Langsam traute ich mich schon nicht mehr, bei Marie anzurufen. Ich hatte ihr ein paar Tage Zeit gegeben, ihre Gedanken zu ordnen, obwohl Hinnaak mir empfohlen hatte, nicht locker zu lassen und sofort mit einem Strauß Rosen zu ihr zu fahren. Und brennenden Kerzen. Oder einem Strauß brennender Rosen, was weiß ich.
Aber auch nach den paar Tagen Ruhe wollte Marie partout nicht mit mir sprechen. Hinnaak versuchte es nach ein paar Widersprüchen bei Gisela, aber sogar die konnte nichts bei Marie ausrichten. Und meine wilden Spekulationen, die zwischen den extremen Visionen, dass sie entweder tatsächlich auf einen Strauß brennender Rosen von mir wartete, um mir zu vergeben oder dass sie aus Vergeltungssucht mit irgendeinem üblen Skinhead ins Bett gegangen ist, halfen mir auch nicht weiter.
Hinnaak empfahl mir, mal so richtig einen drauf zu machen, um mich von Marie abzulenken und wollte mir schon wieder sein rosa Nuttenverzeichnis zeigen, aber Vorschläge dieser Art waren von Hinnaak nur dann ratsam, wenn man Hinnaak war.
Ich unternahm lieber ausgedehnte Spaziergänge durch die Stadt, wobei ich gleichzeitig hoffte und fürchtete, zufällig Marie über den Weg zu laufen. Das war Gott sei Dank oder leider nicht der Fall, was wieder meine Spekulationen über die Rosen oder den Skinhead anfachte.
Das alles machte mich fertig.
Seit Tagen aß ich nichts Richtiges mehr, so dass ich sicher schon ein paar Kilo leichter war.
Im Buchladen stöberte ich schon nach Ratgebern mit so tollen Titeln wie “Männer mögen Würstchen aber Frauen Tofu” oder “Männer können Autofahren, Frauen dafür Essen kochen” oder “Wie man das Herz einer Frau zurückgewinnt, die dummerweise einen bekackten Vorfall Ihrer nächsten Vergangenheit mitgekriegt hat”!
Gekauft habe ich keins dieser Bücher, aber sie auch nur angeguckt zu haben, reichte, um bei mir ein Ekelgefühl zu verursachen.
Wenn ich noch nicht so tief gesunken bin, kommt das dann noch?

An einem weiteren trostlosen Tag, ich zockte gerade Mario Bros. 3, schreckte mich das schreiende Telefon, verursacht durch den Anruf meiner Mutter, aus meiner dämmernden Lethargie.
“Hallo, Mick bist Du das?” fragte meine Mutter.
“Ja ich bin `s. Wer denn sonst?” fragte ich mürrisch.
“Was ist los, bist Du schlecht drauf?”
“Nein, schon okay. Was gibt’s denn?”
“Och so einiges. Du kennst doch noch meinen Singverein Die Luftikusse?”
“Ich hab Dir doch schon vor fünf Jahren erzählt, dass ich nicht singen will.” sagte ich lustlos.
“Nein; nein.” beeilte sich meine Mutter zu versichern, dass das nicht der Grund ihres Anrufes sei. “Am Wochenende findet unsere 75Jahrfeier in der Turnhalle statt und es müssen dafür Bänke und Tische aufgestellt werden. Dazu brauchen wir noch ein paar ehrenamtliche Helfer und ich hab mir gedacht, dass Du uns da ein bisschen zur Hand gehen könntest.”
“Ständig muss ich irgendwas schleppen.” sagte ich gereizt. “Vielleicht hab ich am Wochenende auch mal was anderes vor.”
“Komm schon, Du hast doch jeden Tag Zeit, schließlich arbeitest Du nicht! Da kannst Du uns ruhig mal ein bisschen helfen!” fuhr mich meine Mutter aufgebracht an.
“Ist ja schon gut.” sagte ich resigniert. “Wann denn?”
“Am Samstag morgen um Neun Uhr fangen die Vorbereitungen an. Dann hol ich Dich gegen halb neun ab. In Ordnung, Mick?”
“Ja, ist gut.”
“Also steh rechtzeitig auf.”
“Ja ja!”
“Prima; Mick. Dann bis Samstag.” sagte sie fröhlich und legte auf.
Bei ihrer guten Laune nahm ich an, dass sie mal wieder ihre Marathon-CD von Teufelsgeiger André Rieu im Hintergrund laufen ließ.
Ich legte den Hörer auf und sah das Telefon stumm an.
Noch mal bei Marie versuchen? Vielleicht würde sie mich ja irgendwann anhören, mich verstehen, mir vergeben und zu mir zurückkommen? Und vielleicht könnte ich alle Atomwaffen abschaffen, wer weiß?
Resigniert stand ich auf, ging zum Sofa zurück und fuhr fort, das zu tun, was ich nun schon seit Tagen durchgehend tat. Nichts.

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