaupt sollte, aber sie war gerade damit beschäftigt, eine Frau in geblümtem Leinenkleid zu begrüßen, die ein Gesicht hatte wie Dustin Hoffman in dem Film Tootsie.
“Guten Morgen Irmtraut.” sagte meine Mutter.
“Guten Morgen Uschi, Du hast Dich aber fein gemacht. Wie geht es Dir?” erwiderte Tootsie.
“Sehr gut. Sieh mal, meinen Sohnemann hab ich auch dabei. Er will uns heute ein bisschen helfen.”
“Oh, das ist aber ganz toll von Dir!” strahlte Tootsie mich an. “Dann viel Spaß.”
“Danke, werd ich ganz sicher haben.”
“Ich muss mal eben die Anlieferung der Getränke koordinieren, wir sehen uns später noch.” sagte sie zu meiner Mutter und eilte davon.
“Was soll ich hier eigentlich machen?” fragte ich ungeduldig. “Es ist doch schon alles aufgebaut.”
“Na ja.” meinte meine Mutter verlegen. “Kann sein, dass wir Dich mehr zum Kuchenverkauf benötigen. Du kannst mal da rüber gehen.”
“Wie bitte? Ich soll was?”
“Hier gibt es nachher natürlich ein Kuchenbuffet und da muss einer hinter dem Tresen stehen.”
“Und da hast Du Dir gedacht,” sagte ich sarkastisch lachend, “wenn Du mich schon dazu bringen kannst, widerwillig ein bisschen beim Aufbauen zu helfen, dann ist es auch kein Problem für mich, hier stundenlang dumm hinter einer Kuchentheke rumzustehen, was?”
Meine Mutter sah mich stumm an, unfähig, zuzuordnen, ob meine Bemerkung ernst gemeint war oder nicht.
“Du kannst Dir nicht denken, dass ich was anderes zu tun haben könnte, oder?”
“Was solltest Du zu tun haben, was nicht warten kann? Du bist doch arbeitslos.”
“Und das heißt, dass Du frei über meine Zeit verfügen kannst?!”
“Zeit hast Du ja wohl genug. Und die paar Stunden kannst Du uns hier ja wohl helfen.”
“Ich wäre aber gern gefragt worden!”
“Ich hab Dich gefragt.”
“Nein, Du hast mich unter falschen Voraussetzungen hergelockt! Es war die Rede davon, ein bisschen beim Aufbauen zu helfen und jetzt soll ich hinter irgendeinem Tresen stehen.”
“Jetzt stell Dich nicht so an. Ich hab allen gesagt, wie hilfsbereit Du bist, willst Du mich jetzt enttäuschen?”
Sie kapierte es einfach nicht, und deswegen war ich sauer. Am liebsten wäre ich nach dieser Frechheit einfach abgehauen und hätte sie hier sitzen lassen. Aber ich musste daran denken, dass ihr diese Feier viel bedeutete und ich wusste, dass Sie nicht aus böser Absicht, sondern einfach aus dumm-dreistem Übermut handelte. Und natürlich konnte ich sie nicht im Stich lassen, auch dann nicht, wenn es mir noch so beschissen ging.
Also fügte ich mich in mein Schicksal und ließ mir von Tootsie, die scheinbar beschäftigter war als ein Einbeiniger bei der Weltmeisterschaft im Arschtreten, meinen Arbeitsbereich zeigen.
Das waren vier lange Tische mit weißen Tischdecken nebeneinander. Spektakulär. Und mit absolut nichts drauf.
“Berta bringt uns ihre Kuchen. Ihr Wagen ist gerade vorgefahren. Kannst ja schon mal rausgehen.”
Das konnte ich, und quer auf dem Parkplatz stand ein Bäckereiwagen mit dem Aufdruck der Bäckerei, zu der ich morgens manchmal gerne ging, um Brötchen zu kaufen und anderen Leuten Manieren beizubringen.
Die Aussicht auf einen unfreiwilligen Arbeitstag ohne Bezahlung war mir immer noch zuwider und es wurde um keinen Deut besser, als sich die Fahrertür öffnete und ich sah, wer ausstieg. Die matronenhafte gute Laune-Kanone aus meiner Bäckerei!
Sie erblickte mich und hielt in der Bewegung inne.
Ich dachte mir, dass ich die Situation vielleicht nicht überdramatisieren sollte und begrüßte sie höflich, worauf sie mich ein paar weitere Sekunden anstarrte. Schließlich drehte sie sich weg, ohne etwas zu erwidern und öffnete die hintere Wagentür, aus der sich bergeweise Kuchen auf kleine Wägelchen ergoss.
Gerade versuchte ich, den Gedanken, mit der Bäckertante zusammenarbeiten zu müssen, amüsant zu finden, als sich die Beifahrertür öffnete und Marie ausstieg.
Warum sie sich im Wagen der Bäckertante befand wusste ich nicht und in dem Augenblick kam mir diese Frage auch nicht in den Sinn. Als wollte sie die vorherige Situation parodieren, erstarrte sie in ihrer Bewegung, als sie mich erblickte, fand allerdings ihre Sprache wieder.
“Was tust Du denn hier?” fragte sie.
“Was wir alle hier tun. Kuchen verkaufen.” erwiderte ich.
Wortlos griff sie sich ein Blech und verschwand damit in der Eingangstür, aus der meine fröhliche Mutter angetrabt kam.
“Also, Mick. Du kannst schon mal diese Wagen reinbringen.” trällerte sie. “Die Tische drinnen sind fertig aufgebaut.”
“Ja, das hab ich schon gesehen.”
“Hast Du denn schon Maria kennengelernt?” fragte sie leise. “Sie ist Bertas Nichte und wird mit Dir zusammen diese Kuchen unter die Leute bringen. Das wird bestimmt interessant, oder Mick?.”
“Sie heißt Marie.” sagte ich deprimiert.
“Also gut. Dann fass mal mit an, ich muss wieder rein.” rief meine Mutter. Ich schnappte mir einen der Wagen und schob ihn zum Eingang. Drinnen waren inzwischen alle Tische fertig dekoriert. Es fehlten demnach nur noch die Versorgung mit Fressalien und die vielen Gäste.

Der Tresen war an die zehn Meter lang, weil er Unmengen an Torten und Kuchenblechen aufnehmen musste, und Marie achtete darauf, so viele Meter Abstand wie möglich zu mir zu halten.
Ich setzte mich auf zwei Saftkisten, die übereinanderstanden und beobachtete sie.
Marie arbeitete mit einer grimmigen Entschlossenheit. Sie wollte wahrscheinlich am liebsten ganz woanders sein und war nur noch hier, weil sie es ihrer Tante versprochen hatte.
Aber obwohl ich so lange auf eine Gelegenheit warten musste, mit Marie sprechen zu können, schließlich hatte ich sie regelrecht mit Anrufen bombardiert, was mir ein bisschen peinlich war, war es mir jetzt unangenehm, in ihrer Nähe zu sein.
Auch wenn Hinnaak der Meinung war, dass Marie überzogen reagierte und ich an der Gisela-Geschichte gar nicht Schuld sein konnte, musste ich mir die Schuld geben, wenn es Marie dermaßen verletzte. Ob Hinnaak solch einen Gedanken auch schon mal gehabt hat?
Der Saal füllte sich inzwischen und viele Leute hatten sich bereits mit Kuchen versorgt, bevor der Chorleiter zu seiner Laudatio ansetzte und die letzten 75 Jahre Vereinsgeschichte rezitierte.
Marie und ich arbeiteten stumm nebeneinander her und verteilten Donauwellen, Napoleonschnitten, Karottenkuchen und Schwarzwälder Kirschtorte auf Teller, die uns erwartungsvoll entgegengereicht wurden und schenkten dazu Kaffee oder Saft aus.
In regelmäßigen Abständen erklommen kleine Gruppen das fahrbare Podest an der Stirnseite der Turnhalle und gaben musikalische Ergüsse zum Besten und ich war erstaunt, wie widerlich ich es fand, dass achtzigjährige Leute Sachen von Abba a cappella zu singen versuchten, was sich nur kacke anhören konnte, weil sie Tempo und Dramatik gar nicht wiedergeben konnten. Wie ein klassisches Orchester, das Manowar spielte, kam es mir vor.
Irgendwann wurde mir die Situation mit Marie zu viel.
“Ich weiß nicht, warum Du so ein Theater darum machst.” sagte ich zu Marie, als gerade niemand da war, der Kuchen wollte. “Ob es daran liegt, dass es Deine Schwester war oder nicht. Ich war damals stinkbesoffen!”
“Das macht es nicht ungeschehen.” sagte Marie knapp.
“Wir waren zu dem Zeitpunkt nicht mal zusammen.”
“Darum geht es nicht. Du hast mir die Sache mit meiner Schwester verheimlicht, obwohl ich Dich danach gefragt habe. Und Du hast gewusst, dass sie verrückt nach Dir war. Das hast Du benutzt, um sie ins Bett zu kriegen. Ich hasse Kerle wie Dich.”
“Kerle wie mich?! Ich hatte es nicht darauf abgesehen und ich bin auch nicht sonderlich stolz darauf. Ich bin nicht Hinnaak, das hab ich Dir schon oft genug gesagt.”
Sie fuhr herum und sah mich an. Aber was mir sonst an ihren Augen gefiel, war verschwunden und sie bedachte mich mit einem eiskalten Blick.
“Wie ist Hinnaak denn, dass Du so verächtlich einen Vergleich anstellst, der Dich selbst in den Himmel hebt und ihn durch den Dreck zieht?” fragte sie herausfordernd.
“Genau so, wie Du gesagt hast.” sagte ich sauer. “Er ist derjenige, der nur auf Trophäen aus ist und auf Partys und auf Saufereien. Ich hab Dir von seinem Talent erzählt, das er hat. Das hatte ich völlig Ernst gemeint, ich zieh ihn also nicht durch den Dreck. Er könnte wer weiß was erreichen, wenn er nicht so stinkfaul wäre. Und das ist der Unterschied zwischen ihm und mir.”
“Und Du denkst, Euch unterscheidet so viel? Was machst Du denn den ganzen Tag? Du hast mir auch von Deinem Talent in der Werbung erzählt, und machst Du was daraus? Du bist auch zu faul, und erzähl mir jetzt nichts von irgendwelchen Schuldgefühlen. Vielleicht hat Hinnaak ja auch Schuldgefühle gegenüber seinem Mitspieler, dem er den Ball wegnimmt oder gegenüber dem Torwart, wenn er ein Tor schießt. Das ist Schwachsinn, Mick. Du bist genau wie Hinnaak!”
Damit ließ sie mich stehen und verließ den Raum. An diesem Tag sah ich sie nicht wieder.

*

“Und, was meinst Du? Wie läuft es?” fragte Ursula Berta, neben der sie an einem Tisch saß, möglichst weit weg von der Kuchenausgabe, um die beiden dort nicht durch elterliche Anwesenheit zu stören, wie Berta es ausdrückte. Nur war sie seit ihrer Ankunft etwas zurückhaltend gewesen und auch jetzt sagte sie nur
“Hmpf.”
“Bis jetzt unterhalten sie sich ja nicht so viel. Aber das kommt bestimmt noch oder was meinst Du?”
“Kommt drauf an, ob er es schafft, einigermaßen höflich zu sein.”
“Aber mein Mick ist doch immer höflich.”
“Pah!”
“Hast Du irgendwas, Berta?”
“Ich hab Dir doch mal erzählt von diesem unverschämten Bengel, der immer in meinen Laden reinkommt und so kiebig ist.” platzte es aus Berta heraus. “Das ist Dein Mick!”
Ursula Petersen sah Berta Blomm an und wusste im ersten Moment nicht recht, ob sie darüber lachen sollte oder nicht.
“Nein!” sagte sie dann und hatte die unheilvolle Ahnung, dass es stimmen könnte. Nicht umsonst war Mick ihr immer fremder geworden.
“Oh doch.” widersprach Berta. “Völlig zerzaust und ungepflegt ist er immer und wird sofort frech.”
“Das kann ich gar nicht glauben.” wisperte Ursula erschüttert.
“Da kannst Du mal sehen. Ich kann nur hoffen, dass er zu meiner Marie ein bisschen höflicher ist, sonst kann ich Dir garantieren, lässt sie ihn völlig links liegen.”
In diesem Moment konnten die beiden mit ansehen, wie Mick und Marie heftig miteinander diskutierten. Worüber, konnten sie von hier aus nicht verstehen, aber plötzlich wandte Marie sich ab und marschierte hinaus.
“Da!” sagte Berta. “Hab ich es nicht gesagt? Der ist ja überhaupt nicht gesellschaftsfähig. Jetzt hat er sie wahrscheinlich beleidigt. Wenn ich das gewusst hätte, dann wäre ich gar nicht auf Deinen Vorschlag eingegangen.”
“Mein Vorschlag?” entgegnete Ursula entrüstet. “Das war doch Deine Idee. Und Deine Marie hat wahrscheinlich nur irgendwas in den falschen Hals gekriegt und lässt ihn da jetzt stehen.”
“Meine Marie tut so etwas nicht grundlos, das kann ich Dir versprechen.” erwiderte Berta gereizt. “Ich setz mich jetzt lieber woanders hin und Deinem Herrn Sohn kannst Du ausrichten, dass er sich in meinem Geschäft nicht mehr blicken lassen soll, sonst mach ich einen Christstollen aus ihm.”
Damit stand Berta auf und verließ, einen heftigen Luftzug verursachend, den Tisch und ging aus dem Raum, um nach Marie zu suchen.
Ursula Petersen konnte gar nicht glauben, was sie gerade gehört hatte und was hier gerade passiert war. Sie stand auf und ging zu Mick hinüber, der nun allein hinter dem verwaisten Tresen stand und bedrückt aussah.
“Sag mal, Mick.” begann Ursula. “Wieso ist Marie weggelaufen?”
“Keine Ahnung.” antwortete Mick grimmig. “Wahrscheinlich weil sie nicht richtig tickt.”
“Könnte es nicht eher sein, dass Du sie verscheucht hast?”
“Wie bitte?”
“Ich hab mich mit Berta Blomm über Dich unterhalten.” fuhr Ursula giftig fort. “Sie sagt, dass Du immer sehr unhöflich zu ihr in ihrem Laden gewesen bist. Stimmt das?”
“Wenn sie das meint.” sagte Mick, der keine Lust verspürte, jetzt noch eine Diskussion wegen der Bäckertante anzufangen. Die Szene mit Marie hatte ihm gelangt.
“Darüber reden wir noch!” zischte Ursula, weil gerade wieder jemand an den Tresen trat, um sich ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte zu holen.
“Oh ja, das müssen wir unbedingt.” sagte Mick leise, was seine Mutter aber nicht mehr hörte.
Obwohl ihm am ehesten danach zumute war, nach Hause zu gehen und sich in sein Himmelbett zu legen, hielt er an diesem Tresen durch wie John Maynard am Steuer der Schwalbe auf der Fahrt nach Buffalo. Sollte ihm keiner nachsagen können, dass er kein Pflichtgefühl hatte.
Als drei Stunden später die Versammlung aufgelöst wurde, gelang es ihm, aus dem Raum zu entkommen und sich auf den Heimweg zu machen, bevor seine Mutter ihn erwischen und zu einer gemeinsamen Autofahrt zwingen konnte.
*

Ein unangenehmer feucht-kalter Wind pfiff und ich war froh über meine Winterjacke. Das war aber auch schon alles, worüber ich froh war. Es war zwar einmal quer durch die Stadt, aber auch zu Fuß war das eine zu bewältigende Strecke. Abgesehen davon ging es durch den Park, da bestand nicht die Gefahr, dass meine Mutter mich aus dem Auto heraus sehen konnte. Der wollte ich erst einmal nicht über den Weg laufen. Überhaupt wollte ich nur nach Hause. Dort würde ich mich mit meinem Buch in die Wanne legen und die ganze beschissene reale Welt ausblenden. Vorher würde ich vorsichtshalber noch das Telefon kaputt treten. Ja, tut mir leid, Mama, aber das Telefon scheint kaputt zu sein, ich weiß auch nicht.
Hoffentlich würde mir Hinnaak heute nicht mehr auf den Sack gehen mit irgendwelchen Fickgeschichten oder der Dritte Mann mit seinem Lied. Vorerst wollte ich mir über gar nichts mehr Gedanken machen. Schon gar nicht über Marie.
Ich soll wie Hinnaak sein! So ein Blödsinn! Das müsste man ans Fernsehen schreiben, so blöd war das. Ganze Comedyshows könnte man damit füllen.
Wie kam die bloß auf so was?
Entrüstet trat ich eine Coladose gegen eine Straßenlampe, an der ein Plakat hing. Talentwettbewerb in der Stadthalle prangte darauf. Kam mir irgendwie bekannt vor, als hätte ich das schon mal gesehen. Ob Solokünstler oder Band: Beim Talentwettbewerb in der Stadthalle könnt Ihr zeigen, was Ihr draufhabt. Dem Gewinner winkt ein Auftritt bei Rock am Ring!!!
Da fiel mir sofort der Dritte Mann ein. Das wäre was für seinen Song. Damit würde er garantiert gewinnen. Aber nicht als Solokünstler, dafür war das Lied nicht reißerisch genug. Er müsste sich eine Band suchen, sie da anmelden und mit ihr das Lied proben. Dazu müsste er allerdings für jedes Instrument Noten und Akkorde schreiben, aber das dürfte für ihn kein Problem sein.
Blöd nur, dass er wohl kaum selbstständig genug wäre, um das alles zu planen zu können.
Er bräuchte einen Führer, einen Manager. Jemanden, der in der Lage wäre, ihn zu vertreten, für ihn zu sprechen und sich für ihn stark zu machen. Und vor allem, um den ganzen organisatorischen Kram von ihm fernzuhalten.
Genau da fügte sich das Bild zusammen.
Ich würde Marie schon zeigen, wer seine Talente verkümmern lässt!

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